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Dirk Baecker 

6.4.2017, 15:06 Uhr

Dieser Mann lässt Sie an der Wirklichkeit zweifeln

6.4.2017, 15:06 Uhr

Gibt es die eine einzige Wirklichkeit? Nein, sagt Dirk Baecker im Interview. Der Soziologe eröffnet die Basler Dokumentartage mit einem Vortrag zur Frage: «Was ist nochmals Wirklichkeit?» Ein Gespräch über wahre Fake News, Selbstzweifel im journalistischen Alltag und die Rettung durch Ironie. Von

ullstein bild: Dirk Baecker (62) ist Soziologe und Kulturtheoretiker. Er lehrt an der deutschen Universität Witten/Herdecke und erforscht, welche Auswirkungen die elektronischen Medien auf die Gesellschaft haben.

Dirk Baecker (62) ist Soziologe und Kulturtheoretiker. Er lehrt an der deutschen Universität Witten/Herdecke und erforscht, welche Auswirkungen die elektronischen Medien auf die Gesellschaft haben. (Bild: ullstein bild)

Die Kollegin warnte vor dem Interview mit Dirk Baecker: «Pass auf, dass es nicht zu verkopft wird.» Sie hat ja recht. Dirk Baecker, das ist der Kulturtheoretiker, der versucht, Kultur in mathematische Formeln zu fassen, und statt von Menschen von «Beobachtern» spricht.

Wie wird das nur, wenn man mit ihm über ein kompliziertes Thema wie «Wirklichkeit» spricht? Wir haben es getan und mussten ziemlich Gas geben, um mitzukommen. Doch das Gespräch bewegte sich, gottlob, immer wieder in der Wirklichkeit, in der wir uns zu Hause fühlen. Zumindest ein bisschen.

Dirk Baecker, kaum jemand weiss mehr, was wirklich und was erfunden ist. Journalistinnen und Politiker streiten über Fake News und darüber, welche Theorien noch Wissenschaft und welche bereits Verschwörungstheorien sind. Helfen Sie uns: Wie erkennen wir die richtige Wirklichkeit?

Diese Frage erwischt mich auf dem falschen Fuss.

Weshalb?

In der Soziologie weiss man nichts von dieser einzig wahren Wirklichkeit. Alles ist eine Frage der Perspektive. Was ich als richtig und wirklich empfinde, ist für jemand anderen möglicherweise ganz unwirklich.

Es gibt ja aber schon Fakt und Fiktion, oder? Nehmen wir eine berühmte Fake News aus dem US-Präsidenten-Wahlkampf 2016: Pizzagate, also das Gerücht, dass Hillary Clinton an einem Pornoring in einer Pizzeria beteiligt gewesen sein soll. Das ist doch nicht wahr.

Es gibt Leute, die das glauben, für die ist das Wirklichkeit. Also sind Fake News in der Tat schon alternative News und diese alternativen News sind für den, der sie glaubt, vielleicht wahre News.

Wenn das so ist, habe ich als Journalistin ja einen Freibrief: Ich kann einfach schreiben, was ich als wahr empfinde, und dann sagen: Das ist meine Wirklichkeit, fertig.

Nein, denn man vergleicht das, was Sie schreiben, mit dem, was man woanders lesen kann. Wenn Sie die Einzige sind, die etwas als wirklich beschreibt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es nur Ihre Wirklichkeit ist. Und dann könnte ich mich dafür interessieren, aus welchen Gründen das für Sie wirklich ist. Ich erfahre dann zwar nichts über die Welt, aber etwas über Sie. Oder eben die Leute, die glauben, dass Hillary Clinton an einem Pornoring beteiligt war.

Wer ist das, der an einen Pizza-Pornoring glaubt?

Letztlich nur Leute, die daran glauben wollen. Es passt in ihr Weltbild.

Gemäss CNN haben Millionen Menschen das Gerücht über soziale Medien wie Facebook gelesen.

