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TagesWoche

Tages Woche

So, 26.05.2013

Bundesrat 

22.10.2012, 15:42 Uhr

Niedergang der EU ängstigt Bundesbern

22.10.2012, 15:42 Uhr

Die Finanz- und Bankenkrise der EU bedroht ganz Europa. Das erschreckt auch den Bundesrat in Bern. Er sucht nach Gegenmitteln – bis hin zur Armee. Und empört damit Linke und Gewerkschafter. Von Niklaus Ramseyer

John Kolesidis: Von Griechenland zum Flächenbrand? Der Bundesrat bereitet sich auf das Schlimmste vor.

Von Griechenland zum Flächenbrand? Der Bundesrat bereitet sich auf das Schlimmste vor. (Bild: John Kolesidis)

Die Entwicklungen in der EU bereiteten ihm «grosse Sorgen». Das hat der Schweizer Verteidigungsminister Bundesrat Ueli Maurer (SVP) in letzter Zeit verschiedentlich betont – auch Anfang September wieder vor Nachrichtenoffizieren in Luzern. Der Grund: Jene «Risikokarte» die Maurers Armeechef Korpskommandant André Blattmann schon im Frühling 2010 als Grundlage für Stabsübungen vorlegte, ist aktueller denn je. Blattmann hatte damals etwa Griechenland, Italien, Portugal und  Spanien als potentielle Krisenherde geortet. Das löste auch hierzulande Proteste seitens der EU-Anhänger aus. Doch inzwischen sind die erwähnten EU- Länder effektiv finanziell und wirtschaftlich bedrohlich instabil geworden.

«Ende des Euro, Zerfall der EU»

In der neusten ASMZ (Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift) vom 10. Oktober  geht nun der bekannte Zürcher Sicherheitsexperte Professor Albert A. Stahel mit einem «Szenario als Denkmodell der Sicherheitspolitik» noch weiter: «Das Ergebnis des Merkel-Diktats, das beinahe einer Erpressung gleicht, ist für die Rezessionen in Südeuropa mitverantwortlich», stellt er fest. Und die Folgen des aus Berlin orchestrierten Sparzwangs seien «absehbar». In Griechenland würden schon jetzt «Staatsangestellte scharenweise entlassen».

Ähnliche Entwicklungen stünden «Spanien und Portugal möglicherweise auch Italien bevor», schreibt der Professor. Mit fatalen Folgen: «Populistische Parteien werden in diesen Staaten die Macht übernehmen und gegenüber dem Diktat von Berlin Front machen.» In Südeuropa müsse «mittel- bis langfristig auch mit bewaffneten Revolutionen gerechnet werden, die wiederum Migrationsströme Richtung Mitteleuropa auslösen dürften». Mehr noch: «Eine solche Entwicklung würde nicht nur das Ende des Euro bedeuten, sondern könnte auch zum Zerfall der EU und der Zunahme der Organisierten Kriminalität in Europa führen.»

«Extremes Szenario» fordert Armee

Was Wunder fragt sich Wehrminister Maurer da, wie lange es wohl noch möglich sein werde, die Krise in Südeuropa mit Geld einzudämmen. Und seine Generäle haben in ihrer grossen Stabsübung «Stabilo Due» vom 6. Bis am 21. September soeben schon mal das Szenario «Unruhen und bürgerkriegsähnliche Zustände in Nachbarländern» durchgespielt. Die Übungsanlage erregte über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen.

Maurer selber schliesst nicht aus, «dass wir in den nächsten Jahren die Armee brauchen». Eine umfassende Studie seiner «Milizkommission» (PDF), die am 20. August veröffentlicht worden ist, zeigt indes, dass auch Maurers «beste Armee der Welt (für die Schweiz)» gegen eine sich in Richtung Gewalt verschärfende Euro-Krise wenig ausrichten könnte. Das 72 Seiten starke Papier, das Kosten und Nutzen der Schweizer Armee auf allen Gebieten auslotet, geht in einem Kapitel «Gewalttätiger Extremismus» von drei «Referenzbeispielen» aus – die allerdings «nur mit Vorbehalt» auf die Schweiz übertragen werden könnten: Die Unruhen in London 2011, die Unruhen in Paris 2005 und der Konflikt im Baskenland.

