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Medienkritik 

17.12.2014, 05:25 Uhr

Das Publikum weiss mehr als wir

17.12.2014, 05:25 Uhr

Vor einer Woche stellten wir 5 Thesen zum wachsenden Misstrauen gegen die Medien zur Diskussion. Insgesamt erhielten wir rund 700 Rückmeldungen. Der Versuch einer Zusammenfassung. Von

© Damir Sagolj / Reuters: «Dear government, we are watching you», 2. November, 2014. (Symbolbild)

«Dear government, we are watching you», 2. November, 2014. (Symbolbild) (Bild: © Damir Sagolj / Reuters)

Einmal mehr zeigt sich, wie mächtig das Konzept des Open Journalism sein kann: Unserem Aufruf, 5 Thesen zum Misstrauen gegen die Medien kritisch zu diskutieren, folgten bis jetzt 140 Menschen – und dabei kam eine unerwartet grosse Menge von erhellenden Beiträgen zusammen. Die zahlreichen, ausgesprochen differenziert dargebrachten Voten haben unsere eigene Sicht auf das Thema deutlich erweitert und bilden damit eine hervorragende Ergänzung zu unserer Analyse. Allen Mitwirkenden gebührt an dieser Stelle unser herzlicher Dank.

Bevor wir diese Analyse als Endprodukt eines journalistischen Prozesses in der stark komprimierten Form eines Essays publizieren, veröffentlichen wir sozusagen als Zwischenschritt eine Zusammenfassung dieser Wortmeldungen. Dabei betrachten wir die einzelnen Thesen als isolierte Sinneinheiten. Die jeweils dazu gehörenden Rückmeldungen wurden thematisch gruppiert und mit besonders pointierten Beispielen illustriert. Hier die fünf Thesen:

Wer sich die ungeordnete Gesamtheit der Leserbeiträge zu Gemüte führen möchte, findet sie hier. Sollten Sie sich vertieft für dieses Thema interessieren und einen freien Abend zur Verfügung haben, möchten wir ihnen die Gesamtlektüre wärmstens ans Herz legen. Unsere Zusammenfassungen werden dem Facettenreichtum der eingebrachten Gedanken aufgrund unseres journalistischen «Komprimierungsgebots» nur ansatzweise gerecht. Fallen Ihnen dabei andere Themenstränge auf, als die von uns identifizierten? Dann freuen wir uns über weiteres Feedback in der Kommentarspalte.

These 1:
Wer nicht zweifelt, ist unglaubwürdig

Die wahrgenommene Komplexität der Welt nimmt zu, das führt zu mehr Ambivalenz und Unsicherheit. Das alte Muster «Journis erklären die Welt» greift nicht mehr. Viele Redaktionen halten dennoch daran fest, Zweifel sind nicht erlaubt. Sie werden deshalb unglaubwürdig.

Gedanken aus der Community:

Kritische Zeitgenossen haben die Welt schon immer als komplex wahrgenommen, neu ist lediglich, dass sie diese Einschätzung via Internet auch der Welt kundtun können. Medien bewegen sich dabei immer in einem Spannungsfeld zwischen Komplexität und Vereinfachung: Es ist zwar Aufgabe von Journalisten, komplexe Themen zu verstehen und sie dann möglichst verständlich an die Öffentlichkeit zu bringen. Gleichzeitig macht es die grassierende Simplifizierung aber leicht, die Berichterstattung mindestens in Teilen zu falsifizieren: Je zugespitzter, einseitiger, polarisierender und vereinfachter ein Sachverhalt dargestellt wird, desto leichter fallen den Lesenden Gegenbeispiele oder andere, im Beitrag vernachlässigte, Faktoren ein.

Es ist nach wie vor Aufgabe der Medien, die Welt zu erklären und dabei «Referenzcharakter» zu entwickeln. Das funktioniert aber nur, wenn unterschiedliche Blickwinkel ausgeleuchtet, transparent gearbeitet sowie Recherche und Meinung klar voneinander getrennt werden. Der Begriff «Zweifel» ist im Kontext dieser These das falsche Wort: Es geht vielmehr darum, eine starke Kritik-Kultur zu entwickeln, denn «Zweifel ist eine unreflektierte Infragestellung von Vorgängen – Kritik ist demgegenüber ein aufklärerisches Element, um die Welt besser zu verstehen. Oder anders: Wer zweifelt, bleibt unglaubwürdig. Wer Fremd- und Eigenkritik pflegt, stärkt die eigene Glaubwürdigkeit und macht neugierig». Gerade in Bezug auf letzteres gibt es grossen Verbesserungsbedarf, oft sei der ursprüngliche Fehler nämlich «signifikant kleiner als die Empörung, die durch die nicht erfolgte Korrektur und Entschuldigung hervorgerufen wird».

Viele Wortmeldungen rücken bei dieser These die strukturellen Probleme der Medien ins Blickfeld: So erscheint die Berichterstattung in weiten Teilen von einigen wenigen Agenturen abhängig, was ein Einfallstor für Manipulationsversuche darstellt. Dazu kommt, dass Fehlleistungen in einem Fachgebiet, in dem der Leser grosse Expertise besitzt und diese folgerichtig als solche erkennt, zu Zweifeln an der gesamten Berichterstattung eines Mediums führen.

Folgende Wortmeldung fasst das mannigfaltig Geschriebene vielleicht am treffendsten zusammen: «Ich wäre froh, wenn mehr Journalisten probieren würden, mir die Welt zu erklären, und nicht Hintergründe durch Sensationen und Parolen oder gleich durch Gossip ersetzten. Ich wünsche mir, dass die Eilmeldungen verschwinden und es nicht darum ginge, wer als erstes über etwas berichtet, sondern wer am besten.»

 

These 2:
Medien üben den Konsens

Diese Glaubwürdigkeitsprobleme sind auch in Bezug auf einen weiteren Aspekt hausgemacht: Vom Mainstream abweichende Meinungen werden von etablierten Redaktionen zu wenig ernst genommen und entsprechend selten in der Berichterstattung thematisiert.

Gedanken aus der Community:

Die Wortmeldungen zu dieser Aussage fielen deutlich kontroverser aus, als diejenigen zu These 1. Viele Kommentatoren stimmen klar zu und beklagen ein massives «Beharren auf einem angeblich unter Vernünftigen nicht zu bezweifelnden Konsens». Journalismus erscheint aus dieser Perspektive als Herdenveranstaltung, in der die immer wieder aufflackernden Diskussionen über «nicht-traditionelle» Medien und die Verweigerung des «Jornalismus»-Siegels für solche Angebote und ihre Macher allzuoft einen Kastengeist aufzeigen, der letzlich nichts weiter als Angst vor der Zukunft ist und «echte» Informationen nur von Standesgenossen akzeptiert. Die Folge: Man bleibt unter sich, verweigert sich dem Austausch und stagniert.

Anderen geht unsere These nicht weit genug: Abweichende Meinungen werden erwähnt, ohne dass man ihnen mit klugen Argumenten begegnet. Ihre Vertreter werden als Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Linksextreme, Putinfreunde, Obamafreunde, abgestempelt und so mit einer weitgehend substanzfreien «Das-ist-doch-Quatsch»-Polemik abgetan. Das, so die Kommentatoren, trägt viel zum allgemeinen Misstrauen bei.

Verunglimpfungen benutzt aber auch die «Gegenseite», wie in folgendem Kommentar deutlich wird: «Benutzen Sie nie wieder ernsthaft das Wort ‹Mainstream› im Zusammenhang mit Journalismus. Es handelt sich um einen inzwischen negativ belegten, extrem despektierlichen Begriff, den insbesondere Verschwörungstheoretiker benutzen, in ihrer Sicht der Dinge synonym mit ‹gleichgeschaltete Systemmedien›. Was soll das also sein, vom Mainstream abweichende Meinungen? Es geht bei der Glaubwürdigkeit um Fakten. Und da gibt es nur wahr oder falsch. Wer das nicht glaubt, kann nicht Journalist sein.»

