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Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

25.05.2012, 19:34Uhr
:

Das digitale Zeitalter ist eines der perfekten Erinnerung. Die Diskussion über Datenspeicherung hat uns längst erreicht, über Beispiele wie den Missbrauch von Kundendaten oder preisgegebene Informationen im Web 2.0 wurde oft geschrieben. Es kommt also nicht von Ungefähr, dass ein Wikipedia-Eintrag „Recht auf Vergessenwerden“ existiert, die EU im Januar ein Recht auf Vergessen im Netz forderte und es paradoxerweise gar ein „engineering team“ von Google gibt, das sich zum Ziel gesetzt hat, dem Benutzer die eigene Datenverwaltung zu vereinfachen. „Users should be able to control the data they store in any of Google’s products“.  Viktor Mayer-Schönberger beschäftigt sich im heute vorgestellten Buch „Delete. Die Tugend des Vergessens im digitalen Zeitalter“ mit Fragen nach den Folgen dieser perfekten digitalen Erinnerung. Gilt nur noch als wahr, was in Form digitaler Daten vorliegt? 

cover

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Worum es in dem Buch geht? Um die Bedeutung von Vergessen und Erinnern in unserer Gesellschaft und darum, wie sich beides ändert, wenn digitale Speicher keine Grenzen mehr kennen. Mayer-Schöneberger liefert ein Plädoyer fürs Vergessen und fragt, was es bedeutet, wenn wir nicht mehr vergessen können. Seine Forderung: ein Verfallsdatum für Informationen online.

Einige Schlagwörter? Neben Vergessen und Erinnern: Zeit, Macht und „informationelle Unsterblichkeit“. Und natürlich Datenschutz und Vertraulichkeit.

Wie lautet eine zentrale These des Buches? Entgegen gängiger Annahme ist Vergessen kein Makel, sondern ein lebensrettender Vorteil. Indem wir vergessen, gewinnen wir die Freiheit zu generalisieren, verallgemeinernd zu denken und vor allem zu handeln bzw. Entscheidungen zu treffen. Wenn das digitale Gedächtnis die Diskrepanz zwischen persönlicher Erinnerung und Fakten immer mehr aufdeckt, verlieren wir das Vertrauen in unsere Erinnerungsfähigkeit und gehen schliesslich von einer alles dominierenden Vergangenheit in eine völlig geschichtsvergessene Gegenwart über. Das digitale Gedächtnis lässt uns die Wahl zwischen zwei Optionen: einer permanenten Vergangenheit oder einer ignoranten Gegenwart.

Warum ich das Buch empfehle? Weil es daran erinnert, wie wichtig Vergessen ist – für einzelne Individuen, aber auch die gesamte Gesellschaft. Denn das Ende des Vergessens birgt mindestens zwei Gefahren: 1. Verlust der informationellen Selbstbestimmung, wenn Informationsverarbeiter wie Google der Welt Zugang zu X-Milliarden Daten und Informationspartikel verschaffen. 2.  Verlust der Entscheidungsfreiheit einer Gesellschaft, wenn das Vergangene omnipräsent ist.  

Was gegen das Buch spricht? Es handelt von etwas, was der Mensch schon seit Jahrtausenden weiss: gute Information ist wertvoller als viel Information. Andererseits: Sind wir uns dessen heute noch bewusst?

An welche andere Texte mich dieses Buch erinnert? Mayer-Schönberger verweist selbst auf einige, für ihn wichtige Texte. Neben Borges’ Kurzgeschichte "Das unerbittliche Gedächtnis" u.a. auch Foucault: „Wenn Foucault heute noch lebte, würde er zweifellos über das digitale Erinnern als effektives Mittel zur [räumlichen und zeitlichen] panoptischen Kontrolle schreiben.“  Das Panopticon des englischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832) ist der architektonische Vorschlag
eines perfekten Gefängnisses: In der Mitte steht ein Turm, aus dem heraus Wächter die rundherum angeordneten, Gefängniszellen einsehen können. Damit stehen die Gefangenen potenziell permanent unter Beobachtung, was zu einem Verhalten führt, das den Blick der Überwacher einbezieht.  

Und einer meiner Lieblingssätze: „Durch die globale Reichweite der Massenmedien hat sich unser gemeinschaftliches Gedächtnis längst internationalisiert […] und die Digitalisierung hat den gemeinsamen Erinnerungsschatz grösser und globaler gemacht, als er in analogen Zeiten je hätte werden können.“ 


Nach dem Lesen diese Buches, das wichtige Denkanstösse gibt, stellen sich auch Fragen. Zum Beispiel: Können wir als “Generation-Facebook” uns auf die Empfehlung der “Generation Internet-Ausdrucker” – und das ist nicht böse gemeint – verlassen? Woher sollen wir jetzt schon wissen, welche Daten in einigen Jahren relevant sein werden und welche nicht?


Andere fragen stellt Barbara Bleisch dem Autor in Sternstunde Philosophie vom 22.5.2011 direkt: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=f92c524e-82d7-47f7-b6df-910a37228be5
"In einer Welt, in der wir alles erinnern, ist die Erinnerung nichts mehr wert"
(Viktor Mayer-Schönberger ca. bei 51.10')

 

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  1. Kerstin Rutsch

    am 27.05.2012, 19:58

    Grundsätzlich stimme ich Dir zu, dass das Internet Möglichkeiten bietet, schnell an Informationen zu kommen ohne beispielsweise die Hürde Bibliothek nehmen zu müssen. Doch die Entscheidung, an was ich mich erinnere wird mir nicht durch das Internet leichter gemacht. Ich habe den Eindruck, wir vergessen um einiges mehr, seit wir die Quelle Internet anzapfen können. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, Dinge im Kopf zu behalten, weil wir es immer wieder nachschauen können. Und hier ist für... ... mehrGrundsätzlich stimme ich Dir zu, dass das Internet Möglichkeiten bietet, schnell an Informationen zu kommen ohne beispielsweise die Hürde Bibliothek nehmen zu müssen. Doch die Entscheidung, an was ich mich erinnere wird mir nicht durch das Internet leichter gemacht. Ich habe den Eindruck, wir vergessen um einiges mehr, seit wir die Quelle Internet anzapfen können. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, Dinge im Kopf zu behalten, weil wir es immer wieder nachschauen können. Und hier ist für mich ein grosses Problem:
    Zum einen kann ich nicht mehr nachvollziehen, was sich seit der letzten Konsultation verändert hat, ob etwas umgeschrieben wurde. In diesem Zusammenhang würde mich noch interessieren, was Du genau mit Erinnerungssplittern meinst?
    Möglicherweise finde ich auch bestimmte Artikel nicht mehr, weil sich Suchalgorithmen verändert haben.