Das Gremium, dem hohe Militärs und Wirtschaftskapitäne vom früheren obersten Armeechef Korpskommandant Arthur Liener bis zu Swiss-Life-VR-Präsident Rolf Dörig angehören, hält fest: «Legt man ein extremes Szenario mit grossflächigen Demonstrationen und Anschlägen mit bis zu einigen tausend Todesopfern und einer Überforderung der zivilen Ordnungskräfte über Wochen und Monate zugrunde, so würde ein Armeeeinsatz unausweichlich.»

Ausbauschritt bei der Militärpolizei

Dabei müssten Armee-Einheiten vorab «kritische Infrastrukturen, Objekte, Transversalen und Knotenpunkte schützen». Sie könnten zivile Sicherheitsdispositive verstärken, Belastungsspitzen der Polizei ausgleichen und deren Durchhaltefähigkeit sicherstellen. Kurzum: Die Armee müsste in einem solchen Fall mithelfen, «das staatliche Gewaltmonopol aufrechtzuerhalten und/oder wieder herzustellen».

Armeeeinsätze wie jeweils am WEF zur Unterstützung der zivilen Polizei zeigen dabei neue Muster: Die Truppe vermeidet so weit wie möglich den direkten «Kundenkontakt». Bewaffnet gegen Demonstranten wird sie schon gar nicht vorgeschickt. Sie bleibt möglichst im Hintergrund und unterstützt die Polizei logistisch – höchstens noch bei der Personenkontrolle.

Wo das nicht ausreicht, sollen künftig vermehrt speziell ausgebildete Militärpolizisten eingreifen. Gemäss einem Bericht des «Sonntag» will die Armee vier Bataillone Militärpolizei von je 400 Mann Stärke neu aufbauen. Den Kern der neuen Einheiten sollen 545 Berufsleute bilden. Diese Spezialbataillone werden vorab zum Schutz der Flughäfen und der Bundesstadt zum Einsatz kommen. Sie ersetzen damit die im Zuge chaotischer Armeereformen kurzerhand aufgelösten «Alarmformationen» der Hauptstadt- und Flughafenregimenter.     

Böse Erinnerungen an 1932 – und Proteste

Die neusten Krisen-Szenarien, Armee–Übungen und Militärpolizei-Pläne wecken vorab bei Linken und Gewerkschaftern böse Erinnerungen und harsche Proteste. «Armee gegen das Volk», titelte am letzten Freitag die Unia-Zeitung «work» auf ihrer Frontseite: «Damit droht SVP-Militärchef Ueli Maurer.» Das Gewerkschaftsblatt erinnerte daran, dass am kommenden 9. November vor genau 80 Jahren Schweizer Armeeeinheiten in Genf gegen Demonstrierende vorgingen. Sie erschossen an diesem 9. November 1932 insgesamt 13 Unbewaffnete und verletzten 65 weitere Personen. «Nie wieder!» warnt work. Und Unia-Co-Präsident Andreas Rieger fordert: «Es darf nicht sein, dass Genf 1932 sich wiederholt.»

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Angstschürung?

    von Marco M um 24.10.2012 um 17:12Uhr

    Es wundert mich, dass nicht noch das Ende der Welt verkündet wird. Dieser Artikel liest sich wie der Plot eines Roland Emmerich Films.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Katastrophe

    von Maya Eldorado um 24.10.2012 um 19:11Uhr

    Mich wundert schon seit einiger Zeit, dass da nicht scharenweise Jugendliche aus diesen Südeuropäischen Staaten, vor allem Spanien und Griechenland zu uns kommen, um zu versuchen Arbeit zu finden. Haben doch diese Länder unter den Jugendlichen über 50% Arbeitslosigkeit.
    Versuchen wir uns doch vorzustellen, wie das bei uns aussehen könnte bei einem solchen Szenario.

    Erinnern wir uns, dass vor kurzem die EU den Friedensnobelpreis erhalten hat. Und ich dachte da, wie "friedlich" mit den Ländern umgegangen wird die in der EU mit den Vorgaben nicht schritt halten können.
    Auch ich schätze, wenn mit den Problemen dieser Länder weiter so umgegangen wird, dass irgendwann das Fass überlaufen könnte.

    Nun haben Ueli Maurer und die Armeespitze wieder einen Grund zu sagen, dass die Armee nicht abgeschafft werden kann. Insofern kommen ihnen die Unruhen entgegen.