Abweichende Meinungen können allerdings auch zum Selbstzweck werden, wie in folgendem Votum postuliert wird: «Wenn der Diskonsens nur gepflegt wird, damit ein Medium glaubwürdig ist, öffnet es sich für Verschwörungstheorien. Erinnert sei an die Haltung von ‹Weltwoche› und BaZ, die nur im Abweichen vom Mainstream Aufmerksamkeit zu erhaschen versuchen.»

Viele Stimmen argumentieren in eine ähnliche Richtung: Es gibt durchaus gute Gründe für eine Konsens-Meinung, die sich idealerweise auf rationalen Argumenten abstützt. «Eine Meinung ist nicht besser oder schlechter, nur weil sie vom Mainstream abweicht. Der Mainstream wiederum sagt nichts über richtig und falsch oder wahr und unwahr aus. Wenn das Ernstnehmen von abweichenden Meinungen bedeutet, dass die Medien diese auf rationale Argumente hin abklopfen und dasselbe mit dem medialen Mainstream tun, ist das eine gute Sache.»

Und auch hier scheint es letztendlich auf die Transparentmachung der Gedankengänge hinauszulaufen: «Guter Journalismus ruht sich nicht auf Gemeinplätzen und Binsenwahrheiten aus. Er hinterfragt sie. Und ganz wichtig: Er argumentiert für oder gegen sie. Wie gute Wissenschaft muss auch Journalismus seine Ergebnisse und Behauptungen immer wieder neu hinterfragen und belegen. Argumentativer Journalismus kann problemlos vom Konsens weg und einmal einen ‹verrückten› Ansatz verfolgen, wenn er sichtbar macht, woher seine Thesen stammen, und wie er sie begründet.»

 

These 3:
Verschwörungstheorien füllen Lücken in der Berichterstattung

Weil das daraus resultierende Informationsvakuum schwer auszuhalten ist, wird es durch die Fantasie der Leser und/oder Verschwörungstheorien ausgefüllt. Diese bieten überschaubare Schwarz-/Weiss-Erklärungen für komplexe Sachverhalte und bieten damit Halt in der Ungewissheit.

Gedanken aus der Community:

Auch hier gingen die Meinungen weit auseinander. Viele merkten an, dass der Begriff «Verschwörungstheorie» gleichsam als «Totschlagargument» benutzt wird, wenn es darum geht, unbequeme Wahrheiten abzukanzeln: «Nicht selten werden sehr seriöse investigative Journalisten, die sich der Wahrheitsliebe verpflichtet in die Nesseln setzen, als der ‹Verschwörungstheorieszene› zugehörig bezeichnet. Das ist ein Totschläger sondergleichen, ein Armutszeugnis für fehlende Argumente. Ein ausgedachtes Konstrukt, um missliebige Meinungen und sorgfältig recherchierte Berichterstattungen zum Schweigen zu bringen.»

Ebenfalls wurde angemerkt, dass Beispiele wie die NSA-Überwachung oder die Skandale aus der Bankenbranche vor ihrem Bekanntwerden von einer Mehrheit als Verschwörungstheorien abgetan worden wären. Aufgabe des Journalismus ist in dieser Lesart, Wahres von Falschem zu unterscheiden und so seiner aufklärerischen Mission gerecht zu werden. Stellvertretend für diese Position sei folgendes Votum herausgegriffen:

«Es gibt hanebüchenen Unsinn (Chemtrails, Weltherrschaft der Echsen) und Verschwörungstheorien die sich als wahr erwiesen (Überwachung von allem und jedem). Und es gibt die Wahrheit, die manchmal auch irgendwo in der Mitte liegt. Ich finde, es ist Aufgabe des Journalismus, hier Licht ins Dunkel zu bringen und dem Schwarz und dem Weiss noch andere Farben hinzuzufügen, sofern sie vorhanden sind. In dem Zusammenhang habe ich das (unbestätigte) Gefühl, dass Journalisten nur noch viel zu selten dahin gehen, wo es wirklich weht tut – z. B. hinter die gesellschaftlichen Kulissen. Niemand will anecken, weil die Karriere sonst im Allerwertesten ist. Kaum einer greift Themen auf, die nicht ins Meinungsbild passen. Fragen an Politiker und andere Entscheider sind meistens weichgespült und politisch viel zu korrekt formuliert. Was fehlt, ist das Nachhaken und Einfordern, das In-die-Ecke-Treiben und Dranbleiben, was fehlt sind Journalisten, die ihrem Gesprächspartner im Interview die Hintertüren vor der Nase zuknallen. Aber ja, ich weiss. Ein Journalist, der beispielsweise Angela Merkel derart begegnete, würde ihr nie wieder begegnen. Genau so wenig allen anderen, die in irgendeiner Form kritisches Nachfragen fürchten müssen. Deshalb blühen die Verschwörungstheorien. Weil die Vierte Gewalt nicht mehr als Vierte Gewalt wahrgenommen wird.»

In eine andere Richtung geht folgende Anmerkung, die von einer Konditionierung des Publikums hin zu komplexen Erklärungsmustern ausgeht. Demnach werden Zusammenhänge und bewusst handelnde Akteure in Geschehnisse hineininterpretiert, auch wenn es diese eigentlich gar nicht gibt: «Gleichermassen drängt die Fantasie oder der Druck eine Geschichte zu finden Journalisten und Leser dazu, einfache Sachverhalte aufzuladen, also grösser und komplizierter darzustellen. Als Folge der Gewöhnung daran verlieren simple Sachverhalte an Glaubwürdigkeit bei den Rezipienten. Einfache aber korrekte Erklärungen genügen nicht mehr, sondern müssen zwingend die Gaukelei dunkler Puppenspieler sein. Weiter führt die voranschreitende Personalisierung der Bererichterstattung dazu, dass bei komplexen Sachverhalten vermehrt gezielt handelnde Akteure als Ursache vermutet werden und die Möglichkeit eines nicht-intendierten Ergebnisses aus diversen unabhängigen Variablen ausgeschlossen wird.»

Die These erfährt aber auch Zuspruch, zum Beispiel hier: «Stimmt total. Ich habe den Eindruck, dass für viele Menschen Verschwörungstheorien eine Art Ersatzreligion darstellen. Nur die Eingeweihten haben die Erkenntnis der wirklichen Wahrheit, während alle ‹Ungläubigen› naive Dummköpfe seien, die die Lügen und Propaganda der Systempresse glauben würden.»

 

These 4:
Zweifler finden sich im Netz und bestärken sich gegenseitig

Das Aufkommen von sozialen Medien spielt bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle: Zweifel, die bisher jeder für sich im stillen Kämmerlein hegte, werden nun von aussen bestätigt. Daraus entsteht eine Dynamik, man schaukelt sich gegenseitig hoch oder bildet (ideelle) Netzwerke Gleichgesinnter, die sich gegenseitig in ihrem Weltbild bestärken: «Was meinen Standpunkt bestätigt, das stimmt. Was im Widerspruch dazu steht, ist Lüge und Manipulation».

Gedanken aus der Community

Bei dieser These schlug uns der steifste Wind entgegen, Widerspruch wurde oft und in teilweise scharfem Ton geäussert. Beispielhaft für diesen Standpunkt: «Hier wird unterstellt, dass jeder, der an Medienberichten zweifelt, ein Spinner sei, der in seinem stillen Kämmerlein Verschwörungstheorien ausbrütet – naja, wer kritische Leser unisono in diese Ecke stellt, spinnt selber ein wenig, da er offenbar meint, die Wahrheit gepachtet zu haben.»

