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Interview 

14.4.2017, 04:50 Uhr

Tipp vom Slow-Food-Gründer zu Ostern: «Unsere Körper nicht wie ein dehnbares Gummiband behandeln»

14.4.2017, 04:50 Uhr

Carlo Petrini ist Italiener. Carlo Petrini gilt als Begründer der Slow-Food-Bewegung. Wer also könnte kompetenter Auskunft über die Tätigkeit geben, die uns zu Ostern am meisten beschäftigt? Übers Essen und seine schönen und weniger schönen Konsequenzen. Von Julius Müller-Meiningen

imago stock&people: Essen bis zum Umfallen ist auch an Ostern nicht die Idee. «Der Genuss liegt nicht in der Masse», sagt Carlo Petrini.

Essen bis zum Umfallen ist auch an Ostern nicht die Idee. «Der Genuss liegt nicht in der Masse», sagt Carlo Petrini. (Bild: imago stock&people)

Carlo Petrini, Sie stammen aus einer Familie mit katholischer Mutter und kommunistischem Vater. Begegneten sich diese beiden Kulturen auch bei Tisch?

Meine Eltern waren beide Proletarier und assen die gleichen Sachen. Die Ernährung in der Nachkriegszeit war einfach: Pasta, Minestrone, wenig Fleisch, an Festtagen vielleicht mal einen Käse oder Milchreis. Es gab wenig, aber das war gesund und gut. Das italienische Institut für Ernährung hat festgestellt, dass die Nachkriegsjahre die Zeit waren, in denen die Italiener sich am besten ernährten.

Warum ist Ernährung mehr als Nahrungsaufnahme?

In der Geschichte der Menschheit war das Teilen der Mahlzeit immer schon einer der wichtigsten Aspekte. In den Familien wurde das Essen geteilt, im religiösen Leben, etwa in Klöstern oder auch am Arbeitsplatz. In der ganzen Welt gilt der Grundsatz, dass man nicht alleine isst, sondern gemeinsam. Das Essen stärkt die Gemeinschaft, in Europa wie in Afrika.

«Alleine Essen ist nicht gut, das macht traurig.»

Warum ist dieser Aspekt der Gemeinschaft beim Essen von Bedeutung?

Teilen stärkt das soziale Gefüge. Man kennt das doch von den grossen Festen: Hochzeitsessen, Ostern, Weihnachten, sogar vor der Rekrutierung zum Militär wurden grosse, gemeinschaftliche Mahlzeiten veranstaltet. Essen hat eine soziale Kraft. Alleine Essen ist nicht gut, das macht traurig.

Ich muss gestehen, ich habe heute Mittag alleine gespeist ...

Manchmal ist das ja in Ordnung. Auf Reisen gehe ich auch gerne alleine ins Restaurant. Aber dann schaue ich mir die anderen Tische an und die Leute. Zu Hause alleine essen ist traurig.

Einige behaupten, unsere Gesellschaft werde immer individualistischer. Gilt das auch fürs Essen?

Ich sehe ehrlich gesagt viele junge Leute, die gemeinsam essen gehen. Vielleicht sogar bei McDonald's. Warum denn nicht? Für uns Italiener sind Mittag- und Abendessen als Moment der Kollektivität heilig. Da kommt man nicht zu spät!

Sie heissen Mahlzeiten bei McDonald's gut? Slow Food entstand doch 1986 aus der Opposition gegen die Eröffnung des ersten Fast-Food-Lokals in Rom!

Ich rede ja nicht darüber, wie man bei McDonald's isst. Aber der Konzern hat dieses Element der Kollektivität genau durchschaut. Da gibt es Kinderspielplätze in den Lokalen, die Kleinen haben Spass. In vielen Restaurants sind Kinder nicht willkommen und werden schlecht behandelt. Der soziale Aspekt ist das eine, die Qualität des Essens das andere.

Täusche ich mich, oder kauen Sie gerade etwas?

Ja, ich esse ein kleines Schokoladenosterei.

Zu Ostern haben die meisten Menschen einen Grosseinkauf im Supermarkt gemacht. Was verraten die immer grösseren Märkte über den Zeitgeist?

Im Supermarkt gibt es wenig Kommunikation und wenig Menschlichkeit. Der Verkäufer im Tante-Emma-Laden sprach mit dir, wusste von deinen Wünschen, merkte sich, wenn etwas schlecht war. Heute kaufen wir an Nicht-Orten ein. Sie sind überall gleich. Nicht die Ware steht im Vordergrund, sondern die Quadratmeter der Verkaufsfläche. Ich beobachte aber, dass sich das Fehlen dieser menschlichen Dimension bemerkbar macht. Der Trend geht zurück zum Krämerladen.

«Unser grösster Hunger ist nicht der auf Nahrung, sondern der auf Wissen über die Nahrungsmittel.»

An was machen Sie das fest?

