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Vom Eigenleben der Dinge und ihrer Erkennbarkeit

3.10.2012, 08:00Uhr
: Democracy of Objects (Drawing by Tammy Lu)

Democracy of Objects (Drawing by Tammy Lu)

Diesen Sommer gab es zum Thema Aesthetics in the 21st Century eine weitere Konferenz. Bevor wir nächste Woche wieder über Bücher reden, wollen wir von der spannenden Begegnung zwischen Ästhetik, Kunst und spekulativem Realismus berichten. Noch besser kann das allerdings Ridvan Askin, einer der Koorganisatoren der Tagung (zusammen mit Paul Ennis, Andreas Hägler und Philipp Schweighauser), der für Fragen zur Verfügung stand.

Herr Askin, was bedeutet Ästhetik im 21. Jahrhundert?
Zunächst einmal bedeutet Ästhetik im 21. Jahrhundert ein generelles wiedererwachtes Interesse an ästhetischen Fragen überhaupt. Im Zuge der zunehmenden Politisierung der Literatur- und Kulturwissenschaft seit den 70er und 80er Jahren stand die Beschäftigung mit Fragen der Ästhetik lange Jahre unter dem Generalverdacht des Apolitischen, gar Reaktionären. Die Losung hiess Politik oder Ästhetik. In den letzten 10-15 Jahren ist dieses starre Gefüge aufgelöst worden und die Ästhetik wieder verstärkt in den Fokus gerückt, gerade auch im Zusammenspiel mit dem Politischen, wie etwa im Werk von Jacques Rancière.

Die Ästhetik ist also wieder gleichauf mit Ontologie, Erkenntnistheorie und Ethik?
Zumindest macht sie sich wieder stärker bemerkbar. Man muss hier allerdings unterscheiden zwischen Ästhetik als Philosophie der Kunst und der philosophischen Ästhetik, der Beschäftigung mit Sinneswahrnehmungen in ihrer erkenntnistheoretischen Bedeutung. Sinneswahrnehmungen können täuschen und sind prinzipiell zweifelhaft. Sie kommen somit der begrifflichen Vernunft ganz und gar ungelegen. Nichtsdestotrotz kommt man nicht umhin den Sinnen eine gebührende Rolle im Erkenntnisprozess einzuräumen. Fragen der Kunst wiederum sind natürlich eng mit Fragen der Wahrnehmung verbunden. In diesem Spannungsfeld zwischen Kunsttheorie und philosophischer Ästhetik waren denn auch die Beiträge der Konferenz angesiedelt.

Welche Rolle spielte also die philosophische Ästhetik auf der Konferenz?
Die Konferenz griff hier den neuen spekulativen Turn in der Philosophie auf. Hauptvertreter und „Gründungsmitglieder“ sind Ray Brassier, Iain Hamilton Grant, Graham Harman und Quentin Meillassoux. Zentral ist allen der von Meillassoux geprägte Begriff des Korrelationismus. Er bezeichnet ein grundlegendes Problem in der Philosophie seit Kant, an dem sich alle spekulativen Realisten auf je eigene Weise abarbeiten. Dieses Problem betrifft die Möglichkeit, Denken und Sein unabhängig voneinenader, also ausserhalb ihrer Korrelation, zu denken. Laut Korrelationismus ist dies nicht möglich, da Denken immer auf die Welt bezogen ist und die Welt immer einem denkenden Subjekt erscheint. Der Spekulative Realismus ist also ein Versuch auf ein Jenseits dieses Bezuges zu spekulieren.

Und die Ästhetik?
Ästhetik ist in diesem Spannungsfeld direkt mit Ontologie gekoppelt. Traditionell beschäftigt sich die Ästhetik mit der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen. Mit dem spekulativen Realismus wird es möglich, über sinnliche Begegnungen zwischen jeglichen Entitäten und Instanzen zu sprechen. Der Fokus auf den Menschen fällt weg und es eröffnet sich ein viel weiteres Feld.

Also Aktivität von und Interaktion zwischen nichtmenschlichen Instanzen?
Erste Versuche in diese Richtung werden etwa in Jane Bennets Vibrant Matter und Levi Bryants The Democracy of Objects unternommen. Ein konkretes Beispiel: Was passiert eigentlich wenn eine Maschine einen von einer anderen Maschine produzierten („literarischen“) Text liest, wie es Roberto Simanowski und Katherine Hayles während der Tagung diskutierten.

Demokratie der Objekte? Im Sinne ihrer Gleichberechtigung gegenüber und Unabhängigkeit vom Menschen?
Ja, aber nur im ontologischen Sinne. Das bedeutet erst einmal nicht mehr als, dass der Mensch kein ontologisches Privileg geniesst. Er ist ein Ding, ein Objekt unter vielen. Der Mensch ist kein Übersein. Es gibt hier überhaupt keine Hierarchie im Sein. So gesehen müsste man eigentlich von der Anarchie der Objekte sprechen.