Ja, aber die Leute sind nicht blöd, sie glauben nicht jedes Gerücht, das die Trumpkonsorten von irgendwelchen russischen Medien übernehmen und streuen. Das ist wie mit allen Gerüchten: Wir lieben es, zu hören, was unser Nachbar angestellt haben soll. Aber wir glauben nie restlos daran, selbst wenn wir es gerne würden. 

Sind Sie sicher? Gerüchte haben eine grosse Macht, man spricht nicht umsonst auch von Rufmord.

Stanford-Wissenschaftler haben untersucht, wie gering die tatsächliche Wirkung von Fake News auf Facebook oder Twitter ist. Geteilt werden eher die Nachrichten, die man mag und weniger diejenigen, die man nicht mag. 

«Mit Fake News ist es wie mit Gerüchten: Wir lieben es, zu hören, was unser Nachbar angestellt haben soll. Aber wir glauben nie restlos daran.»

Aber der Gerüchtekönig Trump wurde gewählt.

Das muss nicht mit der Pizza-Connection zu tun haben. Der Trump-Effekt kam nicht zuletzt zustande, weil Trump Wählern eine Stimme gab, die als sogenannter White Trash bezeichnet werden, als weisse amerikanische Unterschicht. Diese Menschen sind jahrzehntelang nicht mehr ernst genommen worden.

Also kam deren Wirklichkeit in der amerikanischen Wahrnehmung nicht mehr vor?

Genau.

Was ist denn mit der SVP? Welche Wirklichkeit vertritt sie? 

Das ist für mich als Deutschen schwierig zu beurteilen. Aber natürlich ist die SVP auch ein Produkt der Verhältnisse. Sie pflegt einen Tonfall, der lange Zeit nicht gepflegt wurde. Das sind keine schönen Töne, aber das Land verdient eine Repräsentation aller Töne, die in ihm gesprochen werden. Es gab mal einen schönen Artikel im «Economist» mit dem Tenor: Gut, dass es in Deutschland die AfD gibt, denn die AfD zeigt, dass auch in Deutschland eine rechtskonservative Stimme möglich ist.

Ashley Chandler ist das, was einige Amerikaner «white trash» nennen. Sie hofft, dass Donald Trump ihre Wirklichkeit «weniger schwierig» macht.

Ihre Wirklichkeit war in den USA kein Thema, kein Wunder wählte Ashley Chandler Donald Trump zum neuen Präsidenten: Sie hofft, dass Donald Trump ihre Wirklichkeit «weniger schwierig» macht.
(Bild: Keystone/David Goldman)

Trotz des Traumas des Nationalsozialismus.

Ja. 

Wollen wir wirklich Wirklichkeiten, in denen man gegen Ausländer hetzt?

Das heisst nicht, dass man sie wählen muss. Aber sie müssen in der Politik vertreten sein, man kann sie nicht dauernd verdrängen. Verdrängtes wird letztlich mächtiger als das, was gewählt wird.

Heute scheint Verdrängen aber völlig normal. Wir leben alle in unserer Filterblase, der Algorithmus auf Facebook wählt für uns die News und Produkte aus, die zu uns passen. Und alles, was nicht unserer Blase entspricht, blendet er aus. 

Meine Beobachtung ist, dass es diese Blase zwar gibt, wir aber genau merken, in welcher Blase wir stecken. Deshalb gucken wir nach rechts und links und schauen, was Leute tun, die in anderen Blasen stecken. Menschen haben immer schon dazu geneigt, ihre Wirklichkeit als eine darzustellen, die ihren Wünschen entspricht. Aber wir sind nicht bereit, uns voll und ganz davon absorbieren zu lassen.

