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Wochengedicht #16: Tanja Dückers

23.07.2012, 09:49Uhr

Insektenleben

Über die Heidewiesen
will ich mich verstreuen
nie wieder zusammenfinden
Zukunft ätherisch
Krautdasein

Gesang und Gras
Insektenleben
Facetten statt Monotonie
Flügel statt Strassenbahn
Ein Leben als Leichtgewicht
will ich antreten
und zwar sofort

Beim Lesen wachsen dir Flügel und Fühler, du schwirrst fröhlich über die Heide. Du nimmst den Flug als Wirklichkeit und hast vergessen, dass hier eine Absicht geäussert wird. Fort geht’s in ein Dasein ohne Verb und Syntax, wo sich schwerelos leben lässt und nichts vorbestimmt ist. Das Schwärmen hält fast zwei Strophen lang an, dann kommt der Absturz. Er wird durch den Satz «Ein Leben als Leichtgewicht / will ich antreten» vorbereitet, der ins Bewusstsein ruft, dass alles ein schöner Wunsch ist. Am Ende bist du da, wo du am Anfang gewesen bist, bei der Schwerkraft und bei der Ungeduld. Obwohl die Schlusszeile etwas ganz anderes ausdrücken will, nämlich wie dringlich das Abheben ist. Gerade ihr trotzig aufstampfendes «und zwar sofort» ist verräterisch. Das Experiment ist geplatzt, der angekündigte Start ins Schwebedasein hat gar nicht stattgefunden. Es bleibt alles beim alten.

Zweite Lektüre

Der Zustand, von dem du dich wegsehnst, hat das Wünschen mehr bestimmt, als dir lieb ist. Er hängt wie schweres Gepäck zwischen den Zeilen. Zwei Dinge davon werden im Gedicht erwähnt: Monotonie und Strassenbahn. An manch weiterer Stelle drückt er durch, ohne dass von ihm ausdrücklich die Rede ist. Er wird als Negativ sichtbar, das Zeile für Zeile konkretere Gestalt annimmt und sich geradezu in ein Gedicht des Verdrusses umschreiben liesse, etwa in dieser Art:
«Über die Heidewiesen / statt durch die Stadt will ich gehen / die mir eine feste Identität aufdrückt / und eine voraussehbare Zukunft / in geregelter Bahn // freudlos und unfrei / bin ich, ein Herdenwesen / festgelegt auf eindimensionales Sehen / vorgegebene Geleise / definierte Rollen / daraus will ich fort / und zwar sofort.»

Dritte Lektüre

Es ist ziemlich genau nachvollziehbar, wovon Tanja Dückers' Gedicht abrückt. Wovon es spricht, ohne es direkt zu erwähnen. Nun, da erkannt ist, welche Erfahrungen ihm zugrunde liegen, kannst du dich seiner Leichtigkeit von neuem hingeben. Wie wohltuend ist es, dich noch einmal von seinen Flügeln forttragen zu lassen und gleichzeitig die Abgründe zu kennen, über die es dich führt. Dein Flug schliesst die Kritik der Umstände mit ein, die dich beengen. Er weckt ein Glücksgefühl, das du erreichen kannst auch ohne dich in ein Tier verwandeln zu müssen. Das Gedicht hält die Erinnerung an etwas wach, das du in dir spürst. Seine suggestive Wirkung erhält es dadurch, dass du die Kräfte spürst, die in dir schlummern. Indem du dich von ihm anstecken lässt, erweckst du sie zum Leben, und tatsächlich, es gelingt dir für den Augenblick der Lektüre auszubrechen und über die Heide zu kurven. Du kannst fliegen, also flieg, und zwar sofort!

Tanja Dückers wurde 1968 in Westberlin geboren. Sie schreibt Prosa, Lyrik, Reportagen, Essays und wurde für ihr Werk verschiedentlich ausgezeichnet. Bisher hat sie vier Lyrikbände veröffentlicht, einen davon auf Englisch. Das Gedicht stammt aus dem jüngsten Band «Fundbüros und Verstecke», erschienen 2012 im Verlag Schöffling & Co.

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