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Ausstellung 

10.8.2014, 13:01 Uhr

Architektur zwischen Machtspeicher und leerer Hülle

10.8.2014, 13:01 Uhr

Was haben Rösslein Hü und Goebbels' privates Landhaus mit dem Turmbau zu Babel zu tun? Eine neue Ausstellung in der Maiengasse gibt Antworten. Von

Seit Donnerstag steht im ersten Stock der alten Werkstatt in der Maiengasse 7 ein babylonischer Turm. Ein kleines tönernes Exemplar, kaum grösser als eine Teetasse. Daneben eine kleine Postkarte mit Grossstadt-Sujet und ein Foto eines gigantischen Schaukelpferds. Kinderzimmer? Nein, Kunst! Die Offspace-Nomaden von deuxpiece haben sich dieses Mal im St. Johann ausgebreitet – mit einer Ausstellung, die zugleich heimeligen Charme versprüht und anspruchsvolle Inhalte vermittelt.

Am Anfang stand die Zusammenarbeit von deuxpiece-Mitglied Bianca Hildenbrand und dem griechischen Künstler Alexis Fidetzis, aus der letztes Jahr eine Publikation entstand. In den ersten 100 Seiten des rund 300-seitigen Buches geht es um «The Tower of Babel Project», ein Internetprojekt Fidetzis', in dem der Künstler mit Beiträgen von Kunstschaffenden aus aller Welt einen neue Art Turm zu Babel erschaffen will. Die Abbildungen der Beiträge werden auf der Webseite aufeinandergestapelt und so zum Baumaterial eines unendlichen virtuellen babylonischen Turmes:



Im zweiten Teil der Publikation befasst sich Fidetzis mit dem modernen Turm zu Babel: Er sammelt Abbildungen von Parlamentsgebäuden aus aller Welt, die, wie er meint, «glorifizierte Fragmente» dieses zerstörten Turms seien, Symbole für Kommunikation und Zusammenhalt, die den Menschen die Illusion einer gemeinsamen Sprache bieten würden. 

Dieser Teil des Buches legte dann auch den Grundstein zur neuen Ausstellung: Fidetzis und das Team von deuxpiece baten Künstler aus aller Welt, sich mit der Thematik von Architektur, Repräsentation und Machteinfluss auseinanderzusetzen und ihre Resultate nach Basel zu schicken. 

Bei Nacht und Nebel auf Goebbels' Grundstück

Einer der Mitwirkenden ist der Berliner Künstler Matthias Roth: Drei grosse dunkle Fotografien hat er beigetragen, die bei näherem Hinschauen den Blick freigeben auf ein Haus, einen Innenraum und einen Garten mit zwei verlotterten Fussballtoren. Was bereits auf den ersten Blick ziemlich unheimlich anmutet, wird noch grusliger, sobald man erfährt, welchen Ort man da vor Augen hat: Es ist das private Domizil von Joseph Goebbels, aufgenommen bei Vollmond, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. 

Ein weit weniger schauriges, aber genauso geschichtsträchtiges Gebäude hat sich der Basler Jan van Oordt ausgesucht: In seiner Arbeit «Just Ideas» ist das Bundeshaus zu sehen, halb verdeckt von einem grünen Luftballon, der selfie-mässig vor der Linse baumelt. Was bei Roth noch als Speicher grausamer deutscher Geschichte inszeniert wurde, ist bei van Oordt nichts als leere Hülle. Aber auch hier lohnt es sich genauer hinzuschauen: Das Bundeshaus ist nämlich in Wahrheit nur die Abbildung des Bundeshauses auf einem Computerbildschirm. 



Auch beim Schweizer Künstler Jérémie Sarbach ist der Computerbildschirm Teil des Werkes – allerdings als fotografisches Werkzeug: Sarbach belichtet sein Fotopapier nicht mit einer Lampe, sondern mit dem Licht aus dem Bildschirm, der gleichzeitig auch noch das Sujet liefert. So entstehen «digitale Fotogramme» von Abbildungen aus dem Internet, die sich in diesem Fall auf biblische Geschichten beziehen.

Weit weniger biblisch aber genauso auf den ersten Blick erkennbar ist Sarbachs zweite Arbeit: «Hüü» – ein überdimensionales Schaukelpferd aus Hürdenstangen, das von Ort zu Ort reist und sein Debüt im Hof der Maiengasse gab. Davon zeugt in der Ausstellung aber leider nur noch das Foto des gigantischen Tiers, das sofort an das reisende Rösslein Hü oder das trojanische Pferd denken lässt.

Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich die imposanteste Arbeit der Ausstellung: «Afterimage/Protest» der Berlinerin Yvon Chabrowski besteht aus einer grossen Leinwand, auf die Menschen projiziert werden, die Medienbilder nachstellen. Dabei sind Hintergrund und Kleidung weitgehend neutralisiert. Somit werden die Grenzen verwischt, es ist nicht mehr auf den ersten Blick klar, wer zu welchem Lager gehört. Chabrowski aktiviert damit das visuelle Gedächtnis des Betrachters und spielt mit dem westlichen Blick und der Lesbarkeit von Bildern – ob politisch oder nicht.

(Bild: Guillaume Musset)

Den Raum zu Eigen gemacht

Eine Ausstellung in einer Zwischennutzung zu machen sei immer wieder eine Herausforderung, meint Alice Wilke, Teil des deuxpiece-Teams. «Wir haben nicht versucht, die Räume zugunsten der Werke zu verändern, sondern haben sie direkt eingreifen lassen.» So ist zum Beispiel das imposante Standbild von Lee Wells, das die Insel Delos mit einem übermächtigen Turm zeigt, in die alte Lüftung eingebaut, und Lydia Venieris Druck mit geometrischer Zeichnung lugt zwischen zwei zur Seite geschobenen Bodengittern hervor.

Andere Werke stehen für sich selbst, wie der Fernseher mit Dan de Carvalhos «Progresso» – eine Slideshow von Google Streetview-Screenshots, überlagert mit analogen Fotografien von São Paulo. Ein starker Beitrag über Architektur als stadtplanerische Strategie, die einen grossen Einfluss auf das soziale Leben in der Grossstadt verübt. 

Architektur als Speicher, als Hülle, trojanisches Pferd oder strategisches Konstrukt – mit diesen künstlerischen Kommentaren endet das «Tower of Babel Project» mit einer gelungenen Ausstellung. Und – als Kunstschau eines nomadischen Offspaces in einer Zwischennutzung – vielleicht selbst auch ein bisschen als Kommentar, als Anfang eines Turmbau zu Basel.

_
«The Tower of Babel Project – Reloaded», Maiengasse 7, 4056 Basel, 8. bis 28. August 2014, Do–Sa, 16 – 19 Uhr. Sonntag, 10. August 2014, 16 Uhr: Talk, Wurst und Musik mit Adrian Grzonka, Yvon Chabrowski und Alexis Fidetzis

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