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Fussball, Bundesliga 

5.1.2016, 15:44 Uhr

Liebkosungen aus den Emiraten sind Gift für die Glaubwürdigkeit der Vereine

5.1.2016, 15:44 Uhr

Borussia Dortmund und Bayern München weisen gerne auf ihre moralischen Ansprüche hin, bei der Wahl des Trainingsortes lassen sie diese gerne im kalten Deutschland zurück. Wie passt das zusammen? Von Daniel Theweleit

Keystone/OLIVER LANG: Bayern München ist ein gerngesehener Gast in Katar – Franck Ribery war schon 2011 da.

Bayern München ist ein gerngesehener Gast in Katar – Franck Ribery war schon 2011 da. (Bild: Keystone/OLIVER LANG)

Nach langer Suche hat Borussia Dortmund am Dienstagvormittag endlich einen Testspielgegner für das Wintertrainingslager in Dubai gefunden, am 15. Januar tritt der Bundesligazweite gegen Südkoreas Meister Jeonbuk Hyundai Motors FC an. Aber die Suche war hoch kompliziert. Und das lag nicht nur daran, dass das Niveau der Mannschaften vor Ort eher bescheiden ist. Vielmehr soll der Gegner auch bestimmte moralische Ansprüche erfüllen. 

Gleich zwei Mal haben die Dortmunder in den vergangenen Wochen exakt den gleichen Satz publiziert: «Trotz lukrativer Angebote hat der BVB übrigens mehrere Testspiel-Offerten aus Ländern ausgeschlagen, in denen die Menschenrechts-Situation nicht mit den Massstäben von Borussia Dortmund in Einklang zu bringen (...) ist.» Ein Spiel gegen ein Team aus Saudi Arabien zum Beispiel ist demnach ausgeschlossen.

Das klingt erst mal vernünftig, heisst bei genauerem Hinsehen aber auch: Die Lage in Dubai ist schon okay. Zwar reist der BVB tatsächlich in das fortschrittlichste der Vereinigten Arabischen Emirate, in dem jedes Jahr viele Millionen Europäer unbeschwert Urlaub machen, doch solch eine versteckte Werbebotschaft ist in den Augen von Daniel Mertens nur schwer akzeptabel. «Man kennt ja die Berichte von Human Rights Watch und vom Auswärtigen Amt, dass es da zu willkürlichen Verhaftungen kommt, dabei auch noch zu Folter und Misshandlungen. Dass es kein demokratisches System gibt und keine Parteien», sagt der Autor des kritischen Dortmunder Fanzines «schwatzgelb.de». Homosexualität ist ebenso verboten wie nichtehelicher Geschlechtsverkehr. «Ich finde es einfach schwierig für einen Verein wie Borussia Dortmund, der sich eigentlich Toleranz und Weltoffenheit auf die Fahnen schreibt, dort so ein Trainingslager zu machen», sagt Mertens.

«Die Position eines Landes wie Katar zu stärken und mit Aufmerksamkeit zu belohnen, ist keine Aktion, die einem europäischen Spitzenclub zur Ehre gereicht.»
Europa-Abgeordneter Norbert Neuser

Zumal die Dortmunder den Eindruck erwecken, als pflege man ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Emirat. Auf der Website des Klubs heisst es, die Reise sei «mit freundlicher Unterstützung von Dubai Tourism zustande» gekommen. Diese Unterstützung habe sich allerdings alleine auf die Vermittlung der perfekt ausgestatteten Trainingsanlagen beschränkt, versichert der Verein allerdings, die Kosten für den Trip trage man selbst.

Schalke 04 durfte ja in den vergangenen vier Jahren umsonst in Katar trainieren, bereitet sich nun aber in Florida vor, was auch die Bayern lange in Erwägung zogen. Bis man sich in München doch erneut für Katar entschied, wo die Menschenrechts-Situation noch schwieriger ist als in Dubai. «Die Position eines Landes wie Katar zu stärken und mit Aufmerksamkeit zu belohnen, ist keine Aktion, die einem europäischen Spitzenclub zur Ehre gereicht», sagt der Europaabgeordnete Norbert Neuser (SPD) dazu. Ein Trainingslager sei nunmal «keine politische Äusserung», entgegnet Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Jenseits dieser Menschenrechtsdebatte weist BVB-Aktivist Mertens allerdings noch auf einen anderen Widerspruch solcher Reisen in den Mittleren Osten hin: «Ich frage mich, wie es zusammenpasst, dass Borussia Dortmund jeden Sommer Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz oder nach Lublin anbieten, aber jetzt im Winter nach Dubai fährt, in ein Land, das das Existenzrecht Israels nachweislich nicht anerkennt.»

«Wie passt das zusammen: Jeden Sommer nach Auschwitz oder nach Lublin fahren und im Winter nach Dubai, das Israel nicht anerkennt.»
BVB-Aktivist Daniel Mertens

Denselben Vorwurf kann man den Bayern machen, die immer wieder darauf hinweisen, dass der Jude Kurt Landauer bis zu seiner Flucht 1933 drei Mal ihr Präsident war. «Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben», hat Rummenigge einmal gesagt. Dennoch fährt er offenbar ohne Bauchgrummeln zum fünften Mal mit seinem Klub nach Katar, das den antisemitischen Terror der Hamas finanziert und Israel natürlich auch nicht anerkennt.

Neu sind solche Widersprüche nicht, doch nach einem Jahr der Skandale bei der Fifa und im Deutschen Fussball-Bund sind viele Anhänger sensibilisiert. «Ich behaupte, dass wir in den letzten Monaten ein besonderes Bild der Doppelmoral des organisierten Fussballs erlebt haben», sagt der renommierte Sportethiker Elk Franke. «Auf der Hinterbühne wirken in hohem Masse betriebs- und gewinnorientierte Mechanismen bis hin zu Betrügereien, und auf der Vorderbühne fordert man Respekt, Fairness und authentisches Leistungsstreben. Die Fans fangen an, die Vereine und Verbände hinsichtlich dieser praktizierten Doppelmoral anzuprangern.»

Bisher haben die Klubs jedoch die Erfahrung gemacht, dass nur ein kleiner Teil ihres Publikums wirklich Anstoss an Aktivitäten in der moralischen Grauzone nimmt. Dem Ansehen des auf dem Platz so glanzvoll strahlenden FC Bayern haben die Reisen nach Katar jedenfalls kaum geschadet, und das hat man sicher auch bei Borussia Dortmund genau registriert.

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Reaktionen

Bisher wurden noch keine Beiträge von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Madeleine Grossmann

    am 6.01.2016, 08:38

    Warum diese deutschen Vereine als Beispiele nehmen?
    Ich warte jetzt auf den Artikel über Christian Gross, der in Saudiarabien als Trainer arbeitet, Roger Federer usw., die sich ihre Returns in den Emiraten regelmässig vergolden lassen und dort ihre Zweitwohnsitze haben, und ausserdem all die Schweizer Firmen, die dort geschäften.

Informationen zum Artikel

5.1.2016, 15:44 Uhr

Liebkosungen aus den Emiraten sind Gift für die Glaubwürdigkeit der Vereine

Text

Text: Daniel Theweleit

  • 05.07.2016 um 13:30
    Cristiano Ronaldo trifft auf seine Antithese

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