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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 19.06.2013

Ausstellung 

14.10.2012, 14:15 Uhr

Wie sich Kunst und Design gegenseitig befruchten

14.10.2012, 14:15 Uhr

Studio 65 und Andy Warhol, George Nelson und Roy Lichtenstein: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein baut in «Pop Art Design» eine Brücke zwischen Designobjekten und Kunstwerken. Und präsentiert dabei viele Klassiker in einer sehenswerten Ausstellung. Von Marc Krebs

Stühle von Panton oder Sottsass korrespondieren mit einem Gemälde von Valerio Adami («Plein Air NY», 1968).

Stühle von Panton oder Sottsass korrespondieren mit einem Gemälde von Valerio Adami («Plein Air NY», 1968). (Bild: Marc Krebs, © Pro Litteris)

Dürfen bei Vitra nicht fehlen: Stühle von Charles und Ray Eames, hier LAR aus dem Jahr 1950.

Dürfen bei Vitra nicht fehlen: Stühle von Charles und Ray Eames, hier LAR aus dem Jahr 1950. (Bild: Marc Krebs)

1967 spielte Öyvind Fahlström mit dem Logo der Ölfirma Esso: LSD als Treibstoff für die 60er-Jugend.

1967 spielte Öyvind Fahlström mit dem Logo der Ölfirma Esso: LSD als Treibstoff für die 60er-Jugend. (Bild: Marc Krebs, © Moderna Muset © Pro Litteris)

George Nelsons Sofa «Marshmallow» (1956) wird mit Roy Lichtensteins «Yellow Brushstroke» (1965) kombiniert.

George Nelsons Sofa «Marshmallow» (1956) wird mit Roy Lichtensteins «Yellow Brushstroke» (1965) kombiniert. (Bild: Marc Krebs,© Pro Litteris)

Kapitalismus vs. Kommunismus: Das italienische Studio 65 befleckte die US-Flagge, indem es dazu einlud, seinen Hintern draufzusetzen. Warhol wiederum trug Mao Tse-Tung Schminke auf und machte ihn zum Popstar.

Kapitalismus vs. Kommunismus: Das italienische Studio 65 befleckte die US-Flagge, indem es dazu einlud, seinen Hintern draufzusetzen. Warhol wiederum trug Mao Tse-Tung Schminke auf und machte ihn zum Popstar. (Bild: Marc Krebs)

George Nelson kreierte 1947 einen Lampenschirm in Helmform. Die Tischleuchte nannte er «Sergeant Schultz»

George Nelson kreierte 1947 einen Lampenschirm in Helmform. Die Tischleuchte nannte er «Sergeant Schultz» (Bild: Marc Krebs)

Picknick im Grünen: Andy Warhols «Flowers», kombiniert mit Martial Raysses «Souviens-toi de Tahiti en septembre 61»

Picknick im Grünen: Andy Warhols «Flowers», kombiniert mit Martial Raysses «Souviens-toi de Tahiti en septembre 61» (Bild: Marc Krebs, © Pro Litteris)

So warm kann Plastik wirken: Verner Pantons Lampen illuminieren einen Stuhl von Eero Arnio.

So warm kann Plastik wirken: Verner Pantons Lampen illuminieren einen Stuhl von Eero Arnio. (Bild: Marc Krebs)

Vor dem Eingang: Andy Warhols «Silver Clouds» fliegen um den italienischen Designklassiker «Blow» (PVC-Sessel). Die Halbkugel für diese Installation baute Grönland Basel.

Vor dem Eingang: Andy Warhols «Silver Clouds» fliegen um den italienischen Designklassiker «Blow» (PVC-Sessel). Die Halbkugel für diese Installation baute Grönland Basel. (Bild: Marc Krebs)

Fetisch Frau: Das Sofa «Bocca» von Studio 65, der Spiegel «Ultrafragola» von Ettore Sottsass und der bemerkenswert obszöne Stuhl, schlicht «Chair» genannt, von Allen Jones. 1969/1970 entstanden.

Fetisch Frau: Das Sofa «Bocca» von Studio 65, der Spiegel «Ultrafragola» von Ettore Sottsass und der bemerkenswert obszöne Stuhl, schlicht «Chair» genannt, von Allen Jones. 1969/1970 entstanden. (Bild: Marc Krebs)

«Ich habe in den letzten Wochen fast Herzinfarkte bekommen, als ich all die Kisten öffnete und sah, welche Kunstklassiker bei uns eingetroffen sind.» Die Freude ist Kurator Mathias Schwartz-Clauss anzumerken: Erstmals in der Geschichte des Vitra Design Museums sind in einer Ausstellung fast gleich viele Kunstwerke wie Designobjekte ausgestellt. Das Museum in Weil am Rhein setzt unter dem programmatischen Titel «Pop Art Design» rund 150 Exponate in einen Dialog zueinander.