Ich möchte Ihnen gerne glauben, aber gerade hat die «Sonntagszeitung» einen Artikel publiziert. Darin geht es um Vergewaltigungen durch Ausländer. Ich hole kurz aus: Die Journalistin steigt ein mit einer Szene, in der ein Taxifahrer eine Frau in den Wald fährt und dort vergewaltigt. Man denkt: «Hilfe, das könnte auch mir passieren.» Doch später erfährt man, dass die meisten Vergewaltigungen in Asylheimen stattfanden – das könnte mir als Schweizerin also nicht passieren. Dann steigt die Journalistin mit folgendem Zitat aus: «Wir importieren das Problem», als ob es keine Schweizer Täter gebe. Ausserdem erwähnt sie nicht, dass viele Täter Familienmitglieder oder Freundinnen vergewaltigen und nicht angezeigt werden. Ich würde jetzt sagen: Dieser Artikel unterschlägt einen grossen Teil der Wirklichkeit. Aber aus Ihrer Sicht wäre das okay, da die Wirklichkeit immer selektiv ist?

Die Frage lautet eigentlich: Warum betont die Journalistin das eine und das andere nicht? Eine Zeitung muss den Leser ködern und Informationen zuspitzen. Doch die Qualität des Artikels hängt davon ab, ob die Journalistin im Lauf des Textes die zugespitzten Informationen durch andere Informationen ausgleicht und ein einigermassen brauchbares Bild der Statistik von Vergewaltigungen in der Schweiz präsentiert. Ein Boulevardblatt bleibt auf der expliziten Ebene von Dramatisierung von Ausländergewalt, eine Qualitätszeitung bringt Sätze, die zeigen: «Vorsicht, Vorsicht, auch der Schweizer ist kein Unschuldslamm.»

«Wenn alle Ausländer kriminell wären, müsste ich es als Deutscher auch sein.»

Ein Strafrechtsexperte kommt im Artikel zu einem eindeutigen Fazit: «Das Problem der Ausländerkriminalität ist echt.»

Ja, das kann man ja auch nicht abstreiten, oder?

Kann man nicht?

Es gibt die Ausländerkriminalität, weil es unter den Menschen, die in unsere Länder kommen, solche gibt, die kriminell werden. Es gibt sie also nicht, weil alle Ausländer kriminell sind. Dann müsste ich es als Deutscher ja auch sein. Aber ich finde in der Schweiz Verhältnisse vor, die es mir ermöglichen, ein Leben zu führen, ohne der Versuchung zu erliegen, kriminell zu werden. Das gilt für Ausländer, die aus anderen Ländern kommen vielleicht eher nicht. Sehen Sie, was ich meine?

Nicht ganz.

Ich habe Familie, mancher Flüchtling hat keine. Meine Familie hat Arbeit und Einkommen. Beides haben manche Flüchtlinge nicht. Ich kann die Zeichen der Schweizer Kultur deuten, manche Flüchtlinge vielleicht nicht. Ich weiss, dass eine Frau, die mir alleine auf der Strasse begegnet, deshalb nicht für mich verfügbar ist. Manche Flüchtlinge wissen das vielleicht nicht.

Flüchtlinge haben es schwerer, eine Freundin zu finden und sich ein Leben aufzubauen.

Können wir uns vorstellen, was es heisst, zum ersten Mal unverschleierten Frauen auf der Strasse zu begegnen, wenn man in Verhältnissen aufwächst, in denen Verschleierung üblich ist? Nehmen Sie dazu noch das Konkurrenzverhalten unter jungen Männern, die alles verloren haben und nichts als eine ungewisse Zukunft vor sich haben: Ich kann mir schon vorstellen, dass das eine explosive Situation ist. Wir Nicht-Flüchtlinge merken ja gar nicht mehr, auf welche Fülle von Reizen und Herausforderungen im öffentlichen Leben wir gelernt haben, gleichgültig zu reagieren.

Sie skizzieren jetzt eine ziemlich eindeutige Wirklichkeit. Woher wissen Sie, was die Wirklichkeit dieser jungen Männer ist?

Na ja, ich bin erstens Soziologe und zweitens Kulturtheoretiker. Und ich habe drittens sehr viel geforscht zum Unterschied zwischen Moderne und Schriftgesellschaften in Bezug auf Familienstrukturen, Sexualverhalten, Kleidersitten und patriarchale Kontrollstrukturen. Deshalb kann ich mir ein vorsichtiges Urteil über diese Zustände durchaus zutrauen. Aber all das wissen Sie auch.

