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TagesWoche

Tages Woche

Mo, 20.05.2013

Tag der Armut 

12.10.2012, 00:01 Uhr

Er klagt nicht, er kommt durch

12.10.2012, 00:01 Uhr

Am 17. Oktober ist Welttag gegen die Armut. In der Schweiz, im Land mit der dritthöchsten Millionärsdichte der Welt, lebt jede 13. Person unterhalb des Existenzminimums. Dazwischen gibt es viele, die mit ihrem Einkommen nur knapp ihren Lebensunterhalt bestreiten können. In den Diskussionen um soziale Unterschiede und staatliche Unterstützung gehen diese oft vergessen. Die TagesWoche hat aus aktuellem Anlass einen Betroffenen besucht. Von Amir Mustedanagić

Michael Würtenberg: Dominic Dieudonné (24) verdient 3400 Franken pro Monat. Jede unerwartete Rechnung bringt ihn in ein Dilemma.

Dominic Dieudonné (24) verdient 3400 Franken pro Monat. Jede unerwartete Rechnung bringt ihn in ein Dilemma. (Bild: Michael Würtenberg)

Dominic Dieudonné hat dieses Jahr Geld verprasst. 96 Franken, um genau zu sein. Er konnte die 480 Franken für ein Jahres-U-Abo nicht auf einen Schlag bezahlen, sondern muss die teureren Monatsabos lösen. Dieudonné klagt aber nicht – das würde der 24-Jährige nie. «Ich bin nicht arm», sagt er, «meine finanzielle Lage ist mittelmässig.» Mittelmäs­sig bedeutet in seinem Fall ein Lohn von 3400 Franken pro Monat.

Als er noch zu Hause lebte und Arbeitslosengeld bezog, da war Ende Monat immer etwas Geld übrig und ein Abo kein Problem. Dieudonné führte das Leben, das er mochte. Er kaufte sich die neuesten Schlager- und Volksmusik-CDs, spielte regelmässig Tennis. Ging mit Freunden aus, trank ein Bier, ein Cola.

Sein genügsames Leben musste Dieudonné aber 2010 umstellen, als sich ein grosser Wunsch erfüllte. Der Detailhandelsassistent fand einen Job bei der Migros in Arlesheim. Und es kam noch besser: Die Grossmutter löste ein Versprechen ein. Sie überliess ihm im April 2010 ihre Wohnung. «Unverhofft und früher als geplant – aber ich freute mich, auf eigenen Beinen zu stehen.»

Einschränkungen statt Freiheit

Doch mit der Freiheit und Selbstständigkeit schwanden seine Möglich­keiten. Erst reichte es nicht mehr für die CDs, dann musste er die Tennisstunden streichen. Aber Dieudonné klagt nicht.

«Die CDs kaufe ich jetzt später oder ich höre mir die Musik im Internet an.» Statt Tennis spielt er jetzt Unihockey. «Das organisiert das Bürgerspital und kostet nichts.» Das Ausgehen war nie seine grosse Leidenschaft. «Meine Freunde verstehen aber auch meine finanzielle Lage.» Sie kommen mal auf ein Bier vorbei, laden ihn mal zum Cola ein, und statt Kino gibt es eben DVD-Abende.

Eine Freundin hat er nicht mehr. Sie haben sich auseinandergelebt, sagt er. Wenn der 24-Jährige mit der Arbeit beginnt, schläft manch einer noch. Um 6.30 Uhr steht er an der Verladerampe, um 7.30 Uhr füllt er die Gemüseabteilung auf, um 8 Uhr beginnt seine Schicht an der Kasse. Der Arbeitstag endet mit letzten Handgriffen kurz vor 19 Uhr. «Dann gehe ich nach Hause, mach mir manchmal was zu essen, manchmal auch nicht.»

