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TagesWoche

Tages Woche

Di, 21.05.2013

Gleichstellung 

16.10.2012, 17:27 Uhr

«Tatsächliche Chancengleichheit erreichen»

16.10.2012, 17:27 Uhr

Seit 20 Jahren gibt es das Gleichstellungsbüro (heute Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern). Wozu ist eine solche Fachstelle gut, braucht es sie überhaupt? Das Jubiläum gibt Anlass für ein Gespräch mit Abteilungsleiterin Leila Straumann. Von Noëmi Kern

Claude Giger: Leila Straumann, Leiterin des Gleichstellungsbüro Basel-Stadt.

Leila Straumann, Leiterin des Gleichstellungsbüro Basel-Stadt. (Bild: Claude Giger)

Frau Straumann, warum braucht es die Abteilung für Gleichstellung von Männern und Frauen?

Straumann: In der Bundes- sowie in der Kantonsverfassung ist der Auftrag des Volkes verankert, dass der Staat für die Gleichstellung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen sorgen muss. Dies ist der Auftrag der Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern. Wir wollen die Situation verbessern und tatsächliche Chancengleichheit erreichen.

Was ist Ihre Tätigkeit?

Wir haben Themenbereiche wie Schule und Berufswahl, Beruf und Familie, Männer und Buben. Aber auch der private, häusliche Bereich ist im Fokus der Gleichstellungsarbeit. Auch eine breite Öffentlichkeit und der Diskurs über diese Themen sind Ziel unserer Arbeit. Die Bestandesaufnahme ist die Basis jeglicher Aktivität, um die aktuelle Situation zu berurteilen. Erst dann sieht man, wo Handlungsbedarf besteht und kann Schwerpunkte setzen, um die Situation zu verbessern. Auch jede Verordnung von der Regierung und jedes Gesetz geht zuerst bei uns über den Tisch. Wir prüfen diese auf Verfassungskonformität und stellen sicher, dass sie die Chancengleichheit nicht behindern.

Was für Fälle haben Sie zu bearbeiten? Wann wenden sich die Leute an Sie?

Wir haben wenig Laufkundschaft. Die Abteilung ist keine Beratungsstelle, insofern haben wir wenig konkrete, individuelle Fälle. Privatpersonen verweisen wir an die entsprechende Beratungsstellen weiter. Vielmehr wenden sich Firmen, externe Organisationen oder andere Verwaltungsabteilungen an uns und wollen wissen, was sie tun können, um die Gleichstellung zu fördern. Was kann eine Firma beispielsweise machen, damit sich bei einem Stelleninserat auch Frauen angesprochen fühlen? Wo erhalten sie Unterstützung, wenn sie Teilzeitarbeit in allen Hierarchiestufen und zum Beispiel auch für Väter umsetzen wollen. Wir machen aber keine Organisationsberatung. Aber wir haben Informationsmaterial, das wir einem Betrieb zu Verfügung stellen. Wir vernetzen Unternehmen, unterstützen sie beispielsweise darin, familienfreundliche Arbeitsbedingungen umzusetzen.

Wie haben sich die Fragestellungen während der letzten 20 Jahre denn verändert?

Vor 20 Jahren ging es vor allem um die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau. Das damalige Gleichstellugsbüro war dem Justizdepartement angegliedert. Die rechtliche Gleichstellung ist zu einem Grossteil umgesetzt. Im Kanton Basel-Stadt etwa haben wir die Interventionsstelle «Halt Gewalt» zusammen mit dem Frauenhaus und dem Männerforum gegründet, die im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt sensibilisiert und Massnahmen vorschlägt. Häusliche Gewalt ist ein Offizialdelikt: Die Polizei vermittelt in solchen Fällen nicht mehr, sondern sie ermittelt in der Sache.

