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Theaterfestival Basel

8.09.2012, 14:12Uhr

Festivals taugen als Bestandesaufnahmen von Trends. Neuen, oder abgestandenen. Suchen die Theater europaweit immer noch Romane statt Stücke, um sie inszenatorisch aufzubrechen? Brauchen Regisseure weitere Spielwiesen für postdramatische Exerzitien? Ist das Körpertheater zurückgekehrt oder bereits ganz zum Tanz geworden? Filmdrehbücher tauchen ebenso auf dem Radar des Modischen auf wie dokumentarische Vorlagen. Wie wirkt sich das auf Jan Klata aus, der im nächsten Jahr Direktor des Krakauer Theaters wird? Steht er noch für polnische Tradition? Er steht zumindest (noch nicht) für die Festivalszene. Oder hat ihn die globalisierte Modewelt schon aufgesogen? 

Er inszenierte in Düsseldorf, Bochum, Salzburg. Er gehört zum Neopop des Politischen Theaters. Er ist aber auch das rebellische Kind seiner leichtfüssigen Zeit. Filmepen beeinflussen ihn nachhaltiger als Dramen. Das Internet befruchtete ihn weit mehr als die Universitätsbibliothek. Er zitiert Lara Croft. Er bezieht sich auf die Herr der Ringe-Verfilmung. Er holt als Theatermacher das Kino auf die Bühne, ohne eine einzige Video-Projektion. Steht deshalb als Nächstes ein Hamlet in Bochum im Programm? 

Nach Basel ist er mit seiner Produktion von «Mutter und Vaterland» eingeladen. In schnellen Schnitten, rasch wechselnden Bildern und Überblendungen steuert er durch einen Text, der sich mit den letzten siebzig Jahren polnischer Geschichte beschäftigt: Aus der Sicht der Frauen.  Dabei hat er sich erneut nicht einem Stück genähert, sondern einem Poem von Bozena Keff. Irgendwo zwischen Nerudas «Canto General», der die Niederschlagung der Demokratie in Chile beschreibt und T.S. Eliots «Wüstem Land», das mit Versatzstücken aus der Literaturgeschichte die Schatten des amerikanischen Traums schildert, mäandert Keff durch die Geschichte zwischen einer Tochter und deren Mutter, die dem deutschen KZ entkam.

Aus dem Nebel der Geschichte lässt Klata eine Wand mit Einschusslöchern auftauchen. Davor singein fünf Schemenmütter ein Klagelied in die Verallgemeinerung. Sechs Frauen (eine von einem Mann gespielt) singen in grossen Famiiensärgen das alte Leid der Frauen, die sich und ihr Land von der Vätergeneration befreien wollen, der Mütter, die ihrerseits, dem KZ entkommen sind, nicht aber den Erinnerungen daran. Sie bleiben Gefangene. Auch unter der neuen Macht. Immer wieder wird diese Konstellation gewählt. Übermutter oder Übermensch? Die Tochter fragt sich durch Mutters Leben. Mit einer Mehrfachbesetzung spiegelt sich die Tochter dabei vielfach in ihrer Rolle. So macht Klata aus der Kind-Mutter-Geschichte den Schmerz eines nationalen Umbruchs. 

Der Regisseur Klata sucht mit seinen Schauspielerinnen nach den im Poem angesprochenen Mythen. Orest. Kroft. Modor. In kraftvollen Bildern lässt er die Tochter sich abnabeln. Am eindrücklichsten illustriert durch den langen, langen alten Zopf, der sowohl im Kopf der Mutter wie im Kopf der Tochter endet, und die beiden wechselseitig vernabelt. 

Immer wieder lässt Klata die rituellen Formen von Grotovski und die erstarrten Bilder von Kantor anklingen. Er schöpft, so gesehen, tatsächlich aus der Tradition der grossen Polnischen Theaterlabors: Etwas modischer allerdings, mehr dem Pop verpflichtet, und in leichtfüssiger Rebellenpose,  als in der tiefschürfenden Forscherhaltung der Theater-Ahnen.    

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