«Wir Nicht-Flüchtlinge merken ja gar nicht mehr, auf welche Fülle von Reizen und Herausforderungen im öffentlichen Leben wir gelernt haben, gleichgültig zu reagieren.»

Ich bin mir nicht sicher, ich habe noch nie mit einem Einwanderer über Sexualität gesprochen.

Die Frage ist nur, ob man als Journalistin einen mehr oder minder chauvinistischen oder rassistischen Text über mehr oder minder unterdrückte und unterdrückende muslimische Patriarchen schreibt. Oder ob man das Material aus diesen gruseligen Boulevardtexten auf eine durchaus stimmige Kulturgeschichte zurückführt, und sagt: Da ist etwas Wahres dran, auch wenn es hier auf eine gefährliche Art und Weise aufgebauscht und gegen Ausländer verwendet wird.

Also muss man – plakativ gesagt – aus dieser Perspektive heraus nachher nicht alle Ausländer zwangsläufig rauswerfen?

Wenn Ausländer nicht wissen, welches Verhalten wir erwarten, und wenn wir nicht wissen, mit welchen Problemen es Ausländer bei uns zu tun haben, entstehen wechselseitige Vorurteile, die zum Beispiel dazu führen, dass «wir» uns von «ihnen» unterscheiden. Als ob «ihr» und «wir» so eindeutige Blöcke wären. Wir müssen Wege finden, unseren Gästen unsere Kultur näherzubringen und uns in ihre Probleme hineinzudenken. Zuweilen denke ich, dass es unsere Angst vor der Heimatlosigkeit ist, die uns so ablehnend auf jene reagieren lässt, die heimatlos sind. Wir leben in einer gelassenen Kultur des Komforts und haben es mit Leuten zu tun, die grösste Stresserlebnisse hinter sich haben und noch mitten in ihnen stecken. Kein Wunder, dass es Zeit braucht, um miteinander auszukommen.

«Wenn wir nicht ironisch sein dürfen, können wir nur noch auswandern.»

Schaffen wir das?

Ja, natürlich. Nach der «berühmten» Kölner Silvesternacht gab es Interviews mit Leuten in den Asylheimen, aus denen auch die jungen Männer stammten, die ausfällig geworden waren. Die interviewten Leute waren schon viele Wochen länger bei uns. Sie sagten, die Ausfälligen hätten noch nicht gelernt, die Zeichen unserer Kultur zu lesen. Manche haben zum ersten Mal in ihrem Leben einen Polizisten gesehen, der nicht sofort hart durchgreift. Da kann man schon auf dumme Gedanken kommen.

Von Ausländern verlangen wir, dass sie sich in andere Wirklichkeiten integrieren, und als Soziologe ist es Ihr Job, zu beobachten, wie andere leben. Aber für viele Menschen ist das eine Zumutung.

Ja, das stimmt, es gibt Leute, die das noch nie in ihrem Leben tun mussten. Die merken erst dann, wenn ein Arbeitskollege ein seltsames Hobby hat oder die eigenen Kinder auf eigenartige Ideen kommen, dass nicht alle ihre Wirklichkeit teilen. Die Frage ist, wie man darauf reagiert. Die einen reagieren mit Ablehnung, weil sie um ihre Wirklichkeit fürchten. Die anderen reagieren mit Neugier, weil sie fest genug in ihrer eigenen Wirklichkeit verankert sind und sicheren Boden unter ihren Füssen haben. 

Gibt es den sicheren Boden? Als Journalistin ist es meine Aufgabe, die Wirklichkeit abzubilden. Doch ich bin mir nie sicher, ob ich die Wirklichkeit so erfasst habe, wie sie ist. Deshalb liebe ich die Ironie, damit kann ich zeigen: «Hey, so denke ich, das habe ich recherchiert, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig erfasst habe.» Das Problem dabei: Viele Leute fühlen sich nicht ernst genommen, wenn man ihnen ironisch kommt.

