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TagesWoche

Tages Woche

Do, 20.06.2013

Nobelpreis 

12.10.2012, 14:15 Uhr

Eine gebeutelte Preisträgerin

12.10.2012, 14:15 Uhr

Der Europäischen Union den Nobelpreis zu verleihen wirkt auf den ersten Blick abwegig. Aber die Nobelpreis-Jury hat sich dabei etwas gedacht – und sie hat richtig entschieden. Ein Kommentar von Urs Buess

urs buess Urs Buess

Abwegig wirkt die Ernennung der EU schon aus praktischen Gründen. Zwar wird man sich in Brüssel schon einig werden, wer als höchster Repräsentant der Organisation den Preis abholen soll. Wahrscheinlich der Präsident der Europäischen Kommission, Manuel Barroso. Es könnte aber auch der Präsident der Europäischen Rats, Herman Van Rompuy, sein. Und schon sind wir mittendrin im Problem: Eine so komplexe und unüberschaubare Organisation zum Preisträger zu machen, wirkt entrückt. Man feiert lieber Personen als Institutionen. Man stellt sich auch lieber vor, dass eine, zwei oder drei leibhaftige Menschen ein Preisgeld annehmen als eine abstrakte EU – obwohl diese das Geld in der grossen Krise gut gebrauchen kann.

Gewagt ist die Friedenspreis-Ernennung, weil sie alles andere auslöst als eine Gratulationswelle. Das hat die Jury eigentlich voraussehen müssen. So wie sich die EU zur Zeit, in der jetzigen Krise, darstellt, ist es klar, dass als Reaktion auf die Ehrung nur Hohn und Schmähungen auf die Gefeierte niederprasseln. Man muss sich nur einmal umsehen in den Kommentarspalten der verschiedensten Websites. Da kann nun jeder so richtig loslegen und seinem aufgestauten Ärger über alles, was nur im entferntesten mit der EU zu tun haben könnte, freien Lauf lassen: Wirtschaftskoloss, Beamtendiktatur, Kriegstreiber (Libyen, Afghanistan)  und so weiter – der Spott und Frust sind grenzenlos.

Einmalige Leistung

Obwohl die Jury das alles bedacht haben muss, obwohl sie sich bewusst gewesen sein musste, dass sie eine Preisträgerin ernennt, die nach Bekanntwerden des Entscheids verhöhnt wird, hat sie den Friedenspreis der EU verliehen. Mit gutem Grund: Wann, wenn nicht in den jetzigen Krisenwochen, wäre es sinnvoller, daran zu erinnern, dass die Europäische Union (vormals EWG und EG) innerhalb ihrer Mitglieder während bald 70 Jahren den Frieden gefördert, erhalten und bewahrt hat? Diese Leistung ist einmalig auf diesem Kontinent und deshalb hat sie den Friedenspreis verdient.

Natürlich gibt es zwischen den EU-Staaten Reibereien, Streitereien, Missgunst. Natürlich gibt es dominante Länder und unbedeutendere. Aber es sind seit 1945 keine Panzer mehr aufgefahren und keine Kanonen aufgestellt worden, um Unstimmigkeiten zwischen Mitgliedstaaten zu bereinigen. Das ist eine grossartige Leistung und die hat den Friedenspreis verdient. Am besten kann man das immer wieder auf einem Besuch eines Soldatenfriedhofs aus den beiden Weltkriegen nachvollziehen. Die stehen etwa im Elsass, gar nicht mal so weit entfernt von der Schweiz.

  1. Verdiente Ehrung.

    von Inaktiver Nutzer am 13.10.2012 um 10:22Uhr

    Wenn man den Grundgedanken der EU kennt, weiss man, dass sie es verdient hat. Verglichen mit einem 3. Weltkrieg sind die heutigen Probleme nur so gross wie ein Mu.
    Direktlink zum Kommentar

  1. Eine gebeutelte Preisträgerin

    von Hanspeter Frey um 12.10.2012 um 17:51Uhr

    Oh, ich freue mich. Vielleicht wird die Schweiz des bilateralen Gezänks eines Tages müde und fühlt sich geehrt Mitglied einer Friedenspreisträgerin zu werden. Wenn es seinerzeit zur UNO-Mitgliedschaft gereicht hat, Europa liegt uns doch näher - und dann wäre endlich der weisse Fleck mitten in der Europakarte weg. Nun sind kluge Diplomaten gesucht.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Ich seh das etwas anders...

    von Maya Eldorado um 12.10.2012 um 21:33Uhr

    Ok, die Europäer haben sich nach dem zweiten Weltkrieg zusammengerauft und haben zu einem mehr oder weniger friedlichen Nebeneinander gefunden.
    Hat die EU für das den Nobelpreis bekommen - für die Vergangenheit?

