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TagesWoche

Tages Woche

Sa, 25.05.2013

Basler Wahlen 

19.10.2012, 00:01 Uhr

Es ist ja alles so gut

19.10.2012, 00:01 Uhr

Besitzstand wahren – das steht bei den Wahlen 2012 im Kanton Basel-Stadt im Vordergrund. Grosse Verschiebungen sind nicht zu erwarten, da die links-grüne Regierung schwer anzugreifen ist. Ein Kommentar von Urs Buess

Hansjörg Walter: Dreizehn Kandidaten, eine Kandidatin und sieben Sitze: Welche köpfe schaffen es in den Regierungsrat?

Dreizehn Kandidaten, eine Kandidatin und sieben Sitze: Welche köpfe schaffen es in den Regierungsrat? (Bild: Hansjörg Walter)

urs buess Urs Buess

Schlagende Argumente, bissige Seitenhiebe, rote Köpfe – nein, all das bietet der Basler Wahlkampf 2012 nicht. Oder nur am Rande. Es geht, eine gute Woche vor dem Wahlsonntag, gesittet zu und her. Alle ­reden einander seit einigen Tagen nach, es sei ein besonders flauer Wahlkampf. Und es ist offenbar noch nie vorgekommen, dass zehn Tage vor dem Wahlsonntag so wenig Wahlzettel eingeschickt worden sind.

Ist das schlimm, ist gar die Demokratie langsam am Ende? Nein, der Grund liegt woanders. Sechs von sieben Mitgliedern der Regierung wollen weiter regieren und es gibt kaum stichhaltige Argumente, eine oder ­einen von ihnen abzuwählen. Man ­ärgert sich zwar manchmal über den ungelenk wirkenden Regierungspräsidenten, der sein neu geschaffenes ­Prä­sidialdepartement über Gebühr mit Personal ausgestattet haben soll. Über einen Regierungsrat, der die Zunge rausstreckt. Oder über ähnlich weltbewegende Dinge. Doch wenn dem vor­übergehenden Unmut in­ ­traditionell baslerischer Art mit fasnächtlichem Bieder­witz Luft gemacht worden ist und man herzlich über die Pointen gelacht hat, ist man wieder lieb miteinander. Das mag andernorts ähnlich sein, in Basel gibt es aber im Gegensatz zu anderen Kantonen, wo die Wogen vor Wahlen etwas höher gehen, eine besondere Konstellation.

Es regiert im Stadtkanton eine rot-grüne Regierung, die eine gutbürgerliche Politik betreibt. Sie hat in den letzten acht Jahren die Staatsfinanzen ins Lot gebracht, Steuern gesenkt, sie setzt sich für die Interessen der Pharma ein, hält die Strassen instand, hat das Polizeikorps aufgestockt und Weiteres mehr. Keine bürgerliche Kantonsregierung in der Schweiz macht das besser. Den ­bürgerlichen Parteien bieten sich ­wenig Möglichkeiten, die Wiederkandidierenden anzugreifen.

Wer die Macht hat, verteidigt sie

Die links-grüne Regierung hat aber auch ihre Wurzeln nicht vergessen. Sie setzt sich für den öffentlichen Verkehr ein, stellt einen ordentlichen Sozialdienst und ein respektables ­Bildungswesen sicher, macht sich für Kinderbetreuung stark. Linke Parteien sind darum ganz zufrieden mit ­ihren Vertretern, auch wenn sich ­diese im Gegensatz zur Parteibasis für tiefere Unternehmensgewinn­steuern ein­setzen. Immerhin zeigen sie – wann immer es geht – soziales Engagement. Und zudem kritisiert man seine eigenen Leute nicht über Massen. Sondern man verteidigt die Macht, wenn man sie hat.

Die Linke hätte ja in Versuchung kommen können, diese Macht etwas auszuweiten. Zum Beispiel, indem sie auch den Sitz des zurücktretenden Hanspeter Gass (FDP) beansprucht hätte. Der Wahlkampf wäre anders verlaufen, mit Sicherheit. Aber das getrauten sich die Sozialdemokraten und Grünen bis hin zu BastA! dann doch nicht. Es hätte etwas grössenwahnsinnig wirken können, wäre unsympathisch angekommen und hätte unnötig Stimmen gekostet, weshalb links der Mitte gar niemand auf die Idee gekommen ist, auf einen weiteren Sitz zu schielen. Man will ja – wie gesagt – nicht die Macht aufs Spiel setzen mit unnötigen Provokationen.

Kurz: Alle haben sich miteinander arrangiert, dem Kanton geht es gut, dank der bisher krisenresistenten Pharma besser als vielen anderen. Soziale Spannungen sind wenig auszumachen, die Sicherheit in der Stadt wurde trotz grosser Anstrengungen einzelner Politiker und Medien nicht zum wahlkampfbeherrschenden Thema. Schlicht deshalb, weil sich die Bevölkerung sicher fühlt. ­Alles scheint gut, und eigentlich wollen alle, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Frage, ob die freisinnigen Baschi Dürr oder Christophe Haller den ­freien Sitz erobern oder ob es der Grün­liberale Emma­nuel Ullmann oder ­einer der beiden SVP-Anwärter Lorenz Nägelin oder Patrick Hafner sein wird, elektrisiert vermutlich erst im zweiten Wahlgang.