(Bild: v)

Die Gretchenfrage Herr Askin: Kann man Kants Korrelationismus und die Aussagen der postmodernen Philosophie zur Relativität aller Erkenntnis und Aussagen einfach zur Seite legen?
Nein. Man kann aber auch nicht behaupten, dass irgendjemand dies behaupten würde. Im Gegenteil, Korrelationismus (und die postmoderne Philosophie ist eine Spielart davon) bezeichnet ein genuines, philosophisches Problem dem mit entsprechender Sorgfalt begegnet werden muss und auch wird. So hält Meillassoux das korrelationistische Argument für nicht hintergehbar und versucht den Korrelationismus von innen heraus an und über seine Grenzen zu bringen. Brassier setzt auf die Wissenschaft als Zugang zur Realität jenseits des Korrelationismus und Grant auf eine Schellingsche Naturphilosophie. Harmans Position wiederum entspricht geradezu einem verallgemeinerten Kantianismus: die Kluft zwischen den Erscheinungsweisen der Dinge und den Dingen an sich betrifft keineswegs bloss die Relation von Mensch zu Welt, sondern die Relation zwischen jeglichen Entitäten, etwa, um eines von Harmans Beispielen zu nennen, die Interaktion von Feuer und Baumwolle. Wenn Feuer mit Baumwolle in Kontakt kommt, so geschieht dies immer auf einer sinnlichen, ästhetischen Ebene und niemals auf der Ebene des Dings an sich. Das Ding an sich, also der reale Kern, entzieht sich in diesen Begegnungen. Für Harman ist es also so, dass nicht nur Menschen in ihrem Erkenntnisvermögen radikal eingeschränkt sind. Vielmehr betrifft diese Einschränkung die Verhältnisse zwischen allen Dingen überhaupt. Kein Ding erschliesst je ein anderes noch sich selbst absolut.

Vielen Dank, Ridvan Askin.

Ein nicht ganz einfaches Thema. Was denken Sie dazu?
Zum Weiterlesen: Diese neuen spekulativen Ansätze animieren zur Zeit vor allem im englischsprachigen Raum zu Diskussionen, die zu einem guten Teil in Blogs stattfinden. Der Game-Theoretiker Ian Bogost hat einige der wichtigsten Blogs zusammengestellt. Von den vier “Gründungsautoren” bloggt nur Graham Harman, der übrigens mit seinem Vortrag die Tagung eröffnet hat. Als Einstieg ins Thema empfehlen sich ausserdem der frei erhältliche Sammelband The Speculative Turn, sowie die Beiträge zu den open access journals Speculations und continent.

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  1. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 4.10.2012, 12:25

    Eine spannende philosophische Bewegung, die Aufsehen vor allem durch die intendierte Überwindung des Korrelationismus erregt. Nun heisst es aber plötzlich wieder, niemand wolle den Korrelationismus überwinden. Mir ist zwar noch nicht klar, wie dann Brassiers Absicht, durch Wissenschaft Zugang zur Realität jenseits des Korrelationismus zu erlangen, zu deuten ist. Trotzdem schon mal die Frage: Wozu all die Aufregung, wenn die Annahme, dass wir das Sein nicht außerhalb unseres eigenen Seins... ... mehrEine spannende philosophische Bewegung, die Aufsehen vor allem durch die intendierte Überwindung des Korrelationismus erregt. Nun heisst es aber plötzlich wieder, niemand wolle den Korrelationismus überwinden. Mir ist zwar noch nicht klar, wie dann Brassiers Absicht, durch Wissenschaft Zugang zur Realität jenseits des Korrelationismus zu erlangen, zu deuten ist. Trotzdem schon mal die Frage: Wozu all die Aufregung, wenn die Annahme, dass wir das Sein nicht außerhalb unseres eigenen Seins denken können, gar nicht zur Disposition steht?

  2. Ridvan Askin

    am 7.10.2012, 10:41

    Der Korrelationismus steht sehr wohl zur Disposition. Aber Grund und Zweck hierfuer variieren. Genauso sind sich die spekulativen Realisten nicht darueber einig ob das korrelationistische Argument ein starkes Argument ist oder nicht. Brassier zum Beispiel haelt den Korrelationismus fuer ein fatales non-sequitur (nachzulesen in seinem Beitrag zum oben verlinkten The Speculative Turn). Deswegen auch seine Ueberzeugung, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Bei Meillassoux und... ... mehrDer Korrelationismus steht sehr wohl zur Disposition. Aber Grund und Zweck hierfuer variieren. Genauso sind sich die spekulativen Realisten nicht darueber einig ob das korrelationistische Argument ein starkes Argument ist oder nicht. Brassier zum Beispiel haelt den Korrelationismus fuer ein fatales non-sequitur (nachzulesen in seinem Beitrag zum oben verlinkten The Speculative Turn). Deswegen auch seine Ueberzeugung, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Bei Meillassoux und Harman ist die Sache etwas komplizierter. Harmans verallgemeinerter Kantianismus etwa ist ja ein Versuch dem Korrelationismus zu entkommen: die Kantsche Kluft zwischen Denken und Sein ist bei Harman ja nicht mehr nur eine solche, sondern eine Kluft im Sein selbst. Es gibt somit keinen Korrelationismus mehr und das Verhaeltnis zwischen Denken und Sein ist nur noch ein Sonderfall einer allgemeinen Seinsstruktur.

  3. Barbara Seiler

    am 7.10.2012, 11:29

    Als Nicht-Mitglied akademischer Elfenbein- und überhaupt -Türme frage ich mich gerade: hat diese Diskussion irgend eine Relevanz für mich und mein Leben, abgesehen davon, dass ich solche Veranstaltungen via Steuern mitfinanziere?