    Sehe ich heute und seit den letzten paar Jahren was so in der EU abläuft, sehe ich da was ganz anderes. Die EU versucht sich fast ausschliesslich auf wirtschaftlicher Basis zusammenzuschweissen. Wirtschaft ohne den Boden der Brüderlichkeit ist egoistisch und wirkt dadurch zerstörerisch und dient alles andere als dem Frieden. Die ersten starken Auwüchse sehen wir bereits vor allem in Griechenland und auch Spanien. Weitere Länder werden folgen. Auch in Deutschland müssen die Bürger immer mehr bluten, dass Deutschland die Vorgaben aufrecht halten kann. Wenn das so weiter geht, wird es auch dort immer unruhiger.
    Um dem Frieden zu dienen, braucht es mindestens ein gewisses Mass an Selbstlosigkeit. Eigeninteressen müssen zurücktreten. Auch Waffengewalt, dient nicht dem Frieden, sondern kann im besten Fall die Lage beruhigen. Dass das im Nahen Osten nicht, edenfalls bis jetzt nicht, geschehen ist, kann jeder selbst beurteilen.
    Nochmals, was dem Frieden dient, kann nur erreicht werden, mit Aufgabe der Eigeninteressen, mit Zuwendung, Empathie und Respekt gegenüber denen, die Hilfe brauchen.
    Herausragende Beispiele sind unter anderen Muter Teresa und Ghandi.
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  3. Verdiente Ehrung.

    von Inaktiver Nutzer um 13.10.2012 um 10:22Uhr

    Wenn man den Grundgedanken der EU kennt, weiss man, dass sie es verdient hat. Verglichen mit einem 3. Weltkrieg sind die heutigen Probleme nur so gross wie ein Mu.
    Direktlink zum Kommentar

  4. @eldorado

    von Daniel Hage um 13.10.2012 um 16:46Uhr

    ..."Herausragende Beispiele sind Mutter Theresa und Ghandi"...
    JAA- wobei letzterer -so ein Hohn- NIEMALS mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde... dafür aber so bedeutende "Friedensstifter" des 20.Jahrhunderts wie Henry Kissinger und Jassir Arafat...!
    Wäre ICH (ein EU-Bürger) die EU- ich würde mit allem respekt diesen Preis DANKEND ablehnen-und mich dafür SCHLEUNIGST auf die Socken machen DAS EUROPA welches die Europäischen Bürger WIRKLICH WOLLEN zu Realisieren,- NICHT das "Europa" der abgehobenen "Eliten" welches sich Ums Verrecken in einer Zwangsübergestülpten Kaputt-Währung manifestiert ,- SONDERN das Europa der Regionen, Kulturen, des gegenseitigen Respekts, ein "EUROPA VON UNTEN"! ein Europa der Subsidiarität in welchem ALLES was "Unten" geregelt werden kann auch unten geregelt wird- und die brünftigen Alpha-Hirsche in Brüssel bestenfalls noch für eine "Gemeinsame Aussenpolitik" zuständig wären...
    DAS W Ä R E MEIN EUROPA- aber eben "WÄRE" !
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  5. Danke, Urs Buess, ...

    von Inaktiver Nutzer um 13.10.2012 um 19:44Uhr

    dem ist nichts beizufügen.
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  6. @ Daniel Hage

    von Alois Karl Hürlimann um 14.10.2012 um 11:47Uhr

    Die auffallende Großbuchstabenverwendung in ihrem Kommentar in "Ehren". Deren Abfolge lässt immerhin auf Ihre äusserste "Sicherheit des Urteils" schliessen:
    JAA
    NIEMALS
    ICH
    DANKEND
    SCHLEUNIGST
    DAS EUROPA
    WIRKLICH WOLLEN
    NICHT
    SONDERN
    "EUROPA VON UNTEN"
    ALLES
    DAS W Ä R E MEIN EUROPA
    "WÄRE"

