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GemEinsam

18.10.2012, 12:21Uhr

Manchmal schreibe ich eine SMS und frage mich danach: warum habe ich jetzt nicht angerufen? E-Mail, SMS und What’s App erlauben mir, jederzeit und überall mit einer grossen Anzahl von Menschen in Kontakt zu sein und sie mir gleichzeitig vom Leib zu halten. Von der Technologie (oder unserem Arbeitsgeber oder doch von uns selber?) zu ständiger Erreichbarkeit und Kommunikation gedrängt, reden wir doch immer weniger. Anstatt uns ausführlich mit einem Gegenüber auszutauschen, schicken wir einfach eine Nachricht. Verwechseln wir unser Bedürfnis, Gefühle mitzuteilen, mit dem Bedürfnis, Informationen auszutauschen?
Sherry Turkles Buch Alone Together: Why We Expect More from Technology and Less from Each Other (2011) ist nun in der deutschen Übersetzung mit dem Titel Verloren unter 100 Freunden: Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern erhältlich.

(Bild: x)

Herr Simanowski, wovon handelt das Buch? Vom Niedergang der Freundschaft und von der Freundschaft zum Roboter.

Ein doppelter Kulturpessimismus? Zum einen steuern wir auf eine Welt zu, in der smarte Maschinen unsere täglichen Aktionspartner sein werden. Tamagotchi war zum Eingewöhnen, die nächste Stufe sind Aufräumroboter, Pflegeroboter, Konversationsroboter. Zum anderen suchen wir nur noch risikofreie Freundschaften, die sich kontrollieren und wenn nötig abschalten lassen, was schon damit beginnt, dass wir online die Passfähigkeit der potentiellen Freunde anhand ihres Profils vorab prüfen können.

Was sind wichtige Schlagworte? „no-risk relationship“, „connectivity and its discontents“.

Was ist die zentrale These des Buches? Die steht schon im Titel und resultiert aus einer persönlichen Erfahrung. Turkle war auf einer Konferenz in Japan, wo es Wi-Fi gab und fast alle nicht den Vortragenden folgten, sondern ihre Email erledigten oder andere Dinge im Netz. Die erste Hälfte der These lautet: Menschen kommunizieren nicht mehr richtig miteinander, wenn sie physisch beieinander sind. Die zweite: Sie tun es auch nicht, wenn sie virtuell zusammen sind.

Inwiefern? Ein Beispiel ist die 30jährige Werbemanagerin Ellen, die während der wöchentlichen Skype-Telefonate mit ihrer Großmutter Emails erledigt und dies zwar schuldbewusst berichtet, sich gegen das Multitasking-Dispositiv des Mediums aber nicht wehren kann. Ein anderes sind die SmartPhones, die wie eine Waffe zwischen denen liegen, die sich zwar extra verabredet haben, trotzdem aber zulassen, dass ihre reale Gemeinsamkeit durch tausend virtuelle gefährdet wird.

Das Ende wahrer Kommunikation also? Rechnet man Turkles Kritik zusammen, so entziehen wir uns nicht nur den Fremden, denen wir unterwegs begegnen, weil wir ja immer online sind, wir entziehen uns auch den Freunden, weil wir nicht mehr exklusiv mit ihnen kommunizieren, wenn wir mit ihnen kommunizieren. Mit wem kommunizieren wir dann überhaupt noch hingebungsvoll? Mit den Medien selbst: Sie sind vom Mittel der Kommunikation zu ihrem eigentlichen Adressaten geworden.

Gibt es Probleme mit dem Buch? Dass es zu solchen tiefer gehenden Schlussfolgerungen nur inspiriert. Turkle ist die Geschichtenerzählerin unter den kritischen Medientheoretikern. Sie beschreibt ihre Methode als „intimate ethnography“, was konkret heisst, dass rund 450 Menschen zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt werden. Das Ergebnis sind viele persönliche Geschichten, detailreich und redundant erzählt, aber ohne jeden theoretischen Ehrgeiz.

Warum empfehlen Sie das Buch trotzdem? Weil es an verlorene Befindlichkeiten erinnert. Zum Beispiel wenn der 27jährige Randy sich beschwert, dass seine 24jährige Schwester ihm in einer Rundmail statt in einem persönlichen Telefonat ihre Verlobung mitteilt. Oder wenn Turkle selbst im Zug sich behandelt fühlt wie ein Nichts, weil der Mann ihr gegenüber lauthals seiner Freundin am Handy die Probleme mit den Kollegen klagt. Solche Anekdoten legen anschaulich und persönlich den Finger auf die wunden Stellen der Mediengeschichte und provozieren ein Eingedenken (Benjamin hätte gesagt: Stillstand) im Ablauf des unaufhaltsamen Fortschritts.

Haben Sie einen Lieblingssatz? „Aber wenn wir ständig im Netz sind, entgehen uns die Freuden des Alleinseins.“ Alleinsein als Freude bzw. „reward“, wie es im Original heisst. Lässt sich das den „digital natives“ noch vermitteln? Dieser Satz wirkt wie das Glaubensbekenntnis einer aussterbenden Generation und gehört eigentlich zum UNESCO Weltkulturerbe.

