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TagesWoche

Tages Woche

Do, 20.06.2013

Golf, Ryder Cup 

1.10.2012, 16:37 Uhr

Der epische Kollaps

1.10.2012, 16:37 Uhr

Der Deutsche Martin Kaymer versenkt den letzten Put, der alles entscheidet: Eines der grössten Dramen der Sportgeschichte beschert den schier aussichtslosen Europäern noch den Triumph im Ryder Cup gegen die untergepflügten US-Amerikaner. Von Bernd Müllender

Der Ryder Cup ist seine Passion: Der englische Golfprofi Ian Poulter.

Der Ryder Cup ist seine Passion: Der englische Golfprofi Ian Poulter. (Bild: Reuters/MIKE BLAKE)

Historischer Moment: Martin Kaymer nach seinem entscheidenden Put am 18. Loch im Einzel gegen Steve Stricker.

Historischer Moment: Martin Kaymer nach seinem entscheidenden Put am 18. Loch im Einzel gegen Steve Stricker. (Bild: Reuters/MATT SULLIVAN)

Am 17. Loch: Phil Mickelson will seinem Ball aus 30 Metern per Schläger den Weg weisen: Vergeblich, die Kugel rollt Zentimeter vorbei.

Am 17. Loch: Phil Mickelson will seinem Ball aus 30 Metern per Schläger den Weg weisen: Vergeblich, die Kugel rollt Zentimeter vorbei. (Bild: Reuters/JEFF HAYNES)

Amerikanischer Frust: Jim Furyk bei einem misslungenen Put.

Amerikanischer Frust: Jim Furyk bei einem misslungenen Put. (Bild: Reuters/MATT SULLIVAN)

Amerika auf den Knien: Jim Furyk.

Amerika auf den Knien: Jim Furyk. (Bild: Reuters/MIKE BLAKE)

Eine klare Führung aus den Händen gegeben: Der US-Golfer Steve Stricker im verlorenen Einzel gegen Martin Kaymer.

Eine klare Führung aus den Händen gegeben: Der US-Golfer Steve Stricker im verlorenen Einzel gegen Martin Kaymer. (Bild: Reuters/JEFF HAYNES)

Die ganze Last einer Golfgemeinde auf den Schultern: Nochmal Jim Furyk.

Die ganze Last einer Golfgemeinde auf den Schultern: Nochmal Jim Furyk. (Bild: Reuters/MIKE BLAKE)

Der Irre: Ian Poulter schaffte am letzten Tag fünf Birdies.

Der Irre: Ian Poulter schaffte am letzten Tag fünf Birdies. (Bild: Reuters/MATT SULLIVAN)

Der Hooligan unter den Golgern: Der Engländer Ian Poulter.

Der Hooligan unter den Golgern: Der Engländer Ian Poulter. (Bild: Reuters/MIKE BLAKE)

Woods im Wald: Tiger Woods (links) und der Italiener Francesco Molinari.

Woods im Wald: Tiger Woods (links) und der Italiener Francesco Molinari. (Bild: Reuters/MATT SULLIVAN)

Nervenstark auf dem Green: Der Deutsche Martin Kaymer wird von Vize-Captain Miguel Angel Jimenez (rechts) beglückwünscht.

Nervenstark auf dem Green: Der Deutsche Martin Kaymer wird von Vize-Captain Miguel Angel Jimenez (rechts) beglückwünscht. (Bild: Reuters/JEFF HAYNES)

Betretene Gesichter: US-Captain Davis Love III.

Betretene Gesichter: US-Captain Davis Love III. (Bild: Reuters/MIKE BLAKE)

Gerührt: Jose Maria Olazabal, der Captain der Europäer, bei der Siegerehrung in Gedanken an seinen verstorbenen Freund Seve Ballesteros.

Gerührt: Jose Maria Olazabal, der Captain der Europäer, bei der Siegerehrung in Gedanken an seinen verstorbenen Freund Seve Ballesteros. (Bild: Reuters/JEFF HAYNES)

Überwältigt: Jose Maria Olazabal.

Überwältigt: Jose Maria Olazabal. (Bild: Reuters/JIM YOUNG)

Das triumphierenden Team Europa (vorne von links): Nicolas Colsaerts, Sergio Garcia und Graeme McDowell; hinten von links: Ian Poulter, Paul Lawrie, Francesco Molinari, Lee Westwood, Captain Jose Maria Olazabal, Justin Rose, Luke Donald , Peter Hanson, Ro

Das triumphierenden Team Europa (vorne von links): Nicolas Colsaerts, Sergio Garcia und Graeme McDowell; hinten von links: Ian Poulter, Paul Lawrie, Francesco Molinari, Lee Westwood, Captain Jose Maria Olazabal, Justin Rose, Luke Donald , Peter Hanson, Ro (Bild: Reuters/JEFF HAYNES)

Martin Kaymer, der zuletzt so schwächelnde deutsche Golfer, hatte wieder nicht besonders gut gespielt. Am Freitagmittag hatte er sein Doppel mit Justin Rose fehlerhaft hergegeben und wurde dann erst gar nicht mehr eingesetzt. Auch jetzt, in seinem Duell gegen den US-Amerikaner Steve Stricker, versagte er zum Ende hin per, mit einem Schlag ins Wasser und einem einfachem Fehlput. Aber: Er war noch im Spiel, weil auch beim US-Routinier die Nerven bebten. Und es stand 13:13. Kaymer hatte diesen einen kleinen, diesen allerletzten Put für sein Team aus gut zwei Metern vor sich. Auf dem letzten Grün.