  4. Philipp Schweighauser

    am 7.10.2012, 16:47

    Zugegebenermassen: der hohe Abstraktionsgrad einiger philosophischer Debatten kann einem dazu verleiten, die generelle Relevanz solcher Debatten in Frage zu stellen. Dafür habe ich einiges Verständnis. Allerdings: wenn man die Frage stellt, wie denn die Dinge und die Welt an sich beschaffen sind und nicht alle Antworten den Naturwissenschaften überlassen will, dann gibt es (ausser vielleicht in der Esoterik und den Verschwörungstheorien) keine schnellen, einfachen Antworten. Eben solche... ... mehrZugegebenermassen: der hohe Abstraktionsgrad einiger philosophischer Debatten kann einem dazu verleiten, die generelle Relevanz solcher Debatten in Frage zu stellen. Dafür habe ich einiges Verständnis. Allerdings: wenn man die Frage stellt, wie denn die Dinge und die Welt an sich beschaffen sind und nicht alle Antworten den Naturwissenschaften überlassen will, dann gibt es (ausser vielleicht in der Esoterik und den Verschwörungstheorien) keine schnellen, einfachen Antworten. Eben solche Fragen besprachen aber die meisten Redner an der Konferenz "Aesthetics in the 21st Century."

    Aber wie steht es denn mit der (individuellen und gesellschaftlichen) Relevanz solcher Fragen? Dazu ein konkretes Beispiel. Wenn die im Interview genannten Philosophen die seit über 200 Jahren bestehende Überzeugung, dass, wie Ridvan Askin ausführt, unser "Denken immer auf die Welt bezogen ist und die Welt immer einem denkenden Subjekt erscheint" hinterfragen, dann greifen sie nicht einfach Immanuel Kant an (der ja bekanntlich schon lange tot ist). Nein, sie laden uns unter anderem dazu ein, darüber nachzudenken, ob es gut für uns und die Natur ist, wenn wir über die Natur immer nur in Bezug auf uns Menschen nachdenken und reden. Unter Umweltschützern wird diese Frage heiss diskutiert: müssen wir zur Natur Sorge tragen, weil wir ein Teil von ihr sind und die Zerstörung der Natur letztlich auf uns zurückschlägt (das wäre die Antwort eines "Korrelationisten"). Oder müssen wir das Eigenrecht der Natur ganz unabhängig von uns anerkennen, weil erst das uns vielleicht einmal davon abhalten wird, die Natur ständig unseren Begriffen und Technologien zu unterwerfen (das wäre die Antwort eines "spekulativen Realisten"). Mit anderen Worten: der Korrelationist sieht die Natur immer nur in Bezug auf sich selbst und redet von "Mutter Erde" und "der Welt, die wir unseren Nachkommen überlassen werden." Der spekulative Realismus würde darauf hinweisen, dass derartiges Denken und Sprechen etwas zutiefst egoistisches und auf den Menschen fixiertes hat: die Natur hat ihren Wert nur in Bezug auf den Menschen; sie ist kein Wert an sich. Genau derartige Überzeugungen, so würden spekulative Realisten argumentieren, haben die technologische Unterwerfung der Natur durch den Menschen (von Blitzableitern zu gigantischen Dammprojekten und Biokraftstoffen), erst möglich gemacht.

    Ich denke, dass derartige Fragen nach den Dingen und der Welt an sich (hier: der Natur) schon relevant sind. Was die Steuergelder betrifft, mag vielleicht der Gedanke helfen, dass die Naturwissenschaft ähnlich (ir)relevanten Fragen nach den Dingen an sich auf der Spur ist, zum Beispiel am CERN. Nur ist diese Forschung sehr, sehr viel teurer.



  5. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 8.10.2012, 11:10

    Wer hätte das gedacht, dass der spekulative Realismus gleich einen Streit über die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Forschung auslösen würde. Ich will den auch gar nicht abwürgen. Aber vielleicht lässt sich das eine Thema (Korrelationismus ja oder nein und wenn ja wieviel) mit dem anderen (die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Spekulation) verbinden.

    Zum Beispiel wenn ich mich auf Ridvans Beantwortung meiner Frage konzentriere, wonach Brassier durchaus überzeugt ist,... ... mehrWer hätte das gedacht, dass der spekulative Realismus gleich einen Streit über die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Forschung auslösen würde. Ich will den auch gar nicht abwürgen. Aber vielleicht lässt sich das eine Thema (Korrelationismus ja oder nein und wenn ja wieviel) mit dem anderen (die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Spekulation) verbinden.

