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TagesWoche

Tages Woche

Do, 20.06.2013

Justiz 

19.10.2012, 00:01 Uhr

Monatelange U-Haft ist zum Standard geworden

19.10.2012, 00:01 Uhr

In den letzten Wochen wurde die bereits viermonatige U-Haft eines Mannes kritisiert, der an einer illegalen Party verhaftet wurde. Er ist kein Einzelfall: U-Haft dauert heute oft länger als früher. Von Martina Rutschmann

Nils Fisch: Halbe Ewigkeit: Seit Staatsanwälte von Anfang an drei Monate U-Haft beantragen können, sitzen Verdächtige oft länger als früher.

Halbe Ewigkeit: Seit Staatsanwälte von Anfang an drei Monate U-Haft beantragen können, sitzen Verdächtige oft länger als früher. (Bild: Nils Fisch)

Wie lange eine Untersuchungshaft im Schnitt dauert, erhebt die Staatsanwaltschaft nicht. Als Antwort gibt sie, dass das Zwangsmassnah­megericht, im Volksmund Haftgericht, über die U-Haft-Länge entscheide – was allerdings keine Neuigkeit ist.

Drei Parteien sind bei Haftrichter-Fällen involviert: der Beschuldigte mit Verteidiger, ein Staatsanwalt und der Haftrichter. Der Verteidiger will seinen Klienten nicht oder nur kurz in U-Haft sehen, die Staatsanwaltschaft dagegen fordert meist drei Monate. Neu ist, dass dieser Antrag heute häufig gutgeheis­sen wird. Seit der Strafprozessordnung von 2011 darf ein Staatsanwalt von Anfang an drei Monate U-Haft verlangen, sofern die nötigen Voraussetzungen gegeben sind – egal, um was für ein Delikt es sich handelt.

Früher galt: zuerst höchstens ein Monat, dann musste geprüft werden, ob Gründe für eine Verlängerung der U-Haft vorliegen.
Strafverteidigerin Eva Weber wird mit vielen Haftrichter-Fällen betraut. Ihre Erfahrung: «Staatsanwälte schöpfen die Möglichkeit aus und beantragen immer gleich drei Monate.» Wie lange jemand tatsächlich in U-Haft muss, entscheidet der Haftrichter. Auch hier fallen die Entscheide häufig zugunsten einer längeren Haft aus. Denn es gibt mehr Formalitäten zu erledigen als früher, Hauptgrund ist aber: Die Kriminalfälle werden immer komplexer.

Verdunklungs- und Fluchtgefahr

Flucht- und Verdunklungsgefahr seien verglichen mit früher die häufig­sten Gründe, einen Verdächtigen in ­U-Haft zu behalten, sagt Peter Gill von der Staatsanwaltschaft. Das gilt zum Beispiel für Straftaten, die Banden zugeschrieben werden.
Früher hätten bandenmässiges Vorgehen und Wohnsitz im Ausland nicht zum «stereotypen Verhalten» gehört, sagt Eva Weber, «heute schon». Mit der Zunahme Verdächtiger, die im Ausland lebten, sei darum nebst der Verdunklungsgefahr auch Fluchtgefahr oft ein U-Haft-Grund.

Die lange U-Haft-Dauer des Mannes, der am 2. Juni an einer illegalen Party auf dem nt/Areal festgenommen wurde, ist also kein Einzelfall. Er wird nur darum öffentlich diskutiert, weil bereits die Party selber Schlagzeilen machte. Generell sitzen U-Häftlinge länger als früher – und das bei einem «sehr stark belegten Waaghof», wie ­Peter Gill sagt. Ein Teufelskreis. Es gebe für die Ermittler allerdings ­keinen Grund, Leute möglichst lange in U-Haft zu behalten, sagt Gill.

Längere Ermittlungen

Anwältin Eva Weber zeigt Verständnis für den Arbeitsaufwand der Staatsanwaltschaft, bemerkt aber: «Früher mussten nach einem Monat erste Ermittlungsergebnisse vorliegen.» Heute würden oft drei Monate vergehen. Diese Entwicklung beobachtet auch der ehemalige Strafgerichtspräsident und Professor Peter Albrecht mit Sorge.

Er galt als beschuldigtenfreund­licher Haftrichter und gibt sich auch zehn Jahre nach seinem Rücktritt so: «Wichtig ist immer die Verhältnismäs­sigkeit, diese wird häufig zu wenig berücksichtigt.» Einen Verdächtigen drei Monate sitzen zu lassen, ohne die Haftgründe nach einigen Wochen zu überprüfen, sei heute aber leider üblich. «Wäre ich noch Richter, würde ich trotz neuen Voraussetzungen im Wesentlichen handeln wie früher.»

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. und wer und wie ...

    von Inaktiver Nutzer um 20.10.2012 um 13:25Uhr

    rechtfertigt eigentlich die Zerstörung einer Existenz für einen längst feststehenden Sachverhalt?
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

19.10.2012, 00:01 Uhr

Monatelange U-Haft ist zum Standard geworden

Text

Text:

  • 16.06.2013 um 17:03
    «Vor der Räumung herrschte Kaiseraugst-Stimmung»

    BastA!-Grossrat Urs Müller hat die Räumung des Gezi-Parks beobachtet. Er bestätigt Medienberichte, wonach die Demonstranten friedlich waren und die Polizei brutal. Die Basler Delegation musste den Stadtteil verlassen, weil es heute noch gefährlicher werden könnte.

  • 16.06.2013 um 10:10
    «Wichtig ist, dass wir überhaupt etwas tun»

    Die malische Armee misshandelt Kinder in Kriegsgefangenschaft, zeigt eine Untersuchung von «Amnesty International». Einer, der sich seit Jahrzehnten für das Land engagiert, ist der Basler Hartmann P. Koechlin.

  • 13.06.2013 um 12:41
    «Hesch gseh, ich bi im Färnseh koh»

    Der lokale TV-Sender Telebasel feiert heute Samstag ­seinen 20. Geburtstag. Zum Erfolg trägt das ­Portemonnaie von uns allen bei.

  • 16.06.2013 um 17:33
    Sehr geehrter Herr Buschweiler
    Zum Artikel: «Vor der Räumung herrschte Kaiseraugst-Stimmung»

    Ich möchte Ihnen sicher nichts unterstellen, hege aber die Vermutung, dass Sie den Artikel nicht aufmerksam gelesen haben. Die Rede ist vom Polizeieinsatz in Istanbul – nicht von jenem auf dem Messeplatz. Urs Müller befindet sich nämlich, wie bereits i...

  • 04.06.2013 um 13:18
    Lieber Marco M II
    Zum Artikel: Das letzte Aufbäumen

    Das zuständige Architekturbüro möchte die neuste Visualisierung des Turms den Medien erst zur Verfügung stellen, wenn das Projekt abgesegnet ist. Hier http://www.morger-dettli.ch/projekte/180 kann man das Modell aber bereits sehen. Herzlich, Martina R...

  • 04.06.2013 um 11:56
    Lieber Marco M
    Zum Artikel: Das letzte Aufbäumen

    Sie haben recht, die Bilder auf der von Ihnen angegebenen Website sind noch aktueller als das Bild, das wir derzeit noch online haben. Wir tauschen es so bald wie möglich gegen die neuere Visualisierung aus. Vielen Dank für den Hinweis, Martina Rutsch...

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