Woran erinnert Sie das Buch? An Turkles eigenes berühmtes Buch Life on the Screen: Identity in the Age of the Intenet (1995), das das Internet noch als Ort des „Identity Workshops“, also der spielerischen Selbsterkundung jenseits der Zwänge der realen Welt, feierte. Soviel Hoffnung in die neuen Medien brachte Turkle 1996 ein Titelbild auf dem Geek-Magazin Wired ein. Mit ihrem neuen Buch hat sie, als Teil des „critical turn“ in der Netz-Theorie, darauf gewiss keine Aussichten. Dann erinnert mich Turkles Buch an den französischen Geschwindigkeitsforscher Paul Virilio, der in Ästhetik des Verschwindens (1986) den Verlust des Zwischenraums beschreibt: Wir steigen im Winter ins Flugzeug und im Sommer aus, dazwischen ist nur Zeit ohne Raum. Was wir heute erleben, ist das Verschwinden der Zwischenzeit, und zwar in doppelter Hinsicht: 1. Wir sind immer gleich da, wo auch immer im Cyberspace wir hin wollen. 2. Wir lassen keine „Downtime“ mehr zu (das Warten auf den Bus, die Fahrt im Taxi), in der wir mit uns selbst allein wären, sondern flüchten per SmartPhone immer in unsere vielen Besorgungen im Internet. Und sind so verloren nicht nur unter 100 Freunden, sondern auch unter 1000 Dingen.

Gute Arbeit! Teilen und mehr lesen.

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Gesellschaft, Digital, Kultur, Medien, _Zeitgeschichte

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Reaktionen

  1. M Scheiwiller

    am 18.10.2012, 16:00

    Ich denke, Turkle legt den Finger berechtigterweise in eine Wunde, die momentan gerade klafft. Dass dies ohne "theoretischen Ehrgeiz" geschieht, scheint mir angesichts der Anzahl "Patienten", welche potentiell an dieser Wunde leiden (man denke an 1 Milliarde Facebook-Profile), berechtigt. Jeder kann sich in solchen Einzelgeschichten widererkennen, wird hoffentlich zum Denken angeregt.

    Dies ist denn m.E. genau der springende Punkt. Die weite Verbreitung und Nutzung von Facebook,... ... mehrIch denke, Turkle legt den Finger berechtigterweise in eine Wunde, die momentan gerade klafft. Dass dies ohne "theoretischen Ehrgeiz" geschieht, scheint mir angesichts der Anzahl "Patienten", welche potentiell an dieser Wunde leiden (man denke an 1 Milliarde Facebook-Profile), berechtigt. Jeder kann sich in solchen Einzelgeschichten widererkennen, wird hoffentlich zum Denken angeregt.

    Dies ist denn m.E. genau der springende Punkt. Die weite Verbreitung und Nutzung von Facebook, Smartphones, mobiles Internet, etc. ist eine Entwicklung der letzten 5 Jahre. Nicht nur jederzeit erreichbar zu sein, sondern auch der ständige Anreiz - bedingt durch eine nie zuvor dagewesene Mühelosigkeit der (mobilen)- zum Kommunizieren und Sich-Informieren: dahinter steckt noch immer ein kleines bisschen Restfaszination am "Neuen", was zugleich aber viel zu schnell vom Gefühl der Selbstverständlichkeit und einer Gewohnheitspraxis abgelöst wird.

    Auf der Strecke bleibt die Reflexion.
    Wir nehmen uns kaum die Zeit, zu überlegen, was wir hier eigentlich tun, weil wir viel zu abgelenkt sind, all dies zu tun, was wir neuerdings tun können (hier also wieder die fehlende "Downtime").

    Gut lesbare Bücher von Medientheoretikern können also Anregung sein, den eigenen Umgang, das eigene Verhalten mit den sozialen und portablen Medien, gerade auch im Zusammenhang mit den Freundschaften zu hinterfragen.

    Schnell könnte man dabei auch zum Schluss kommen, dass Freundschaften durch Facebook & co keineswegs schlechter sein müssen und auch positive Anischten durchaus ihre Berechtigung besitzen (so vertreten z.B. in folgendem Artikel: www.zeit.de/digital/internet/2010-08/soziale-netzwerke-freunde
    Versteht man etwa Gruppenchats auf Whatsapp oder Partyeinladungen auf Facebook explizit als Ergänzung zum Offline-Kontakt, und verwendet die neuen Medien nicht als "Hauptkommunikationskanal" , so können sie für Freundschaften durchaus bereichernd sein.

    Warum nicht beim nächsten Bier in der Beiz den Freunden vorschlagen, das Handy in der Tasche zu lassen, und das Thema ganz in Ruhe diskutieren?

  2. Etienne Schmid

    am 18.10.2012, 16:41

    Der Freundschaftsbegriff wird extrem von Facebook geprägt. Ich erlebe es selber, wie sehr Menschen Wert darauf legen, dass sie mit bestimmten Menschen auf Facebook befreundet sind. Erst durch durch das "befreundet sein" auf Facebook ist die Freundschaft im realen Leben absolut, weil man sich ja erst dann gemeinsam über die Themen unterhalten kann, welche sich durch Facebook ergeben.

    Nicht nur der Freundschaftsbegriff hat sich meiner Meinung nach verändert, sondern auch die Motivation... ... mehrDer Freundschaftsbegriff wird extrem von Facebook geprägt. Ich erlebe es selber, wie sehr Menschen Wert darauf legen, dass sie mit bestimmten Menschen auf Facebook befreundet sind. Erst durch durch das "befreundet sein" auf Facebook ist die Freundschaft im realen Leben absolut, weil man sich ja erst dann gemeinsam über die Themen unterhalten kann, welche sich durch Facebook ergeben.