    Zum Beispiel wenn ich mich auf Ridvans Beantwortung meiner Frage konzentriere, wonach Brassier durchaus überzeugt ist, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Das lässt sich mit Philipps einsichtigem Kommentar zum Egoismus des Korrelationsmus’ verbinden, wenn man die beiden Hauptaspekte des spekulativen Realismus aufeinander bezieht: 1. Die Überwindung des Anthropozentrismus, indem der Fokus auf den Menschen (also der menschliche Egoismus) entfällt. 2. Die Überwindung des erkenntnistheoretischen Relativismus, indem dem Menschen direkter, unverfälschter Zugang zum Sein versprochen wird. Zusammengenommen heisst dies: Der Mensch ist zwar nicht mehr privilegiert als Gegenstand der Erkenntnis und Bezugspunkt der Ethik, gewinnt dafür aber jenseits des Korrelationsmus erkenntnistheoretische Verlässlichkeit zurück. Eigentlich ein guter Deal für das geplagte postmoderne Subjekt. Der Mensch steht zwar nicht mehr im Zentrum, dafür aber um so sicherer; hinter der neuen Bescheidenheit gegenüber der Welt versteckt sich eine neue Selbstgewissheit.

    Aus dieser Perspektive drängt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Politischen im Philosophischen auf. Bringt der spekulative Realismus, wenn er die Idee objektiver Erkenntnis restauriert (und dies tut Brassier), letztlich auch die Restaurierung universeller Wahrheitsaussagen mit sich?

  6. Ridvan Askin

    am 9.10.2012, 13:17

    Um die Frage gleich mal zu beantworten: ja! Bei Brassier trifft dies sicherlich zu. Allerdings würde Brassier darauf aufmerksam machen, dass Ihre Frage eine zutiefst korrelationistische ist, da sie Philosophie und Politik zusammenwirft. Noch pointierter: sie reduziert Philosophie auf Politik. Während Ihre Ausgangsfrage nach der gesellschaftlichen Relevanz philosophischer Spekulation in der Tat eine legitime sozio-politische Frage ist, hat sie sich am Ende ihres Kommentars in die Frage nach... ... mehrUm die Frage gleich mal zu beantworten: ja! Bei Brassier trifft dies sicherlich zu. Allerdings würde Brassier darauf aufmerksam machen, dass Ihre Frage eine zutiefst korrelationistische ist, da sie Philosophie und Politik zusammenwirft. Noch pointierter: sie reduziert Philosophie auf Politik. Während Ihre Ausgangsfrage nach der gesellschaftlichen Relevanz philosophischer Spekulation in der Tat eine legitime sozio-politische Frage ist, hat sie sich am Ende ihres Kommentars in die Frage nach universellen Wahrheitsaussagen gewandelt und impliziert dabei, dass diese Frage eine politische Frage ist. Brassier würde hier aber festhalten: die Frage nach der Wahrheit ist mitnichten politisch, sonder genuin philosophisch. Dies ist sogar eine der philosophischsten Fragen überhaupt. Sie als politisch auszugeben ist ein korrelationistischer Move par excellence, der Philosophie zu reiner Ideologie erklärt. Damit wird die Frage nach der Wahrheit sogar verunmöglicht, da, wenn alles nur Ideologie ist, die Wahrheit schon aus dem Spiel genommen ist. Was Brassier wiederbelebt ist also in erster Linie die Möglichkeit überhaupt nach der Wahrheit zu fragen.

    Als zweiten Punkt gilt es festzuhalten, dass, wenn man postuliert, dass Dinge erkennbar sind, dies noch nicht bedeutet, dass sie tatsächlich auch schon erkannt sind. So gesehen gibt uns Brassier auch keinerlei Gewissheit - weder im Bezug auf Dinge, noch im Bezug auf uns selbst (die einzige Gewissheit bei Brassier ist die absolute Bedeutungslosigkeit des Seins; Brassier ist Nihilist) - sondern stellt nur in Aussicht, dass diese Gewissheit womöglich erlangt werden könnte (mit Hilfe der Naturwissenschaft und des wissenschaftlichen Fortschritts). Erkenntnis entsteht bei Brassier also aus dem Zusammenspiel von Naturwissenschaft und Philosophie. Während die Naturwissenschaft sich am Erkennen der Dinge und Objekte abarbeitet, kommt der Philosophie die Aufgabe zu die entsprechende Begriffsarbeit zu leisten. Philosophie ist dann sozusagen eine Wissenschaft des Begriffs und des Verhältnisses von Begriff und Objekt.

    Um schliesslich auf die Frage nach der Politik zurückzukommen, möchte ich zum Abschluss Brassier selbst sprechen lassen (aus oben erwähntem Aufsatz): "The failure to change the world may not be unrelated to the failure to understand it".

  1. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 4.10.2012, 12:25

    Eine spannende philosophische Bewegung, die Aufsehen vor allem durch die intendierte Überwindung des Korrelationismus erregt. Nun heisst es aber plötzlich wieder, niemand wolle den Korrelationismus überwinden. Mir ist zwar noch nicht klar, wie dann Brassiers Absicht, durch Wissenschaft Zugang zur Realität jenseits des Korrelationismus zu erlangen, zu deuten ist. Trotzdem schon mal die Frage: Wozu all die Aufregung, wenn die Annahme, dass wir das Sein nicht außerhalb unseres eigenen Seins... mehrEine spannende philosophische Bewegung, die Aufsehen vor allem durch die intendierte Überwindung des Korrelationismus erregt. Nun heisst es aber plötzlich wieder, niemand wolle den Korrelationismus überwinden. Mir ist zwar noch nicht klar, wie dann Brassiers Absicht, durch Wissenschaft Zugang zur Realität jenseits des Korrelationismus zu erlangen, zu deuten ist. Trotzdem schon mal die Frage: Wozu all die Aufregung, wenn die Annahme, dass wir das Sein nicht außerhalb unseres eigenen Seins denken können, gar nicht zur Disposition steht?