    Ich lebe in eine EU-Mitgliedstaat. Ich lebe nicht in einer Diktatur, sondern in einem Land, welches eine sehr offene Gesellschaft rechtlich, politisch, kulturell, individuell schützt. Ich kann mich - dank Schengen - als Schweizer in diesem Land, Deutschland, niederlassen. Ich kann mich in beinahe ganz Europa ohne Passformalitäten berücksichtigen zu müssen frei bewegen. In meiner Wohnstadt leben Zehntausende aus Spanien, Zehntausende aus Polen, Hunderttausende aus der Türkei, Tausende aus der Schweiz, zahlreiche Menschen aus so ziemlich allen Gegenden der Welt. Sie arbeiten hier, sie leben hier, sie können hier ihre Religionen, ihre Unreligiosität, ihre sexuellen Neigungen, ihre gesellschaftlichen Vorstellungen zu verwirklichen versuchen. Genau so wie Deutsche dies in Italien, in Frankreich, in Großbritannien oder in Slowenien können, genauer: können dürfen, wenn sie denn wollen.
    Das von Ihnen reklamierte "Europa von Unten" existiert längst. Natürlich wird über dessen Ausgestaltung diskutiert, gestritten, es gibt Deutsche oder Franzosen oder Österreicher oder Schweden, welche sagen:
    "Wir Deutschen zuerst", oder:
    "Wir Österreicher werden überrannt", oder:
    "Die Niederlande werden von Brüssel aus kujoniert", und so weiter.
    Aber die letzten Parlamentswahlen in die zweite, die entscheidende Kammer des niederländischen Parlaments hat gezeigt, dass ein Bewusstsein für Europa, eine Verantwortung für Europa ausserordentlich mehrheitsfähig ist, wenn es denn darauf ankommt. Der Xenophobe W. mitsamt seiner SVP-Verwandtschaftspolitik ist geradezu offensichtlich gescheitert.
    Europa von Unten:
    Die Regionen, von denen Sie schreiben, werden innerhalb der EU seit langer Zeit stark gefördert. Befürworter von Abspaltungen ihrer Regionen von zentral regierten Nationalstaaten - etwa in Schottland in GB, etwa die Basken oder die Katalenen in Spanien usw. - auch die konkret von ehemaligen Nationalstaaten abgespaltenen Staaten wie Slowenien oder die Slowakei, sie alle, und zwar deren Bevölkerung insgesamt, wollen in der EU bleiben oder, wie Kroatien, Serbien, Montenegro in die EU aufgenommen werden. Sie wollen die EU als ihr Dach, nicht die herkömmlichen Nationalstaaten.
    Warum wohl ?
    Weil die EU eben ein föderales Gebilde ist, welches den einzelnen Regionen und Kleinstaaten wie grösseren Staatsgebilden jenen Rahmen gibt, innerhalb dem sich Vielfältigkeit, Heterogenität, Eigenständigkeiten begegnen und fruchtbar untereinander auseinandersetzen können.

    Bevor Sie ihre Großbuchstaben weiterhin als angeblich "sichere" Wahrheiten darstellen, sollten Sie sich vielleicht mal etwas genauer informieren, wie es denn alltäglich tatsächlich so ist in Europa. Was Sie hier vorgetragen haben, sind meiner Ansicht nach ohne besondere Anstrengung zu formulierende Vorurteile, anders gesagt: Stammtischbehauptungen.
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Informationen zum Artikel

12.10.2012, 14:15 Uhr

Eine gebeutelte Preisträgerin

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Text:

  • 23.05.2013 um 16:05
    TagesWoche vom 24. Mai: Die Themen

    Weg mit dem Müll: Bussen für Abfallsünder nützen wenig. Was nun? – Der Basler Kantonalbankpräsident Andreas C. Albrecht spricht über seine neuen Pläne – dies und weitere Themen in der TagesWoche vom 24. Mai, im Abo oder am Kiosk.

  • 23.05.2013 um 12:00
    Duftmarken

    Kommen die warmen Sommerabende, sammelt sich der Müll auf Strassen und Plätzen. Das hat so seine verschiedenen Ursachen, eine davon ist das offenbar menschliche Bedürfnis, Präsenz zu markieren.

  • 16.05.2013 um 15:44
    «Das hilft nicht nur der Pharma»

    Die Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren setzen im Steuerstreit mit der EU auf die Einführung von Lizenzboxen – und handeln damit ganz im Sinne von Basels Finanzdirektorin Eva Herzog.

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