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Kunsthaus BL 

28.5.2014, 10:41 Uhr

Die Kunst des Umkrempelns

28.5.2014, 10:41 Uhr

Verglaste Winkel, Gasflaschen und ein umgestülpter Schädel: Die Künstler Ariel Schlesinger und Sarah Oppenheimer erschrecken und verzaubern im Kunsthaus Baselland. Von

Ein kleines Auto steht verlassen in einem Raum. Man läuft darauf zu, blinzelt ungläubig, tritt näher und tatsächlich: Da befinden sich zwei Gasflaschen auf den Vordersitzen. Man geht näher ran, läuft um das Gefährt herum – und schreckt zurück. An der Fensterscheibe des Wagens angebracht, brennt unauffällig ein kleines Flämmchen. Das Feuer ist echt und der erste Eindruck furchterregend: Dieser Wagen kann jederzeit in die Luft gehen.

Kann er natürlich nicht. Das Vehikel steht im Museum und geht auf die Kappe eines Künstlers, der gerne mit dem Gefährlichen spielt: Ariel Schlesinger, etwas über 30 Jahre alt, ist momentan im Kunsthaus Baselland in einer Einzelausstellung zu sehen. Er lacht, als er von der Gefahr hört, die wir in seinem Werk ahnen, und meint ruhig: «Good.» Genau das sei ja der Punkt. 

Die Geschichte mit den Socken

Der Künstler mit dem schwarzen Wuschelkopf läuft entspannt in ausgelatschten Turnschuhen durch die Ausstellung und gibt die Geschichten hinter seinen Werken preis: «Diese fünf Sockenpaare hängen hier, weil der Aufbau fünf Tage dauerte und es so dreckig zu und her ging, dass ich täglich die Socken wechseln musste», sagt er zur Arbeit «Untitled (Socks holder)», die aus fünf Siebdrucken besteht, aus denen gebrauchte Socken hängen. Hat er wirklich seine gebrauchten Socken vom Aufbau in der Ausstellung aufgehängt? Schlesinger zwinkert. «Es ist eine gute Geschichte, findest du nicht?» 

Zwei Stücke Papier, die sich von einem Magnet getrieben aneinander schmiegen und wieder abwenden, erzählen Liebesgeschichten, die kaum in Worte zu fassen sind.

Platz für die Geschichten hinter den Werken lassen, Platz fürs Fantastische, Unerklärliche schaffen – das hatte auch Kuratorin Ines Goldbach im Sinn, als sie Schlesinger für die Ausstellung anfragte: «Ariel Schlesinger nimmt kulturell verankerte Objekte und verfremdet sie auf eine Art und Weise, die verzaubert.» Und genau das hat die Kuratorin mit den Besuchern vor: Sie sollen verzaubert werden.  

Das gelingt vor allem bei Schlesingers stilleren Werken: «Untitled (Neon)», zwei parallele, sanft nach innen gebogene Neonröhren, die sich in der Mitte fast berühren, und «L'angoisse de la page blanche», zwei Stücke Papier, die sich von einem Magnet getrieben aneinander schmiegen und wieder abwenden, erzählen Liebesgeschichten, die kaum in Worte zu fassen sind. 

Tüftler, Erfinder, Künstler

Hinter den feinen Geschichten liegt ein grosses Interesse an Technik: Schon als kleiner Junge nahm Schlesinger leidenschaftlich gerne technische Geräte auseinander und erschuf neue Erfindungen, unter anderem eine Alarmanlage in seinem Kinderzimmer, die jedes Mal laut «Raus hier!» brüllte, wenn jemand sein Zimmer betrat. «Wenn ich nicht Künstler wäre, wäre ich jetzt wohl Erfinder», sagt er lachend. Und das sei er ja eigentlich auch – nur halt mit viel abstrakteren Ideen als damals. 

Achtung, Spoiler!: Ariel Schlesinger erklärt im Video, wie man einen Fahrradreifen zu Kunst machen kann (ein ähnliches Fahrrad ist übrigens auch in der Ausstellung zu sehen).