Der Put würde alles entscheiden, worum zwei verbissene Mannschaften drei Tage lang von früh morgens bis zur Dämmerung vor geschätzt 500 Millionen Fernsehzuschauern gefightet hatten. Um den Ryder Cup, diesem prestigeprallen hässlichen kleinen Goldpokal der Ehre, der den Golfern alles bedeutet – jenseits von Major-Turnieren, billigen Einzeltriumphen und Millionengagen. Und der aus den sonst so reservierten und vornehm zurückgenommenen Golfsportlern rasende Irrwische macht.

Dieser eine Ball. Versager oder Held in der grössten Aufholjagd von ein paar hundert Jahren Golfgeschichte.

Die Emotionen des Kühlschranks

Kaymer traf. Kaymer stand einen Moment in regungsloser Siegerpose. Und dann ratterte beidarmig eine Art Säge mit Becker-Faust aus ihm heraus. Martin Kaymer, der introvertierte Kühlschrank, bei dem sonst schon ein Lächeln als Emotionsexplosion gilt. Dann sprang er auf seinen spanischen Kollegen Sergio Garcia und wurde im Teamtross kindisch jauchzender Golfmillionäre schier erdrückt. Captain José Maria Olasábal weinte im gleichen Moment los.

«Ein unbeschreiblicher Tag», sagte der Spanier ergriffen, und widmete diesen Sieg seinem toten Freund und langjährigen Partner Seve Ballesteros. «Er ist ganz tief im meinem Herzen, undn ich glaube, er lächelt nach diesem Sieg.» Ballesteros starb 2011 mit 54 Jahren an einem Gehirntumor.

Was sich die Grossen des Hollywood-Nervenkitzels je erdachten ist Groschenroman gegen die Ereignisse im Medinah Country Club von Chicago. Freitag und Samstag waren die Europäer fast untergegangen und wirkten so chancenlos wie ein Drittligist beim FC Bayern. Es stand zwischenzeitlich 4:10, und erst die beiden letzten Doppel konnten ihre Spiele drehen und damit im Zwischenklassement verkürzen.

Der Überlebenswillen der Europäer

Den Engländer Ian Poulter musste man dabei für einen Irren halten. Sicher, seine fünf Birdies auf seinen letzten fünf Bahnen waren grandios, aber der böse Blick eines Dämonen und die Körperzuckungen nach dem Sieg – schön und gut, aber auch aus einem 6:10 auswärts vor über 40'000 verzückten und fanatischen «USA, USA»-Brüllern noch einen Sieg zu machen, das war historisch ohne Beispiel und jenseits realistischer Vorstellungskraft. Zumal in den Einzeln, die in der Geschichte fast immer eine Domäne der Amerikaner waren. Dennoch, sagten die Europäer später, aus der späten Ergebniskosmetik und Poulters Wahn hätten sie den entscheidenden Hauch Überlebenswillen destilliert.

Energie, Enthusiasmus und Team-Vibrations drehten plötzlich am Sonntag. Bald stand es 10:10, und auch die Europäer auf der Verliererstrasse gaben nie auf, verkürzten ihren Rückstand. Alles das Zeichen für die letzten Paarungen unterwegs: Es geht noch, wir sind nicht totzukriegen. Kaymers Put war dann der Showdown bei «einer der grössten Shows auf Erden», in der sich Vizekapitän Darren Clarke nachher wähnte. Andere sprachen vom «Mirakel von Medinah».

US-Kapitän Davis Love III. Sagte mit Steinmiene: «Wir sind alle fassungslos.» Die US-Medien und Kommentatoren zerfleischen ihn gerade wegen taktischer Fehler und voreiliger Siegesarroganz. Solch eine vernichtende Schmach trifft gerade US-Amerikaner ins Mark. Ein «schockierendes Ende» hatte der «Boston Globe» miterlebt, und die «Chicago Tribune» einen «unentschuldbaren epischen Kollaps».

Die Revanche für 1991 und 1999

Martin Kaymer sagte nachher: «In dieser Situation möchte ich nie mehr im Leben sein.» Sekunden vor dem Put habe er an Bernhard Langer gedacht, der in fast identischer Situation 1991 den Sieg hergeschenkt hatte. «Das passiert nicht zwei Mal!» 1999 hatte die Europäer, ebenfalls in den USA, ihrerseits mit 10:6 geführt – und die Amerikaner noch vorbeiziehen lassen (13,5:14,5). Kaymer dachte an Ian Poulter, den Irren, was der tun würde. Versenken! Und lostoben!