Die Verwaltung ist bezüglich flexiblen Arbeitsbedingungen und Möglichkeit, auch in Führungspositionen Teilzeit zu arbeiten, vorbildlich. Das ist auf das Chancengleichheitskonzept des kantonalen Fachstelle für Gleichstellung zurückzuführen. Auch im Scheidungsrecht werden aktuell Änderungen gemacht, indem das gemeinsame Sorgerecht gestärkt wird und die Eltern gemeinsam für das Kind verantwortlich sind. Das gemeinsame Sorgerecht regelt jedoch nicht, wo das Kind lebt – das wird wohl weiterhin in der Regel bei der Mutter sein. Ich würde sagen, dass in den letzten 20 Jahren eine Sensibilisierung auf das Thema Gleichstellung stattgefunden hat. Sie ist selbstverständlicher geworden.

Was ist noch unbefriedigend und muss noch verbessert werden?

Da gibt es viel. Die Zahlen sprechen für sich: In der Schweiz sitzen nur 8 Prozent Frauen in den Verwaltungsräten, Frauen bekommen 18 Prozent weniger Lohn als Männer. Nur 5 Prozent der Männer arbeiten Teilzeit. Nur 4 Prozent der Paare teilen sich die Hausarbeit. Im Kindergarten unterrichten 93 Prozent Frauen, an der Uni sind 84 Prozent der Professuren von Männern besetzt und so weiter. Was die Abteilung Gleichstellung von Frauen und Männern nicht will, ist, Männer und Frauen gleich zu machen. Jede und jeder sollte wählen können. Wenn man Kinder bekommt, ist es oft ökonomisch sinnvoller, wenn der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau ihr Arbeitspensum reduziert, obwohl das ein Paar so vielleicht gar nicht will – dies hat unter anderem mit der Lohnungleichheit und Strukturen zu tun. Wir müssen also weiter dafür sorgen, dass Lohngleichheit erreicht wird, dass die Berufswahl geschlechtsunabhängig geschehen kann und dass auch Männer die Möglichkeit haben, Teilzeit zu arbeiten. Und schliesslich geht es um Rahmenbedingungen, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen.

Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?

Im Programm «no limits» geht es um die Sensibilisierung rund um die Öffnung der Berufswahl und der Vielfalt von Lebensentwürfen. Wir beginnen bereits im Kindergarten, Mädchen und Jungen über die freie Berufswahl zu informieren – unabhängig vom Geschlecht. Auch an der Berufsmesse sind wir mit einem Stand vertreten, dort arbeiten wir mit jungen Menschen, die einen geschlechtsuntypischen Beruf gewählt haben. Diese sind dann Ansprechpersonen für die Messebesucherinnen und -besucher. Die Berufsmesse beginnt am Donnerstag, 18. Oktober – wir freuen uns auf interessierte Jugendliche und Eltern.

Oder wir wollen, dass Männer die Möglichkeit haben, aktive Väter zu sein. Auch einen Vaterschaftsurlaub würden wir begrüssen, der nicht nur freiwillig gewährleistet wird. Dies sind, unter anderen, Themen im Projekt «Familienfreundliche Wirtschaftsregion Basel» – hier arbeiten Staat, Privatwirtschaft und weitere Organisationen am Ziel, eine attraktive, prosperierende Region unter anderem Dank der Familienfreundlichkeit zu werden: flexible Kinderbetreuung, attraktive Arbeitsbedingungen und eine Rendite für die Unternehmen von 8%, wenn sie familienfreundliche Massnahmen umsetzen. Das sind zukunftsweisende Gründe, um auf die Karte Gleichstellung zu setzen.

  • Die Abteilung für Gleichstellung von Männern und Frauen führt zum Jubiläum eine Ausstellung durch. Gezeigt werden Plakate aus dem Fundus der Plakatsammlung der Schule für Gestaltung Basel. Ausstellungsdauer ist vom 17.–28. Oktober 2012. Eröffnung ist am 16. Oktober um 18 Uhr. 
  • Öffnungszeiten: Mi–Fr 12.30–18.30 Uhr, Sa und So 12.30–17.00 Uhr
  • Plakatsammlung & Ausstellungsraum auf der Lyss, Schule für Gestaltung, Spalenvorstadt 2, Basel
  1. Gleichstellung für Heteros