Erfinderisch sein bedeutet bei Ariel Schlesinger auch, scheinbar kaputten Objekten wieder neues Leben einzuhauchen. So verhält es sich mit den zwei grossen, halb verkohlten Teppichen, die in der Eingangshalle und im unteren Stock hängen: Sie sind die Rekonstruktion eines Unfalls während des Zweiten Weltkriegs, wo ein turkmenischer Teppich des Pergamonmuseums in München bei einem der letzten Luftangriffe in einem Lager im Stadtrand teilweise verbrannte und erst wegen der Tatsache, dass er halb verbrannt war, wieder nach vorne geholt, restauriert und ausgestellt wurde. Die Katastrophe hatte ihm ein zweites Leben geschenkt. Schlesinger wiederholte den Vorgang, jedoch ohne die zwei Teppiche zu restaurieren. 

Neues Leben – verkehrt herum

Objekten ein zweites Leben durch Zerstörung zu schenken, zieht sich durch das Werk des Israelis: Für die Serie «Untitled (Inside-Out Urn)» zerschlug er alte Urnen und setzte sie verkehrt herum wieder zusammen. Das Gleiche machte er mit einem menschlichen Schädel, dem «ultimativen Gesellschaftsbehälter», wie er ihn nennt: Mit einer Klemme brach er den Schädel in kleine Stücke und setzte sie verkehrt herum wieder zusammen. So stülpt er das Innere nach aussen, zerlegt den ultimativen Behälter und vollzieht einen «Einbruch ins Sein», wie Ines Goldbach im Begleittext zur Ausstellung festhält. 

Eine ganz andere Art von Einbruch geschieht auf der anderen Seite des Museums: Der längliche Raum neben dem Eingang zum Kunsthaus ist mit Glaselementen durchteilt, die je nach Tageslicht transparent, spiegelnd oder verschliessend den Raum strukturieren. «33-D» nennt sich diese Intervention – sie stammt von der Amerikanerin Sarah Oppenheimer.

Das Chaos im leeren Raum

«Es geht darum, Ordnung in den Raum zu bringen», sagt Oppenheimer, die in Doc Martens hinter dem Durchgang steht und darauf wartet, dass der Fotograf sie anweist. «Ich kam hier in diesen leeren Raum und fing sofort an, mir über seine Neustrukturierung Gedanken zu machen.» Beinhaltet der leere Raum für sie also eine Art Chaos? Die hagere Künstlerin mit den raspelkurzen Haaren hebt ihren durchdringenden Blick. «Genau! Das Chaos des leeren Raumes … das muss ich mir merken.» Raum bedeute für sie Unruhe, der sie mit ihren grossformatigen Interventionen entgegenwirkt. 

Eine Strukturierung, die viel Zeit erfordert: Zehn Monate lang hat die Künstlerin den Raum ausgemessen, per Computer die Intervention geplant und errechnet und schliesslich in Basel einbauen lassen. Ein langer Prozess, der sich gelohnt hat: Oppenheimers Ein- und Durchbruch lenkt nicht ab, sondern fällt quasi auf den Betrachter zurück, wirkt auf ihn ein, so dass er sich seiner selbst im Raum bewusst wird. 

Kunst für alle Sinne

Sarah Oppenheimer mache keine Objekte, sie erschaffe Erlebnisse, meinte der Journalist Julian Rose in der Zeitschrift «artforum» einst zu Oppenheims Interventionen. Und genau so ist es: Bei Sarah Oppenheimer ist der ganze Körper am Werk beteiligt. Das Werk ist nicht nur Erweiterung des Raums und seiner Architektur, es wird auch zu einer Erweiterung des Betrachters, der längst nicht mehr nur Betrachter ist, sondern mit «33-D» den Raum mitstrukturiert. 

Sarah Oppenheimer und Ariel Schlesinger könnten in ihrer Ausführung verschiedener nicht sein. Während Oppenheimer entlang der Architektur neue Räume für den Betrachter schafft, sind Schlesingers Räume eher erzählerischer Natur und öffnen sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick. Doch wie das Auto mit den Gasflaschen, der Totenkopf und die verkohlten Teppiche, haben auch die eckigen Kanten von «33-D» etwas Radikales und Unerbittliches und krempeln um: Im Raum und im Kopf.

_
Ariel Schlesinger: Kunsthaus Baselland, 23. Mai bis 6. Juli. Buchvernissage zur Ausstellung: 19. Juli, 10-11 Uhr
Sarah Oppenheimer: Kunsthaus Baselland, 23. Mai bis 7. September

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