  2. Ridvan Askin

    am 7.10.2012, 10:41

    Der Korrelationismus steht sehr wohl zur Disposition. Aber Grund und Zweck hierfuer variieren. Genauso sind sich die spekulativen Realisten nicht darueber einig ob das korrelationistische Argument ein starkes Argument ist oder nicht. Brassier zum Beispiel haelt den Korrelationismus fuer ein fatales non-sequitur (nachzulesen in seinem Beitrag zum oben verlinkten The Speculative Turn). Deswegen auch seine Ueberzeugung, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Bei Meillassoux und... mehrDer Korrelationismus steht sehr wohl zur Disposition. Aber Grund und Zweck hierfuer variieren. Genauso sind sich die spekulativen Realisten nicht darueber einig ob das korrelationistische Argument ein starkes Argument ist oder nicht. Brassier zum Beispiel haelt den Korrelationismus fuer ein fatales non-sequitur (nachzulesen in seinem Beitrag zum oben verlinkten The Speculative Turn). Deswegen auch seine Ueberzeugung, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Bei Meillassoux und Harman ist die Sache etwas komplizierter. Harmans verallgemeinerter Kantianismus etwa ist ja ein Versuch dem Korrelationismus zu entkommen: die Kantsche Kluft zwischen Denken und Sein ist bei Harman ja nicht mehr nur eine solche, sondern eine Kluft im Sein selbst. Es gibt somit keinen Korrelationismus mehr und das Verhaeltnis zwischen Denken und Sein ist nur noch ein Sonderfall einer allgemeinen Seinsstruktur.

  3. Barbara Seiler

    am 7.10.2012, 11:29

    Als Nicht-Mitglied akademischer Elfenbein- und überhaupt -Türme frage ich mich gerade: hat diese Diskussion irgend eine Relevanz für mich und mein Leben, abgesehen davon, dass ich solche Veranstaltungen via Steuern mitfinanziere?

  4. Paul Boshears

    am 7.10.2012, 15:58

    Forgive me for writing in English, Ms. Seiler, my ability to communicate in German is poor.

    Your question is a very important one to several of us attending the conference (our thanks to Ridvan and his colleagues).

    Among the sessions was organized a panel discussion on "Para-Academic Practice" which brought together the editors of the journals Speculations and continent. Some of us note (with varying degrees of disappointment or sadness) that across the globe the ways in which Universities... mehrForgive me for writing in English, Ms. Seiler, my ability to communicate in German is poor.

    Your question is a very important one to several of us attending the conference (our thanks to Ridvan and his colleagues).

    Among the sessions was organized a panel discussion on "Para-Academic Practice" which brought together the editors of the journals Speculations and continent. Some of us note (with varying degrees of disappointment or sadness) that across the globe the ways in which Universities operate are shifting. As "the University" undergoes this transformation there is a necessary debate about the values of the institution as (primarily non-academic, chief executive) administrators build their cases for making their universities more like private enterprises driven by profit margins. What I hope to sketch-out is that the conditions for a perfect storm are present in "the University" for exploiting junior scholars and it is likely to go unchanged.

    In itself, the profit motive is not a negative. But historically this profit motive was not the driver of innovation at universities. What does become a cause for worry is that universities continue to operate with a more or less Medieval business model in its recruitment process: students must submit themselves to their learned masters in a process that is often a decade long; in exchange for the opportunity to receive the transmission of knowledge from their advisers, the student must teach the undergraduates at a wage that is below the poverty level; in the sciences it's more exploitative because often the person running the laboratory is credited with the ideas and the work done by these junior scholars. Once the title of doctor is placed upon the apprenticing scholar, then begins the yeoman scholar phase. In the U.S. we have an enormous army of so-called "adjunct" faculty teaching a vast number of the core curricula at our universities. These adjuncts are often paid below the poverty level, they typically have no health benefits offered to them, and they are usually without contracts beyond the immediate school year. They become, in effect, migrant intellectual laborers. What's more, most of the work that an academic does is done for free, as "a service to the community."

    What tax payers ought to be really upset about is that they are effectively double taxed in this new economic arrangement. Tax payer monies support the knowledge work done in universities: not only teaching known information, but also researching, and creating new knowledge and new materials. In order for this information to be acted upon, there must be the publication of that knowledge. This isn't only so that those looking for tenure can meet the tenure committee's requirements but also because all innovation is the result of creative reorganizing of what is known to exist. Publishing one's findings enables further creative advances, future technologies, and future common goods that raise the standard of living for all tax payers.

    Remember: tax payers subsidize the universities, the universities get the academics to do the work (often for free). But then come along the publishers, like pilot fish under a whale shark. Publishers take that publicly-subsidized labor and they then charge tax payers ludicrously large amounts of money to have access to the knowledge that the tax payers bought. The journals they publish are typically staffed by university workers (who work for the journal for free or at effectively free rates), the peer review system is done for free by academics (because they are expected to do their jobs for free). Yet, the publishers insist that they provide a crucial service that requires exorbitant returns on investment. These publishers simply traffic in influence and packaging. And tax payers are fleeced by them.