    Zum anderen überlassen wir dem Internet die Erinnerung, wir bemühen uns nicht mal mehr, weil wir (vermeintlich) wissen, dass wir es immer wieder nachschauen können. Für mich erscheint das als eine problematische Entwicklung. Ich merke selbst, dass es mir so geht und fühle mich in einer Abhängigkeit, die mir unangenehm ist. Ich glaube nicht, dass der Mensch mehr Kapazitäten hat Zusammenhänge zu knüpfen, wenn er die dazugehörigen Daten ausschliesslich aus dem Internet beziehen kann. Der Denkprozess wird zwar durch immer weitere Links immer wieder neu angeregt, aber schlussendlich auch (fremd-?) gesteuert.

    Die Geschwindigkeit mit, der sich das Internet zur „Fundgrube von Informationen“ entwickelt hat, bedarf ein neues Verständnis von Wissen und vor allem von Bildung. Das Bildungswesen kann dieser Entwicklung nur hinterherhinken. Woran erkennen wir, was gute Informationen sind, und wie lernen wir zu selektieren, bevor wir alles wieder vergessen. Für mich löst das ein bisschen den Begriff der Bildung auf – welches Wissen ist denn noch wichtig oder essentiell, und wer entscheidet darüber?

    Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich kann Konrad Paul Liessmann nur zustimmen, wenn er in seinem 2011 neu aufgelegten Buch „Theorie der Unbildung“ schreibt:
    „ Dort, wo es um Sinn, um Bedeutung, um Zusammenhänge und Verständnis geht, wird solches Wissen nur dann weiterhelfen, wenn mehr gewusst wird, als die Pfade von Suchoptionen.“

    DELETE habe ich auf jeden Fall nach Artikel und Kommentar bestellt und bin gespannt auf die Lektüre und vielleicht neue Einsichten.

  2. everSin

    am 27.05.2012, 21:47

    Grundsätzlich bin ich dem Umstand gegenüber, dass das Internet nichts vergisst ebenfalls optimistisch eingestellt, weil es als digitales Medium nunmal mit vielen Vorteilen ausgestattet ist, von denen die (gefühlte) unendliche Speicherkapazität einer ist. Ich finde aber eure Einwände richtig und wichtig: Einerseits die Frage, was passiert mit den Informationen unterdessen? Also dann wenn ich sie nicht vor Augen und - weil vergessen - auch nicht präsent habe. (Auch die Frage nach der Art der... ... mehrGrundsätzlich bin ich dem Umstand gegenüber, dass das Internet nichts vergisst ebenfalls optimistisch eingestellt, weil es als digitales Medium nunmal mit vielen Vorteilen ausgestattet ist, von denen die (gefühlte) unendliche Speicherkapazität einer ist. Ich finde aber eure Einwände richtig und wichtig: Einerseits die Frage, was passiert mit den Informationen unterdessen? Also dann wenn ich sie nicht vor Augen und - weil vergessen - auch nicht präsent habe. (Auch die Frage nach der Art der Information ist intressant. Was soll vergessen werden und was nicht? und Wer beantwortet diese Frage wie?)
    Allerdings würde ich die Abhängigkeit die daraus entsteht nicht ausschliesslich als negativ kritisches Argument dagegen verwenden. Jede technische Erneuerung mit solcher Tragweite führt uns letztendlich in eine gewisse Art der Abhängigkeit. Natürlich stellt sich dann sofort die Frage "was passiert wenn es ausfällt, der von einem Tag auf den anderen ausgeschaltet wird?" aber diese Fragen stellen sich auch bei längst als selbstverständlich akzeptierten Dingen, wie einer funktionierenden Signalisierung im Strassenverkehr, der Stromversorgung, gefüllten Einkaufshäusern, usw... Das Internet verändert unseren Umgang mit Informationen zwar dahingehend, dass wir es benötigen um gewisse Dinge richtig zu reproduzieren. Jedoch sehe ich im Vergleich zu dir @Kerstin, darin kein Problem - eher eine Erleichterung (Das Wissen wächst explosionsartig weiter an - Universalgenies gibts schon lange nicht mehr). Wo Du sagst, dass keine neuen Kapazitäten frei werden sehe ich das Internet eher als eine Denkstütze: Genauso wie wir ein Mindmap benötigen um komplexe Gedanken optisch zu ordnen, betrachte ich das Internet als digitalen Assistenten, der die nötigen hard-facts liefert, mit denen wir dann erst die kreative Arbeit beginnen.
    Fremdbestimmt? Das hängt dann vom Umgang damit ab. Ich kann auch durch ein Buch fremdbestimmt werden. Genau deswegen bin ich mit dir komplett einer Meinung wenn du sagst, dass wir ein neues Verständnis von Wissen und Bildung erarbeiten müssen.
    Dieses Verständnis sollte eine grosse Bandbreite von wichtigen Punkten beinhalten, wie: Internet ansich; was ist seine grundlegende Funktionsweise und welche Konsequenzen hat das zur Folge für den User, Informationen und den Umgang damit? (Also genau das, was wir gerade disskutieren). Wo finde ich verlässliche Quellen online? Wie unterscheide ich nonsense von brauchbarem Inhalt? (Fragen die mehrheitlich auf produktives Wissen abzielen - jedoch sind solche Überlegungen auch notwendig im Zusammenhang mit persönlichen Daten, die ebenso als (auf eine andere Art und weise wertvolle) Information gewertet werden müssen)