Oft wurde auch bemerkt, dass es sich hierbei um eine Entwicklung handelt, die einerseits nicht neu ist und andererseits genau so auch für die etablierten Medien gilt: «Ein putziges Argument angesichts der Verteidigungsstrategie einiger ARD/ZDF-Verantwortlicher, die ernsthaft behaupteten: Unsere Berichterstattung muss richtig sein, wird sie doch von der Mehrheit der Presse geteilt. Die Selbstreferenz der Medien, ihre unheilvolle Neigung, nicht auf die Wirklichkeit ausserhalb der Redaktionsstuben zu sehen sondern nur auf die Schlagzeilen und Leitartikel der Kollegen, gehörte lange zu den Essentials ernsthafter Medienkritik. Wenn es ähnliche Meutenphänomene jetzt auch im Netz gibt, ist das nichts Neues und hat mit dem Aufkommen sozialer Medien rein gar nichts zu tun.»

Oder noch pointierter ausgedrückt: «Das gilt genauso für die etablierten Medien. Man bestärkt sich gegenseitig darin, dass man recht hat. Besonders beim Thema ‹der Westen ist gut und die Russen sind böse›. Natürlich läuft in Russland einiges falsch, so wie im Westen auch. Der grösste Moralapostel, die USA, hat in diesem Punkt das grösste Problem mit der Glaubwürdigkeit. Stichwort Guantanamo oder Töten von Menschen mit Drohnen ohne Gerichtsurteil.»

Es gab aber auch die gegenteilige Position, bei der in vielen Fällen ein Erklärungsversuch gemacht wurde: «Richtig: Die sozialen Medien ermöglichen den vermeintlich persönlichen Informationsaustausch. Der erzeugt mehr Vertrauen als der Weg über persönlich Unbekannte, die in den Medien Informationen verbreiten, ein psychologisch begründeter Prozess. Umso mehr müssen sich Medien um Vertrauensbildung bemühen, indem sie ihre eigene Allwissenheit in Zweifel ziehen und ihren Diskurs zum Thema in Argumenten und Gegenargumenten öffentlich machen.»

Und auch hier gab es noch extremere Standpunkte: «Wo ein Tor singt, hallt bald ein Torenchor. Mag sein, und ist im Zeitalter sozialer Medien ein beschleunigtes Phänomen. Neugier im philosophischen Sinn und die existentielle Notwendigkeit, objektiv und ausgewogen zu denken, sind nun mal nicht Tugenden, welche in unserer westlichen, wachstumsorientierten Hochleistungsgesellschaft an erster Stelle stehen. Man wünscht sich halt eher einen möglichst einstimmigen Toren-, Pardon, Konsumentenchor. Honi soit qui mal y pense!»

Als zentrales Problem wurde die Schrillheit der Diskussion auf «Mitmachmedien» identifiziert, welche besonnene Stimmen von vornherein abschreckt: «Die Zweifler sind auch die Lautesten in den Foren der Tagespresse. Bisweilen ist das Niveau derart tief, dass man sich schämt, in eine Diskussion einzugreifen. Dadurch werden dann wirklich fast nur die Schreihälse gehört. Ähnlich ist es in der Politik. Seit der Populismus wieder salonfähig geworden ist, bemühen sich immer mehr Parteien und Interessensverbände dieser – leider funktionierenden – Taktik.»

Mehrere Kommentatoren wiesen darauf hin, wie man diesem Problem aus Sicht der Medien begegnen könnte. Anknüpfend an unsere These schreibt jemand zum Beispiel: «Würden sich die Zweifler und ihre Fragen in den Medien finden, wäre dies glaubwürdiger. Würde dann noch auf deren Thesen ernsthaft eingegangen, hätten sie sogar eine Zukunft. Aber die strukturgewordene Diskursexklusion trägt nur zum Niedergang etablierter Medien bei – aus Mangel an Glaubwürdigkeit.»

Etwas differenzierter analysiert dieser Kommentator, wenn er schreibt: «Das hat nichts mit dem Netz zu tun. Offensichtlich erleben Sie nun, dass es mehr als ein solches Netzwerk geben kann. Ihre Redaktion stellt vermutlich auch ein solches Netzwerk dar. Sie wissen nicht, ob Sie sich nicht irren. Ebensowenig wissen es die anderen. Wenn jemand einem nicht glaubt, sollte man härter nachdenken, härter recherchieren, mehr zweifeln und seine Position hinterfragen. Spätestens wenn man sieht, dass andere eine Meinung haben, sollte man als Journalist darüber nachdenken, ob man falsch liegt. Im Idealfall ist man als Journalist der erste Abweichler – nicht der letzte.»


These 5:
Transparenz verstärkt paradoxerweise das Misstrauen

Insgesamt funktioniert das «Immunsystem» der Öffentlichkeit dank sozialen Medien besser denn je: Fehlleistungen werden schnell aufgedeckt und Korrekturen verbreitet. Das ist aber auch ein Mitverursacher des Misstrauens. Jeder Fehler, der bekannt wird, schürt die Zweifel am ganzen Rest der Berichterstattung.

Gedanken aus der Community

Bei dieser These war sich ein Grossteil der Kommentatoren einig: Es geht nicht um die Fehlleistungen an sich, sondern darum, wie damit umgegangen wird. «Wie sieht das Fehlermanagement aus?», bringt es ein Leser exemplarisch auf den Punkt. «Wird da klar der Mist genannt, der gemacht wurde, oder eiert man lieber so rum, wie neulich Dr. Kai Kniffke im tagesschaublog, beim Thema Ukraine-Berichterstattung? Jemand der offen mit seinen Fehlern umgeht und daraus lernt, ist glaubwürdig.»

Transparenz wird in diesem Zusammenhang mehrfach als ein weiter auszudifferenzierender Begriff betrachtet, wie folgender Kommentar zeigt: «Was meinen Sie, wenn Sie von ‹Transparenz› sprechen? Ich verstehe die These wie folgt: Zeitung A schreibt Mist. Zeitung B / Blog X / Person Y deckt das auf. Zeitung A schämt sich und gelobt Besserung. Über die tatsächlichen Vorgänge und Ideen zur Verbesserung erfährt man nur wenig. Die Sache ist irgendwann vergessen und es geht weiter wie gehabt. Transparenz bedeutet jedoch, dass man seine Quellen so weit wie möglich offenlegt, so dass jeder, der gegenteiliger Meinung ist, einen Anhaltspunkt hat.»

Von entscheidender Wichtigkeit ist auch in diesem Zusammenhang das kritische Hinterfragen der Informationsquellen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um traditionelle oder soziale Medien handelt: «Wer eine komplexe Welt zu verstehen versucht, darf sich sowieso nicht alleine auf die journalistische Berichterstattung verlassen, und dies gilt nicht erst seit gestern. Ein gesundes Misstrauen ist heute ebenso aktuell wie vor 100 Jahren. Zudem impliziert verstärkte Transparenz keinesfalls Fehlerfreiheit. Vielmehr lässt sie uns per Definition mehr Fehler erkennen. Ein fruchtbares Terrain also für das kritische Denken.»

Um das leisten zu können, ist aber Medienkompetenz gefragt – ebenfalls ein Punkt, der sich als roter Faden durch viele der Wortmeldungen zieht. Dabei seien die Ansprüche mit dem Aufkommen neuer Medien noch einmal deutlich angestiegen, wie dieser Kommentar verdeutlicht: «Medienkompetenz ist hier das Stichwort. Die fehlt oftmals bzw. die wurde zu Zeiten der Papierzeitung erlernt. Die neuen Medien erlauben viel mehr Kanäle und Meinungen, da muss der Rezipient hinreichend differenzieren und reflektieren sowie Zusammenhänge herstellen oder Interessenlagen erkennen können. Dabei könnten die ‹klassischen› Medien unterstützen, indem sie die relevanten Informationen und insbesondere Fakten zusammentragen und präsentieren – dann kann der Leser den Rest der Darstellungen in der Medienwelt besser einschätzen.»


Offene Frage:
Weitere Gedanken

Übersehen wir einen entscheidenden Aspekt? Wird hier unnötig dramatisiert? Lassen Sie uns hier wissen, was nicht zu den obigen Thesen passt.

