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«Regionale»-Porträt #2 

6.12.2016, 13:22 Uhr

Max Leiß mag Skulpturen – auch, wenn sie fotografiert sind

6.12.2016, 13:22 Uhr

Ob zufällig oder konstruiert, Hauptsache skulptural: So lautet das Motto von Künstler Max Leiß, der an der diesjährigen «Regionale» gleich an zwei Orten präsent ist – im Kunsthaus Baselland, wo wir ihn trafen, und in der La Kunsthalle Mulhouse. Von Jonas Egli

Eleni Kougionis: Max Leiß erklärt seine Werke im Kunsthaus Baselland.

Max Leiß erklärt seine Werke im Kunsthaus Baselland. (Bild: Eleni Kougionis)

Max Leiß (das scharfe ß ist ein Muss) streicht sich die Resten einer Müdigkeit aus den Augen. Der zweifache Papa wird von seinem jüngsten Nachwuchs auf Trab gehalten. Nicht nur das, auch mit der Kunst ist viel los, denn der 34-Jährige ist gerade sehr gefragt.

Erst zu Beginn des Jahres hatte er eine grosse Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland, auch in der Kunsthalle war Leiß im Rahmen der diesjährigen Kunstkredit-Ausstellung zu sehen, und an der «Regionale» ist er nun gleich dreifach vertreten. Unter anderem in La Kunsthalle Mulhouse, wo das Rahmenkonzept der Ausstellung im Kunsthaus Baselland unter dem Titel «Encoding the Urban» weitergeführt wird.

Wie kodiert man denn dieses «Urbane» eigentlich? Geht es nach dem Kunsthaus Baselland, kann man das auf sehr verschiedene Weisen tun: Am Eingang dröhnt Maya Bringolfs Orgelgebläse wie eine Autobahn oder eine Fabrikmaschine, allerlei architektonische Formen geistern durch die Räume, und im Untergeschoss blinkt eine traurige und einsame Leuchtschrift in einem dunklen Raum: «I am Running and Consuming Energy for Nothing», sagt sie immer wieder. Im Erdgeschoss zeigt Julia Trouillot ihre Idee vom Umfeld des städtischen Lumpenproletariats in Form von Terracottaklötzen, die eine Art Stadtmodell von Wohnquartieren bilden. Wenige Meter daneben hängt Leiß’ Bildstrecke, die Momente eben eines solchen Stadtumfeldes zeigt.

Für Leiß ist es ein Umgang mit den Fragmenten des gewöhnlichen Lebens, mit Dingen und Objekten. Das Hauptinteresse gilt aber nicht dem Sammeln von Schnipseln – Leiß sucht nach dem Skulpturalen in seiner Umgebung, ob zufällig oder konstruiert. Oder beides.

Max Leiss während der Regionale 17 im Kunsthaus Baselland.

Kleine Bilder, fast wie ein Film aufgereiht. (Bild: Eleni Kougionis)

Auf einem der kleinen Bilder, die in Form von Kontaktabzügen auf einer Leiste ein wenig wie ein Film aufgereiht sind, sieht man eine eigenartig vergitterte Hausecke in Paris. Die Konstruktion soll Wildpinkler abhalten, ihr Geschäft dort zu verrichten. Natürlich ist die hilflose Konstruktion in dieser Funktion völlig sinnlos, aber durch das Gitter entsteht auch ein Raum, der durch diese Massnahme erst ausgezeichnet wird. Manchmal bleibt es bei der Fotografie, öfter aber folgt ein Nachbau in vielen Schritten, der die skulpturalen Bedingungen des Gefundenen auslotet. «Aber finden ist auch machen und umgekehrt, das vermischt sich doch ständig», wie Max Leiß meint.

«Das finde ich auch das Schöne daran, es sieht so konstruiert aus, ist aber so gefunden worden.»