Das sind natürlich nicht die gleichen Läden wie vor 50 Jahren. Aber der Geist ist ähnlich. Es wird mehr Wert auf lokale Produkte gelegt. Junge Menschen eröffnen Geschäfte, in denen auch gesprochen, diskutiert und erzogen werden soll. Etwa kleine Lebensmittelgeschäfte, Weinhandlungen, in denen die Weine von den Produzenten selbst vorgestellt werden und in denen Bücher verkauft werden. Unser grösster Hunger ist nicht der auf Nahrung, sondern der auf Wissen über die Nahrungsmittel.

Sie meinen zum Beispiel die Herkunft der Nahrungsmittel?

Herkunft, Herstellung, Verarbeitung, Behandlung. Diese Informationen bekommt man im Supermarkt nicht ausreichend. Es ist auch kein Zufall, dass die Bauernmärkte so zugenommen haben. Da verkaufen die Bauern selbst ihre Produkte und sprechen darüber. Das ist ganz anders als ein anonymer Einkauf.

Slow Food nennt seine lokalen Gemeinschaften «convivia». Was hat es damit auf sich?

Für die alten Römer war das Convivium nicht nur ein Ort des Essens, sondern auch des Austausches, des Philosophierens, des Gespräches. In Griechenland nannte man es Symposion. Essen bedeutet nicht dasselbe wie ein Auto volltanken. Das ist eine viel umfassendere Angelegenheit. Essen bedeutet: am Tisch sitzen, sich in die Augen schauen, das Essen begutachten. So werden Freundschaften gestärkt, so wird Wissen ausgetauscht. Essen ist ein sozialer Akt.

Im alten Rom arteten die «convivia» nicht selten in Orgien aus ...

Es gibt auch heute Leute, die es übertreiben. Schauen Sie mal, wie viel manche trinken, wenn sie zusammen sind oder wie ungesund sie essen!

Ich lebe seit einigen Jahren in Italien und wundere mich immer noch, wie viel die Italiener übers Essen sprechen. Warum?

Das liegt an unserer gastronomischen Tradition. Wir haben eine starke bäuerliche Kultur – in der bedeutet essen: leben. Bei uns hat Ernährung fast schon einen sakralen Charakter und ist nicht nur Treibstoff. Wir halten inne, diskutieren, tauschen uns aus. Wir sind uns in gewisser Weise bewusst, dass eine ganzer Kosmos hinter jedem Nahrungsmittel steckt.

«Diätberater verdienen heute mehr als die Bauern. Das ist doch absurd!»

Was meinen Sie damit?

Naja, es sind eben nicht nur Weintrauben oder Gorgonzola, sondern dahinter stecken die Menschen, die etwas dafür getan haben, dass die Lebensmittel auf den Tisch kommen. Der Sinn für ihre Entstehung und Verarbeitung macht Lebensmittel wertvoller.

Warum ist diese Aufmerksamkeit für das, was hinter dem Produkt steckt, wichtig?

Wir wollen doch alle wissen, woher das Fleisch für die Salami stammt, ob es behandelt wurde, wie es verarbeitet wurde, ob Farbstoffe, Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe beigegeben wurden. Welche Folgen haben diese Beigaben für unsere Gesundheit? Selbst wenn diese Dinge gesetzlich erlaubt sind, will ich sie kennen!

Um dann zu entscheiden, ob man das Produkt kauft oder nicht?

Genau. Ich will wissen, ob natürliche Aromen beigegeben wurden oder künstliche, die letztendlich aus Erdöl hergestellt wurden. Ich will wissen, ob es sich um genmanipulierte Produkte handelt. Auch deshalb müssen wir viel mehr bei Tisch miteinander reden!

Nun ist Ostern und wir kaufen die Supermärkte leer. Warum dieses Bedürfnis nach Fülle?

Das ist ein anthropologisches Erbe aus den Zeiten, in denen unsere Vorfahren hungerten. Nur stimmt es nicht, dass in der Masse der Genuss liegt. Wir sind heute doch viel zu dick! Der Genuss liegt darin, gute Sachen zu essen – und nicht viele. Wir sollten unseren Körper nicht wie ein dehnbares Gummiband behandeln. Erst völlern, dann joggen oder zum Diätberater gehen. Die verdienen heutzutage mehr als die Bauern. Das ist doch absurd!

Isst auch während eines Interviews gern mal was feines: Carlo Petrini. 

Isst auch während eines Interviews gerne mal was Feines: Carlo Petrini.  (Bild: imago)


Carlo Petrini, 67, ist Vorsitzender der Internationalen Slow-Food-Bewegung mit etwa 150'000 Mitgliedern weltweit. Nach dem Studium arbeitete er als Gastronomiekritiker. Als McDonald's 1986 sein erstes Lokal in Rom eröffnete, gründete Petrini zusammen mit anderen Kritikern Slow Food, einen Verein, der sich für ökologische und nachhaltige Ernährung und Lebensmittelproduktion einsetzt. Slow Food ist in über 1500 weltweit verstreute lokale Zirkel gegliedert, die den Namen «convivia» tragen.

 

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Text: Julius Müller-Meiningen

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