Unsere Abschlussfrage wurde naturgemäss sehr unterschiedlich beantwortet. Nachfolgend eine unkommentierte Auswahl von besonders pointierten Wortmeldungen, nach Themen geordnet:

Verbesserungsvorschläge

«Was ich von Journalisten erwarte, ist, dass sie mehr Quellen als ich haben und die auch angeben. Dass sie wissen, dass sie nicht alles wissen können, und sich nicht lächerlich machen, indem sie versuchen, dem Leser etwas zu erklären, was sie selber nicht verstehen. Paradebeispiel ist da alles, was mit Quantenphysik zu tun hat. Trotzdem können sie die Quellen analysieren und zusammentragen, die Qualität von Quellen kommentieren und das Fehlen von Informationen hervorheben. Ein Journalist sollte ein Geschichtswissenschaftler mit Fokus auf die letzte Woche sein. Im besten Fall kann er mir neue Quellen ausserhalb meiner Filterblase zeigen und mir, wenn er mein Vertrauen gewinnt, mit seiner Interpretation die Arbeit abnehmen, diese Quellen selber zu studieren. Für dieses Vertrauen ist es aber wichtig, dass der Journalist seine Arbeit transparent macht. Alle Quellen belegt, Einflussnahme von Politik und Wirtschaft offen dargelegt, persönliches Interesse kennzeichnet. Was hat ein Journalist, was das Geschrei auf Twitter nicht hat? Argumente, die er belegen kann. Wenn das nicht der Fall ist, brauche ich den Journalisten nicht.»

«Wir müssen die Werte der Aufklärung wieder vermehrt ins Feld der öffentlichen Debatten führen, wir müssen Kritik formulieren können und empfangen können. Wir müssen die Widersprüche, die zu mehr gesellschaftlicher Transparenz führen aushalten können. Ein Medium wird dann erfolgreich sein, wenn es Debatten kritisch führt, emanzipatorisch reflektiert und Dummheiten immer wieder entgegentritt - wohlwissend dass niemand vor dieser gefeit ist.»

Ergänzende Thesen

«These 6: Die Leserschaft wird nicht mehr ernst genommen. Leser, die Kritik anbringen, werden oftmals ignoriert und in die Ecke der Verschwörungstheoretiker/Spinner gestellt. Meist führen die subjektiven Meinungen, die mehr oder weniger in Berichten mitschwingen, gänzlich am Thema vorbei oder entfernen sich von der tatsächlichen Lebenswelt der Konsumenten.

These 7: Die Kürze der aktuellen Medienzyklen verhindert eine breite Debatte und desensibilisiert die Leser für viele Themen. Oftmals wird in den Medien selbst auch die Kürze der Medienzyklen kritisiert. Wenn man sich in einem Thema etwas festgebissen hat und mehr darüber erfahren will, steht oftmals schon das nächste auf der Tagesordnung. Zwar kann man sich immer noch weiter informieren, aber durch die Dominanz anderer Themen in den Medien hat die alte Debatte praktisch an gesellschaftlicher Relevanz abgenommen. Aufgabe der Medien sollte es ebenso sein, am Ball zu bleiben und Antworten unnachgiebig zu fordern.»

«These 6: Der Journalismus scheitert an der Aufklärung. Und zwar nach dem von Krugman beschriebenen Muster: A sagt, die Erde sei eine Scheibe, B sagt, die Erde sei eine Kugel. Berichtet wird: Form der Erde umstritten. Den Sieg tragen sodann jene Pressure Groups davon, die am lautesten schreien (was zumeist mit ihrer ideologischen Hegemonie und ökonomischen Stärke einhergeht). Die Ermangelung einer adäquaten Darstellung der Empirie, die die Bildung einer echten eigenen Meinung ermöglicht, führt dazu, dass Sachverhalte zu Glaubenskriegen werden, die an Zeiten vor der Aufklärung gemahnen.»

«Fragen wir doch auch noch nach den Rahmenbedingungen. welches – organisationale – Umfeld würde es denn dem Journalismus ermöglichen, den Thesen 2 bis 5 etwas entgegenzuhalten? Ich meine, dass es eine Rolle spielt, wie Journalismus organisiert ist. Also: welche Rolle spielt z.B. die Überwucherung durch ökonomische Rationalität? Das sollte zumindest auch mitdiskutiert bzw. nicht ausgeblendet werden.»

Die Arroganz der Journalisten

«Was in Ihren Überlegungen fehlt: die schon unglaubliche Selbstgerechtigkeit der Medienmacher, die bisher mit aggressiver Arroganz und dem Willen zur Denunziation der Kritiker reagiert haben.»

«Ja, Sie übersehen, dass Journalisten ihren Lesern nicht von Natur aus überlegen sind. Denn genau dieser woher auch immer stammende Dünkel ist in vielen der obigen Thesen impliziert. Versuchen Sie einfach mal, sich die Medienkonsumenten als intelligente, gebildete, urteilsfähige Menschen vorzustellen, mit denen Sie auf Augenhöhe kommunizieren könnten. Dann klappt's auch mit der Glaubwürdigkeit.»

«Netter Versuch, aber mir gefällt die tendenziöse Fragestellung nicht. Wenn Sie ernsthaft Interesse haben – diese Initiative ist ja ein guter Schritt –, dann bitte nicht so. Sie möchten doch nur Ihre Thesen bestätigt wissen und mehr nicht. Investigativ geht anders, und das wissen Sie.»

Misstrauen gegen die Medien

Wir widmen uns in einem Schwerpunkt dem zunehmenden Misstrauen gegenüber dem traditionellen Mediensystem. Dazu sind folgende Artikel erschienen:

_
Anmerkung: Wir haben in unserem Umfrageformular bewusst darauf verzichtet, Angaben zu den Absendern der Kommentare zu erfassen. Der Gedanke dahinter: Einzig das Argument soll zählen, unabhängig von dessen Verfasser.

Weiterer Lesetipp: Die Kollegen bei «Zapp – Das Medienmagazin» (NDR) haben sich zeitgleich mit dem Thema auseinandergesetzt und unter anderem eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist alarmierend: Nur 29 Prozent der Deutschen haben grosses oder sehr grosses Vertrauen in die Medien.

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Reaktionen

  1. Der Schwob

    am 17.12.2014, 08:29

    So langsam kommen wir an jenen Punkt an dem sich zeigen wird, ob es einfach mal wieder gut war, darüber gesprochen zu haben oder ob wir ab Januar 2015 tatsächlich eine Veränderung in der Berichterstattung wahrnehmen.

    Es wäre toll, wenn die TaWo Redaktion aus den vielen Kommentaren für sich ein Leitbild erarbeitet, welches wir Leser ebenfalls kennen. Das wäre doch eine gemeinsame Grundlage, um guten Journalismus zu fördern. Vielleicht kommt es sogar dazu, dass wir Leser Artikel benoten... ... mehrSo langsam kommen wir an jenen Punkt an dem sich zeigen wird, ob es einfach mal wieder gut war, darüber gesprochen zu haben oder ob wir ab Januar 2015 tatsächlich eine Veränderung in der Berichterstattung wahrnehmen.