Eine Verbindung, die Sinn macht und in dieser Form herausragend präsentiert wird: Vitra konnte dafür auf die Kooperation mit dem dänischen Louisiana Museum of Modern Art und dem Moderna Museet Stockholm zählen, die diese Schau im nächsten Jahr nach Skandinavien überführen werden.

Werbung und Werke

«Pop Art», die Kunstrichtung, bahnte sich zwar erst vor 50 Jahren den Weg in die breite Öffentlichkeit – die Nähe zum Design (und auch zur Werbung) manifestierte sich aber bereits früher, wie die grossräumige Sonderausstellung vor Augen führt: So waren viele Künstler dieser Strömung zuvor schon im Design tätig: Als Grafiker und Illustrator (Andy Warhol) oder als Schaufensterdekorateur (Robert Rauschenberg). Mit dem Selbstbewusstsein der Spezialisten macht Vitra Designobjekte und ihre Einflüsse sichtbar, präsentiert dabei zahlreiche Objekte (viele aus den späten 50er-Jahren) und stellt sie Kunstwerken (ein Grossteil aus den 1960ern) gegenüber.

Durch diesen Blickwinkel erkennt man, dass Designer wie Charles und Ray Eames oder Ettore Sottsass den Pop-Künstlern wichtige Impulse verliehen haben – vice versa. So wird Roy Lichtensteins Gemälde «Yellow Brushstroke» (1965) mit George Nelsons Sofa «Marshmallow» (1956) präsentiert – beide Werke ergänzen sich allein schon farblich (schwarz-gelb), Lichtensteins «Pinselstrich» wird von kleinen Punkten umgeben, die man bei Nelsons Vinyklissen in aufgeblasener Form erkennt. Man sieht, vergleicht und kommt zum Schluss, dass auch ein Gebrauchsgegenstand wie jener von Nelson, der wie viele Designobjekte der Ausstellung nur in kleiner Auflage auf den Markt gebracht worden ist, als Kunstwerk betrachtet werden sollte.

Der Einfluss von Alltagsgegenständen wird der Kunst auf erhellende Weise gegenübergestellt: Der schwedische Künstler Öyvind Fahlström spielte 1967, im «Summer of Love», mit einem Email-Logo des Ölkonzerns Esso und besetzte dieses mit den Buchstaben LSD: die psychedelische Droge als Treibstoff für die 60er-Bewegung. Diese Abwandlung von Firmenlogos erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit, man denke nur an all die T-Shirts, die auf Märkten feilgeboten werden.

Mao Tse-Tung und Stars & Stripes

Andy Warhol verwandelte bekanntlich Konservendosen von Campbell oder Coca-Cola-Flaschen in Kunstwerke und überführte so Alltagsgegenstände in die Kunst. Ein Prozess, der in der Ausstellung sehr schön vor Augen geführt wird: So sehen wir im ersten Saal einen alten Cola-Automaten auf einem Podest – für sich schon ein Designklassiker – der von Warhols Spielereien flankiert wird. So wird – wie es die Pop Art selber auch beabsichtigte – die Entmystifizierung verdeutlicht. Warhols Ideen wiederum flossen ins Design zurück: So kreierte Simon International 1973 einen Hocker, der der Tomatensuppendose von Campbell nachempfunden ist.

Auch die Heroisierung von Alltagsgegenständen wird deutlich: Sehr gelungen etwa der mit einem flauschigen Teppich ausgelegte dritte Saal, wo in einer Vitrine ein Lampenschirm in Helmform zu sehen ist: George Nelson nannte seine 1947 kreierte Tischleuchte «Sergeant Schultz». Eine Persiflage, wie uach Andy Warhols koloriertes Bild des Chinesen Mao Tse-Tung, dem er dicke Schminke auftrug.

Als Gegenüberstellung dient ein Sofa, das als Kritik des amerikanischen Imperialismus gedeutet werden kann: So holte das italienische Designerkollektiv Studio 65 eine Ikone vom Sockel, indem es zur Zeit des Vietnamkriegs die US-Flagge in eine Sitzgarnitur verwandelte und dazu einlud, seinen Hintern auf die Stars & Stripes zu setzen. Was wiederum als Zitat der Pop Art verstanden werden kann.