  3. Marlene Bürgi

    am 29.05.2012, 10:11

    Dass der selektive, kognitive Prozess des „Sich-Erinnerns“ im 21. Jahrhundert immer hinfälliger wird, ist unbestritten wahr. Wenn schon Goethe die Bücherflut kritisch kommentierte, wie soll man dann dem infiniten digitalen Archiv gegenüberstehen?
    „Erinnern war die Ausnahme, Vergessen die Norm“, wie Viktor Mayer-Schönberger selber in einem Artikel für den „Focus Online“ bemerkt. Heute ist es aber genau umgekehrt: Vergessen im Internet ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Alles wird... ... mehrDass der selektive, kognitive Prozess des „Sich-Erinnerns“ im 21. Jahrhundert immer hinfälliger wird, ist unbestritten wahr. Wenn schon Goethe die Bücherflut kritisch kommentierte, wie soll man dann dem infiniten digitalen Archiv gegenüberstehen?
    „Erinnern war die Ausnahme, Vergessen die Norm“, wie Viktor Mayer-Schönberger selber in einem Artikel für den „Focus Online“ bemerkt. Heute ist es aber genau umgekehrt: Vergessen im Internet ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Alles wird archiviert, alles soll erinnert werden.
    Doch so zentral Vergessen für die Gesellschaft und deren kulturelles Gedächtnis sein mag, sehe ich meinerseits ein wesentliches Gefahrenpotential in der Opulenz an Informationen. „Information overload“ signalisiert insofern eine unüberschaubare Masse an digitalen Daten. Die Kunst im Umgang damit liegt also im selektiven Prozess des Nutzers – die Kompetenz verwendbare Informationen herauszufiltern. Denn in dem riesigen Pool von Daten sagt uns niemand was brauchbar ist und was nicht.
    Der selektive Prozess eine Auswahl zu treffen, verstehe ich nicht nur im Bereich der Kompetenzfrage als ein Mienenfeld, denn hat der Nutzer eine Selektion an Informationen getroffen, sind diese weder verifizierbar Korrekt noch zwingend Authentisch. Die potentielle Gefahr im Internet auf manipulierte oder modifizierte Inhalte zu stossen, kann meiner Meinung nach niemals vollständig ausgeschlossen werden.

    Allerdings muss ich mein Unbehagen ein wenig relativieren, schliesslich zeigt ein Buch wie Mayer-Schönebergers „DELETE“, dass das Bewusstsein gegenüber den Gefahren, aber auch den Vorzügen des Internets partiell geschärft wird.
    Doch reicht das Bewusstsein alleine, um einen versierten Umgang im riesigen Datenarchiv anzustreben?

  4. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 1.06.2012, 09:39

    Interessant Kerstin Rutschs Befürchtung, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, was sich seit der letzten Konsultation einer Website verändert hat, „ob etwas umgeschrieben wurde“. Das zielt auf die Unterfunktion des Mega-Archivs WWW: Das Vergangene, Gespeicherte kann nachträglich verändert, also „umgespeichert“ werden. So ist nicht nur das Erinnern des Vergangenen durch die Gegenwart geprägt (was immer der Fall war, Stichwort: strategisches Erinnern/Vergessen im Sinne dessen, wie die... ... mehrInteressant Kerstin Rutschs Befürchtung, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, was sich seit der letzten Konsultation einer Website verändert hat, „ob etwas umgeschrieben wurde“. Das zielt auf die Unterfunktion des Mega-Archivs WWW: Das Vergangene, Gespeicherte kann nachträglich verändert, also „umgespeichert“ werden. So ist nicht nur das Erinnern des Vergangenen durch die Gegenwart geprägt (was immer der Fall war, Stichwort: strategisches Erinnern/Vergessen im Sinne dessen, wie die Gegenwart die Vergangenheit sehen will). Selbst das zur Erinnerung bereitstehende Vergangene kann nun aus der Gegenwart heraus noch strategisch manipuliert werden.

  5. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 1.06.2012, 11:40

    Ja, und weil andererseits unser Handeln sich immer mehr im Internet vollzieht bzw. präsentiert, stellt sich die Frage nach der Vergebung. Können wir noch darauf bauen, dass eine Äußerung oder Aktion, auf die wir später nicht mehr stolz sind, sich mit der Zeit verliert? Welche Konsequenzen hat dieses Nicht-Vergessen für das menschliche Miteinander?

    Niemand entkommt mehr seinen Jugendsünden, weswegen der einstige Google-CEO Eric Schmidt 2010 mal dahin sagte, in Zukunft solle jeder junge... ... mehrJa, und weil andererseits unser Handeln sich immer mehr im Internet vollzieht bzw. präsentiert, stellt sich die Frage nach der Vergebung. Können wir noch darauf bauen, dass eine Äußerung oder Aktion, auf die wir später nicht mehr stolz sind, sich mit der Zeit verliert? Welche Konsequenzen hat dieses Nicht-Vergessen für das menschliche Miteinander?

    Niemand entkommt mehr seinen Jugendsünden, weswegen der einstige Google-CEO Eric Schmidt 2010 mal dahin sagte, in Zukunft solle jeder junge Mensch das Recht haben, mit Volljährigkeit seinen Namen zu wechseln, damit ihm seine Jugendsünden nicht mehr anhängen. Auch Politiker haben schon ein Verfallsdatum für Social Network-Daten vorgeschlagen.

    Was sie meinen, zeigt das Beispiel, mit dem Mayer-Schönberger sein Buch beginnt: Eine Lehrer-Studentin, die ein Foto von sich mit dem Titel „drunken pirate“ im Netz veröffentlichte. Eigentlich harmlos, denn sie sieht gar nicht betrunken aus auf dem Foto. Sie hat den Studienabschluss aber trotzdem nicht bekommen. Weil man solche Leute nicht auf Schüler loslassen könne. Da half auch die Klage vor dem Bundesgericht nicht. Und was, wenn sie wirklich betrunken gewesen wäre?!