Ein völliger Unsinn. Wenn wir nicht ironisch sein dürfen, können wir nur noch auswandern, uns auf eine Insel setzen und dem Plätschern des Meeres lauschen. 

Warum?

Ich will mit den – aus meiner Perspektive – merkwürdigsten Menschen auf diesem Globus auf irgendeine Art und Weise im Gespräch bleiben. Wenn ich ihnen nicht zustimme, muss ich einen anderen Weg finden, trotzdem etwas sagen zu können. Das kann ein Sarkasmus, ein Zynismus oder eine Ironie sein, die höflichste und klügste Form. Ironie heisst: Ich stimme dir zu, bin aber anderer Meinung. Die Ironie ist eine Einladung, trotzdem miteinander ins Gespräch zu kommen und vielleicht sogar etwas zu finden, das man gemeinsam hat. Die Ironie ist eine Einladung des Ernstes.

Aber sieht der «Stammtischler» Ihre Ironie als Einladung?

Am Stammtisch hat die Ironie nichts verloren. Hier herrscht die Kultur des drastischen Witzes. 

«Die Wirklichkeit ist wie eine Kuh. Schaut man ihr in die Augen, läuft sie weg.»

Das heisst, man müsste bereits wissen, mit welcher Art von Humor man das «merkwürdige» Gegenüber ansprechen müsste, damit er einen versteht. Die Gefahr ist also gross, dass jeder in seiner Wirklichkeit bleibt, die gar keine ist.

Die Soziologin Karin Knorr-Cetina sagte einmal: «Die Wirklichkeit ist wie eine Kuh. Schaut man ihr direkt in die Augen, läuft sie weg.» Vielleicht läuft sie gar nicht weg, aber worauf es ankommt: Wirklichkeit gibt es nur im Plural der Perspektiven, aus der man sie anschaut. An Kippfiguren kann man das besonders gut studieren.

Was sind Kippfiguren?

Bilder, die auf den ersten Blick etwas anderes darstellen als auf den zweiten. Es gibt beispielsweise ein Bild, auf dem man sowohl eine junge Frau als auch eine Greisin erkennen kann, je nachdem, wie man es anschaut. Es zeigt: Wenn man es mit der Wirklichkeit zu tun hat, muss man immer bereit sein, einen Irrtum einzusehen, etwas Übersehenes zu berücksichtigen oder einen Akzent anders zu setzen. Es gibt Erzählungen, die deswegen faszinieren, weil sie ihr wirkliches Thema aussparen. Es gibt Witze, die traurig stimmen, weil man merkt, welche Wirklichkeit angedeutet wird. 

Aber wer liest schon Erzählungen, melancholische Witze oder Ironie? Die meist gelesenen Texte sind Gratis-Blätter, die so tun, als gäbe es eine einzige Wirklichkeit, die man finden könne. Und dabei alle anderen Wirklichkeiten und die Menschen, die in ihnen leben, ignorieren. Genau so, wie die amerikanische Politik gemäss Ihrer These jahrzehntelang die weisse Unterschicht ignoriert hat.

Wir haben die Wahl, was wir lesen, und wir haben die Politiker in den Ämtern, die wir wählen. 

__
5. bis 9. April, Basler Dokumentartage – zum Programm. Auftakt: Vortrag von Dirk Baecker zum Thema: «Was ist nochmals Wirklichkeit?», 5. April um 19 Uhr, Kaserne Basel.

Übrigens: In der Markthalle gibts «Feldexperimente: Basler Fasnacht». Die Ausstellung untersucht die Fasnacht mit künstlerischen Positionen. Eröffnet wird sie am Freitag um 17 Uhr (mit Überraschungsprogramm).