    Nicht nur der Freundschaftsbegriff hat sich meiner Meinung nach verändert, sondern auch die Motivation Facebook überhaupt beizutreten.

    Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie man mir gesagt hat:"Hey komm erstell dir doch einen Facebook Account."

    Das habe ich auch getan, jedoch nicht weil mich die Inhalte von Facebook interessiert haben, sondern weil ich im echten Leben dabeisein wollte. Heute scheint es mir so, dass man Facebook beitritt, weil einen die Inhalte von Facebook reizen, welche ja schlussendlich von Facebook-usern, die man seine Freunde nennt, produziert werden. Es hat ein Wandel stattgefunden. Man ist bei Facebook um eben durch dieses Fenster zu Blicken, welches einem jeder User ein stück weit öffnet.

    Schliessen wir uns dem Medium nicht an, so entzieht es sich unserer Kontrolle komplett.

    Facebook zwingt einen förmllich beizutreten, weil man sonst gar keine Kontrolle mehr über seine eigene Identität hat. Irgendjemand kann Fotos von einer Person hochladen. Diese Person wird ohne ihr wissen getagt, ist jedoch ab jetzt im Internet mit Foto und Namen vertreten. Will man diese Eventualität ausschliessen, so muss man sich bei Facebook anmelden. So einfach zwingt uns ein Medium seine Postulate auf.

  3. T Hoch

    am 18.10.2012, 17:13

    Ich stimme M Scheiwiller zu, dass Facebook bereichernd für Offline-Freundschaften sein kann, solange andere Kommunikationswege auch genutzt werden. Ich persönlich kommuniziere auf Facebook hauptsächlich mit meinen engen Freunden und Studienkollegen, ab und zu tausche ich mich mit alten bzw. weggezogenen Freunden aus. Diese Personen treffe ich in der Regel auch offline zu einem Kaffee o.Ä. (inklusive der alten Freunde, auch wenn es nur 1-2x im Jahr ist). Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre,... ... mehrIch stimme M Scheiwiller zu, dass Facebook bereichernd für Offline-Freundschaften sein kann, solange andere Kommunikationswege auch genutzt werden. Ich persönlich kommuniziere auf Facebook hauptsächlich mit meinen engen Freunden und Studienkollegen, ab und zu tausche ich mich mit alten bzw. weggezogenen Freunden aus. Diese Personen treffe ich in der Regel auch offline zu einem Kaffee o.Ä. (inklusive der alten Freunde, auch wenn es nur 1-2x im Jahr ist). Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre, geht das allen so. Das praktischste daran ist, dass man sich zum Beispiel bei der Wochenendplanung in Sekundenschnelle Links zu Veranstaltungen, Musikbeispielen des DJ's etc. schicken kann.

    Ich denke auch, wer sich mit Texten diverser Medientheoretiker auseinandersetzt, wird überlegter mit den Möglichkeiten der sozialen Netzwerke und Smartphones umgehen. Im Idealfall klärt man seinen Freundeskreis über neue Erkenntnisse auf und diskutiert diese mit ihnen.

    Ich habe Teile von Turkle's Buch gelesen und stimme ihr auf jeden Fall zu, dass man sich mehr Gedanken darüber machen soll, wem bzw. wievielen man seine Aufmerksamkeit schenken will. Ich fühle mich gestört, wenn ich mit jemandem zu zweit zu Mittag esse und dieser ständig Nachrichten auf seinem Smartphone liest bzw. verfasst. Ich denke, das geht vielen so und trotzdem muss man sich eingestehen, dass man sich manchmal doch genau so verhält. Dieses Verhalten entspringt meiner Meinung nach dem Zwang, ständig online sein zu müssen, also auch dem Zwang, sofort antworten zu müssen, weil das die Freunde/Kollegen von einem erwarten (mittlerweile wird auch bei fast allen Diensten angezeigt, ob die Nachricht schon gelesen wurde). Wenn man mal einen halben Tag lang keine Antwort gibt, z.B. ob man zuhause in der WG oder auswärts isst, kriegt man Vorwürfe, man solle doch sein Handy öfter anschauen, oder dass man selber Schuld ist, dass die andern schon mit Essen fertig sind, wenn man heimkommt.

    Personen, die kein WhatsApp oder Facebook-Konto haben, fühlen sich in Freundeskreisen, bei denen die Überzahl auch über solche Wege kommuniziert, teilweise ausgeschlossen, weil sie Tratsch und Abmachungen für die Freizeit meist als letzte erfahren. Mein Smartphone ging vor ein paar Wochen kaputt (weil Wasser in meiner Tasche ausgelaufen ist) und ich stand eine Woche lang mit einem klassischen Handy ohne Internetverbindung da. Einerseits war es eine Erleichterung, weil einem der Drang, nach neuen Nachrichten zu checken, etwas verloren ging, andererseits redeten meine Mitbewohnerinnen ständig davon, was X und Y jetzt schon wieder lustiges im Gruppenchat geschrieben haben und ich musste ständig nachfragen, was denn gerade los ist, weil ich mich sonst nicht up-to-date gefühlt hätte. Als ich dann die Entscheidung traf, ob mein neues Handy ein normales oder ein Smartphone sein sollte, kaufte ich mir schlussendlich doch wieder ein Smartphone, alleine aus dem Grund, dass ich mich viel zu sehr an die neue Technologie gewöhnt hatte und wieder im WhatsApp dabei sein wollte. Die Internet-Welt, die meiner Meinung nach keinesfalls parallel zur, sondern mit der Offline-Welt verwebt ist, hat mich sozusagen wieder für sich gewonnen, ohne dass ich mich wirklich hätte wehren können.