    Die Frage des Nichtvergessens wird damit zu einer moralischen Frage: Das Mega-Archiv WWW ändert das kulturelle Verhalten in der Gegenwart. Anders gefragt: Wird man nicht schon das gemeinsame Trinken vermeiden, wenn man nicht kontrollieren kann, wer welche Bilder ins Netz stellt und wer sie später aufsucht? (Denn man muss die Bilder ja gar nicht, wie jene Studentin, selbst ins Netz stellen. Oder den eigenen Namen taggen. Das erledigt schon andere oder die Bilderkennungssoftware.)

    Erzwingt der nachträgliche Panoptismus, der alles Geschehene allen sichtbar macht, also vorauseilenden Gehorsam? Die Gegenperspektive wäre, dass jedes Bier-Party-Foto online gestellt eine Trotzhandlung ist gegen alle künftige Arbeitgeber. Betrunkene Piraten als Kulturrevolution?

  6. AutorIn des Artikels

    Marion Regenscheit

    am 3.06.2012, 22:23

    Betrunkene Piraten als Kulturrevolution klingt wunderbar, leider in meinen Ohren auch utopisch. Warum? Weil es vermutlich bereits zu viel vorauseilende Gehorsam gibt bzw. in den Schulen momentan nicht revolutionärer Medienumgang gelehrt wird sondern – ein Blick auf ein beliebtes Lehrmittel in diesem Bereich ("Medienkompass" 1+2) bestätigt das – Schulen sich darum bemühen bei Kindern und Jugendlichen eine erhöhte Sensibilität im Umgang mit privater Information in Internet zu schaffen. Es... ... mehrBetrunkene Piraten als Kulturrevolution klingt wunderbar, leider in meinen Ohren auch utopisch. Warum? Weil es vermutlich bereits zu viel vorauseilende Gehorsam gibt bzw. in den Schulen momentan nicht revolutionärer Medienumgang gelehrt wird sondern – ein Blick auf ein beliebtes Lehrmittel in diesem Bereich ("Medienkompass" 1+2) bestätigt das – Schulen sich darum bemühen bei Kindern und Jugendlichen eine erhöhte Sensibilität im Umgang mit privater Information in Internet zu schaffen. Es wird ihnen beigebracht ganz bewusst nur "unverfängliche Informationen" über sich im Internet preiszugeben. Natürlich ist daran nichts auszusetzen. Wünschte man sich aber eine Kulturrevolution, eine globale Flucht aus der Selbstzensur, müsste auch im Bereich der Medienbildung erneutes dynamisches (um)Denken gefordert werden, was die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit angeht. Denn hier - so scheint es - wir der Prozesshaftigkeit und Komplexität dieser sozialen Entwicklung keine Rechnung getragen. Somit schliesse ich mich den Kommentaren vieler an, die hier ein neues Verständnis von Wissen und Bildung fordern. Eben genau weil, wie Flo schreibt, die Verantwortung der Rezipient alleine trägt. Ich bin aber zuversichtlich, dass auch in Schulen (und Lehrmitteln) die Grundlagen für ein kritisches Bewusstsein gegenüber den Gefahren, aber auch den Vorzügen des Internets, geschaffen werden können.
    Für alle Mewis: Es gibt übrigens im nächsten Semester ein Seminar, dass sich mit Medientheorie als Medienkompetenz befasst. Vielleicht diskutieren wir da gemeinsam weiter?

  1. Manuel Thomas

    am 27.05.2012, 12:02

    Interessantes Buch mit bemerkenswerten, kulturgeschichtlichen Hintergrund. Musste man sich einst beschränken, was archiviert wurde, respektive an was erinnert werden sollte, besteht dieses Problem seit den literalen Gesellschaften nicht mehr: Alles kann archiviert, nicht aber alles gelesen werden. Das Internet, das keine bis kaum eine Gatekeeper-Funktion hat wie die Massenmedien Buch, Zeitung, Fernsehen, ist so gesehen eine radikale Zuspitzung dessen: Wirklich alles kann archiviert werden,... mehrInteressantes Buch mit bemerkenswerten, kulturgeschichtlichen Hintergrund. Musste man sich einst beschränken, was archiviert wurde, respektive an was erinnert werden sollte, besteht dieses Problem seit den literalen Gesellschaften nicht mehr: Alles kann archiviert, nicht aber alles gelesen werden. Das Internet, das keine bis kaum eine Gatekeeper-Funktion hat wie die Massenmedien Buch, Zeitung, Fernsehen, ist so gesehen eine radikale Zuspitzung dessen: Wirklich alles kann archiviert werden, nicht aber alles kann gelesen, gesehen, gehört werden – Platons grösster Albtraum scheint Wirklichkeit geworden. Was mich persönlich allerdings mehr besorgt: Dadurch, dass Erinnerungen digitalisiert im Netz sind, können diese problemlos verändert, modifiziert, manipuliert werden, was zu einem weitreichenden Problem führt: Kann ich den Erinnerungssplittern, die ich im Internet finden kann, überhaupt noch trauen?
    Und, selbst wenn man den Aspekt der Manipulierbarkeit ausser Acht lässt und man den schönen und demokratischen Gedanken akzentuiert, dass das Internet den Usern ermöglicht Erinnerungen zu tradieren, zu digitalisieren, eröffnen sich Felder, die es zu problematisieren, zu diskutieren gilt: Sicherlich, gute Information ist wertvoller als viel Information, nur: Was bedeutet denn überhaupt „gute Information“? Gesellschaften und politischen Systeme wollten dies in der Geschichte versuchen zu beantworten – die Kanonisierung von Wissen und die Zensur waren die Folge. Ist das Internet so gesehen nicht die Chance, den Bürger aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszuholen und ihn entscheiden zu lassen, welches Wissen er sich aneignen und an was er sich erinnern möchte; er sich seines eigenen Verstandes bedienen kann? Ist Kants Traum geworden? Oder denke ich in dieser Hinsicht zu naiv, und oder zu optimistisch?