    Es wäre toll, wenn die TaWo Redaktion aus den vielen Kommentaren für sich ein Leitbild erarbeitet, welches wir Leser ebenfalls kennen. Das wäre doch eine gemeinsame Grundlage, um guten Journalismus zu fördern. Vielleicht kommt es sogar dazu, dass wir Leser Artikel benoten können. Die Note muss ja nicht gleich öffentlich sein ;-)
    Relevante Kriterien für Einzelnoten wären für mich:
    - Relevanz
    - Glaubwürdigkeit
    - Nachvollziehbarkeit der Argumentation
    - Schreibstil
    - Korrekte Quellenangaben

    Fast wie an der Uni :-D

  2. Verifiziert

    Dani Winter

    am 17.12.2014, 11:11

    Lieber «Schwob». Natürlich ist es unsere Absicht, etwas aus dieser Geschichte zu lernen bzw. für uns als Redaktion und Medium Lehren zu ziehen und die daraus resultierenden Erkenntnisse in unsere Arbeit einfliessen zu lassen. Die TagesWoche versucht, einen transparenten Umgang mit unseren Quellen zu pflegen. Dasselbe gilt für inhaltliche Fehler, wie sie natürlich auch bei uns gelegentlich vorkommen, bzw. für Korrigenda. Aber natürlich gibt es da auch bei uns noch Luft nach oben. Wenn Sie... ... mehrLieber «Schwob». Natürlich ist es unsere Absicht, etwas aus dieser Geschichte zu lernen bzw. für uns als Redaktion und Medium Lehren zu ziehen und die daraus resultierenden Erkenntnisse in unsere Arbeit einfliessen zu lassen. Die TagesWoche versucht, einen transparenten Umgang mit unseren Quellen zu pflegen. Dasselbe gilt für inhaltliche Fehler, wie sie natürlich auch bei uns gelegentlich vorkommen, bzw. für Korrigenda. Aber natürlich gibt es da auch bei uns noch Luft nach oben. Wenn Sie mehr zu unserem Leitbild wissen wollen, empfehle ich Ihnen unseren unlängst neu formulierten Stiftungsauftrag zur Lektüre: www.tageswoche.ch/join Dessen Umsetzung und die Implementierung entsprechender Werkzeuge und Abläufe im redaktionellen Alltag ist derzeit im Gang.

    Ein grosses Dankeschön an dieser Stelle an Sie und alle anderen Community-Mitglieder, die mit konstruktiver Kritik zur Entwicklung der TagesWoche als dialogisches Medium beitragen. Wer das Bedürfnis hat, einen materiellen Beitrag zu leisten – es ist schliesslich Advent – ist herzlich eingeladen, uns mit einer Jahresmitgliedschaft zu unterstützen. Herzlichen Dank und frohe Festtage!

  3. Fjord Springer

    am 17.12.2014, 13:44

    Sehr geehrte Redaktion,

    ich finde Ihre Aktion Klasse! Denn Sie tun das, wonach ich mich seit Jahren sehne: Sie versuchen ernsthaft und glaubhaft mit Ihren Lesern ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür.

    Der Schlüssel für die Lösung der Krise, in der sich der Journalismus heute zweifelsohne befindet, könnte die Kommunikation mit den Lesern, Zuschauern und Zuhörern sein.

    Das klingt sehr hoch gestochen, aber ich glaube genau darum geht es. Miteinander ins Gespräch zu kommen. Also kein... ... mehrSehr geehrte Redaktion,

    ich finde Ihre Aktion Klasse! Denn Sie tun das, wonach ich mich seit Jahren sehne: Sie versuchen ernsthaft und glaubhaft mit Ihren Lesern ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür.

    Der Schlüssel für die Lösung der Krise, in der sich der Journalismus heute zweifelsohne befindet, könnte die Kommunikation mit den Lesern, Zuschauern und Zuhörern sein.

    Das klingt sehr hoch gestochen, aber ich glaube genau darum geht es. Miteinander ins Gespräch zu kommen. Also kein Journalismus für die Leser, sondern ein Journalismus mit den Lesern. Weil das Zeitalter der medialen Einbahnstraßenkommunikation durch das Internet beendet wurde. Die Aufgaben des Journalismus bestehen nicht mehr "nur" darin zu sammeln, einzuordnen und zu informieren, er muss, um mit der Entwicklung mithalten zu können, nun auch noch kommunizieren. Das ist meiner Meinung nach die große Herausforderung für den Journalismus.

    Ach du liebes bisschen, wie soll das denn gehen und vor allem, wer soll es bezahlen? Journalisten müssen unter ökonomischen Druck ihre Arbeit besonders gut machen, die können sich nicht auch noch obendrein um die Leser kümmern und mit ihnen diskutieren. Journalisten sind raus. Wer also dann?

    Das Problem ist das, was echte, menschliche Kommunikation bedarf. Menschen. Also Mitarbeiter, also Kostenfaktoren. Wenn hier ein Umdenken in den Verlagsleitungen geschähe, wenn zwei, drei oder dem Bedarf angemessen viele Moderatoren eingestellt würden, die wirklich und wahrhaftig moderieren, wäre schon viel für die Glaubwürdigkeit des Journalismus getan.

    Nebenbei gesagt heißt moderieren, sich in (gerade auch aus dem Ruder laufende) Gespräche einzumischen, Gespräche anzustoßen und anzutreiben, den sachlichen Faden zu halten und den guten Ton zu wahren. Moderatoren können Leserkritik aufnehmen, Themen kanalisieren, Sachzwänge erklären, Stimmungen einfangen, Hinweise prüfen und vieles mehr. Moderatoren hätten den ganzen Tag zu tun.

    Ja das kostet Geld, vor allem auch wenn man gute Moderatoren will, die dafür bezahlt werden wollen (und sollen), weil gute Kommunikation eben auch harte Arbeit ist. Aber dieses Geld ist nicht da, weil im Kampf um die höchste Rendite und die billigsten und schnellsten Nachrichten beinahe alle Verlage und Sender an Qualität verloren haben. Nur für nichts anderes als für Qualität bin ich bereit zu zahlen.

    Welches Bild ergäbe sich, sähe man die Ausgaben für so einen "gesprächigen Journalismus" nicht als Kosten sondern als Investition? Ich weiß nicht, wie das die Strategen sehen, aber ich für meinen Teil würde die Zeitung, die so ein Experiment wagt, sofort abonnieren. Es wäre die zweite Zeitung, an die ich mich in meinem Leben binden würde. Das erste Abo habe ich seit nunmehr 8 Jahren. Ich bin also durchaus treu - wenn die Qualität stimmt.

    Menschen wollen miteinander reden, diskutieren und streiten, mit- und voneinander lernen. Menschen wollen wahr- und ernst genommen werden. Das ist etwas, was sie in ihrer Vielfalt eint. Was ihnen fehlt, besser, was ihnen verloren gegangen ist, ist eine Kommunikationskultur, die niemand wieder aufzubauen bereit ist, weil das Geld kostet und Arbeit macht.

    Wovor hat man Angst? Vor der Veränderung? Vor dem Unbekannten und den Unwägbarkeiten der menschlichen Kommunikation? Ja Mensch, das ist wie beim ersten Mal Flirten. Man muss sich einfach nur trauen und den ersten Schritt machen. Danach wird es leichter und wer weiß, vielleicht wird sogar eine große Liebe daraus. ;o)

  4. Alois Karl Hürlimann

    am 17.12.2014, 13:55

    Eine sehr lesenswerte Zusammenfassung.
    Weit jenseits der gängigen Umfragevergabe, mit der man sich dann bestätigen lässt, dass man nicht glaubwürdig sei.
    In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf ZAPP verdienstvoll. Auf den ersten Blick erscheinen sowohl der Artikel als auch die per Videobeträge vorgestellten Stellungnahmen von Journalisten aufklärend.
    Das heisst, das Thema "Vertrauensverlust in die Medien" wird am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung in deutschen Medien verhandelt und... ... mehrEine sehr lesenswerte Zusammenfassung.
    Weit jenseits der gängigen Umfragevergabe, mit der man sich dann bestätigen lässt, dass man nicht glaubwürdig sei.
    In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf ZAPP verdienstvoll. Auf den ersten Blick erscheinen sowohl der Artikel als auch die per Videobeträge vorgestellten Stellungnahmen von Journalisten aufklärend.
    Das heisst, das Thema "Vertrauensverlust in die Medien" wird am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung in deutschen Medien verhandelt und der durch eine Umfrage festgestellte massive Einbruch im Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Berichterstattung dargestellt.
    Nicht dargestellt wird die Berichterstattung selber.
    Vielmehr wird im Videointerview mit Kai Gniffke, "erster Chefredakteur ARD Aktuell" die Nachrichtenlage als quasi objektiv und die Recherche darüber als "ausgeglichen" erklärt. Der Vertrauensverlust wird mit viel billigpsychologisierendem Hinweis auf die "Friedensgewöhnung" der Deutschen, welche deshalb die Geschehnisse in der Ukraine verdängen würden und nicht gegen Russland antreten wollen, erklärt.