    Das Internet ist, zumindest in der westlichen Gesellschaft, allgegenwärtig und die meisten User sind süchtig danach. Diese Sucht, die ständig, nicht nur in einsamen Momenten, befriedigt werden muss, stürzt eigentlich jeglichen Raum für "Downtime" ein, wenn man sich nicht bewusst dagegen wehrt. Mir persönlich ist es wichtig, dass ich ab und zu ohne Ablenkung reflektieren kann (auch wenn es unangenehm wird) und dann greife ich lieber zum klassischen Medium Notizbuch, um meine Gedanken niederzuschreiben. Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass ich, seit ich einen eigenen Laptop mit Internetanschluss habe, viel zu selten zu dieser "Downtime" komme, besonders wenn ich sie mit der ausgeprägten "Downtime" vergleiche, die ich zuvor hatte. Seit ich ein Smartphone habe, ist sie noch mehr geschrumpft, weil ich auch häufiger auf Busfahrten oder in anderen Wartesituationen in die Internet-Welt abtauche. Trotz meinem Wunsch, häufiger alle elektronischen Zerstreuungsmöglichkeiten beiseite zu legen, sind die unendlichen Verlockungen und Informationspfade des Internets meist Sieger.

  4. J Schmid

    am 19.10.2012, 16:12
  1. M Scheiwiller

    am 18.10.2012, 16:00

    Ich denke, Turkle legt den Finger berechtigterweise in eine Wunde, die momentan gerade klafft. Dass dies ohne "theoretischen Ehrgeiz" geschieht, scheint mir angesichts der Anzahl "Patienten", welche potentiell an dieser Wunde leiden (man denke an 1 Milliarde Facebook-Profile), berechtigt. Jeder kann sich in solchen Einzelgeschichten widererkennen, wird hoffentlich zum Denken angeregt.

    Dies ist denn m.E. genau der springende Punkt. Die weite Verbreitung und Nutzung von Facebook,... mehrIch denke, Turkle legt den Finger berechtigterweise in eine Wunde, die momentan gerade klafft. Dass dies ohne "theoretischen Ehrgeiz" geschieht, scheint mir angesichts der Anzahl "Patienten", welche potentiell an dieser Wunde leiden (man denke an 1 Milliarde Facebook-Profile), berechtigt. Jeder kann sich in solchen Einzelgeschichten widererkennen, wird hoffentlich zum Denken angeregt.

    Dies ist denn m.E. genau der springende Punkt. Die weite Verbreitung und Nutzung von Facebook, Smartphones, mobiles Internet, etc. ist eine Entwicklung der letzten 5 Jahre. Nicht nur jederzeit erreichbar zu sein, sondern auch der ständige Anreiz - bedingt durch eine nie zuvor dagewesene Mühelosigkeit der (mobilen)- zum Kommunizieren und Sich-Informieren: dahinter steckt noch immer ein kleines bisschen Restfaszination am "Neuen", was zugleich aber viel zu schnell vom Gefühl der Selbstverständlichkeit und einer Gewohnheitspraxis abgelöst wird.

    Auf der Strecke bleibt die Reflexion.
    Wir nehmen uns kaum die Zeit, zu überlegen, was wir hier eigentlich tun, weil wir viel zu abgelenkt sind, all dies zu tun, was wir neuerdings tun können (hier also wieder die fehlende "Downtime").

    Gut lesbare Bücher von Medientheoretikern können also Anregung sein, den eigenen Umgang, das eigene Verhalten mit den sozialen und portablen Medien, gerade auch im Zusammenhang mit den Freundschaften zu hinterfragen.

    Schnell könnte man dabei auch zum Schluss kommen, dass Freundschaften durch Facebook & co keineswegs schlechter sein müssen und auch positive Anischten durchaus ihre Berechtigung besitzen (so vertreten z.B. in folgendem Artikel: www.zeit.de/digital/internet/2010-08/soziale-netzwerke-freunde
    Versteht man etwa Gruppenchats auf Whatsapp oder Partyeinladungen auf Facebook explizit als Ergänzung zum Offline-Kontakt, und verwendet die neuen Medien nicht als "Hauptkommunikationskanal" , so können sie für Freundschaften durchaus bereichernd sein.

    Warum nicht beim nächsten Bier in der Beiz den Freunden vorschlagen, das Handy in der Tasche zu lassen, und das Thema ganz in Ruhe diskutieren?

  2. Etienne Schmid

    am 18.10.2012, 16:41

    Der Freundschaftsbegriff wird extrem von Facebook geprägt. Ich erlebe es selber, wie sehr Menschen Wert darauf legen, dass sie mit bestimmten Menschen auf Facebook befreundet sind. Erst durch durch das "befreundet sein" auf Facebook ist die Freundschaft im realen Leben absolut, weil man sich ja erst dann gemeinsam über die Themen unterhalten kann, welche sich durch Facebook ergeben.

