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Wochengedicht #62: Elke Erb

17.06.2013, 19:52Uhr
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Geh und suche das Kind
    Es ist kleiner
    es ist kleiner

Du wirst es finden

Schicke im spitzen Winkel
von allen deinen oberen Punkten
Strahlen zu ihm. Da vorn.

Du wirst sehn, du findest das Kind

    ***

Dreh dich um,
nach dem Hund.

Der Hund läuft hinter dir geradeaus.
Es ist geradeaus, wie der Hund läuft.
Der Hund ist schon selbst geradeaus.

5.1.2010

Von einem Kind handelt das Gedicht, einem Kind, das gesucht werden soll. Die angesprochene Person bekommt eine genaue Handlungsanleitung: Er/sie soll Strahlen aussenden von seinen/ihren «oberen Punkten». Offenbar ist es dunkel um das Kind. Dennoch ist die Stimme, die hier spricht, zuversichtlich, dass die Suche erfolgreich verlaufen wird. Sie legt Wert auf den Hinweis, das Kind sei «kleiner». Kleiner ist es nicht nur körperlich, sondern auch in Hinsicht auf die grosse Distanz, die es vom Hier und Jetzt trennt.


Magie der Sterne

Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil stehen drei Sterne. Wer sie passiert, geht über eine Zeitschwelle, sie trennen die Jugendzeit von der Erwachsenenzeit. Vom Kind ist nicht mehr die Rede, dafür von einem Hund. Nicht nur das Thema hat gewechselt, sondern auch der Habitus des Gedichts. Die beiden kurzen Strophen klingen wie Kinderverse, und insbesondere aus der zweiten ist die klar-rationale Sprache des ersten Teils verschwunden, sie variiert stets denselben Satz, als spiele jemand mit den Worten oder sei aus irgendeinem Grund ins Stottern geraten. Das Du, zu dem eine innere Stimme spricht, ist jetzt sehr viel jünger, es muss das Kind sein, nach welchem die Suche geht. Es ist aus dem zweiten Teil nicht verschwunden, vielmehr stellt es dessen Hauptperson dar.

Die Suche des erwachsenen Du nach dem Du der Kindheit hat kein bestimmtes Ziel, sie endet bei der vielleicht schon oft abgerufenen Szene mit dem Hund. Es könnte die Angst sein, welche die beiden Du miteinander in Beziehung setzt, wenn es nicht Tierliebe oder Neugier ist. Dass die Erinnerung gerade diese eine Szene heraufholt, ist wohl kein Zufall. Der Titel jedenfalls deutet einen kausalen Bezug an. Zum einen bezieht sich «Folgen» auf den Hund, der dem Kind folgt, und auch darauf, dass die Suche nach der Kindheit nicht ohne Folgen bleibt. «Folgen» könnte zum andern eine bestimmte Stimmungslage meinen, die vom Damals ins Jetzt herüberschwappt, etwa die Angst, die treu wie ein Hund das Leben begleitet. Die Schlusszeile wäre dann als die leicht ironische Erkenntnis zu lesen, dass sich die Angst verselbständigt hat und ohne klare Motive einfach hintennach trottet – Spätfolge weit zurückliegender, im Dunkel bleibender Ursachen.

Elke Erb, geboren 1938 in Scherbach (Rheinland), kam mit ihrer Familie 1949 in die DDR nach Halle. Sie war zunächst Landarbeiterin, bevor sie in Halle Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik studierte. 1963 machte sie ihr Lehrerexamen und arbeitete bis 1965 als Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag.
Seit 1966 ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin, überwiegend aus dem Russischen. Neben Kurzprosa schreibt sie vor allem Lyrik und hat davon weit über ein Dutzend Sammlungen publiziert. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lebt heute in Berlin. Am 15. Juni konnte sie den diesjährigen Ernst-Jandl-Preis entgegennehmen. Aus diesem Anlass erschien bei Urs Engeler das Bändchen «Das Hündle kam weiter auf drein» als roughbook 028.

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