    Meiner Ansicht nach ist gerade dieses "Erklären" nachfragewürdig.
    So zu tun, als ob die Ukraine-Nachrichten bei ARD und ZDF (zum Beispiel) immer oder hauptsächlich aus Recherche vor Ort beruhen würden, ist einfach falsch. Man hat vielleicht ein oder zwei Kamerateams in der Ukraine. Man hat, wenn es hoch kommt, ein Büro in Kiew, meistens aber hat man eigentlich in der Ukraine gar keine Korrespondenten, sondern macht die Nachrichtenfilme, sofern man sie selber macht, von Moskau aus. Viele Nachrichtenfilmsequenzen sind weder mit Quelle noch mit einer örtlichen Zuordnung versehen. In jüngster Vergangenheit haben ARD und ZDF sich – denke ich an Filmmaterial aus dem syrischen Bürgerkrieg – oft nicht gerade quellenkritisch verhalten.
    Wohl mehr als die Hälfte der Ukraineberichterstattung aber besteht aus: Obama, Kerry, Merkel, Steinmeier, Fabius, Hollande, hie und da Putin und Lawrow, aus Poroschenko und eine Weile lang, aber das hat sich gelegt, aus Klitschko.

    Dass Ende Februar 2014 in Kiew schlicht ein Staatsstreich stattgefunden hatte, bleibt seither ständig und nachgerade auffallend unerwähnt. Der Staatsstreich fand einen Tag, nachdem Steinmeier, Fabius und der polnische Aussenminister mit dem damals noch amtierenden - immerhin gewählten - Präsidenten Janukowych ein Abkommen über dessen vorzeitigen Rücktritt im Mai 2014 und die Bildung einer Übergangsregierung abgeschlossen hatten,, statt. Das ukrainische Parlament wurde gestürmt. Wer stürmte da voraus ?
    Danach: Jene Parlamentarier, welche in Wahlen 2012 keine Mehrheit erhalten hatten, setzten dann per Parlamentsbeschluss den Präsidenten ab. Die Mehrheit hatten sie, weil zahlreiche Parlamentarier, welche gegen eine solche Massnahme gestimmt hätten, gar nicht erst an der Sitzung haben teilnehmen können.
    Diese Geschichte wurde in vielen westlichen Medien einfach übergangen.
    Anderseits:
    Genau dieses Vorgehen erinnerte einfach viel zu stark an zahlreiche gleichgeartete Vorgänge während vieler Jahrzehnte in Lateinamerika (Brasilien, Argentinien gleich mehrmals, Chile, Nicaragua, Bolivien, Peru), als dass dazu nicht gewichtige Fragen über die Rolle der USA entstehen mussten.
    Oder:
    Wenn man hört, dass es in der Ukraine eine "Nationalgarde" gebe, welche in den Kämpfen in der Ostukraine mitmache, würde es schon interessieren, darüber mehr zu erfahrnem, um sich ein Bild machen zu können, das etwas mit der Realität zu tun hat. Aber darüber existiert: Schweigen.
    Das ist nur ein Beispiel.
    Die ganze Gasfrage mitsamt der Rolle von Frau Timoscheno darin ist eine andere, völlig unbehandelte.
    Es gibt, über die Ukrainekrise hinaus, noch viele Beispiele mehr.
    Man könnte etwa den sommerlichen Gazakrieg nennen, mit über 2000 getöteten Zivilpersonen in Gaza. Auch in diesem Zusammenhang wird in den westlichen Medien im allgemeinen sehr ungenau berichtet und äusserst parteiisch kommentiert.

    Es sind viele Probleme, welche schliesslich eine Krise für die Glaubwürdigkeit der Medien in unseren Gegenden begründen. Es wäre verwunderlich, wenn es diese Krise nicht geben würde.
    Sich mit der Frage der Nachrichtenqualität, was immer auch eine Frage der Quellengenauigkeit ist, auseinanderzusetzen und nicht so zu tun, als würde es die eine grosse Linie in der weltgeschichtlichen Gegenwart geben, die immer ganz genau erkennbar zwischen Gut und Böse scheidet, macht wohl zukünftig ernstzunehmenden Journalismus vor allem aus.
    Das kann auch vor Ort wichtig sein: Etwa die Affäre um die Rolle einer Regierungsrates Reber, der eine Fachfrau erst einstellt und dann abserviert.
    Anders gesagt: Genau hinschauen! Nicht falsche Rücksichtnahmen pflegen.

    Dieses Stück Journalismus hier, also die Fragestellungen, die dann zum Artikel„Das Publikum weiss mehr als wir“ geführt haben, ist meiner Ansicht nach etwas vom besten, was ich seit vielen Jahren über „Medien“ gelesen habe.

  5. Christoph Meury

    am 17.12.2014, 14:16

    Sackstark! Und extrem aufschlussreich.
    Ich wünsche dem Beitrag eine grosse Nachhaltigkeit und den Erkenntnissen einen breiten Einzug in den Alltag.

    Das dahinterstehende Selbstbewusstsein und die partizipative Position zu den Leserinnen und Lesern müssen unbedingt erhalten werden.

  6. Hans Peter Rubi

    am 17.12.2014, 15:52

    Interessantes und wichtiges Projekt. Danke. Auf Twitter gibt es weitere Gedanken zum Thema: #demokratiegerechtesmediensystem
    Einer der wichtigsten Punkte: wie kann unabhängiger Top-Journalismus finanziert werden? Sicher nicht mehr einfach über Werbung wie zu "guten alten Zeiten".

  1. Der Schwob

    am 17.12.2014, 08:29

    So langsam kommen wir an jenen Punkt an dem sich zeigen wird, ob es einfach mal wieder gut war, darüber gesprochen zu haben oder ob wir ab Januar 2015 tatsächlich eine Veränderung in der Berichterstattung wahrnehmen.

    Es wäre toll, wenn die TaWo Redaktion aus den vielen Kommentaren für sich ein Leitbild erarbeitet, welches wir Leser ebenfalls kennen. Das wäre doch eine gemeinsame Grundlage, um guten Journalismus zu fördern. Vielleicht kommt es sogar dazu, dass wir Leser Artikel benoten... mehrSo langsam kommen wir an jenen Punkt an dem sich zeigen wird, ob es einfach mal wieder gut war, darüber gesprochen zu haben oder ob wir ab Januar 2015 tatsächlich eine Veränderung in der Berichterstattung wahrnehmen.