  2. Kerstin Rutsch

    am 27.05.2012, 19:58

    Grundsätzlich stimme ich Dir zu, dass das Internet Möglichkeiten bietet, schnell an Informationen zu kommen ohne beispielsweise die Hürde Bibliothek nehmen zu müssen. Doch die Entscheidung, an was ich mich erinnere wird mir nicht durch das Internet leichter gemacht. Ich habe den Eindruck, wir vergessen um einiges mehr, seit wir die Quelle Internet anzapfen können. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, Dinge im Kopf zu behalten, weil wir es immer wieder nachschauen können. Und hier ist für... mehrGrundsätzlich stimme ich Dir zu, dass das Internet Möglichkeiten bietet, schnell an Informationen zu kommen ohne beispielsweise die Hürde Bibliothek nehmen zu müssen. Doch die Entscheidung, an was ich mich erinnere wird mir nicht durch das Internet leichter gemacht. Ich habe den Eindruck, wir vergessen um einiges mehr, seit wir die Quelle Internet anzapfen können. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, Dinge im Kopf zu behalten, weil wir es immer wieder nachschauen können. Und hier ist für mich ein grosses Problem:
    Zum einen kann ich nicht mehr nachvollziehen, was sich seit der letzten Konsultation verändert hat, ob etwas umgeschrieben wurde. In diesem Zusammenhang würde mich noch interessieren, was Du genau mit Erinnerungssplittern meinst?
    Möglicherweise finde ich auch bestimmte Artikel nicht mehr, weil sich Suchalgorithmen verändert haben.

    Zum anderen überlassen wir dem Internet die Erinnerung, wir bemühen uns nicht mal mehr, weil wir (vermeintlich) wissen, dass wir es immer wieder nachschauen können. Für mich erscheint das als eine problematische Entwicklung. Ich merke selbst, dass es mir so geht und fühle mich in einer Abhängigkeit, die mir unangenehm ist. Ich glaube nicht, dass der Mensch mehr Kapazitäten hat Zusammenhänge zu knüpfen, wenn er die dazugehörigen Daten ausschliesslich aus dem Internet beziehen kann. Der Denkprozess wird zwar durch immer weitere Links immer wieder neu angeregt, aber schlussendlich auch (fremd-?) gesteuert.

    Die Geschwindigkeit mit, der sich das Internet zur „Fundgrube von Informationen“ entwickelt hat, bedarf ein neues Verständnis von Wissen und vor allem von Bildung. Das Bildungswesen kann dieser Entwicklung nur hinterherhinken. Woran erkennen wir, was gute Informationen sind, und wie lernen wir zu selektieren, bevor wir alles wieder vergessen. Für mich löst das ein bisschen den Begriff der Bildung auf – welches Wissen ist denn noch wichtig oder essentiell, und wer entscheidet darüber?

    Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich kann Konrad Paul Liessmann nur zustimmen, wenn er in seinem 2011 neu aufgelegten Buch „Theorie der Unbildung“ schreibt:
    „ Dort, wo es um Sinn, um Bedeutung, um Zusammenhänge und Verständnis geht, wird solches Wissen nur dann weiterhelfen, wenn mehr gewusst wird, als die Pfade von Suchoptionen.“

    DELETE habe ich auf jeden Fall nach Artikel und Kommentar bestellt und bin gespannt auf die Lektüre und vielleicht neue Einsichten.

  3. everSin

    am 27.05.2012, 21:47

    Grundsätzlich bin ich dem Umstand gegenüber, dass das Internet nichts vergisst ebenfalls optimistisch eingestellt, weil es als digitales Medium nunmal mit vielen Vorteilen ausgestattet ist, von denen die (gefühlte) unendliche Speicherkapazität einer ist. Ich finde aber eure Einwände richtig und wichtig: Einerseits die Frage, was passiert mit den Informationen unterdessen? Also dann wenn ich sie nicht vor Augen und - weil vergessen - auch nicht präsent habe. (Auch die Frage nach der Art der... mehrGrundsätzlich bin ich dem Umstand gegenüber, dass das Internet nichts vergisst ebenfalls optimistisch eingestellt, weil es als digitales Medium nunmal mit vielen Vorteilen ausgestattet ist, von denen die (gefühlte) unendliche Speicherkapazität einer ist. Ich finde aber eure Einwände richtig und wichtig: Einerseits die Frage, was passiert mit den Informationen unterdessen? Also dann wenn ich sie nicht vor Augen und - weil vergessen - auch nicht präsent habe. (Auch die Frage nach der Art der Information ist intressant. Was soll vergessen werden und was nicht? und Wer beantwortet diese Frage wie?)
    Allerdings würde ich die Abhängigkeit die daraus entsteht nicht ausschliesslich als negativ kritisches Argument dagegen verwenden. Jede technische Erneuerung mit solcher Tragweite führt uns letztendlich in eine gewisse Art der Abhängigkeit. Natürlich stellt sich dann sofort die Frage "was passiert wenn es ausfällt, der von einem Tag auf den anderen ausgeschaltet wird?" aber diese Fragen stellen sich auch bei längst als selbstverständlich akzeptierten Dingen, wie einer funktionierenden Signalisierung im Strassenverkehr, der Stromversorgung, gefüllten Einkaufshäusern, usw... Das Internet verändert unseren Umgang mit Informationen zwar dahingehend, dass wir es benötigen um gewisse Dinge richtig zu reproduzieren. Jedoch sehe ich im Vergleich zu dir @Kerstin, darin kein Problem - eher eine Erleichterung (Das Wissen wächst explosionsartig weiter an - Universalgenies gibts schon lange nicht mehr). Wo Du sagst, dass keine neuen Kapazitäten frei werden sehe ich das Internet eher als eine Denkstütze: Genauso wie wir ein Mindmap benötigen um komplexe Gedanken optisch zu ordnen, betrachte ich das Internet als digitalen Assistenten, der die nötigen hard-facts liefert, mit denen wir dann erst die kreative Arbeit beginnen.
    Fremdbestimmt? Das hängt dann vom Umgang damit ab. Ich kann auch durch ein Buch fremdbestimmt werden. Genau deswegen bin ich mit dir komplett einer Meinung wenn du sagst, dass wir ein neues Verständnis von Wissen und Bildung erarbeiten müssen.
    Dieses Verständnis sollte eine grosse Bandbreite von wichtigen Punkten beinhalten, wie: Internet ansich; was ist seine grundlegende Funktionsweise und welche Konsequenzen hat das zur Folge für den User, Informationen und den Umgang damit? (Also genau das, was wir gerade disskutieren). Wo finde ich verlässliche Quellen online? Wie unterscheide ich nonsense von brauchbarem Inhalt? (Fragen die mehrheitlich auf produktives Wissen abzielen - jedoch sind solche Überlegungen auch notwendig im Zusammenhang mit persönlichen Daten, die ebenso als (auf eine andere Art und weise wertvolle) Information gewertet werden müssen)

