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TagesWoche

Tages Woche

Di, 18.06.2013

Tag gegen Armut 

12.10.2012, 00:01 Uhr

Es reicht gerade fürs Nötigste

12.10.2012, 00:01 Uhr

In der Schweiz, im Land mit der dritthöchsten Millionärsdichte der Welt, lebt jede 13. Person unterhalb des Existenzminimums. Dazwischen gibt es viele, die nah an der Grenze zur Armut leben. Besonders oft sind es Alleinerziehende. Von Monika Zech

Danish Siddiqui: Ein grosses Anliegen von Michaela Morillo (42, Mitte) ist, dass ihre Kinder (12 und 14) nicht als Aussenseiter aufwachsen.

Ein grosses Anliegen von Michaela Morillo (42, Mitte) ist, dass ihre Kinder (12 und 14) nicht als Aussenseiter aufwachsen. (Bild: Danish Siddiqui)

Auf Rosen gebettet waren die Morillos schon früher nicht, als der Vater noch dabei war. Als Magaziner hatte der aus Venezuela stammende Mann einen bescheidenen Lohn. Aber zusammen mit dem, was seine Frau Michaela als Kleinkindererzieherin mit einem 60-Prozent-Pensum verdiente, kam die vierköpfige Familie einigermassen über die Runden.

Doch eines Tages, die Kinder waren fünf und drei Jahre alt, eröffnete er Michaela, dass er jetzt eine andere habe und ausziehe. «Von heute auf morgen war er weg, liess mich einfach allein mit den Kindern sitzen.» Das ist jetzt neun Jahre her, neun harte Jahre für Michaela und ihre Kinder.

Ihr spärlicher Lohn – rund 3000 Franken pro Monat – reichte hinten und vorn nicht. Um die Alimente für die Kinder, zu denen ihr Ex-Mann verpflichtet worden ist, habe sie ständig bangen müssen. Einige Male seien sie mit Verspätung eingetroffen. Ja, Zuverlässigkeit sei nicht gerade eine Stärke ihres ehemaligen Mannes, sagt Michaela. Auch der Alimentenbetrag wurde immer kleiner, «logisch, denn er hat ja weitere Kinder gezeugt, derzeit ist das zweite unterwegs». Mit Bitterkeit erinnert sich Michaela an einen Kommentar der Scheidungsrichterin, als es um die Bestimmung der Unterhaltspflichten ging: Sie hätte halt vorher überlegen müssen, mit wem sie Kinder auf die Welt stelle.

Die Isolation ist das Schlimmste

Als ob es Michaela an Schuldgefühlen fehlen würde: weil sie keine sogenannt intakte Familie mehr waren, weil sie ihren Kindern immer wieder mal sagen musste, das können wir uns nicht leisten. Ferien zum Beispiel. Die Morillos waren seit mehreren Jahren nicht mehr in den Ferien. «Das ist vielleicht ein Luxusproblem, aber einfach ist es trotzdem nicht, wenn all die anderen zweimal pro Jahr in die Ferien fahren, und du bleibst immer zu Hause.»

Michaela ist sich bewusst, dass Armut relativ ist. Sie und ihre Kinder mussten nie hungern, sie hatten auch immer ein Dach über dem Kopf. Aber in einer Gesellschaft wie hier, wo das Materielle so wichtig ist, wo es den Anschein macht, dass sich alle alles leisten können, ist es hart, nicht daran teilnehmen zu können. «Die Isolation ist das Schlimmste», sagt Michaela, «ausgehen, in ein Restaurant oder ins Kino, das liegt alles nicht drin.» Und die Hemmschwelle, unter die Leute zu gehen, werde mit den Jahren immer grösser.

Doch Michaela nahm das in Kauf, weil ihre Kinder möglichst wenig von den prekären finanziellen Verhältnissen spüren sollten. Sie wenigstens sollten keine Aussenseiter sein. Nach der Trennung zog Michaela mit ihnen aufs Land, in eine Wohnung im Haus ihrer Eltern. Zum einen, weil es günstiger war als in der Stadt, vor allem aber, um wenigstens die Familie als soziales Netz zu haben.

Angst vor der Armutsspirale

Michaela ist eine Kämpferin. Zum Sozialamt zu gehen, kam für sie nicht infrage. «Dafür war und bin ich zu stolz.» Sie wolle ihren Kindern ein Vorbild sein, ihnen zeigen, «wir können etwas tun». Längerfristig vom mageren Lohn einer Kleinkindererzieherin zu leben, das war ihr klar, lag nicht drin. Sie machte eine sozialpädagogische Weiterbildung und arbeitete danach als Familienbegleiterin.