In der Regel arbeitet Dieudonné mehr als die vorgesehenen 41 Stunden pro Woche. Nur hat er nichts davon. «Manchmal wünschte ich mir, Überstunden würden ausbezahlt», sagt er und lächelt. So hat er aber neben seinen fünf Wochen Ferien mehr Freizeit. «Was toll ist. Wenn man Geld zum Verreisen hat.»

Jede unerwartete Rechnung bedeutet ein Dilemma

Dieudonné kann sich noch genau an seine letzten Ferien vor zwei Jahren erinnern. Der Vater nahm ihn mit auf Rhodos – Sonne, Sand und Meer. «Ich habe damals geahnt, dass es wohl die letzten Ferien für Jahre sein werden und habe sie entsprechend genossen.» Seit dem Job und seinem «mittelmäs­sigen Einkommen» kann er sich Urlaub in der Ferne nicht mehr leisten. Ob Freizeit oder Ferien, sein Zuhause ist zu seinem Mittelpunkt geworden. Die Wohnung übernahm ermöbliert von seiner Grossmutter. «Zum Glück», sagt er, «Möbel sind zu teuer.» Aber Dieudonné klagt nicht.

Er hat alles, was er braucht: einen Fernseher, Handy (25 Franken im Monat), ein Festnetz (25), einen Internetanschluss (50), eine Krankenversicherung (338). Er kann auch die Miete (1070), die Heizkosten und alle anderen regelmässigen Rechnungen pünktlich bezahlen. Er muss. Mahnungen will er nicht, er könnte sich die Mehrkosten aber auch nicht leisten. Wenn es mal nicht reicht, leiht er sich Geld von seiner Mutter. Die ist oft selbst knapp bei Kasse, was es nicht einfacher macht. «Das Schlimmste sind unerwartete Rechnungen, die bringen mich ins Dilemma.»

Sorgen macht sich Dieudonné nicht. Wenn er nachts im Bett liegt, träumt er von einer Reise nach Au­s­tralien. «Würde ich nur am Geld herumstudieren, wäre ich frustiert – das entspricht mir nicht.» Natürlich wäre es schön, wenn es ein paar Hundert Franken mehr im Monat wären, der 13. Lohn nicht nur für die Steuern reichen würde. Vielleicht könnte er sich dann eine Weiterbildung nicht nur vorstellen, sondern würde sie beginnen. «Aber ich will nicht klagen, ich komme durch.»

Zum Tag der Armut, am 17. Oktober, finden auf der ganzen Welt Kundgebungen statt. In Basel findet sie von 16.30 bis 20 Uhr auf dem Claraplatz statt. Den Flyer zum Anlass finden Sie auf der Rückseite.

«Die unteren Löhne sind anzuheben»: Soziologieprofessor Ueli Mäder über Arm und Reich und wie etwas mehr Ausgleich geschaffen werden könnte.

Es reicht fürs Nötigste: Eine alleinerziehende Mutter über ihren Existenzkampf

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

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Informationen zum Artikel

12.10.2012, 00:01 Uhr

Er klagt nicht, er kommt durch

Text

Text:

  • 16.05.2013 um 15:45
    Total neutral

    Der Sutter Begg hat neue Becher. Wer sie sieht, wünscht sich die alten zurück – auch wenn sich über deren Gestaltung streiten lässt.

  • 14.05.2013 um 05:00
    Die 300'000 Werke bleiben im Museum

    Von den rund 150 Angestellten des Kunstmuseums Basel sind knapp 30 von der Schliessung betroffen. Sie sollen teilweise in anderen Museen untergebracht werden. Entgegen bisherigen Medienberichten sollen die Kunstwerke während des Umbaus im Museum bleiben.

  • 09.05.2013 um 12:20
    Die Arbeit in der Schweiz, das Geld in der Heimat

    Bulgarische Migranten schickten 2011 eine Milliarde Dollar in die Heimat. Ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland wäre ein Leben für viele Bulgaren kaum finanzierbar, sagt Sophie Dimitrova. Sie hilft mit ihrem Schweizer Lohn den Eltern in Bulgarien.

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