    Publishing is only one dimension of the problem. We see similar arrangements at universities that have strong ties to defense contracting firms.

    This conference provided an international forum for scholars from around the world to meet and create novel strategies to address the societal needs before us. It was an excellent investment for all parties concerned.

  5. Philipp Schweighauser

    am 7.10.2012, 16:47

    Zugegebenermassen: der hohe Abstraktionsgrad einiger philosophischer Debatten kann einem dazu verleiten, die generelle Relevanz solcher Debatten in Frage zu stellen. Dafür habe ich einiges Verständnis. Allerdings: wenn man die Frage stellt, wie denn die Dinge und die Welt an sich beschaffen sind und nicht alle Antworten den Naturwissenschaften überlassen will, dann gibt es (ausser vielleicht in der Esoterik und den Verschwörungstheorien) keine schnellen, einfachen Antworten. Eben solche... mehrZugegebenermassen: der hohe Abstraktionsgrad einiger philosophischer Debatten kann einem dazu verleiten, die generelle Relevanz solcher Debatten in Frage zu stellen. Dafür habe ich einiges Verständnis. Allerdings: wenn man die Frage stellt, wie denn die Dinge und die Welt an sich beschaffen sind und nicht alle Antworten den Naturwissenschaften überlassen will, dann gibt es (ausser vielleicht in der Esoterik und den Verschwörungstheorien) keine schnellen, einfachen Antworten. Eben solche Fragen besprachen aber die meisten Redner an der Konferenz "Aesthetics in the 21st Century."

    Aber wie steht es denn mit der (individuellen und gesellschaftlichen) Relevanz solcher Fragen? Dazu ein konkretes Beispiel. Wenn die im Interview genannten Philosophen die seit über 200 Jahren bestehende Überzeugung, dass, wie Ridvan Askin ausführt, unser "Denken immer auf die Welt bezogen ist und die Welt immer einem denkenden Subjekt erscheint" hinterfragen, dann greifen sie nicht einfach Immanuel Kant an (der ja bekanntlich schon lange tot ist). Nein, sie laden uns unter anderem dazu ein, darüber nachzudenken, ob es gut für uns und die Natur ist, wenn wir über die Natur immer nur in Bezug auf uns Menschen nachdenken und reden. Unter Umweltschützern wird diese Frage heiss diskutiert: müssen wir zur Natur Sorge tragen, weil wir ein Teil von ihr sind und die Zerstörung der Natur letztlich auf uns zurückschlägt (das wäre die Antwort eines "Korrelationisten"). Oder müssen wir das Eigenrecht der Natur ganz unabhängig von uns anerkennen, weil erst das uns vielleicht einmal davon abhalten wird, die Natur ständig unseren Begriffen und Technologien zu unterwerfen (das wäre die Antwort eines "spekulativen Realisten"). Mit anderen Worten: der Korrelationist sieht die Natur immer nur in Bezug auf sich selbst und redet von "Mutter Erde" und "der Welt, die wir unseren Nachkommen überlassen werden." Der spekulative Realismus würde darauf hinweisen, dass derartiges Denken und Sprechen etwas zutiefst egoistisches und auf den Menschen fixiertes hat: die Natur hat ihren Wert nur in Bezug auf den Menschen; sie ist kein Wert an sich. Genau derartige Überzeugungen, so würden spekulative Realisten argumentieren, haben die technologische Unterwerfung der Natur durch den Menschen (von Blitzableitern zu gigantischen Dammprojekten und Biokraftstoffen), erst möglich gemacht.

    Ich denke, dass derartige Fragen nach den Dingen und der Welt an sich (hier: der Natur) schon relevant sind. Was die Steuergelder betrifft, mag vielleicht der Gedanke helfen, dass die Naturwissenschaft ähnlich (ir)relevanten Fragen nach den Dingen an sich auf der Spur ist, zum Beispiel am CERN. Nur ist diese Forschung sehr, sehr viel teurer.



  6. Inaktiver Nutzer

    am 7.10.2012, 21:06

    keine schnellen, einfachen Antworten. Esoterik ist auch Philosophie (wenn auch in einfacheren Worten).

  7. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 8.10.2012, 11:10

    Wer hätte das gedacht, dass der spekulative Realismus gleich einen Streit über die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Forschung auslösen würde. Ich will den auch gar nicht abwürgen. Aber vielleicht lässt sich das eine Thema (Korrelationismus ja oder nein und wenn ja wieviel) mit dem anderen (die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Spekulation) verbinden.

    Zum Beispiel wenn ich mich auf Ridvans Beantwortung meiner Frage konzentriere, wonach Brassier durchaus überzeugt ist,... mehrWer hätte das gedacht, dass der spekulative Realismus gleich einen Streit über die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Forschung auslösen würde. Ich will den auch gar nicht abwürgen. Aber vielleicht lässt sich das eine Thema (Korrelationismus ja oder nein und wenn ja wieviel) mit dem anderen (die gesellschaftliche Relevanz philosophischer Spekulation) verbinden.