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Reaktionen

  1. s chröttli

    am 6.04.2017, 10:21

    der höflichste und klügste mensch, den ich nicht kenne.
    gibt doch dieses ungeschriebene gesetz im journalismus, ja nicht ironisch zu werden, weil das eh niemand verstehe – halte ich für grundfalsch, quasi für unhöflich.

    (ernst beiseite: der schlaue kerl spricht mir aus der seele – und die fragen halten locker mit. ein genuss.)

    @b wysser
    watzlawick zeigt bei anderem fokus inhaltlich kaum differenzen zu baecker
    und die mathe: nix falsch daran, eins und eins zusammen zu erzählen.

  1. B Esser Wysser

    am 5.04.2017, 13:47

    Der Beitrag gefällt mir. Und: Der Mann lässt mich durchaus nicht an der Wirklichkeit zweifeln. Was auffällt: Da das Interview eine ungewöhnliche Länge aufweist, hat der Interviewte die Möglichkeit, seinen Standpunkt recht ausführlich darzulegen. Das ist hilfreich. Handkehrum muss man sich die Zeit nehmen, um das ganze Interview zu lesen, was eher nicht im Trend der Zwitschern-Zeit liegt.

    Der Punkt mit der Mathematik irritiert mich. Der Grund ist ein einfacher: Der Einbezug von Mathematik... mehrDer Beitrag gefällt mir. Und: Der Mann lässt mich durchaus nicht an der Wirklichkeit zweifeln. Was auffällt: Da das Interview eine ungewöhnliche Länge aufweist, hat der Interviewte die Möglichkeit, seinen Standpunkt recht ausführlich darzulegen. Das ist hilfreich. Handkehrum muss man sich die Zeit nehmen, um das ganze Interview zu lesen, was eher nicht im Trend der Zwitschern-Zeit liegt.

    Der Punkt mit der Mathematik irritiert mich. Der Grund ist ein einfacher: Der Einbezug von Mathematik wird gerne dazu missbraucht, um (Natur-)Wissenschaftlichkeit vorzugaukeln, wo keine solche vorliegt. Also da ist Vorsicht geboten.

    Zwei Literaturhinweise für Interessierte:
    - Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
    - Bernulf Kanitscheider: Über den Grund der Anwendbarkeit der Mathematik auf die Natur (in: Luc Saner: Studium generale)

    1. AutorIn des Artikels

      Andrea Fopp

      am 6.04.2017, 09:30

      Herzlichen Dank für das schöne Feedback, B Esser Wysser.

      Bei der Mathematik bin nicht sicher. Einerseits haben natürlich Geistes- und Kulturwissenschaften einen Rationalitäts-Komplex gegenüber den Naturwissenschaften. Andererseits ist es manchmal mit Worten wirklich schwer, etwas Komplexes wie «Kultur» zu definieren, ohne dass man eine endlose Ansammlung von beschreibenden Wörtern kriegt. Da ist es vielleicht noch spannend, mit Mathematik die Systemik zu erfassen?

  2. Roland A. Berner

    am 5.04.2017, 18:42

    Sehr interessante Lektüre die jedem gut ansteht - einige der emsigen Forenschreiber(-innen?) hier können sich das schadlos zu Gemüte führen.

    Einziges grosses Fragezeichen: Was soll dieses Bild mit der rauchenden jungen Frau?Muss ich verstehen, dass sie Trump gewählt hat, ergo minderbemittelt ('sie hofft dass D.T. ihre Wirklichkeit weniger schwierig macht') und dem "White Trash" (da ja offensichtlich 'white' - und erst noch rauchend) zuzurechnen ist?

    Ich empfinde das als anmassend, zumal... mehrSehr interessante Lektüre die jedem gut ansteht - einige der emsigen Forenschreiber(-innen?) hier können sich das schadlos zu Gemüte führen.

    Einziges grosses Fragezeichen: Was soll dieses Bild mit der rauchenden jungen Frau?Muss ich verstehen, dass sie Trump gewählt hat, ergo minderbemittelt ('sie hofft dass D.T. ihre Wirklichkeit weniger schwierig macht') und dem "White Trash" (da ja offensichtlich 'white' - und erst noch rauchend) zuzurechnen ist?