  4. Manuel Thomas

    am 27.05.2012, 23:54

    @Kerstin: In Anlehnung an Walter Benjamins "Über den Begriff der Geschichte" ist die Jetztzeit mit Splittern der Vergangenheit gefüllt, die es aus der Historie herauszusprengen gilt; die Splitter sind so gesehen die Bruchstücke, die isolierten Erlebnisse eines grossen Ganzen, wobei dies, auf das Internet übertragen, eben zu den angesprochenen Problemen führt: Kann ich diesen Splittern noch trauen (wer weiss, vielleicht wurden die Splitter bemalt, geschliffen, zerkleinert)? Und mit Bezug auf... mehr@Kerstin: In Anlehnung an Walter Benjamins "Über den Begriff der Geschichte" ist die Jetztzeit mit Splittern der Vergangenheit gefüllt, die es aus der Historie herauszusprengen gilt; die Splitter sind so gesehen die Bruchstücke, die isolierten Erlebnisse eines grossen Ganzen, wobei dies, auf das Internet übertragen, eben zu den angesprochenen Problemen führt: Kann ich diesen Splittern noch trauen (wer weiss, vielleicht wurden die Splitter bemalt, geschliffen, zerkleinert)? Und mit Bezug auf eure Diskussion: Wo ist der Zusammenhang, der Kontext aus dem der Splitter herausgesprengt wurde? Dadurch, dass ich nur noch Splitter wahrnehme: Führt dies nur zu punktuellen Wissen, wie es Liessmann anprangert? Ist nicht mehr der Weg das Ziel? Dies ist philosophisch verheerend, wissenschaftsgeschichtlich aber interessant wie ich finde: Auf wie viele Ideen die umgesetzt wurden, die gedruckt wurden, kamen diejenigen, die im Papierkorb landeten? Optimistisch gesehen: Auch Fehlinterpretationen führen zu brauchbaren Ergebnissen und dadurch, dass eben alles tradiert wird und aufrufbar ist, bekommen wir den Weg zum Ziel mit all seinen Abzweigungen, Sackgassen et cetera besser mit. Pessimistisch gesehen: Das Internet als gigantischer Papierkorb. Vielleicht kommt hier der Faktor der Fremdbestimmtheit ins Spiel, denn: Schon beim Buch, wie everSin richtig bemerkt, kann ich fremdbestimmt werden, aber auch beim Film, beim Fernsehen wie die Geschichte gezeigt ist, ist es doch erst gang und gäbe, das neue Medium zu kritisieren: Sokrates sprach gegen die Schrift, Johann Heinrich Campe gegen das Lesen, Daniel Dafoe sah das Theater als Brutstätte des Verbrechens an, Viktor Noack griff das Kino an, Neil Postman war gegen das Fernsehen - was alle dabei gemein haben ist eben ein kritisches Bewusstsein; ein kritisches Bewusstsein welches wir uns aktuell erarbeiten müssen, um nicht fremdbestimmt zu werden, um eine Art Wissens-Recycling zu betreiben und die Splitter in seinen Kontext setzen zu können. Allerdings muss man im Zuge dieser Diskussion, wie everSin anmerkt, sicherlich auch differenzieren von "produktiven Wissen" und persönliche Daten, für die eigenständige Kategorien nötig sind und für die es interessante Ideen gibt, wie das Konzept von Schönberger gespeicherte, private Daten mit einem Verfallsdatum zu versehen. Allerdings: Persönliche Erfahrungen in Arabien oder Iran, die getwittert wurden und die zweifelsohne einem historischen Kontext angehören: Sollen auch diese Informationen ein Ablaufdatum haben?

  5. Urs Häfliger

    am 28.05.2012, 09:05

    Mir stellen sich nach der Lektüre einzelne Fragen. Das Vergessen an sich ist wichtig, doch wie wichtig ist es im Normalfall für den Einzelnen? Wie ist diese Frage genau zu verstehen? Wenn ich nun Informationen über mich selbst veröffentliche, muss ich diese Informationen auch unbedingt wieder vergessen wollen? In dieser Beziehung verhält sich das Internet wie jedes andere Medium. Wenn es medial aufgezeichnet wurde, wird dem zu vergessenden Ereignis immer eine Erinnerung angeheftet. Wurde... mehrMir stellen sich nach der Lektüre einzelne Fragen. Das Vergessen an sich ist wichtig, doch wie wichtig ist es im Normalfall für den Einzelnen? Wie ist diese Frage genau zu verstehen? Wenn ich nun Informationen über mich selbst veröffentliche, muss ich diese Informationen auch unbedingt wieder vergessen wollen? In dieser Beziehung verhält sich das Internet wie jedes andere Medium. Wenn es medial aufgezeichnet wurde, wird dem zu vergessenden Ereignis immer eine Erinnerung angeheftet. Wurde diese Information nun von anderen gespeichert, haben wir selbst keine Macht darüber, somit auch was das kollektive Vergessen anbelangt. Wir selbst können dann nicht entscheiden, zu vergessen, ausser für uns selbst. Ist es dann immer noch notwendig, dass wir vergessen wollen und so die Macht über den Vergessensprozess im Internet benötigen? Vielleicht denke ich auch zu weit. Ich sehe es als Vorteil an, wenn wir entscheiden können, ob wir vergessen dürfen und somit auch löschen (im Internet), dies doch nicht als notwendig, denn was hat diese Information, die ich vergessen möchte für einen Zweck, wenn ich sie ausserhalb des Internets schon vergessen habe? Persönlich kaum einen, denn sonst wäre sie als wichtig betrachtet worden und ein Löschversuch gemacht worden.
    Desweiteren denke ich auch dass das angesammelte Wissen im Internet dazu verführt sich kaum etwas merken zu müssen, durch Mobiltelefone mit 3G ist das Wissen allgegenwärtig, aber auch der Beigeschmack des Unwissens unseres mentalen Speichers. Das Mobiltelefon, in seiner Grösse und Fähigkeit zum Spielzeug verkommen, ersetzt teilweise die Allgemeinbildung. So gesehen brauchen wir ein Internetvergessen, um unser Erinnern zu stärken.