    Es wäre toll, wenn die TaWo Redaktion aus den vielen Kommentaren für sich ein Leitbild erarbeitet, welches wir Leser ebenfalls kennen. Das wäre doch eine gemeinsame Grundlage, um guten Journalismus zu fördern. Vielleicht kommt es sogar dazu, dass wir Leser Artikel benoten können. Die Note muss ja nicht gleich öffentlich sein ;-)
    Relevante Kriterien für Einzelnoten wären für mich:
    - Relevanz
    - Glaubwürdigkeit
    - Nachvollziehbarkeit der Argumentation
    - Schreibstil
    - Korrekte Quellenangaben

    Fast wie an der Uni :-D

  2. s chröttli

    am 17.12.2014, 11:02
  3. Verifiziert

    Dani Winter

    am 17.12.2014, 11:11

    Lieber «Schwob». Natürlich ist es unsere Absicht, etwas aus dieser Geschichte zu lernen bzw. für uns als Redaktion und Medium Lehren zu ziehen und die daraus resultierenden Erkenntnisse in unsere Arbeit einfliessen zu lassen. Die TagesWoche versucht, einen transparenten Umgang mit unseren Quellen zu pflegen. Dasselbe gilt für inhaltliche Fehler, wie sie natürlich auch bei uns gelegentlich vorkommen, bzw. für Korrigenda. Aber natürlich gibt es da auch bei uns noch Luft nach oben. Wenn Sie... mehrLieber «Schwob». Natürlich ist es unsere Absicht, etwas aus dieser Geschichte zu lernen bzw. für uns als Redaktion und Medium Lehren zu ziehen und die daraus resultierenden Erkenntnisse in unsere Arbeit einfliessen zu lassen. Die TagesWoche versucht, einen transparenten Umgang mit unseren Quellen zu pflegen. Dasselbe gilt für inhaltliche Fehler, wie sie natürlich auch bei uns gelegentlich vorkommen, bzw. für Korrigenda. Aber natürlich gibt es da auch bei uns noch Luft nach oben. Wenn Sie mehr zu unserem Leitbild wissen wollen, empfehle ich Ihnen unseren unlängst neu formulierten Stiftungsauftrag zur Lektüre: www.tageswoche.ch/join Dessen Umsetzung und die Implementierung entsprechender Werkzeuge und Abläufe im redaktionellen Alltag ist derzeit im Gang.

    Ein grosses Dankeschön an dieser Stelle an Sie und alle anderen Community-Mitglieder, die mit konstruktiver Kritik zur Entwicklung der TagesWoche als dialogisches Medium beitragen. Wer das Bedürfnis hat, einen materiellen Beitrag zu leisten – es ist schliesslich Advent – ist herzlich eingeladen, uns mit einer Jahresmitgliedschaft zu unterstützen. Herzlichen Dank und frohe Festtage!

  4. s chröttli

    am 17.12.2014, 11:15

    wichtige erkenntnis für die schreiberlinge:
    das durchschnittsniveau der leserschaft liegt wesentlich höher.

    1. s chröttli

      am 17.12.2014, 11:24

      nachtrag: gemeint sind wir kommentarschreiberlinge ...

  5. Fjord Springer

    am 17.12.2014, 13:44

    Sehr geehrte Redaktion,

    ich finde Ihre Aktion Klasse! Denn Sie tun das, wonach ich mich seit Jahren sehne: Sie versuchen ernsthaft und glaubhaft mit Ihren Lesern ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür.

    Der Schlüssel für die Lösung der Krise, in der sich der Journalismus heute zweifelsohne befindet, könnte die Kommunikation mit den Lesern, Zuschauern und Zuhörern sein.

    Das klingt sehr hoch gestochen, aber ich glaube genau darum geht es. Miteinander ins Gespräch zu kommen. Also kein... mehrSehr geehrte Redaktion,

    ich finde Ihre Aktion Klasse! Denn Sie tun das, wonach ich mich seit Jahren sehne: Sie versuchen ernsthaft und glaubhaft mit Ihren Lesern ins Gespräch zu kommen. Vielen Dank dafür.

    Der Schlüssel für die Lösung der Krise, in der sich der Journalismus heute zweifelsohne befindet, könnte die Kommunikation mit den Lesern, Zuschauern und Zuhörern sein.

    Das klingt sehr hoch gestochen, aber ich glaube genau darum geht es. Miteinander ins Gespräch zu kommen. Also kein Journalismus für die Leser, sondern ein Journalismus mit den Lesern. Weil das Zeitalter der medialen Einbahnstraßenkommunikation durch das Internet beendet wurde. Die Aufgaben des Journalismus bestehen nicht mehr "nur" darin zu sammeln, einzuordnen und zu informieren, er muss, um mit der Entwicklung mithalten zu können, nun auch noch kommunizieren. Das ist meiner Meinung nach die große Herausforderung für den Journalismus.

    Ach du liebes bisschen, wie soll das denn gehen und vor allem, wer soll es bezahlen? Journalisten müssen unter ökonomischen Druck ihre Arbeit besonders gut machen, die können sich nicht auch noch obendrein um die Leser kümmern und mit ihnen diskutieren. Journalisten sind raus. Wer also dann?

    Das Problem ist das, was echte, menschliche Kommunikation bedarf. Menschen. Also Mitarbeiter, also Kostenfaktoren. Wenn hier ein Umdenken in den Verlagsleitungen geschähe, wenn zwei, drei oder dem Bedarf angemessen viele Moderatoren eingestellt würden, die wirklich und wahrhaftig moderieren, wäre schon viel für die Glaubwürdigkeit des Journalismus getan.

    Nebenbei gesagt heißt moderieren, sich in (gerade auch aus dem Ruder laufende) Gespräche einzumischen, Gespräche anzustoßen und anzutreiben, den sachlichen Faden zu halten und den guten Ton zu wahren. Moderatoren können Leserkritik aufnehmen, Themen kanalisieren, Sachzwänge erklären, Stimmungen einfangen, Hinweise prüfen und vieles mehr. Moderatoren hätten den ganzen Tag zu tun.

    Ja das kostet Geld, vor allem auch wenn man gute Moderatoren will, die dafür bezahlt werden wollen (und sollen), weil gute Kommunikation eben auch harte Arbeit ist. Aber dieses Geld ist nicht da, weil im Kampf um die höchste Rendite und die billigsten und schnellsten Nachrichten beinahe alle Verlage und Sender an Qualität verloren haben. Nur für nichts anderes als für Qualität bin ich bereit zu zahlen.

    Welches Bild ergäbe sich, sähe man die Ausgaben für so einen "gesprächigen Journalismus" nicht als Kosten sondern als Investition? Ich weiß nicht, wie das die Strategen sehen, aber ich für meinen Teil würde die Zeitung, die so ein Experiment wagt, sofort abonnieren. Es wäre die zweite Zeitung, an die ich mich in meinem Leben binden würde. Das erste Abo habe ich seit nunmehr 8 Jahren. Ich bin also durchaus treu - wenn die Qualität stimmt.

    Menschen wollen miteinander reden, diskutieren und streiten, mit- und voneinander lernen. Menschen wollen wahr- und ernst genommen werden. Das ist etwas, was sie in ihrer Vielfalt eint. Was ihnen fehlt, besser, was ihnen verloren gegangen ist, ist eine Kommunikationskultur, die niemand wieder aufzubauen bereit ist, weil das Geld kostet und Arbeit macht.

    Wovor hat man Angst? Vor der Veränderung? Vor dem Unbekannten und den Unwägbarkeiten der menschlichen Kommunikation? Ja Mensch, das ist wie beim ersten Mal Flirten. Man muss sich einfach nur trauen und den ersten Schritt machen. Danach wird es leichter und wer weiß, vielleicht wird sogar eine große Liebe daraus. ;o)

  6. Alois Karl Hürlimann

    am 17.12.2014, 13:55

    Eine sehr lesenswerte Zusammenfassung.
    Weit jenseits der gängigen Umfragevergabe, mit der man sich dann bestätigen lässt, dass man nicht glaubwürdig sei.
    In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf ZAPP verdienstvoll. Auf den ersten Blick erscheinen sowohl der Artikel als auch die per Videobeträge vorgestellten Stellungnahmen von Journalisten aufklärend.
    Das heisst, das Thema "Vertrauensverlust in die Medien" wird am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung in deutschen Medien verhandelt und... mehrEine sehr lesenswerte Zusammenfassung.
    Weit jenseits der gängigen Umfragevergabe, mit der man sich dann bestätigen lässt, dass man nicht glaubwürdig sei.
    In diesem Zusammenhang ist der Hinweis auf ZAPP verdienstvoll. Auf den ersten Blick erscheinen sowohl der Artikel als auch die per Videobeträge vorgestellten Stellungnahmen von Journalisten aufklärend.
    Das heisst, das Thema "Vertrauensverlust in die Medien" wird am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung in deutschen Medien verhandelt und der durch eine Umfrage festgestellte massive Einbruch im Vertrauen der Öffentlichkeit in diese Berichterstattung dargestellt.
    Nicht dargestellt wird die Berichterstattung selber.
    Vielmehr wird im Videointerview mit Kai Gniffke, "erster Chefredakteur ARD Aktuell" die Nachrichtenlage als quasi objektiv und die Recherche darüber als "ausgeglichen" erklärt. Der Vertrauensverlust wird mit viel billigpsychologisierendem Hinweis auf die "Friedensgewöhnung" der Deutschen, welche deshalb die Geschehnisse in der Ukraine verdängen würden und nicht gegen Russland antreten wollen, erklärt.