Doch der Job in Familien, die in schwierigen Verhältnissen leben, ging ihr zu sehr an die Nieren. «Ich hatte ja selber zu kämpfen, war immer wieder am Rand meiner Kräfte.» Der Arzt ­diagnostizierte ein Burn-out und schrieb sie für fünf Wochen krank. Danach stieg sie mit einem kleineren Pensum wieder ein. In dieser Zeit habe sie öfter daran gedacht, zum Amt zu gehen. «Ich dachte, ich schaffe es nicht mehr, hatte aber gleichzeitig furchtbar Angst davor, in diese Armutsspirale zu kommen.» Sie rappelte sich wieder auf.

Eine Chance verdient

Vor zwei Jahren fand sie einen Job in einem Wohnheim für Jugendliche, seither geht es besser. Auch verdient sie mehr, rund 4400 Franken netto im Monat. Das sei zwar super im Vergleich zu früher, doch knapp ist es immer noch mit zwei Kindern, die inzwischen Teenager sind und damit nicht weniger kosten. «Momentan brauchen beide Zahnspangen.»

Aus­serdem ist die Familie umgezogen, in eine 4,5-Zimmer-Wohnung in Magden, die monatlich 2300 Franken kostet. Da bleibt unter dem Strich – nach Abzug der regelmässig anfallenden Kosten – nicht viel mehr zum Leben übrig als zuvor. «Früher», sagt sie, «war ich arm, jetzt muss ich mich ständig nach der Decke strecken.»

Doch diese Wohnung zu erhalten war Michaela wichtig, die Verwaltung wollte sie ihr zunächst nicht geben, sie verdiene zu wenig. Der Besitzer jedoch fand, die Frau habe eine Chance verdient. Und Michaela nutzt sie, Hauptsache, ihre Kinder haben es gut. Dafür gibt sie alles.

Zum Tag der Armut, am 17. Oktober, finden auf der ganzen Welt Kundgebungen statt. Auch in Basel, von 16.30 bis 20 Uhr auf dem Claraplatz. Den Flyer zum Anlass finden Sie auf der Rückseite.

Er klagt nicht, er kommt durch: Ein Detailhandelsangestellter über das Leben mit 3400 Franken

«Die unteren Löhne sind anzuheben»: Soziologieprofessor Ueli Mäder über Arm und Reich und wie etwas mehr Ausgleich geschaffen werden könnte.

 

 

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Armut

    von brandaoj um 14.10.2012 um 12:45Uhr

    Solange sich Richter und Richterinnen oder andere "Anständigr" erfrechen, solche Sprüche wie "man sollte sich vorher überlegen, mit wem man Kinder auf die Welt stellt", ist es nicht weit her mit einer gerechten Rechtssprechung. Es klingt auch verdächtigt nacg Rassismus, wenn dabei ein "Fremder" im Spiel ist.
    Vielleicht sollte man eher schauen, wer als Richter oder Richterin menschlich taugt.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Dies ist eine Unterstellung

    von Santsera um 22.05.2013 um 21:05Uhr

    Habe den Artikel gelesen und kann es nicht bestätigen wie es beschrieben wird von M.M.

    Der Artikel ist über das Ziel geschossen und und eine anfeindung zum Ex-Mann.


    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

12.10.2012, 00:01 Uhr

Es reicht gerade fürs Nötigste

Text

Text:

  • 18.06.2013 um 08:01
    Zwischen Polemik und Schönfärberei

    Eine Fachtagung thematisiert die Integrationsdebatte. Als Referent und Podiumsteilnehmer geladen ist unter anderem der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der bekannt ist dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt.

  • 23.05.2013 um 15:50
    In Gottes Namen gegen Grundrechte

    Der religiöse Fanatismus macht auch vor der Schule nicht halt. Und beschäftigt immer wieder Behörden und Justiz.

  • 21.05.2013 um 14:10
    Unsere Ente des Tages

    Das ist garantiert keine Zeitungsente: Eine Ente hat den Brunnen am Rümelinsplatz zu ihrem persönlichen Swimmingpool umfunktioniert.

  • 16.05.2013 um 22:59
    Absolut
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    Lieber Fritz Hochhuth Nach 14 Stunden am Computer sitzen schaffe ich es kaum mehr, so viele Buchstaben zu lesen. Aber ich habe es doch getan, weil uns doch die Chefs und andere kompetente Leute immer sagen, wie wichtig die Hege und Pflege unserer Comm...

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