  6. Flo Kliebens

    am 28.05.2012, 18:17

    Dieses Buch scheint in der Tat sehr interessant zu sein. Das Thema ist natürlich topaktuell. Spannend ist vor allem das "Plädoyer fürs Vergessen", um einen Vergleich zu Friedrich Nietzsche zu ziehen. Durch die alles archivierende und nicht wirklich löschbare Funktion des Internets entsteht eine immense Datenmenge, dessen Fülle für das menschliche Gehirn unmöglich nutz- und speicherbar ist. Was aber ist neben der Datenmenge die grosse Veränderung von der Bibliothek zum Internet als... mehrDieses Buch scheint in der Tat sehr interessant zu sein. Das Thema ist natürlich topaktuell. Spannend ist vor allem das "Plädoyer fürs Vergessen", um einen Vergleich zu Friedrich Nietzsche zu ziehen. Durch die alles archivierende und nicht wirklich löschbare Funktion des Internets entsteht eine immense Datenmenge, dessen Fülle für das menschliche Gehirn unmöglich nutz- und speicherbar ist. Was aber ist neben der Datenmenge die grosse Veränderung von der Bibliothek zum Internet als "Wissensspeicher"? - Dass keine (zensurierende) Filterfunktion im Internet besteht. Das hat zur Folge, dass alles im Internet festgehalten wird und nicht mehr in einen kleineren Kanon (wie in der Bibliothek) reduziert werden muss/kann. Jeder kann somit für sich selbst entscheiden, was als wichtig angesehen wird oder vergessen werden kann. Die Verantwortung trägt folglich der Rezipient alleine. Hier öffnet sich natürlich ein riesiges Feld der Freiheit, das in meinen Augen aber grosse Gefahren mit sich bringt. Gesellschaftlich relevante Dinge können von Nutzern sehr einfach übergangen oder vergessen werden, weil sich das Gedächtnis als Konsequenz der enormen Informations- und v.a. Unterhaltungsfülle Platz für eher Irrelevantes verschaffen muss. Der Nutzer ist durch das Internet vermehrt an den Drücker gekommen, was eine Debatte der vielgenannten Medienkompetenz auslöst.

  7. Marlene Bürgi

    am 29.05.2012, 10:11

    Dass der selektive, kognitive Prozess des „Sich-Erinnerns“ im 21. Jahrhundert immer hinfälliger wird, ist unbestritten wahr. Wenn schon Goethe die Bücherflut kritisch kommentierte, wie soll man dann dem infiniten digitalen Archiv gegenüberstehen?
    „Erinnern war die Ausnahme, Vergessen die Norm“, wie Viktor Mayer-Schönberger selber in einem Artikel für den „Focus Online“ bemerkt. Heute ist es aber genau umgekehrt: Vergessen im Internet ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Alles wird... mehrDass der selektive, kognitive Prozess des „Sich-Erinnerns“ im 21. Jahrhundert immer hinfälliger wird, ist unbestritten wahr. Wenn schon Goethe die Bücherflut kritisch kommentierte, wie soll man dann dem infiniten digitalen Archiv gegenüberstehen?
    „Erinnern war die Ausnahme, Vergessen die Norm“, wie Viktor Mayer-Schönberger selber in einem Artikel für den „Focus Online“ bemerkt. Heute ist es aber genau umgekehrt: Vergessen im Internet ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Alles wird archiviert, alles soll erinnert werden.
    Doch so zentral Vergessen für die Gesellschaft und deren kulturelles Gedächtnis sein mag, sehe ich meinerseits ein wesentliches Gefahrenpotential in der Opulenz an Informationen. „Information overload“ signalisiert insofern eine unüberschaubare Masse an digitalen Daten. Die Kunst im Umgang damit liegt also im selektiven Prozess des Nutzers – die Kompetenz verwendbare Informationen herauszufiltern. Denn in dem riesigen Pool von Daten sagt uns niemand was brauchbar ist und was nicht.
    Der selektive Prozess eine Auswahl zu treffen, verstehe ich nicht nur im Bereich der Kompetenzfrage als ein Mienenfeld, denn hat der Nutzer eine Selektion an Informationen getroffen, sind diese weder verifizierbar Korrekt noch zwingend Authentisch. Die potentielle Gefahr im Internet auf manipulierte oder modifizierte Inhalte zu stossen, kann meiner Meinung nach niemals vollständig ausgeschlossen werden.

    Allerdings muss ich mein Unbehagen ein wenig relativieren, schliesslich zeigt ein Buch wie Mayer-Schönebergers „DELETE“, dass das Bewusstsein gegenüber den Gefahren, aber auch den Vorzügen des Internets partiell geschärft wird.
    Doch reicht das Bewusstsein alleine, um einen versierten Umgang im riesigen Datenarchiv anzustreben?