    Meiner Ansicht nach ist gerade dieses "Erklären" nachfragewürdig.
    So zu tun, als ob die Ukraine-Nachrichten bei ARD und ZDF (zum Beispiel) immer oder hauptsächlich aus Recherche vor Ort beruhen würden, ist einfach falsch. Man hat vielleicht ein oder zwei Kamerateams in der Ukraine. Man hat, wenn es hoch kommt, ein Büro in Kiew, meistens aber hat man eigentlich in der Ukraine gar keine Korrespondenten, sondern macht die Nachrichtenfilme, sofern man sie selber macht, von Moskau aus. Viele Nachrichtenfilmsequenzen sind weder mit Quelle noch mit einer örtlichen Zuordnung versehen. In jüngster Vergangenheit haben ARD und ZDF sich – denke ich an Filmmaterial aus dem syrischen Bürgerkrieg – oft nicht gerade quellenkritisch verhalten.
    Wohl mehr als die Hälfte der Ukraineberichterstattung aber besteht aus: Obama, Kerry, Merkel, Steinmeier, Fabius, Hollande, hie und da Putin und Lawrow, aus Poroschenko und eine Weile lang, aber das hat sich gelegt, aus Klitschko.

    Dass Ende Februar 2014 in Kiew schlicht ein Staatsstreich stattgefunden hatte, bleibt seither ständig und nachgerade auffallend unerwähnt. Der Staatsstreich fand einen Tag, nachdem Steinmeier, Fabius und der polnische Aussenminister mit dem damals noch amtierenden - immerhin gewählten - Präsidenten Janukowych ein Abkommen über dessen vorzeitigen Rücktritt im Mai 2014 und die Bildung einer Übergangsregierung abgeschlossen hatten,, statt. Das ukrainische Parlament wurde gestürmt. Wer stürmte da voraus ?
    Danach: Jene Parlamentarier, welche in Wahlen 2012 keine Mehrheit erhalten hatten, setzten dann per Parlamentsbeschluss den Präsidenten ab. Die Mehrheit hatten sie, weil zahlreiche Parlamentarier, welche gegen eine solche Massnahme gestimmt hätten, gar nicht erst an der Sitzung haben teilnehmen können.
    Diese Geschichte wurde in vielen westlichen Medien einfach übergangen.
    Anderseits:
    Genau dieses Vorgehen erinnerte einfach viel zu stark an zahlreiche gleichgeartete Vorgänge während vieler Jahrzehnte in Lateinamerika (Brasilien, Argentinien gleich mehrmals, Chile, Nicaragua, Bolivien, Peru), als dass dazu nicht gewichtige Fragen über die Rolle der USA entstehen mussten.
    Oder:
    Wenn man hört, dass es in der Ukraine eine "Nationalgarde" gebe, welche in den Kämpfen in der Ostukraine mitmache, würde es schon interessieren, darüber mehr zu erfahrnem, um sich ein Bild machen zu können, das etwas mit der Realität zu tun hat. Aber darüber existiert: Schweigen.
    Das ist nur ein Beispiel.
    Die ganze Gasfrage mitsamt der Rolle von Frau Timoscheno darin ist eine andere, völlig unbehandelte.
    Es gibt, über die Ukrainekrise hinaus, noch viele Beispiele mehr.
    Man könnte etwa den sommerlichen Gazakrieg nennen, mit über 2000 getöteten Zivilpersonen in Gaza. Auch in diesem Zusammenhang wird in den westlichen Medien im allgemeinen sehr ungenau berichtet und äusserst parteiisch kommentiert.

    Es sind viele Probleme, welche schliesslich eine Krise für die Glaubwürdigkeit der Medien in unseren Gegenden begründen. Es wäre verwunderlich, wenn es diese Krise nicht geben würde.
    Sich mit der Frage der Nachrichtenqualität, was immer auch eine Frage der Quellengenauigkeit ist, auseinanderzusetzen und nicht so zu tun, als würde es die eine grosse Linie in der weltgeschichtlichen Gegenwart geben, die immer ganz genau erkennbar zwischen Gut und Böse scheidet, macht wohl zukünftig ernstzunehmenden Journalismus vor allem aus.
    Das kann auch vor Ort wichtig sein: Etwa die Affäre um die Rolle einer Regierungsrates Reber, der eine Fachfrau erst einstellt und dann abserviert.
    Anders gesagt: Genau hinschauen! Nicht falsche Rücksichtnahmen pflegen.

    Dieses Stück Journalismus hier, also die Fragestellungen, die dann zum Artikel„Das Publikum weiss mehr als wir“ geführt haben, ist meiner Ansicht nach etwas vom besten, was ich seit vielen Jahren über „Medien“ gelesen habe.

  7. Christoph Meury

    am 17.12.2014, 14:16

    Sackstark! Und extrem aufschlussreich.
    Ich wünsche dem Beitrag eine grosse Nachhaltigkeit und den Erkenntnissen einen breiten Einzug in den Alltag.

    Das dahinterstehende Selbstbewusstsein und die partizipative Position zu den Leserinnen und Lesern müssen unbedingt erhalten werden.

  8. Hans Peter Rubi

    am 17.12.2014, 15:52

    Interessantes und wichtiges Projekt. Danke. Auf Twitter gibt es weitere Gedanken zum Thema: #demokratiegerechtesmediensystem
    Einer der wichtigsten Punkte: wie kann unabhängiger Top-Journalismus finanziert werden? Sicher nicht mehr einfach über Werbung wie zu "guten alten Zeiten".

  9. Besserwisser

    am 17.12.2014, 18:20

    Beispiele zu Ihren Thesen fehlen total, etwa:

    1. 9/11: Bis ins allerletzte Detail ist im Internet belegt (& mit den Quellen zitierbar), dass die NWO-Administration aus den USA, die Kabbala anwendend wie üblich als Provokation für einen Krieg veranstaltet wurde.

    2. Ebenso im Fall der MH-017-Affäre im 17. Jahr der Linieneinführung & am 17. abgeschossen: wie der Adler auf der 1-$-Note je 17 Federn pro Flügel & die lateinische Bezeichnung für New World Order darunter 17 Buchstaben... mehrBeispiele zu Ihren Thesen fehlen total, etwa:

    1. 9/11: Bis ins allerletzte Detail ist im Internet belegt (& mit den Quellen zitierbar), dass die NWO-Administration aus den USA, die Kabbala anwendend wie üblich als Provokation für einen Krieg veranstaltet wurde.

    2. Ebenso im Fall der MH-017-Affäre im 17. Jahr der Linieneinführung & am 17. abgeschossen: wie der Adler auf der 1-$-Note je 17 Federn pro Flügel & die lateinische Bezeichnung für New World Order darunter 17 Buchstaben hat, ergibt das Resultat "51" wie zur "Area 51" (von den anderen "mysteriösen" Merkmalen ganz zu schweigen.

    Ihre eigenen Kommentare sind bei jeder Erwähnung jeweils Muster des Verschweigens & deshalb in Keiner Weise vertrauensbildend in Berichterstattungskünste. Erklären Sie Ihr Verschweigen!

Informationen zum Artikel

17.12.2014, 05:25 Uhr

Das Publikum weiss mehr als wir

Text

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