Die Leiste mit den Fotos hängt, leicht nach hinten geneigt, etwas tiefer als auf angenehmer Anschauungs-Höhe. Man muss sich bücken und die Augen zusammenkneifen. Gegenüber an der Wand befindet sich die Vergrösserung einer Schwarzweiss-Fotografie, welche die Rückansicht eines Leuchtkastens zeigt. Durch das Gestänge der Neonröhren ist eine urtypische Parfümwerbung sichtbar, Charlize Theron blickt lasziv zwischen den leicht zerdepperten Werbeleuchtboxteilen durch und umgarnt einen Flakon, als wärs ein Schatz. Es wirkt so, als wären zwei Fotos übereinandergelagert.

Was aber nicht stimmt: Man sieht den technischen Aufwand, der betrieben wird, um dieses prototypisch kapitalistische Bild auf der Vorderseite zu erzeugen. Max Leiß kommentiert: «Das finde ich auch das Schöne daran, es sieht so konstruiert aus, ist aber so gefunden worden. Das ist bei meinen Skulpturen eher anders rum.»

Am Ende liegen seine Werke auf diesem Übergang zwischen dem, was sie mal waren, und dem, was sie jetzt sind. In Mulhouse zeigt er neben der Pinkelecke einen übergrossen Arm eines Regenschirm-Gestänges (jene, die sich beim leisesten Windstoss auf nervtötende Art und Weise verbiegen) und lässt ihn sozusagen in einer angedeuteten, riesigen Wischbewegung den Raum ausmessen (der Regenschirmarm war kürzlich schon in der Kunstkredit-Ausstellung zu sehen).

Die «Pissecke (Rue Charlot)» in der La Kunsthalle Mulhouse.

Max Leiß’ vertiefte Auseinandersetzung mit der Skulptur kommt von seiner Ausbildung zum Holzbildhauer in München und den sechs folgenden Jahren in Karlsruhe, er nennt es eine «Prägung«, die da entstand. Nach zwei Semestern Philosophie und Politikwissenschaften gelangte der gebürtige Bonner im Zivildienst in eine Holzwerkstatt und merkte: Die Verbindung von Kopf und Hand ist entscheidend. Die Möglichkeit, die Materialität der bildhauerischen Figur mit inhaltlichen Fragen zu kombinieren, zieht sich durch sein Werk.

«Mich interessieren die Beziehungen, die zwischen den Skulpturen und den Fotografien entstehen können.»

Die Fotos im Kunsthaus entstanden während eines Stipendienaufenthalts in Paris und wurden zuerst lose in einer Pappschachtel publiziert. Die Publikationsreihe Ausgabe#, die er in Zusammenarbeit mit dem Mark Pezinger Verlag selbst veröffentlicht, ist Leiß’ eigenes Projekt. Er lädt auch andere Künstler für Kooperationen ein, doch im Grunde ist es vor allem ein Archiv seines eigenen Schaffensprozesses. So hat die Fotografie in den letzten Jahren einen grösseren Stellenwert in Leiß’ Arbeit erhalten, und aus dem persönlichen Archiv wurde ein ergänzendes Element zu den bildhauerischen Arbeiten.

«Mich interessieren die Beziehungen, die zwischen den Skulpturen und den Fotografien entstehen können.» Dass es sich um analoge Abzüge handelt, die er selbst in der Dunkelkammer hergestellt hat, erscheint wie eine Metapher für seine Arbeitsweise. Auswählen, Ausschnitt bestimmen, wegnehmen, hinzufügen, vergrössern und/oder verkleinern. Die Skulptur ist wie der verlängerte Arm dieses fotografischen Ausgangspunktes.

Max Leiß begreift die Form als etwas Werdendes, weniger als Ausdruck eines vorgefassten Konzeptes. «Die Fügung der Objekte und Bilder spielt eine grosse Rolle in meiner Praxis und entsteht trotz aller Vorbereitung zuletzt vor Ort.» Er sagt es, während der Ort just in dem Moment von einem winterlichen Streiflicht erhellt wird und das ganze Kunsthaus in ein monumentales Gemälde verwandelt.

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Max Leiß stellt im Kunsthaus Baselland und in der La Kunsthalle Mulhouse aus.

Die TagesWoche begleitet die «Regionale 17» wie bereits in den vergangenen Jahren mit Porträts ausgesuchter Künstler und Künstlerinnen. Alle bisher erschienenen Porträts finden Sie in unserem Dossier.

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6.12.2016, 13:22 Uhr

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