    Nicht nur der Freundschaftsbegriff hat sich meiner Meinung nach verändert, sondern auch die Motivation... mehrDer Freundschaftsbegriff wird extrem von Facebook geprägt. Ich erlebe es selber, wie sehr Menschen Wert darauf legen, dass sie mit bestimmten Menschen auf Facebook befreundet sind. Erst durch durch das "befreundet sein" auf Facebook ist die Freundschaft im realen Leben absolut, weil man sich ja erst dann gemeinsam über die Themen unterhalten kann, welche sich durch Facebook ergeben.

    Nicht nur der Freundschaftsbegriff hat sich meiner Meinung nach verändert, sondern auch die Motivation Facebook überhaupt beizutreten.

    Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie man mir gesagt hat:"Hey komm erstell dir doch einen Facebook Account."

    Das habe ich auch getan, jedoch nicht weil mich die Inhalte von Facebook interessiert haben, sondern weil ich im echten Leben dabeisein wollte. Heute scheint es mir so, dass man Facebook beitritt, weil einen die Inhalte von Facebook reizen, welche ja schlussendlich von Facebook-usern, die man seine Freunde nennt, produziert werden. Es hat ein Wandel stattgefunden. Man ist bei Facebook um eben durch dieses Fenster zu Blicken, welches einem jeder User ein stück weit öffnet.

    Schliessen wir uns dem Medium nicht an, so entzieht es sich unserer Kontrolle komplett.

    Facebook zwingt einen förmllich beizutreten, weil man sonst gar keine Kontrolle mehr über seine eigene Identität hat. Irgendjemand kann Fotos von einer Person hochladen. Diese Person wird ohne ihr wissen getagt, ist jedoch ab jetzt im Internet mit Foto und Namen vertreten. Will man diese Eventualität ausschliessen, so muss man sich bei Facebook anmelden. So einfach zwingt uns ein Medium seine Postulate auf.

  3. T Hoch

    am 18.10.2012, 17:13

    Ich stimme M Scheiwiller zu, dass Facebook bereichernd für Offline-Freundschaften sein kann, solange andere Kommunikationswege auch genutzt werden. Ich persönlich kommuniziere auf Facebook hauptsächlich mit meinen engen Freunden und Studienkollegen, ab und zu tausche ich mich mit alten bzw. weggezogenen Freunden aus. Diese Personen treffe ich in der Regel auch offline zu einem Kaffee o.Ä. (inklusive der alten Freunde, auch wenn es nur 1-2x im Jahr ist). Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre,... mehrIch stimme M Scheiwiller zu, dass Facebook bereichernd für Offline-Freundschaften sein kann, solange andere Kommunikationswege auch genutzt werden. Ich persönlich kommuniziere auf Facebook hauptsächlich mit meinen engen Freunden und Studienkollegen, ab und zu tausche ich mich mit alten bzw. weggezogenen Freunden aus. Diese Personen treffe ich in der Regel auch offline zu einem Kaffee o.Ä. (inklusive der alten Freunde, auch wenn es nur 1-2x im Jahr ist). Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre, geht das allen so. Das praktischste daran ist, dass man sich zum Beispiel bei der Wochenendplanung in Sekundenschnelle Links zu Veranstaltungen, Musikbeispielen des DJ's etc. schicken kann.

    Ich denke auch, wer sich mit Texten diverser Medientheoretiker auseinandersetzt, wird überlegter mit den Möglichkeiten der sozialen Netzwerke und Smartphones umgehen. Im Idealfall klärt man seinen Freundeskreis über neue Erkenntnisse auf und diskutiert diese mit ihnen.

    Ich habe Teile von Turkle's Buch gelesen und stimme ihr auf jeden Fall zu, dass man sich mehr Gedanken darüber machen soll, wem bzw. wievielen man seine Aufmerksamkeit schenken will. Ich fühle mich gestört, wenn ich mit jemandem zu zweit zu Mittag esse und dieser ständig Nachrichten auf seinem Smartphone liest bzw. verfasst. Ich denke, das geht vielen so und trotzdem muss man sich eingestehen, dass man sich manchmal doch genau so verhält. Dieses Verhalten entspringt meiner Meinung nach dem Zwang, ständig online sein zu müssen, also auch dem Zwang, sofort antworten zu müssen, weil das die Freunde/Kollegen von einem erwarten (mittlerweile wird auch bei fast allen Diensten angezeigt, ob die Nachricht schon gelesen wurde). Wenn man mal einen halben Tag lang keine Antwort gibt, z.B. ob man zuhause in der WG oder auswärts isst, kriegt man Vorwürfe, man solle doch sein Handy öfter anschauen, oder dass man selber Schuld ist, dass die andern schon mit Essen fertig sind, wenn man heimkommt.

