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TagesWoche

Tages Woche

Fr, 24.05.2013

Zeitgeschichte 

19.10.2012, 00:01 Uhr

«In Schuhen auf dem Boden der Tatsachen»

19.10.2012, 00:01 Uhr

Anne Sudrows Blick auf die Schuhe ist ein wissenschaftlicher. Die Historikerin erforscht deren Geschichte und Bedeutung. Von Monika Zech

: Sammelwütig: Rund 800 der insgesamt über 3000 Schuhpaare der philippinischen Ex-Präsidenten-Gattin Imelda Marcos sind in einem Museum in Manila zu bewundern.

Sammelwütig: Rund 800 der insgesamt über 3000 Schuhpaare der philippinischen Ex-Präsidenten-Gattin Imelda Marcos sind in einem Museum in Manila zu bewundern.

Welche Geschichte haben Schuhe? Wenn jemand diese Frage beantworten kann, dann die Historikerin Anne Sudrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam: Ihr Spezialgebiet sind die Schuhe, ihr Know-how reicht vom Handwerk bis zur Wissenschaft. Vor ihrem Studium hatte sie Massschuhmacherin gelernt, und für ihre Dissertation «Der Schuh im Nationalsozialismus» erhielt sie 2010 vom deutschen Historiker-Verband den Preis für die beste Dissertation der vergangenen zwei Jahre. Aus Anlass des 80-Jahre-Jubiläums des Bata-Parks in Möhlin hält Anne Sudrow im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv der Uni Basel am 24. Oktober einen Vortrag über die Geschichte des tschechischen Schuhkonzerns.

Frau Sudrow, Sie sind Historikerin und forschen zum Thema Schuhe. Wie sind Sie gerade auf den Schuh gekommen?

An Alltagsgegen-
ständen, die wir täglich benutzen, und am historischen Wandel der Art und Weise, wie wir sie benutzen, kann man Wesentliches über die Veränderungen unserer­ Gesellschaft und über die globalen Verflechtungen unserer Kultur und Wirtschaft erfahren. Das fasziniert mich. Schuhe sind ein Produkt, das in unseren Breitengraden wirklich jeder und jede täglich in Gebrauch hat – in ihnen bewegen wir uns auf dem Boden der Tatsachen.

Besonders Frauen wird ein Schuhtick nachgesagt. Es gibt allerdings auch immer mehr Männer, die Schuhe sammeln. Was hat es damit auf sich, weshalb gerade Schuhe?

Wie andere Kleidungsstücke ist der Schuh ein wichtiges Mittel der sozialen Abgrenzung. Menschen nutzen Schuhe, um sich von anderen Menschen zu unterscheiden, aber gleichzeitig auch dazu, um zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zu gehören. Dies ist bei Jugendlichen, die noch ihren Platz in der Welt suchen, oft wichtiger als bei Älteren. Und in der Vergangenheit galten Frauen als stärker modeorientiert als Männer. Seit den 50er-Jahren änderte sich das in Westeuropa allmählich. Seither nutzen auch Männer Schuhe zunehmend als Mittel der individuellen «Selbstinszenierung». In Industriegesellschaften mit ihren massenhaft hergestellten, standardisierten Produkten ist das nicht einfach. Aber Konsumentinnen und Konsumenten sind erstaunlich kreativ. Oft sind es gerade die billigsten Massenprodukte, die durch die Aneignung durch bestimmte Jugendkulturen eine ­gesellschaftliche Aufwertung erfahren. Denken Sie etwa an Flip-Flops aus Kunststoff. Oder an den Turnschuh, das Massenprodukt schlechthin seit dem 19. Jahrhundert.

Das einst angesehene Handwerk des Schuhmachers beschränkt sich heute aufs Flicken, wenn überhaupt. Schuhe sind auch zum Wegwerfartikel geworden. Finden Sie das schade?

Ich bedaure das insofern, als die ehrwürdigen rahmengenähten ­Lederschuhe, deren Konstruktion auf ein vielmaliges ­Reparieren der Sohlen und Absätze ausgelegt war, immer mehr vom Markt verschwinden. Ausserdem stirbt durch die ­Produktionsauslagerung nach Südostasien ein traditioneller Industriezweig in Europa langsam aus. Das Produktionswissen geht unwiederbringlich verloren. Der ­relative Aufschwung der Neuher­stel­lung von Massschuhen im Handwerk, der in den letzten Jahren zu beobachten war, ist nur ein schwacher Trost.

Was haben Sie selbst für eine Beziehung zu Schuhen?

Ich kann nicht aufhören, mich wissenschaftlich über sie zu wundern. Und mich persönlich zu freuen, wenn ich ein paar gut sitzende und meinen ästhetischen Vorstellungen entsprechende Exemplare gefunden habe. Das kommt aber leider immer ­seltener vor.

 

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

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Informationen zum Artikel

19.10.2012, 00:01 Uhr

«In Schuhen auf dem Boden der Tatsachen»

Text

Text:

  • 23.05.2013 um 15:50
    In Gottes Namen gegen Grundrechte

    Der religiöse Fanatismus macht auch vor der Schule nicht halt. Und beschäftigt immer wieder Behörden und Justiz.

  • 21.05.2013 um 14:10
    Unsere Ente des Tages

    Das ist garantiert keine Zeitungsente: Eine Ente hat den Brunnen am Rümelinsplatz zu ihrem persönlichen Swimmingpool umfunktioniert.

  • 16.05.2013 um 15:34
    Jeder Franken zählt

    In der Regel äussern sich Politiker und Experten in endlosen Debatten zum Thema Mindestlohn. Hier erzählen drei Frauen über ihr Leben mit einem Lohn, der nirgends hinreicht.

  • 16.05.2013 um 22:59
    Absolut
    Zum Artikel: Schweiz nach Sieg gegen Tschechien im Halbfinal

    Lieber Fritz Hochhuth Nach 14 Stunden am Computer sitzen schaffe ich es kaum mehr, so viele Buchstaben zu lesen. Aber ich habe es doch getan, weil uns doch die Chefs und andere kompetente Leute immer sagen, wie wichtig die Hege und Pflege unserer Comm...

  • 15.04.2013 um 23:11
    merkwürdiges Rechtsverständnis
    Zum Artikel: Keine freie Betten für die englischen Fussballfans

    @fm70: Ich glaube nicht, dass ich ein merkwürdiges Rechtsverständnis habe. Aber aufgrund seltsamer Artikel wie des Wegweisugsartikels kann es durchaus vorkommen, dass in der Öffentlichkeit schlafende Personen von Polizeipatrouillen mehr oder weniger un...

  • 15.04.2013 um 17:41
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