    Ich empfinde das als anmassend, zumal es irgendwer sein könnte und die Legende sie ohne Zusammenhang negativ abstempelt. Passt überhaupt nicht zum sonstigen Niveau des Interviews!

    1. AutorIn des Artikels

      Andrea Fopp

      am 6.04.2017, 09:40

      Herzlichen Dank, Roland A.Berner. Es war nicht unser Ziel, mit dem Bild anmassend zu sein. Waren wir das? Vielleicht lagen wir daneben, der Zusammenhang zum Thema erschliesst sich wirklich nicht auf den ersten Blick. Das Wort «minderbemittelt» haben jedoch Sie gewählt. Wir haben geschrieben, was die Frau in einer Reportage gesagt hat: «Ich hoffe, mit Trump haben es Leute wie ich weniger schwierig.»

  3. s chröttli

    am 6.04.2017, 10:21

    der höflichste und klügste mensch, den ich nicht kenne.
    gibt doch dieses ungeschriebene gesetz im journalismus, ja nicht ironisch zu werden, weil das eh niemand verstehe – halte ich für grundfalsch, quasi für unhöflich.

    (ernst beiseite: der schlaue kerl spricht mir aus der seele – und die fragen halten locker mit. ein genuss.)

    @b wysser
    watzlawick zeigt bei anderem fokus inhaltlich kaum differenzen zu baecker
    und die mathe: nix falsch daran, eins und eins zusammen zu erzählen.

    1. AutorIn des Artikels

      Andrea Fopp

      am 6.04.2017, 13:15
  4. M Cesna

    am 6.04.2017, 13:39

    Ich bin etwas dagegen, dass alle Wirklichkeiten einfach nebeneinanderstellbar sind. Es gibt zentrale relevante und periphere weniger relevante Wirklichkeiten.
    Daraus entsteht dann eine Wertschätzungshierarchie.
    Die Sache wird an den Enden schwierig:
    - Wo keine andere Wirklichkeit toleriert wird, ea also absolutistisch wird. Oft ist das dann für die Vertreter der anderen Wirklikchkeit früher oder später letal.

    - Wo alle Wirklichkeiten kritiklos nebeneinander stehen. Das verwirrt des öfteren... mehrIch bin etwas dagegen, dass alle Wirklichkeiten einfach nebeneinanderstellbar sind. Es gibt zentrale relevante und periphere weniger relevante Wirklichkeiten.
    Daraus entsteht dann eine Wertschätzungshierarchie.
    Die Sache wird an den Enden schwierig:
    - Wo keine andere Wirklichkeit toleriert wird, ea also absolutistisch wird. Oft ist das dann für die Vertreter der anderen Wirklikchkeit früher oder später letal.

    - Wo alle Wirklichkeiten kritiklos nebeneinander stehen. Das verwirrt des öfteren nur. Die Menschen gruppieren sich gerne um ähnliche Wirklichkeiten, entsprechend Interessengemeinschaften. Da dürfen durchaus auch Abgrenzungen vorhanden sein, wenn diese nicht absolut ist. Die FKK-ler grenzen sich durch einen Sichtschutz vom Rest der Badenden ab. Der Rest der Badenden lässt sie dafür in Ruhe.

    - Wer es nicht besser weiss, bringt natürlich auch seine beschränkte Sichtweise und Wirklichkeit in die Welt ein. Es sollte aus meiner Sicht aber durchaus strafbar sein, wenn absichtlich unter falschem Etikett Unsinn in die Welt gesetzt wird. Das gilt für die Inverkehrbringung von Falschgeld genauso, wie das Inverkehrbringen von "Billig-Rolexis". Es ist natürlich schwierig, da hier oft gelogen wird und wir uns im Märchenland von tausendundeiner Nacht bewegen. Aufgrund der Leichtgläubigkeit von Menschen wurde der Artikel der Volksverhetzung geschaffen und hat zum Ziel, die Leute vor allzu grossen Fakern zu schützen. Man weiss heute, dass der nächste Krieg ein Informationskrieg sein wird, womit durchaus nicht egal ist, ob die Ware "Information" echt oder falsch ist. Der Zwang zur Trennung von Information und persönlicher Meinung wäre hier eine Option.

