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Interview 

30.4.2016, 04:50 Uhr

«Banksy sagt uns: Schaut zweimal hin!»

30.4.2016, 04:50 Uhr

Der Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché erzählt im Interview, was den britischen Streetart-Künstler Banksy so einzigartig macht, wie er es so lange schaffte, anonym zu bleiben, und wieso die heutige Street-Art oft nur noch was fürs Instagram-Auge ist. Von Ana Vujic

Adel Hana: Eben nicht nur herzig: Banksy-Wandbild im Gaza-Streifen.

Eben nicht nur herzig: Banksy-Wandbild im Gaza-Streifen. (Bild: Adel Hana)

Ulrich Blanché, Sie haben in diesem Jahr das Buch mit dem Titel «Banksy. Urban art in a material world» veröffentlicht. Was macht Banksy so einzigartig? 

Im Vergleich zum französischen Stencil-Künstler Blek le Rat kann er zeichnen, er ist technisch versiert, wie er selber sagt. Und im Gegensatz zu den Street-Art-Künstlern Invader, Vhils oder JR verfährt er nicht nach dem Motto, jahrelang ein Motiv zu wiederholen. Banksy variiert, schafft für jeden Ort etwas Neues und Aktuelles. Seine Arbeiten sind zugänglich. Ausserdem ist er gut im Selbstmarketing, er will verstanden werden und spielerisch möglichst viele Betrachter ansprechen, das funktioniert offensichtlich auch.


Ulrich Blanché ist wissenschaftlicher Assistent für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Universität in Heidelberg. In seinem dritten veröffentlichten Werk zu dem Street-Art-Künstler Banksy fokussiert der Kunsthistoriker auf Banksys Ausstellungen im etablierten Galeriebetrieb und hinterfragt seine zwiespältige Beziehung zur Kunstwelt.

Weiss man, wofür das Pseudonym Banksy steht?

Jein. «Banksy» wurde in England vor «unserem» Banksy fast jeder genannt, der Banks mit Nachnamen heisst. Banksy ist ein Spitzname für Robin Banks. Das klingt wie «robbin' banks», also Banken ausrauben, und könnte wiederum die in seinen Werken weitverbreitete Konsumkritik andeuten. Sehr wahrscheinlich verbirgt sich hinter diesem Namen der wohl im Jahr 2000 untergetauchte Robin Gunningham, geboren 1973 in Bristol. Ich persönlich glaube, dass er Gun, das wir als Wort in seinem Nachnamen finden, zum lautmalerischen «Bang!» umgewandelt hat und daraus Banksy entstanden ist.

Wissen Sie, wie der Kunstschaffende zur Street-Art gekommen ist? Welche Rolle spielt das klassische Graffiti für seinen Werdegang? 

Warhol kam nicht zur Pop-Art, er hat sie miterfunden. So verhält es sich auch bei Banksy. Er kommt vom Graffiti beziehungsweise Hip-Hop und vom Punk gleichermassen. Sein erstes Vorbild war der Frontmann der bekannten Band Massive Attack, der vor seiner Karriere als Musiker Graffiti-Sprayer und unter dem Namen 3D in Bristol bekannt war. Ihn hat Banksy nachgeahmt und war dann selbst einige Jahre als klassischer Graffiti-Writer tätig. Später arbeitete er auch als Grafiker.

Banksy ist auch als ein politischer Künstler bekannt. Wie reflektiert er in seinen Werken unsere gegenwärtige «material world»?

«I'm a material girl in a material world» kennt man von einem Popsong von Madonna. Sie hat es wiederum bei Marx gelesen. Banksy bewegt sich auf einer ähnlichen Doppelbödigkeit: Er übt Konsumkritik, profitiert jedoch finanziell von den Konsumenten seiner Konsumkritik. Diesen Widerspruch versucht er künstlerisch fruchtbar zu machen. Wie er überspitzt feststellt, lässt sich heute teils mehr Geld damit machen, Anti-McDonald's-Kampagnen zu starten, als man vielleicht für eine McDonald's-Kampagne bekommen würde.

«Banksy will uns zu bewussteren Betrachtern und Konsumenten machen.»

Banksys Hauptziel ist es, Betrachter und Konsumenten zu bewussteren Betrachtern und Konsumenten zu machen. «Schaut zweimal hin!», lautet die Botschaft, die er vermitteln will, ob es dabei um Flüchtlinge geht, um Krieg, Waffen, Fleischkonsum, Umweltverschmutzung oder Machtmissbrauch. Diesen Themen begegnet er oft mit Kritik, aber vielfach auch mit Humor.