    Personen, die kein WhatsApp oder Facebook-Konto haben, fühlen sich in Freundeskreisen, bei denen die Überzahl auch über solche Wege kommuniziert, teilweise ausgeschlossen, weil sie Tratsch und Abmachungen für die Freizeit meist als letzte erfahren. Mein Smartphone ging vor ein paar Wochen kaputt (weil Wasser in meiner Tasche ausgelaufen ist) und ich stand eine Woche lang mit einem klassischen Handy ohne Internetverbindung da. Einerseits war es eine Erleichterung, weil einem der Drang, nach neuen Nachrichten zu checken, etwas verloren ging, andererseits redeten meine Mitbewohnerinnen ständig davon, was X und Y jetzt schon wieder lustiges im Gruppenchat geschrieben haben und ich musste ständig nachfragen, was denn gerade los ist, weil ich mich sonst nicht up-to-date gefühlt hätte. Als ich dann die Entscheidung traf, ob mein neues Handy ein normales oder ein Smartphone sein sollte, kaufte ich mir schlussendlich doch wieder ein Smartphone, alleine aus dem Grund, dass ich mich viel zu sehr an die neue Technologie gewöhnt hatte und wieder im WhatsApp dabei sein wollte. Die Internet-Welt, die meiner Meinung nach keinesfalls parallel zur, sondern mit der Offline-Welt verwebt ist, hat mich sozusagen wieder für sich gewonnen, ohne dass ich mich wirklich hätte wehren können.

    Das Internet ist, zumindest in der westlichen Gesellschaft, allgegenwärtig und die meisten User sind süchtig danach. Diese Sucht, die ständig, nicht nur in einsamen Momenten, befriedigt werden muss, stürzt eigentlich jeglichen Raum für "Downtime" ein, wenn man sich nicht bewusst dagegen wehrt. Mir persönlich ist es wichtig, dass ich ab und zu ohne Ablenkung reflektieren kann (auch wenn es unangenehm wird) und dann greife ich lieber zum klassischen Medium Notizbuch, um meine Gedanken niederzuschreiben. Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass ich, seit ich einen eigenen Laptop mit Internetanschluss habe, viel zu selten zu dieser "Downtime" komme, besonders wenn ich sie mit der ausgeprägten "Downtime" vergleiche, die ich zuvor hatte. Seit ich ein Smartphone habe, ist sie noch mehr geschrumpft, weil ich auch häufiger auf Busfahrten oder in anderen Wartesituationen in die Internet-Welt abtauche. Trotz meinem Wunsch, häufiger alle elektronischen Zerstreuungsmöglichkeiten beiseite zu legen, sind die unendlichen Verlockungen und Informationspfade des Internets meist Sieger.

  4. Tamara Lang

    am 18.10.2012, 21:11

    ich frage mich ja, angesichts der Tatsache, dass sich viele Menschen, über die ständig-mit-dem-Internet-verbundenen-Mitmenschen, welche nicht mehr im Stande sind, sich völlig auf unser Gespräch zu konzentrieren, ohne ihren Online-Status abzuchecken, wann die No-Communication-App kommt. Hier wäre wohl grosses Marktpotenzial, eine App, die kurzzeitig die ganzen Verbindungen kappt, damit man sich (wenn nicht mehr mit menschlichem Willen, immerhin durch Technik-Hilfe) wieder auf das... mehrich frage mich ja, angesichts der Tatsache, dass sich viele Menschen, über die ständig-mit-dem-Internet-verbundenen-Mitmenschen, welche nicht mehr im Stande sind, sich völlig auf unser Gespräch zu konzentrieren, ohne ihren Online-Status abzuchecken, wann die No-Communication-App kommt. Hier wäre wohl grosses Marktpotenzial, eine App, die kurzzeitig die ganzen Verbindungen kappt, damit man sich (wenn nicht mehr mit menschlichem Willen, immerhin durch Technik-Hilfe) wieder auf das Offline-Geschehen konzentrieren kann.

  5. J Schmid

    am 19.10.2012, 16:12
  6. J Schmid

    am 19.10.2012, 17:56

    Ich möchte aufgrund der vielen verschiedenen Gedanken, die ich in letzter Zeit zum Thema gehört oder mir gemacht habe, verschiedene Anstösse auflisten und zur Diskussion stellen:

    - Es wird darüber diskutiert, wie sich Social Media auf unsere freundschaftlichen Beziehungen auswirken etc., doch sollte nicht der Begriff der Freundschaft neu reflektiert werden, oder zumindest klarer definiert werden, bevor darüber diskutiert wird, wie er sich verändert?

    - Können wir Facebook als Maschine zur... mehrIch möchte aufgrund der vielen verschiedenen Gedanken, die ich in letzter Zeit zum Thema gehört oder mir gemacht habe, verschiedene Anstösse auflisten und zur Diskussion stellen:

    - Es wird darüber diskutiert, wie sich Social Media auf unsere freundschaftlichen Beziehungen auswirken etc., doch sollte nicht der Begriff der Freundschaft neu reflektiert werden, oder zumindest klarer definiert werden, bevor darüber diskutiert wird, wie er sich verändert?

    - Können wir Facebook als Maschine zur Selbstbestätigung ansehen, welche es uns extrem erleichtert, ganz im Sinne einer Statistik ein möglichst grosses Spektrum an Meinungen (Feedback) einzuholen mit möglichst kleinem Aufwand auf beiden Seiten, und welche durch ihre Strukturierung ein positives Feedback eher bevorteilt (like-button, kein dislike button - Kritik kann in Form von Kommentaren angebracht werden, erfordert also mehr Aufwand)? Somit wäre der Hauptzweck von Facebook gar nicht Freundschaften aufrecht zu erhalten oder zu schliessen, sondern eher ein Mittel zur effizienten Selbstlegitimation?