Freizeit und Fetisch

Im gleichen Raum verdeutlicht ein Werk des französischen Malers und Bildhauers Martial Raisse, wie Bilder und Objekte, aber auch Privatsphäre und Öffentlichkeit miteinander verschmelzen, wie die Freiheit genossen wird und dabei auch den klassischen Bilderrahmen sprengt: Sein Gemälde «Souviens-toi de Tahiti en septembre 61» zeigt eine bunt kolorierte Badenixe auf Papier, am Bild angeklebt sind ein Sonnenschirm und ein Wasserball, die dem Werk eine Dreidimensionalität und räumliche Tiefe verleihen.  Hier werden Designobjekte in die Malerei integriert – und wie in so vielen Beispielen der Schaufenster-Charakter der Pop Art manifest.

Die grösste Provokation findet sich im Obergeschoss: «Fetisch Frau» lautet das Label einer Objektsammlung, deren Blickfang ein Stuhl darstellt, der manche Besucherinnen und Besucher in Verlegenheit bringen dürfte: Eine Frauenpuppe in Lederoutfit, in offensichtlich obszöner Pose und auf Lammfell drapiert, dient als Sitzmöbel. Ein Kunstwerk des britischen Pop-Art-Vertreters Allen Jones, der es 1969 kreierte und schlicht «Chair» betitelte. Nebenan steht das Lippensofa «Bocca» von Studio 65,  effektiv als Designobjekt gedacht, aber wiederum von Salvador Dalí beeinflusst worden und den Lippen der Schauspielerin Mae West nachempfunden worden war. Ein Geben und ein Nehmen von Design und Kunst, wohin das Auge schaut.

«Wir hoffen, mit dieser Ausstellung eine Lücke zu schliessen, indem wir nicht nur Werke auflisten, sondern sie miteinander in Verbindung bringen, wie das scheinbar noch nie der Fall war», sagte Direktor Mateo Kries bei der Vernissage. Das ist dem Vitra Design Museum eindrücklich gelungen.
 

  • Vitra Design Museum. Charles-Eames-Strasse 2, Weil am Rhein. Die Ausstellung «Pop Art Design» ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet und läuft noch bis 3. Februar 2013.
  • Katalog: «Pop Art Design», 272 Seiten mit 325 Abbildungen und diversen Autorenbeiträgen (u.a. Diedrich Diedrichsen und Marco Livingstone).

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Pop Art

    von U v Horn um 17.12.2012 um 17:30Uhr

    Die Austellung ist wirklich eine Empfehlung wert.

    Mir gefällt Pop Art schon seit vielen Jahren.

    Aber diese Austellung hat es im gegensatz zu vielen anderen es geschafft. Designobjekte und Kunstwerke harmonisch miteinander zu verbinden.

    Ich persönlich versuche dies in meinem Haus schon seit Jahren und hab letztens wieder tolle Bilder beim www.grandartclub.com/ entdeckt.

    Für jeden der die Stilrichtung Pop Art zu geneigt ist sollte unbedingt die Austellung besuchen. Aber nicht nur wegen den Großen wie Warhol und Lichtenstein.

    Hoffe es werden noch mehrere Austellungen dieser Art geben.
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

14.10.2012, 14:15 Uhr

Wie sich Kunst und Design gegenseitig befruchten

Text

Text:

  • 06.06.2013 um 14:20
    Kultwerk #83: Edward Scissorhands

    Johnny Depp wird 50. Und bleibt doch ewig jung. Anlass für eine Reise in seine Vergangenheit.

  • 23.05.2013 um 17:17
    Kultwerk #81: The Doors

    Mit ihrem Debütalbum hat die kalifornische Band The Doors dem Psychedelic Rock 1967 die Tür geöffnet.

  • 10.05.2013 um 11:35
    Wir Heuchler!

    Immer wenn bekannt wird, dass ein Geschäft wie der Buchladen Nasobem zumacht, sterben wir einen kleinen Tod. Und merken dann, wie inkonsequent unser Leben geworden ist.

  • 17.06.2013 um 21:34
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    Zum Artikel: Neues Video von der Favela-Räumung

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  • 04.06.2013 um 16:58
    Ist korrigiert
    Zum Artikel: «Lady Sings The Blues»

    Lieber Herr Martens Das war ein Verschreiber seitens Schlussredaktion. Das Konzert ist morgen Mittwoch, 5. Juni. Mit freundlichen Grüssen, Marc Krebs

  • 22.05.2013 um 17:07
    Zum Örgeli-Rock
    Zum Artikel: Örgeli-Rock für die Ewigkeit

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