  8. Olga Patrycha

    am 29.05.2012, 18:06

    Anschiessend an eure Diskussion:
    1) Dass das Internet nichts vergisst, stimme ich zu. Wie Hünnekens sagte: "Google sieht alles, google vergisst nie" löst viele Problematiken auf. Denn alles was im Internet publiziert, hochgeladen oder geschrieben wird, bleibt zeitlos im virtuellen Raum liegen. Das eigentliche Problem in meinen Augen ist aber, dass viele Leute sich gar nicht über diese Gefahren bewusst sind: Sie passen oft wegen mangelhaften Informationen entsprechend wenig auf und gerade... mehrAnschiessend an eure Diskussion:
    1) Dass das Internet nichts vergisst, stimme ich zu. Wie Hünnekens sagte: "Google sieht alles, google vergisst nie" löst viele Problematiken auf. Denn alles was im Internet publiziert, hochgeladen oder geschrieben wird, bleibt zeitlos im virtuellen Raum liegen. Das eigentliche Problem in meinen Augen ist aber, dass viele Leute sich gar nicht über diese Gefahren bewusst sind: Sie passen oft wegen mangelhaften Informationen entsprechend wenig auf und gerade diese Naivität wird ausgenutzt. Deswegen sollte man gerade in diesem Bereich die Leute sensibilisieren. Dabei können Institutionen wie Schulen um einiges helfen, aber es ist auch eine Aufgabe der Medien die Menschen über die auftauchende Problematiken zu informieren.

    2) Dass die Erinnerungen manipuliert werden können, ist ein weiteres Problem.Verbunden mit diesem Diskurs, können Fragen der Glaubwürdigkeit des Internets auftauchen: falls wir davon ausgehen, dass es keine Sicherheit gibt, was wir im Cyberspace lesen oder finden in der Wirklichkeit entsprechend stimmt, dann verschwindet das Vertrauen. Somit das Paradox, "google vergisst nie" wird immer eine kleinere Rolle spielen, denn es wird immer irrelevanter welche oder wieviele Informationen im Umlauf sich bewegen.

    3) Verbunden mit Vertrauen, tauchen Fragen der guten Information auf. Qualität vs Quantität. Klar ist die Qualität der Informationen viel wichtiger als dessen Quantität. Doch ein weiteres Problem, ist die Suche nach der Qualität. Wegen der Menge an den Informationen, gelingt es immer schieriger an die guten zu landen. Wie oft ist es schon passiert, dass man etwas Spezifisches sucht, und dabei Stunden im NEtz verliert, weil man nur auf nutzlose oder nicht belegbare Information stösst?

    Zum Abschliessen möchte ich noch kurz sagen, dass man nicht vergessen sollte in welchem Zeitalter wir jetzt leben und dass im Raum Internet viele Machtkonstellationen sich entpuppen. Wir können nicht das Internet wegen dessen Risiken aus unserem Privat/Arbeitsleben ausschliessen, doch dass es immer wieder Publikationen wie "Delete" oder Diskussionen wie diese gibt, machen ihren Beitrag, indem sie die Nutzer auf die Gefahren aufmerksam machen und zum überlegen bringen..

  9. everSin

    am 30.05.2012, 10:30

    @Olga ich finde den 2. Punkt, den du auflistest spannend. Wenn ich das richtig verstehe, stellst du dir vor, wie die Benutzer sich durch immer häufigere Falschinformationen vom Internet abwenden.
    Ich mache mir da genau in die andere Richtung Gedanken: Wenn ein Massen-Medium mit der höchstmöglichen Reichweite Informationen "verteilt", die nicht stimmen, schafft es eine andere Realität. Eine die wahrscheinlich sogar breitere Akzeptanz findet als das wirkliche, "reale" Ereignis. Als Beispiel... mehr@Olga ich finde den 2. Punkt, den du auflistest spannend. Wenn ich das richtig verstehe, stellst du dir vor, wie die Benutzer sich durch immer häufigere Falschinformationen vom Internet abwenden.
    Ich mache mir da genau in die andere Richtung Gedanken: Wenn ein Massen-Medium mit der höchstmöglichen Reichweite Informationen "verteilt", die nicht stimmen, schafft es eine andere Realität. Eine die wahrscheinlich sogar breitere Akzeptanz findet als das wirkliche, "reale" Ereignis. Als Beispiel könnte man einen Bericht über einen Autounfall nehmen. In der Wirklichkeit fährt jemand nachts, betrunken gegen einen Baum. Das kriegen vielleicht 50 Leute mit, von Augenzeugen über Rettungspersonal bis zu Polizeibeamten und Familienangehörigen. Irgend ein Online-medium Berichtet aber, dass der Lenker von der Bahn gedrängt wurde, was nicht stimmt. Schlagartig lesen das Millionen von Menschen, kommunizieren das untereinander oder verbreiten es noch weiter. Sie werden höchstwahscheinlich gar nie erfahren wie es "wirklich" war, für sie ist die Realität also diese Falschinformation und sie werden dem Internet deshalb keine Glaubwürdigkeit absprechen.

    vgl. Orwell: "Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit"
    Bei Orwell ist es die Partei, hier in meiner Überlegung das Internet - Was darin steht ist oder war schon immer real. (natürlich sehr übertrieben ausgedrückt)

  10. Verifiziert

    Roberto Simanowski

    am 1.06.2012, 09:39

    Interessant Kerstin Rutschs Befürchtung, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, was sich seit der letzten Konsultation einer Website verändert hat, „ob etwas umgeschrieben wurde“. Das zielt auf die Unterfunktion des Mega-Archivs WWW: Das Vergangene, Gespeicherte kann nachträglich verändert, also „umgespeichert“ werden. So ist nicht nur das Erinnern des Vergangenen durch die Gegenwart geprägt (was immer der Fall war, Stichwort: strategisches Erinnern/Vergessen im Sinne dessen, wie die... mehrInteressant Kerstin Rutschs Befürchtung, dass wir nicht mehr nachvollziehen können, was sich seit der letzten Konsultation einer Website verändert hat, „ob etwas umgeschrieben wurde“. Das zielt auf die Unterfunktion des Mega-Archivs WWW: Das Vergangene, Gespeicherte kann nachträglich verändert, also „umgespeichert“ werden. So ist nicht nur das Erinnern des Vergangenen durch die Gegenwart geprägt (was immer der Fall war, Stichwort: strategisches Erinnern/Vergessen im Sinne dessen, wie die Gegenwart die Vergangenheit sehen will). Selbst das zur Erinnerung bereitstehende Vergangene kann nun aus der Gegenwart heraus noch strategisch manipuliert werden.