    Zum Beispiel wenn ich mich auf Ridvans Beantwortung meiner Frage konzentriere, wonach Brassier durchaus überzeugt ist, dass die Wissenschaft dem Korrelationismus entkommt. Das lässt sich mit Philipps einsichtigem Kommentar zum Egoismus des Korrelationsmus’ verbinden, wenn man die beiden Hauptaspekte des spekulativen Realismus aufeinander bezieht: 1. Die Überwindung des Anthropozentrismus, indem der Fokus auf den Menschen (also der menschliche Egoismus) entfällt. 2. Die Überwindung des erkenntnistheoretischen Relativismus, indem dem Menschen direkter, unverfälschter Zugang zum Sein versprochen wird. Zusammengenommen heisst dies: Der Mensch ist zwar nicht mehr privilegiert als Gegenstand der Erkenntnis und Bezugspunkt der Ethik, gewinnt dafür aber jenseits des Korrelationsmus erkenntnistheoretische Verlässlichkeit zurück. Eigentlich ein guter Deal für das geplagte postmoderne Subjekt. Der Mensch steht zwar nicht mehr im Zentrum, dafür aber um so sicherer; hinter der neuen Bescheidenheit gegenüber der Welt versteckt sich eine neue Selbstgewissheit.

    Aus dieser Perspektive drängt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Politischen im Philosophischen auf. Bringt der spekulative Realismus, wenn er die Idee objektiver Erkenntnis restauriert (und dies tut Brassier), letztlich auch die Restaurierung universeller Wahrheitsaussagen mit sich?

  8. Ridvan Askin

    am 9.10.2012, 13:17

    Um die Frage gleich mal zu beantworten: ja! Bei Brassier trifft dies sicherlich zu. Allerdings würde Brassier darauf aufmerksam machen, dass Ihre Frage eine zutiefst korrelationistische ist, da sie Philosophie und Politik zusammenwirft. Noch pointierter: sie reduziert Philosophie auf Politik. Während Ihre Ausgangsfrage nach der gesellschaftlichen Relevanz philosophischer Spekulation in der Tat eine legitime sozio-politische Frage ist, hat sie sich am Ende ihres Kommentars in die Frage nach... mehrUm die Frage gleich mal zu beantworten: ja! Bei Brassier trifft dies sicherlich zu. Allerdings würde Brassier darauf aufmerksam machen, dass Ihre Frage eine zutiefst korrelationistische ist, da sie Philosophie und Politik zusammenwirft. Noch pointierter: sie reduziert Philosophie auf Politik. Während Ihre Ausgangsfrage nach der gesellschaftlichen Relevanz philosophischer Spekulation in der Tat eine legitime sozio-politische Frage ist, hat sie sich am Ende ihres Kommentars in die Frage nach universellen Wahrheitsaussagen gewandelt und impliziert dabei, dass diese Frage eine politische Frage ist. Brassier würde hier aber festhalten: die Frage nach der Wahrheit ist mitnichten politisch, sonder genuin philosophisch. Dies ist sogar eine der philosophischsten Fragen überhaupt. Sie als politisch auszugeben ist ein korrelationistischer Move par excellence, der Philosophie zu reiner Ideologie erklärt. Damit wird die Frage nach der Wahrheit sogar verunmöglicht, da, wenn alles nur Ideologie ist, die Wahrheit schon aus dem Spiel genommen ist. Was Brassier wiederbelebt ist also in erster Linie die Möglichkeit überhaupt nach der Wahrheit zu fragen.

    Als zweiten Punkt gilt es festzuhalten, dass, wenn man postuliert, dass Dinge erkennbar sind, dies noch nicht bedeutet, dass sie tatsächlich auch schon erkannt sind. So gesehen gibt uns Brassier auch keinerlei Gewissheit - weder im Bezug auf Dinge, noch im Bezug auf uns selbst (die einzige Gewissheit bei Brassier ist die absolute Bedeutungslosigkeit des Seins; Brassier ist Nihilist) - sondern stellt nur in Aussicht, dass diese Gewissheit womöglich erlangt werden könnte (mit Hilfe der Naturwissenschaft und des wissenschaftlichen Fortschritts). Erkenntnis entsteht bei Brassier also aus dem Zusammenspiel von Naturwissenschaft und Philosophie. Während die Naturwissenschaft sich am Erkennen der Dinge und Objekte abarbeitet, kommt der Philosophie die Aufgabe zu die entsprechende Begriffsarbeit zu leisten. Philosophie ist dann sozusagen eine Wissenschaft des Begriffs und des Verhältnisses von Begriff und Objekt.

    Um schliesslich auf die Frage nach der Politik zurückzukommen, möchte ich zum Abschluss Brassier selbst sprechen lassen (aus oben erwähntem Aufsatz): "The failure to change the world may not be unrelated to the failure to understand it".

  9. Barbara Seiler

    am 10.10.2012, 19:10

    An Herrn Boshears:

    danke für die interessante - wenn auch eher deprimierende - Beschreibung der Lebensumstände in den Universitäten. Da ruf ich doch mit Goehte aus: es möcht kein Hund so länger leben!

    Allerdings beantwortet es die Frage noch nicht: warum sollte ich als Steuerzahlerin diese Institutionen finanzieren? Universitäten müssen keinen Gewinn machen, klar - das erwartet auch niemand von ihnen - aber sie sollten immerhin interessante Ideen liefern.