Allerdings: Die Selbstzufriedenheit, mit der die grossen Parteien durch den Wahlkampf gehen, hat auch ihre Tücken. Denn selbst der Kampf um die Sitze im Grossen Rat mag in der Stadt kaum Emotionen wecken. Wen wunderts! Wenn die Wahlslogans grosser Parteien «Wohne, schaffe, lääbe» (SP) oder «Wohlstand mit Anstand» (CVP) heissen, dann verstärkt das den Eindruck, dass wenig verändert und möglichst viel bewahrt werden soll. Es werden keine Ziele und Visionen propagiert, die neue Wählersegmente ­mobilisieren könnten. Es vertrauen alle darauf, dass ihnen jene Wählerinnen und Wähler, die sie vor vier Jahren ins Amt geschickt haben, wieder ihre Stimme geben.

Das ist etwas wenig Einsatz für ein öffentliches Amt. Wenn Politik in der wahrscheinlich schwieriger werdenden Zeit etwas bewirken soll, sind doch eher Leute gefragt, die mit überraschenden, inspirierenden Ideen auffallen – auch wenn sie sich noch nicht dadurch auszeichnen, den Gang durch die Institutionen pflichtgetreu abgeschritten zu haben. Gewählt werden sie dann vielleicht nicht, aber sie sorgen dafür, dass es einen zweiten, gewiss spannenderen Wahlgang gibt. Oder – bei den Grossratswahlen – dass sich in den etwas träge gewor­denen Parteien neue Leute in den ­Vordergrund schieben, die sich bewusst sind, dass Stillstand nichts ­anderes bedeutet als Rückschritt.

  1. Einspruch

    von Pascal Pfister am 21.10.2012 um 17:32Uhr

    Vieles ist gut ja. Die SP hat in ihrem Wahlkampf aber immer darauf gepocht, dass man die Weichen jetzt richtig stellen muss, damit dies auch in Zukunft so sein wird und dass in Basel alle einen Platz finden. Und dass vom Erfolg der Stadt niemand bei seinem/ihren Wohnen, Arbeiten und Leben an den Rand gedrängt wird. Ich hoffe, die Botschaft ist bei den Wählenden besser angekommen als es hier den Anschein macht. Weil es halt doch ein Unterschied macht, ob rotgrün oder bürgerlich den Ton angeben.
    Direktlink zum Kommentar

  1. Einspruch

    von Pascal Pfister um 21.10.2012 um 17:32Uhr

    Vieles ist gut ja. Die SP hat in ihrem Wahlkampf aber immer darauf gepocht, dass man die Weichen jetzt richtig stellen muss, damit dies auch in Zukunft so sein wird und dass in Basel alle einen Platz finden. Und dass vom Erfolg der Stadt niemand bei seinem/ihren Wohnen, Arbeiten und Leben an den Rand gedrängt wird. Ich hoffe, die Botschaft ist bei den Wählenden besser angekommen als es hier den Anschein macht. Weil es halt doch ein Unterschied macht, ob rotgrün oder bürgerlich den Ton angeben.
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  2. «Wohne, schaffe, lääbe» - Ziele an der Umsetzung messen!

    von Peter Jossi um 21.10.2012 um 17:50Uhr

    «Wohne, schaffe, lääbe». Im Beitrag „Es ist ja alles gut!“ wird der SP-Wahlslogan als selbstzufriedene Positionierung dargestellt, die „den Eindruck verstärkt, dass wenig verändert und möglichst viel bewahrt werden soll.“

    «Wohne, schaffe, lääbe» drei wesentliche Kernthemen, die für den Grossteil der Bevölkerung von existentieller Bedeutung sind. Wie lassen sich Wohnen, Arbeiten und Lebensqualität bei der Quartier- und Stadtentwicklung zeitgemäss und zukunftsgerichtet verbinden? Eine Fragestellung, die sich in der ernsthaften und konkreten Umsetzung als durchaus radikal und spannungsgeladen erweist. Innovationskraft, vielfältige Kreativität und eine kluge Bodenpolitik braucht es dabei ebenso wie die Pflege des Bewährten. Gute Lösungen für alle statt für wenige entstehen dank frühzeitigem Einbezug der Anliegen und Erfahrungen der jeweils betroffenen Bevölkerung.