    von Thommen_63 am 19.10.2012 um 08:41Uhr

    Vor Jahren schon habe ich die Gleichstellung von Schwulen und Lesben angemahnt. Damals hiess es: "Wir haben ja schon für die Frauen nicht genug Geld"!
    Gewalt gegen Schwule ist ein Teil der Gewalt gegen Frauen. Aber Schwule sind halt Männer, auch wenn sie wie Frauen angegriffen werden...
    Interessanterweise sind Knaben dann den Mädchen gleichgestellt, wenn es um sexuelle Übergriffe geht.
    Geht es um Mobbing an und Gewalt gegen junge Schwule, interessiert sich wiederum keine Frau um das Problem. Denn schwul kann ein Junge nur sein, "wenn er sexuell missbraucht" wurde. Und das kann politisch korrekt nur ein Schwuler Täter gewesen sein.
    Dafür dürfen sich Schwulenorganisationen um Transen, Bisxuelle, Lesben, Transgender, Transmänner und -Frauen, Transvestiten, etc. kümmern. Wo sie doch eh schon überhaupt kein Geld haben!
    Diese sexistischen Sichtweisen finden sich auch in Frauenpolitiken. Wer von den Heteros abweicht, soll bitte selber schauen wo er/sie bleibt! Da nützt das meistens geheuchelte *Frauenverständnis" gegenüber Schwulen überhaupt nix. Denn wenn der Ehemann oder der Sohn schwul ist, fehlt es plötzlich...
    Direktlink zum Kommentar

  1. Zukunft

    von Maya Eldorado um 16.10.2012 um 20:47Uhr

    Bis jetzt ist die Gleichstellung vor allem auf die Wirtschaft fokussiert, z.B. gleiche Arbeit gleicher Lohn. Oder dass Männer, wie bei den Frauen schon weit verbreitet, vermehrt die Möglichkeit haben, Teilzeit zu arbeiten, dass sie sich auch vermehrt um Kinder und Familienarbeit kümmern können, wenn das gewünscht wird.

    Was in meinen Augen für die Zukunft immer wichtiger werden wird, ist auch die Gleichstellung der Arbeit. Bis jetzt haben wir die Erwerbs- und Lohnarbeit auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite haben wir die Freiwilligenarbeit, die, wie der Name sagt, freiwillig ist und gemacht wird, wenn kein Geld für die Bezahlung vorhanden ist. Zu diesem Teil gehört auch die Arbeit, die notwendig ist und somit in dem Sinn nicht freiwillig ist. Das ist die Familienarbeit. Dazu gehören Haushalt, Kinder- und auch Elternbetreuung und anderes mehr.
    In der Wirtschaft ist es klar, dass diese Arbeit einen Mehrwert bringt. Das ist die Ware die hergestellt wird.
    Im sozialen Bereich ist der Mehrwert nicht so direkt ersichtlich. Da versucht man in den letzten Jahren immer mehr zu sparen, das heisst zu rationalisieren. Das sieht man vor allem im Gesundheitswesen. Das finde ich fatal.
    Bei der notwendigen Gratisarbeit im sozialen und privaten Bereich wurde das bisher komplett ausser acht gelassen. Vor allem im privaten Bereich "kostet" ja das erstmal nur und bringt keinen direkten Ertrag. Das im Grunde genommen fatal.
    Ich denke es wird in Zukunft, früher oder später, nicht mehr haltbar sein, so zu denken. Unsere Kinder sind die Zukunft und die alten Eltern haben ein Leben lang gearbeitet. Und Behinderte haben genauso ein Recht zu leben und richtig betreut zu werden, wie die Gesunden. Heute schaut man das ja eigentlich vorwiegend als Kostenfaktor an, der direkt nichts bringt.
    Menschen in Führungspositionen, die sich das alles "leisten" können sind in der Minderzahl. Die meisten müssen insofern vom Staat unterstützt werden, dass sie sich einen Kinderhort oder was auch immer leisten können, sonst bleibt ihnen nicht mehr genug Geld zum Leben. (Bei mir ging damals als alleinerziehende Mutter, als Sekretärin arbeitend, trotz Subvention mehr als die Hälfte meines Lohnes für die Kinderbetreuung drauf.) Wenn da kostenneutral gedacht würde, könnte man den Müttern, Vätern, Eltern auch das ganze Geld in die Hände geben, dass sie wahlweise das erhaltene Geld verwenden könnten, dass sie die Kinder selber betreuen könnten, oder arbeiten gehen und das erhaltene Geld in die Fremdbetreuung der Kinder stecken. Das würde auch die notwendige Gratisarbeit und Betreuungsarbeit so aufwerten, dass sie den Wert erhält, der ihr eigentlich gebührt. Sie sollte eigentlich der Arbeit in der Wirtschaft gleichwertig sein. In der Zeit der Industrialisierung ging das völlig unter, als man die Frauen und Männer in die Farbriken holten. Es ist wirklich an der Zeit, das ans Licht zu holen, damit man dazu kommt, alle Arbeiten gleichzustellen.
    Haus- und Kinderarbeit, Betreuung von Verwandten oder anderen Menschen im Informellen Bereich mit der Gratisarbeit ist hoch interessant und erfüllend und ist genauso wichtig, wie die Arbeit in den Chefetagen. Es kommt einfach darauf an, was man daraus macht. Indem man sie materiell aufwerten würde, bekäme sie auch den Platz, der ihr gebührt.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Gleichstellung für Heteros