«Das Rätsel um seine Person ist Banksys interessantestes Kunstwerk»: Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché.

«Das Rätsel um seine Person ist Banksys interessantestes Kunstwerk»: Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché. (Bild: Universität Heidelberg)

Banksy wäre nicht Banksy, wenn es nicht auch diesen Mythos um seine Person gäbe. Er hat unbewilligt Kunstwerke in Museen aufgehängt und an internationalen Ausstellungen teilgenommen. Wie schafft er es, seine Anonymität zu bewahren?

Banksy ist sozusagen pseudo-anonym. Er hat ein grosses Netzwerk an Unterstützern, die nicht Spielverderber sein wollen und ihn auch nicht verraten. Viele haben ihn aber noch nie gesehen, weil er seit 2003 dieser untergetauchte, unbekannte Mensch ist. Davor war er auch tatsächlich an vielen Ausstellungen als Schaumaler beim Wandsprayen präsent. Das Rätsel um seine Person ist vielleicht sein interessantestes Kunstwerk, eine Art Performance. Jeder will sich am Rätsel beteiligen. Zugleich stellt er damit den gläsernen Menschen und die Celebrity-Geilheit infrage. Anonym sein ist sein Markenzeichen, dafür ist er Popstar.

In Ihren wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen Sie die Beziehungen von Banksy zum renommierten, ebenfalls aus Bristol stammenden Künstler Damien Hirst auf. Dieser polarisierte 2007 mit einem diamantenbesetzten 75-Millionen-Euro-Menschenschädel. Gibt es Parallelen zum Konsum- und Institutionskritiker Banksy?

Beide sind in den Medien sehr bekannte Künstler der Gegenwart. Banksy hat sich sehr früh für Hirst interessiert. Damien Hirst hat Banksy schon vor 16 Jahren gefördert, bevor ihn überhaupt einer kannte. Er hat ihm sogar sein Atelier vermietet, und sie haben gemeinsam Werke gestaltet. Beide haben den Anspruch, dass sie sich an ein grösseres Publikum wenden, beide wollen mit ihrer Kunst auch unterhalten. Selbst wenn auf den ersten Blick die Gegensätze zwischen dem ultrakapitalistischen Hirst und dem gesellschaftskritischen Banksy unüberbrückbar scheinen, verwenden sie eine ähnliche künstlerische Strategie.

In Basel sieht man neben der berühmten «Line» der SBB-Bahnhofseinfahrt kaum noch Graffiti und Street-Art in der Innenstadt. Der Hype um bedeutende Street-Art-Künstler hat nicht für mehr Toleranz im urbanen Raum gesorgt. Wo ist die Street-Art hin?

Wie ich höre, ist das eine Art ungeschriebener Deal zwischen den Behörden und den Sprayern. Die «Line» wird weitgehend in Ruhe gelassen, dafür werden Sprayer in der restlichen Stadt rigide verfolgt. 

«Street-Art will heute oft nur noch gefallen.»

Es gibt Stimmen, die Street-Art schon als einen historischen Begriff ansehen. Heute werden, als Street-Art-Nachfolger, in erster Linie legale, grossflächige Wandmalereien so geschaffen, dass sie einen digitalen Betrachter auf Instagram ansprechen. Für mich ist das Kunst im öffentlichen Raum, die oft nur gefallen will – auch weil sie von öffentlichen Geldern abhängt und um zukünftige Geldgeber wirbt. Was heute als Street-Art tourt, sei es als Pflastermalerei oder Gemeindewandbilder, übertüncht mehr als etwas offenzulegen.

Die Vortragsveranstaltung in der Colab Gallery heisst «Banksy hates Graffiti». Eine bewusste Irritation? 

«I hate this font», schrieb Banksy an eine Wand in New York, gestaltet in der klassischen beziehungsweise etwas ausgelutschten, oft verwendeten Bubble-Letters-Schrift. Banksy hasst das konservative Regelwerk, in dem viele traditionelle Graffiti-Writer verharren. In dem Vortrag versuche ich, seine künstlerische Entwicklung und seine Hassliebe im Spiegel des Graffiti nachzuerzählen. Auf jeden Fall werde ich viele Bilder aus der frühen Schaffensphase von Banksy zeigen, die auch Kennern kaum bekannt sein werden.


Buchpräsentation «Banksy. Urban art in a material world» und Vortrag von Dr. Ulrich Blanché,
Samstag, 30. April 2016, 19 Uhr, Colab Gallery, Schusterinsel 9, 79576 Weil am Rhein; Eintritt frei.

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30.4.2016, 04:50 Uhr

«Banksy sagt uns: Schaut zweimal hin!»

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Text: Ana Vujic

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