    Ich finde - gerade eben nicht so. Diese desolaten Zustände lassen sich nicht mit noch mehr Gewalt lösen.
    Wann endlich begreifen die Mächtigen der EU, dass diese nicht auf dem einen Standbein der Wirtschaft auf die Dauer bestehen kann. Als zweites Standbein braucht es die Brüderlichkeit, indem die armen Staaten nicht stranguliert, sondern unterstützt werden sollen.
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  3. Armee-Übungen und die Realität

    von Alois Karl Hürlimann um 25.10.2012 um 09:56Uhr

    Klar ist: Einige EU-Institutionen befinden sich - nicht zum ersten Mal und nicht zum letzten Mal - in einer Krise. Klar ist aber auch: Die EU ist in der Lage, Krisen als solche zu erkennen und sie immer wieder zu überwinden.
    Dass die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien,Portugal und Griechenland, teilweise auch in Italien ein Problem mit Sprengkraft darstellt, ist offensichtlich. Was im Szenariotreiben von Maurer und Co. aber geflissentlich übersehen wird: Gerade die Freizügigkeit innerhalb der EU hilft, die Sprengkraft zu entschärfen. Europa gewinnt in dieser Krise mehr an gemeinsamer "Innerlichkeit". Die Krise wird nämlich zu einem grossen Teil nicht als institutionelle wahrgenommen, sondern als eine von der internationalen Finanzindustrie verursachte, der man nur mit neuen Regulierungen begegnen kann. Der Prozess der Regulierung braucht Zeit, er ist zudem nicht bloss auf die EU beschränkt. Wesentlichste Bestandteile der gegenwärtigen globalen Finanz-Krisenursache und ihrer Folgen werden durch die USA generiert. Dass die EU nicht einfach "auseinanderfallen" wird, zeigt beispielsweise das Ergebnis der jüngsten Parlamentswahlen in den Niederlanden. Trotz Krise hat das rechtsnationalistische Lager eine massive Niederlage erlitten. Gewonnen haben die EU-Befürworter.

    Dass Maurer und Co. mit Bürgerkriegsszenarien im Kopf der Schweizer Armee neue Polizeiaufgaben eröffnen wollen, spricht Bände:
    Einerseits verlangt die SVP-Ideologie für die Schweiz die totale Abschottung des Landes gegenüber der EU. Auf der anderen Seite nimmt man Krisensituationen in der EU nicht als Prozess wahr, sondern als schlussendlich militärische Bedrohung des Staates Schweiz. Dass die nicht zu übersehenden Probleme in der Schweiz, was zukünftige Wirtschafts- und Sozalpolitik betrifft, mit ihrer Verstrickung in Finanzmärkten, mit Deregulierung, mit Steuerhinterziehungsschlupfloch und dergleichen mehr (siehe dazu den Artikel über die Rohstoffkonzerne mit Sitz in der Schweiz in der jüngsten Printausgabe der Tages Woche) zu tun haben könnte, kommt Maurer , kommt den "Planungsstrategen der Armee, kommt gewissen Managern der schweizerischen Finanzindustrie offensichtlich nicht in den Sinn.
    Peinlich. Nichts als peinlich. Und eine Weltsicht, deren Beschränktheit eine wirkliche Gefahr für die Souveränität der Schweiz darstellt.
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Informationen zum Artikel

22.10.2012, 15:42 Uhr

Niedergang der EU ängstigt Bundesbern

Text

Text: Niklaus Ramseyer

  • 21.05.2013 um 10:32
    Burkhalter in der Bredouille

    Der freisinnige Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter entpuppt sich immer mehr als zwar williger aber konfliktscheuer und schwacher Bundesrat. In Sachen EU drohen ihm weitere böse Schlappen.

  • 08.05.2013 um 16:57
    Maurer weiss, was er will – und macht es

    Ueli Maurer (SVP) will seine Armee nicht für die ganze Welt – sondern für eine neutrale Schweiz. Damit unterscheidet er sich von seinen Vorgängern.

  • 26.04.2013 um 15:12
    Maurers Milizarmee wird flexibler

    Wieder eine kürzere RS und insgesamt weniger Diensttage: Das ist die zentrale Botschaft im Bericht über die «Weiterentwicklung der Schweizer Armee (WEA)».

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