    Aus diesem Grunde könnte aus meiner Sicht so manches "Extrablatt" durchaus strafwürdig sein, da es bewusst Wirklichkeiten versucht zu manipulieren.

    Der obige Autor ist mir in dieser Hinsicht zu blauäugig.

    1. B Esser Wysser

      am 6.04.2017, 14:19

      @M Cesna: Ihre Einschätzung, die ich übrigens teile, widerspricht m. E. nicht den Aussagen von Baecker. Ich meine, Sie machen einfach den nächsten und nötigen Schritt, nämlich denjenigen der Analyse und den macht Baecker (hier?) noch nicht. Er bleibt deskriptiv. Sie gehen weiter und bringen eine Gewichtung ins Spiel. Denkt man in diese Richtung weiter, muss man schlussendlich auch noch eine Entscheidung treffen. Huch.

    2. s chröttli

      am 6.04.2017, 15:13

      @cesna, @wysser
      völlig einverstanden.
      baecker fokussiert auf die synchronizität (gleichzeitigkeit) der koexistierenden narrative.
      der nächste schritt wäre dann eben der diachrone (im lauf der zeit), wie sich narrative bei der «konstruktion der wirklichkeit» mählich verfestigen/ordnen ... mit bis an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit (zb, dass die erde eine kugel sei).
      wie fundamental gewisse «gesicherte narrative» zur disposition gestellt werden, erleben wir ja aktuell nicht nur in... mehr@cesna, @wysser
      völlig einverstanden.
      baecker fokussiert auf die synchronizität (gleichzeitigkeit) der koexistierenden narrative.
      der nächste schritt wäre dann eben der diachrone (im lauf der zeit), wie sich narrative bei der «konstruktion der wirklichkeit» mählich verfestigen/ordnen ... mit bis an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit (zb, dass die erde eine kugel sei).
      wie fundamental gewisse «gesicherte narrative» zur disposition gestellt werden, erleben wir ja aktuell nicht nur in der klimadebatte. leider.
      immer wieder problematisch: dass gewisse erkenntnisse unter verschluss (seitens der interessensträger) stehen.
      insofern bleibt es mE durchaus legitim, gültige «verlautbarungen» – zuweilen auch der heterogenen scientific community selbst – in frage zu stellen, sie zumindest von mehreren seiten (siehe kippfiguren) kritisch zu durchleuchten.

      dito klar: vor missbrauch sollte/muss geschützt werden (verhetzung/verdummung/diffamierung etc) ... was nicht: wenn ich zb die verantwortlichen von giftgasangriffen pauschal als «infame riesensauhunde» brandmarke, möchte ich sowas äussern können, weil das gegengut unschuldig vergiftete menschen bleiben.
      (sprich: keine vorschnelle zensur – kontrollierte meinungsbildung – der elektronischen medien)

  5. Dirk Baecker

    am 7.04.2017, 00:29

    Wenn man draufschaut, sieht man die Wirklichkeiten nebeneinander stehen; wenn man drin steckt, wird man Wertungen und Gewichtungen vornehmen. Meines Erachtens wäre es jedoch ein Irrtum, wenn man aus den eigenen Wertungen und Gewichtungen nach Interesse, Relevanz, Dringlichkeit oder anderem auf eine per se, unabhängig von jeder Perspektive gegebene Wertskala schliesst. Werte gibt es, damit man zwischen ihnen abwägen kann, nicht, um sie zu generalisierbar und universell zu ordnen.

Informationen zum Artikel

6.4.2017, 15:06 Uhr

Dieser Mann lässt Sie an der Wirklichkeit zweifeln

Text

Text:

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