    - Eine sehr simple Theorie: Der Mensch nimmt über seine Sinne wahr; was ihm durch diese vermittelt wird, bearbeitet er dann mit seinem Verstand und zieht so seine Erkenntnisse. Freundschaften entstehen auch so, dass Sinneseindrücke gesammelt werden, welche wir dann interpretieren, werten und mit Emotionen verbinden. Die Medien Facebook, oder Whatsapp etc. sprechen in dieser Interaktion nur einen Sinn an, nämlich das Sehen. Der Rest bleibt dem Verstand überlassen - Interpretation und Wertung geschieht also auf Grund von sehr dünner 'Beweislage'. Ich könnte mir vorstellen, dass es trotz fortschreitender Technologie und Transformation der Sprache, in der Natur des Menschen liegt, dass Wertungen, welche aufgrund von 'reichen' Sinneseindrücken erreicht werden, emotional stärker aufgeladen werden und so von grösserer Bedeutung sind. Ist es dann einem Medium wie Facebook überhaupt möglich, offline-Freundschaften zu ersetzten?

    - Aussage eines Kollegen: "Freundschaften werden auf Facebook zelebriert, nicht gepflegt."

    - (Wie könnte man Lyotards Sprachspiele und den Widerstreit auf dieses Phänomen anwenden?- just a wild guess)

    - Im Sinne der Pädagogik: Die neuen Möglichkeiten der sozialen Interaktion scheinen der Aufklärung zu bedürfen, und auch der Umgang mit ihnen muss gelernt werden. Um die Fähigkeit "allein zu sein" nicht zu verlieren, sollte man vielleicht über die bewusste Schaffung von medienfreien Räumen nachdenken - wie es an Grundschulen schon geschieht ('Empfangslöcher'), und in Aktionen (Handyfreie Woche, Internetfreie Woche etc.). Unserer Generation wurde in der Schule noch Informatik gelernt, also der Umgang mit dem Computer und die Erprobung seiner Möglichkeiten. Heute sollte meiner Meinung nach eine ethische Komponente in diesen Unterricht mit eingebracht werden; Reflektion über die Konsequenzen des Online-Seins sollte gefördert werden, vor allem bei jüngeren Gesellschaftsmitgliedern, welche sozusagen in diese Welten hineingeboren werden.



  7. AutorIn des Artikels

    Roberto Simanowski

    am 20.10.2012, 17:48

    Sehr interessante Gedanken in diesen Kommentaren. Ich will nur eine Frage aufgreifen: Wie verändert Facebook das Konzept Freundschaft? Dass es verschiedene Stufen der Freundschaft (bis hin zu Bekanntschaft) gibt, ist geschenkt. Auch dass Menschen mit vielen Online-Freunden keine Sozialphobiker mit schlechter Haut sein müssen, die im Offline-Leben einfach keine Chance hätte. Die Frage ist, inwiefern die „wirklichen“, „tiefen“ Freundschaften den Postulaten (Zwängen/Zumutungen) der Medien... mehrSehr interessante Gedanken in diesen Kommentaren. Ich will nur eine Frage aufgreifen: Wie verändert Facebook das Konzept Freundschaft? Dass es verschiedene Stufen der Freundschaft (bis hin zu Bekanntschaft) gibt, ist geschenkt. Auch dass Menschen mit vielen Online-Freunden keine Sozialphobiker mit schlechter Haut sein müssen, die im Offline-Leben einfach keine Chance hätte. Die Frage ist, inwiefern die „wirklichen“, „tiefen“ Freundschaften den Postulaten (Zwängen/Zumutungen) der Medien widerstehen können oder an unterschiedlichen Mediennutzungsgewohnheiten zerbrechen. Ich meine nicht Freunde, die sich einig sind und beide Facebook meiden. Ich meine das Ungleichgewicht innerhalb einer Freundschaft: Fordert man vom Facebook-abstinenten Freund, sich endlich einen Account zuzulegen, um kommunikativ auf Augenhöhe zu bleiben? Oder greift man für den Freund wieder zur guten alten Email? Aristoteles sagte, wahre Freundschaft erweist sich im Unglück. Lautet die Anwendung dieser Aussage aufs 21. Jahrhundert: Wahre Freundschaft erweist sich Überstehen ungleicher Mediennutzungsgewohnheiten?

  8. Tamara Lang

    am 20.10.2012, 20:01

    Genau zu diesem Thema habe ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht, da ich als nicht FB-User teils tatsächlich das Gefühl habe, dass sich ungleicher Mediengebrauch ungünstig auf Freundschaften auswirkt. Bezeichnend dabei sind Aussagen wie: "Ach, du möchtest Fotos von meinem Urlaub sehen? Die sind halt auf Facebook"... Jedoch frage ich mich, ob Freundschaftsabbau wirklich nur wegen FB geschieht, da spielen doch viel eher auch andere Faktoren mit. Denn wenn man genug auf seine eigene... mehrGenau zu diesem Thema habe ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht, da ich als nicht FB-User teils tatsächlich das Gefühl habe, dass sich ungleicher Mediengebrauch ungünstig auf Freundschaften auswirkt. Bezeichnend dabei sind Aussagen wie: "Ach, du möchtest Fotos von meinem Urlaub sehen? Die sind halt auf Facebook"... Jedoch frage ich mich, ob Freundschaftsabbau wirklich nur wegen FB geschieht, da spielen doch viel eher auch andere Faktoren mit. Denn wenn man genug auf seine eigene FB-Abstinenz insistiert, wird von Freunden auch die Einsichts-Ausschliessung durch das Senden des direkten Links für die FB-Fotos etc. aufgehoben. Deshalb wohl eher das Fazit: Wahre Freundschaft überlebt ungleichen Mediengebrauch. Was daran zerschellt, wäre auch früher oder später zerbrochen. Trotzdem habe ich auch schon mit dem Gedanken gespielt, wegen meinen Freunden mich auf FB anzumelden....