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  3. So, so...

    von René Reinhard um 21.10.2012 um 23:41Uhr

    Es macht also einen Unterschied, "ob rotgrün oder bürgerlich den Ton angeben."? Für wen denn? Ausser für die, die darauf versessen sind, auch mal den "Ton angeben zu können und zu dürfen"

    Für Arbeitslose, junge wie alte, Ausgesteuerte, "Unangepasste", Habenichtse unter den Rentnern, kinderlose arme Frauen, wie solche mit Kindern, aber ohne einen Mann der zumindest regelmässig seine Alimente bezahlt usw. usf, kann es selbst bei einem "Herrschaftswechsel" auch nicht schlimmer kommen, als es jetzt schon ist.

    Die Einzigen die mit grossem Lamento den "Teufel an die Wand malen" und sonst noch kommendes "Unheil" herbei reden, oder gleich Voodoo-Priestern heraufbeschwören, sind diejenigen "Lechten" oder "Rinken", die mit puren, aber meist unhaltbaren Versprechungen gewählt werden wollen.
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  4. Wahlcouvert im Abfall

    von Anders Denk um 22.10.2012 um 08:35Uhr

    Ich bin mit Urs Buess' Analyse völlig einverstanden. Politischer Herbst nenne ich das: grau und die Blätter fallen. Offenkundig fühlen sich die bürgerlichen Politiker wohl im Service-Publique-Bett der Linken, im VPOD-Kanton. Ansonsten wäre es Ehrensache, der Linken ein eigenes politisches Weltbild gegenüber zu stellen. Geschieht nicht. Genau: Es ist ja alles so gut. Finde ich nicht gut. Ich habe mein Wahlcouvert in den Abfall geschmissen.
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  5. @Herr Reinhard

    von Pascal Pfister um 22.10.2012 um 10:37Uhr

    Unter Frau Herzog wurde genau für jene Leute, die sie ansprechen zum Beispiel der Steuerfreibetrag erhöht. In Zukunft will die SP wieder dafür sorgen, dass auch für die von ihnen angesprochenen Gruppen genügend bezahlbarer Wohnraum entsteht. Wir setzen uns für bessere Kinderbetreuung ein usw. Man kann noch mehr machen, klar. Informieren Sie sich und wählen sie die SP-Kandidat/innen, die hier ein klares Profil haben. Und ich gehe immer noch gerne mit Ihnen ein Kaffee trinken, um mir genau anzuhören, was man verbessern müsste. Auch noch nach den Wahlen...
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  6. @ Herr Pfister

    von René Reinhard um 24.10.2012 um 00:25Uhr

    Die Welt, jedenfalls die "prekäre Welt" in Basel, besteht nicht erst seit Frau Herzog, sondern sie bestand schon vorher, z.B. in Zeiten der Sparpakete 1+2+++. Und ich weiss bestens, wo man in dieser Aera und davor wie danach, übrigens unter der Federführung eines SP-Chefs des damaligen WSD, den Fürsorgeempfängern und -empfängerinnen hier etwas gekürzt, dort etwas ganz gestrichen hat. Ich brauche mich also nicht, wie Sie mir raten, zu informieren. Ich weiss schon dies und jenes. Und "ein klares Profil" haben sie doch alle. Jedenfalls vor den Wahlen. Doch das reicht mir, und wem auch immer sei Dank, noch ein paar anderen Menschen nicht.
    MfG

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Informationen zum Artikel

19.10.2012, 00:01 Uhr

Es ist ja alles so gut

Text

Text:

  • 23.05.2013 um 16:05
    TagesWoche vom 24. Mai: Die Themen

    Weg mit dem Müll: Bussen für Abfallsünder nützen wenig. Was nun? – Der Basler Kantonalbankpräsident Andreas C. Albrecht spricht über seine neuen Pläne – dies und weitere Themen in der TagesWoche vom 24. Mai, im Abo oder am Kiosk.

  • 23.05.2013 um 12:00
    Duftmarken

    Kommen die warmen Sommerabende, sammelt sich der Müll auf Strassen und Plätzen. Das hat so seine verschiedenen Ursachen, eine davon ist das offenbar menschliche Bedürfnis, Präsenz zu markieren.

  • 16.05.2013 um 15:44
    «Das hilft nicht nur der Pharma»

    Die Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren setzen im Steuerstreit mit der EU auf die Einführung von Lizenzboxen – und handeln damit ganz im Sinne von Basels Finanzdirektorin Eva Herzog.

  • 27.09.2012 um 21:26
    Fonzi trainiert
    Zum Artikel: Fonzi trainiert

    Heute Abend ist der Helikopter schon sehr zielgerichtet geflogen.

  • 20.08.2012 um 16:11
    TagesWoche im Gundeli
    Zum Artikel: «Basel ist ein Paradies – eigentlich»

    Lieber Anton, Du bist ja nicht der einzige, der sich beklagt, weil die TagesWoche-Redaktion nicht ins Quartier – in diesem Fall ins Gundeli – kommt. Eigentlich hätten wir uns gern mal auf dem Tellplatz gezeigt, mussten uns aber auf fünf Standorte b...

  • 19.08.2012 um 21:01
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    Zum Artikel: Weder Hügel der Reichen noch Luxus-Probleme

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