«Fragen Sie mich nicht, wie der Put reinging, wie er rollte. Ich habe keine Erinnerung. Nur halt straight geradeaus, rein und fertig», sprudelte es aus Kaymer heraus, der 2011 für acht Wochen die Weltrangliste angeführt hatte, «so sind wir Deutschen. Den Moment, als er reinfiel, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.» Ein perfekt kullernder Ball stellt den 27-Jährigen jetzt in der deutschen Sportgeschichte auf einer Stufe mit Max Schmeling, Armin Harry, Hans Günter Winkler, Boris Becker. Aber als Teamsportler, für Europa. Im Weltsport Golf, das der ignorante deutsche Innenminister vor Jahresfrist «Randsportart» nannte und das immer noch für schichtenspezifisches Freizeitgetue gehalten wird.

Woods in the Woods

Bei der Siegerehrung mit «Europe, Europe»-Sprechchören war auch Tiger Woods nur noch Randgeschichte. Der einstige Überflieger hatte unterirdisch schwach alle drei Doppel verloren, im bedeutungslosen letzten Einzel noch den Sieg verschenkt und war nach zahllosen grotesken Fehlschlägen in die Wälder zum «Woods in the Woods» geworden.

Genauso zur Nebensache wurde Europas belgischer Neuling Nicolas Colsaerts, der Freitag mit einer 62er Runde die beste Debütanten-Runde in der Ryder-Cup-Geschichte schaffte. Oder US-Veteran Phil Mickelson, mit neun Einsätzen jetzt Rekordspieler des Kontinentalwettstreits, der alle drei Doppel überragend gewann, und am Sonntag sein Match auf den letzten beiden Löchern gegen Justin Rose verlor.

Poulter, der golfende Hooligan

Jenseits von Kaymer war nur Ian Poulter in aller Munde, der golfende Hooligan, der mit «electric spirit», wie er sagte, alle seine vier Matches gewann und damit jenen brennenden Teamgeist erzeugte, den der prominente US-Assistent, Basketballlegende Michael Jorgan, am Ende seinen untergehenden Golfkollegen nicht mehr liefern konnte. Kaymer regte an, Poulter möge auf Lebenszeit für den Ryder Cup qualifiziert sein, fernbab von albernen sportlichen Qualifikationskriterien. Und der 36-jährige Engländer sagte: «Ryder Cup ist nichts als Passion für mich. Seit ich das als Kind erstmals gesehen habe. Das kommt irgendwie von innen. Ich liebe es einfach. Jetzt brauche ich mindestens drei Wochen, um wieder runterzukommen.»

Ryder Cup in europäischer Hand

Seit 1979, als erstmals ein gesamteuropäisches Team anstelle von Grossbritannien/Irland gegen die US-Amerikaner im Ryder Cup antrat, lautet die Bilanz 10:7 für Europa. Von den letzten neun Austragungen gewannen die Europäer sieben Mal.

39. Ryder Cup
in Medinah/Chicago, Illinois (USA)
USA–Europa 13,5:14,5

Einzel (4:8): Bubba Watson (USA) u. Luke Donald (Europa) 2 und 1. Webb Simpson u. Ian Poulter 2 down. Keegan Bradley u. Rory McIlroy 2 und 1. Phil Mickelson u. Justin Rose 1 down. Brandt Snedeker u. Paul Lawrie 5 und 3. Dustin Johnson s. Nicolas Colsaerts 3 und 2. Zach Johnson s. Graeme McDowell 2 und 1. Jim Furyk u. Sergio Garcia 1 down. Jason Dufner s. Peter Hanson 2 up. Matt Kuchar u. Lee Westwood 3 und 2. Steve Stricker u. Martin Kaymer 1 down. Tiger Woods - Francesco Molinari geteilt.

Fourball 2. Tag (2:2): Dustin Johnson/Kuchar s. Colsaerts/Lawrie 1 up. Watson/Simpson s. Rose/Molinari 5 und 4. Woods/Stricker u. Garcia/Donald 1 down. Dufner/Zach Johnson u. McIlroy/Poulter 1 down.
Foursome 2. Tag (3:1): Watson/Simpson u. Rose/Poulter 1 down. Mickelson/Bradley s. Westwood/Donald 7 und 6. Dufner/Zach Johnson s. Garcia/Colsaerts 2 und 1. Furyk/Snedeker s. McIlroy/McDowell 1 up.
Fourball 1. Tag (3:1): Watson/Simpson s. Lawrie/Hanson 5 und 4. Mickelson/Bradley s. McIlroy/McDowell 2 und 1. Dustin Johnson/Kuchar s. Rose/Kaymer 3 und 2. Woods/Stricker u. Westwood/Colsaerts 1 down.
Foursome 1. Tag (2:2): Furyk/Snedeker u. McIlroy/McDowell 1 down. Mickelson/Bradley s. Donald/Garcia 4 und 3. Dufner/Zach Johnson s. Westwood/Molinari 3 und 2. Woods/Stricker u. Poulter/Rose 2 down.

 

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1.10.2012, 16:37 Uhr

Der epische Kollaps

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Text: Bernd Müllender

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