  9. Manuel Thomas

    am 21.10.2012, 20:32

    @Jelscha Schmid: Nicht nur bei Aristoteles, sondern auch bei Nietzsche findet sich ein interessantes Konzept von Freundschaft, das sich sehr gut mit den Widerstreit von Lyotard verbinden lässt. Bei Nietzsche ist Freundschaft vor allem gekennzeichnet durch Respekt und ein gesundes Mass an Rivalität, wie Daniel P. Malloy in seinem Essay "Beste Freunde? Batman, Superman und das Wesen der Freundschaft" (zu finden in "Die Philosophie bei Batman"; eine Review zu dem Buch gibt es hier im Mewi-Blog)... mehr@Jelscha Schmid: Nicht nur bei Aristoteles, sondern auch bei Nietzsche findet sich ein interessantes Konzept von Freundschaft, das sich sehr gut mit den Widerstreit von Lyotard verbinden lässt. Bei Nietzsche ist Freundschaft vor allem gekennzeichnet durch Respekt und ein gesundes Mass an Rivalität, wie Daniel P. Malloy in seinem Essay "Beste Freunde? Batman, Superman und das Wesen der Freundschaft" (zu finden in "Die Philosophie bei Batman"; eine Review zu dem Buch gibt es hier im Mewi-Blog) darlegt. Das Medium Facebook macht es uns so besonders leicht, gegensätzliche Meinungen "auszublenden" und sich ggfs. einen (Wider)Streit erst gar nicht zu stellen, der für Nietzsches Freundschaftsbegriff eine tragende Rolle spielt. Facebook gleicht so mehr einer pluralistischen Idylle statt einem Kampffeld der Überzeugungen, auf das man sich nicht mehr begeben muss. Dies führt dazu, dass wir uns nur noch mit den Menschen umgeben / anfreunden, die unseren Horizont bestätigen (negativer: einengen), statt ihn zu erweitern. Das diese eingeschränkte Perspektive auf die (eigene) Welt fatale Konsequenzen auch auf andere, sogar politische Bereiche hat (ist diese Sicht doch durch und durch demokratiefeindlich), wäre nur der nächste Schritt ...

  10. T Hoch

    am 21.10.2012, 21:41

    @Manuel: toller Gedanke. Ich stimme dir zu, dass Facebook das "Ausblenden" von gegensätzlichen Meinungen sehr erleichtert. Man kann die Leute, die einem wirklich nerven mit ihren Posts sogar tatsächlich aus dem Newsfeed verbannen, ohne sie löschen zu müssen.

    Ich habe auch das Gefühl, ein Grossteil der Facebook-User nutzt lieber dieses Tool, als jemanden zu löschen, da die Anzahl der Facebook-Freunde von anderen beurteilt wird. Es gilt eigentlich: je mehr, desto besser, ausser die Zahl... mehr@Manuel: toller Gedanke. Ich stimme dir zu, dass Facebook das "Ausblenden" von gegensätzlichen Meinungen sehr erleichtert. Man kann die Leute, die einem wirklich nerven mit ihren Posts sogar tatsächlich aus dem Newsfeed verbannen, ohne sie löschen zu müssen.

    Ich habe auch das Gefühl, ein Grossteil der Facebook-User nutzt lieber dieses Tool, als jemanden zu löschen, da die Anzahl der Facebook-Freunde von anderen beurteilt wird. Es gilt eigentlich: je mehr, desto besser, ausser die Zahl widerspricht sich zu sehr mit dem Auftreten der Person (wirkt also unauthentisch) oder sie steigt in eine lächerliche Höhe.

    "Aristoteles sagte, wahre Freundschaft erweist sich im Unglück. Lautet die Anwendung dieser Aussage aufs 21. Jahrhundert: Wahre Freundschaft erweist sich im Überstehen ungleicher Mediennutzungsgewohnheiten?"

    Für mich liegt es auf der Hand, dass eine wahre Freundschaft ungleiche Mediennutzungsgewohnheiten übersteht. Wenn man nicht verstehen kann, wieso der beste Freund kein Facebook-Konto erstellen will, gibt man nicht einfach so die Freundschaft auf. Die Person ist einem wichtig, also wird man sie mit Hilfe anderer Kommunikationsmittel kontaktieren. Wenn man sich dazu nicht "aufraffen" kann, sollte man überdenken, ob man sich wirklich als wahren Freund dieser Person auszeichnen darf. Ich denke aber, dass man ungleiche Mediennutzungsgewohnheiten nicht mit dem Unglück bei Aristoteles gleichsetzen kann. Es ist doch kein Unglück, dass man sich entschieden hat, Facebook zu benutzen bzw. nicht zu benutzen.

    Wir reden hier ständig von Facebook, aber wie sieht es mit Google+ aus? Ich weiss so gut wie gar nichts darüber, bin ich die einzige, die total an diesem Social Network vorbei lebt?