    von Thommen_63 um 19.10.2012 um 08:41Uhr

    Vor Jahren schon habe ich die Gleichstellung von Schwulen und Lesben angemahnt. Damals hiess es: "Wir haben ja schon für die Frauen nicht genug Geld"!
    Gewalt gegen Schwule ist ein Teil der Gewalt gegen Frauen. Aber Schwule sind halt Männer, auch wenn sie wie Frauen angegriffen werden...
    Interessanterweise sind Knaben dann den Mädchen gleichgestellt, wenn es um sexuelle Übergriffe geht.
    Geht es um Mobbing an und Gewalt gegen junge Schwule, interessiert sich wiederum keine Frau um das Problem. Denn schwul kann ein Junge nur sein, "wenn er sexuell missbraucht" wurde. Und das kann politisch korrekt nur ein Schwuler Täter gewesen sein.
    Dafür dürfen sich Schwulenorganisationen um Transen, Bisxuelle, Lesben, Transgender, Transmänner und -Frauen, Transvestiten, etc. kümmern. Wo sie doch eh schon überhaupt kein Geld haben!
    Diese sexistischen Sichtweisen finden sich auch in Frauenpolitiken. Wer von den Heteros abweicht, soll bitte selber schauen wo er/sie bleibt! Da nützt das meistens geheuchelte *Frauenverständnis" gegenüber Schwulen überhaupt nix. Denn wenn der Ehemann oder der Sohn schwul ist, fehlt es plötzlich...
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Informationen zum Artikel

16.10.2012, 17:27 Uhr

«Tatsächliche Chancengleichheit erreichen»

Text

Text:

  • 31.12.2012 um 15:56
    «Ein bisschen klöpfen muss es schon»

    «The same procedure as every year» fordert nicht nur die alte Miss Sopie von ihrem Butler James im Sketch «Dinner for one». Auch wir haben alle unsere jahrelangen Silvesterbräuche und -rituale. Das zeigt ein Besuch im Zauberlädeli.

  • 24.12.2012 um 15:00
    Machs doch selber!

    Die Kreativ-Abteilung der TagesWoche ist auch am Heiligabend aktiv. Hans-Jörg «Fonzi» Walter hat Geschenkpapier designt. Verwenden kann es jeder, der einen Drucker zur Verfügung hat.

  • 21.12.2012 um 20:19
    O du fröhliche Heilsarmee

    Die Heilsarmee ist wieder unterwegs. Anders als ihre Berner ESC-Kollegen haben die Basler weniger Hürden zu überwinden, damit sie singen dürfen.

  • 16.08.2012 um 09:26
    Korrektur
    Zum Artikel: Andere Uni, andere Sitten

    Liebe Frau Bockemühl, ihr Kommentar hat mich auf einen Fehler im Text aufmerksam gemacht: Es handelt sich um eine Zunahme der Möbilität um durchschnttlich 1,4 Prozent pro Jahr seit 2005. Viel ist das freilich auch dann nicht... Selbstverständli...

  • 03.08.2012 um 09:49
    Kein Velofahrerbashing
    Zum Artikel: Ein Schild für die Katz

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