    Wenn ich von den nachfolgenden... mehrAn Herrn Boshears:

    danke für die interessante - wenn auch eher deprimierende - Beschreibung der Lebensumstände in den Universitäten. Da ruf ich doch mit Goehte aus: es möcht kein Hund so länger leben!

    Allerdings beantwortet es die Frage noch nicht: warum sollte ich als Steuerzahlerin diese Institutionen finanzieren? Universitäten müssen keinen Gewinn machen, klar - das erwartet auch niemand von ihnen - aber sie sollten immerhin interessante Ideen liefern.

    Wenn ich von den nachfolgenden Kommentaren das eine oder andere Beispiel aufgreifen darf:

    Philipp Schweighauser erwähnt dieses "Eigenrecht der Natur", und wir sollten aufhören, "die Natur ständig unseren Begriffen und Technologien zu unterwerfen." - gut. meinetwegen. Und jetzt, wie mache ich das? Wenn ich im Supermarkt vor dem Gemüseregal stehe und darüber nachdenke, was ich wohl einkaufen will, was muss ich tun, um das "Eigenrecht der Natur jenseits von Begriffen zu respektieren"? Ich wähle des öftern "bio", aus ethischen wie geschmacklichen Gründen, aber "Bio" ist ein menschlicher Begriff, definiert anhand der Benutzung ganz bestimmter Kulturtechniken. Der Geschmack ist noch das, was der Natur am nächsten kommt - soll ich also einfach MEINER Natur freien Lauf lassen (oder dem, was ich dafür halte) und alle Kultur vergessen? - so ist das doch sicher nicht gemeint. - kurz, ich steh immer noch vor dem Gemüseregal, ich arme Törin, genauso klug als wie zuvörin.

    Und wenn bei Brassier, dem Nihilisten, die absolute Bedeutungslosigkeit des Seins propagiert wird - nun, ihm mag das zusagen - wenn ich DIESE Philosophie ernst nehmen täte, wäre ich schon längst von einer hohen Brücke gesprungen. autsch. und wenn noch hinten drein das offene Bekenntnis der eigenen Ahnungslosigkeit kommt - "the failure to change the world may not be unrelated to the failure to understand it" - da geht mir der Laden definitiv runter. Ahnungslos sein kann man auch ohne Subventionen. also wirklich.

    von den Philosophen erwarte ich als Steuerzahlerin gute Philosophie - also eine Philosophie, die mir hilft, die Welt besser zu verstehen. Die mir hilft zu entscheiden, welches Gemüse ich kaufen soll, und warum.

  10. Ridvan Askin

    am 12.10.2012, 09:52

    Liebe Frau Seiler,

    das Brassier Zitat haben Sie scheinbar missverstanden; das ist keineswegs ein Eingestaendnis eigener Ahnungslosigkeit, sondern der Vorwurf (an die Philosophie) gerade Fragen das Weltverstaendnis betreffend vernachlaessigt zu haben. Wenn man die Welt veraendern will, muss man sie erst verstehen - und beim zweiten Punkt attestiert Brassier ein grosses Versaeumnis. Brassier tritt also an genau das, was sie einfordern ("eine Philosophie, die mir hilft, die Welt besser zu... mehrLiebe Frau Seiler,

    das Brassier Zitat haben Sie scheinbar missverstanden; das ist keineswegs ein Eingestaendnis eigener Ahnungslosigkeit, sondern der Vorwurf (an die Philosophie) gerade Fragen das Weltverstaendnis betreffend vernachlaessigt zu haben. Wenn man die Welt veraendern will, muss man sie erst verstehen - und beim zweiten Punkt attestiert Brassier ein grosses Versaeumnis. Brassier tritt also an genau das, was sie einfordern ("eine Philosophie, die mir hilft, die Welt besser zu verstehen") einzuloesen. Sein Nihilismus ist dabei nicht Ausgangspunkt, sondern Schlussfolgerung seiner Arbeit: angesichts all der wissenschaftlichen Erkenntnis gilt es zu konstatieren, dass Bedeutung nicht etwas dem Universum eigenes ist, sondern etwas, das wir Menschen hineinlegen. Um das Universum (die Natur, das Sein) also adaequat zu verstehen, muessen wir die Bedeutung wieder herausnehmen.

    Waehrend Brassier sich also genau mit der Frage nach dem Weltverstaendnis beschaeftigt, liefert er in der Tat keine Handlungsanweisung zum Gemuesekauf. Das liegt aber nicht in erster Linie daran, dass Gemuesefragen angesichts kosmologischer Fragen weniger Gewicht haetten (obwohl das vermutlich stimmt), sondern daran, dass Fragen nach dem richtigen Leben solche der Ethik sind.

    Brassier (und der spekulative Realismus insgesamt) beschaeftigt sich aber eben vornehmlich mit Fragen der Metaphysik: dass etwas ist und was es ist. Also nicht: welchen Blumenkohl soll ich kaufen (Bio? genmanipuliert? regional? billig? etc.)? Sondern: was ist Blumenkohl ueberhaupt?

    Wie sich etwas zu etwas Anderem verhaelt wiederum koennte man als Frage der Aesthetik auffassen (Brassier wuerde dem wohl nicht zustimmen, Harman hingegen schon, siehe etwa sein Baumwolle-Feuer Beispiel).