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TagesWoche

Tages Woche

Do, 23.05.2013

Bio-Handel 

28.9.2012, 00:01 Uhr

Die Pioniere kämpfen ums Überleben

28.9.2012, 00:01 Uhr

Längst gehört Bio zum guten Ton. Seit die Grossverteiler ins Geschäft mit der Nachhaltigkeit eingestiegen sind, ist es für die kleinen Bioläden schwierig geworden. Von Noëmi Kern

Juergen Feichter / Keystone: Glückliche Kühe, teurere Produkte: Bio wird inzwischen auch von den Grossverteilern geboten. Das macht den Pionieren Schwierigkeiten.

Glückliche Kühe, teurere Produkte: Bio wird inzwischen auch von den Grossverteilern geboten. Das macht den Pionieren Schwierigkeiten. (Bild: Juergen Feichter / Keystone)

Konfitüre, Fleisch, Brot, Käse, Obst, Gemüse: Im Bioladen Höheners findet man alles. Nur etwas fehlt: die Kunden. Der Laden an der Schützenmattstrasse büsst seit Jahren Umsatz ein und steckt in den roten Zahlen. Und dies, obwohl Bio boomt – die Schweiz ist gar Bioweltmeister. Herr und Frau Schweizer gaben 2010 211 Franken pro Kopf für Bio-Landwirtschaftsprodukte aus, wie aus Zahlen von BioSuisse hervorgeht.

In den 80er-Jahren waren es noch die alternativ-linken Weltverbesserer, die auf Bio schwörten. Doch bald merkte man: Bio hat Potenzial. Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Eines der ersten Biogeschäfte in Basel ist das ehemalige Kornkämmerli (heute Eichblatt) an der St. Johanns-Vorstadt. Es besteht seit 1973. Auch Andreas Höhener, Inhaber des Bioladens Höheners, ist ein Biovertreter der ersten Stunde.

Als Mitte der 90er-Jahre die Landwirtschaftsreform kam und Biolandwirtschaft subventioniert wurde, stiegen die Grossverteiler ins Biogeschäft ein. Coop lancierte seine Biolinie Naturaplan und erweitert seither das Sortiment kontinuierlich, und auch Migros witterte das Geschäft mit dem ökologischen Angebot. Beide, Coop und Migros, versorgen jedermann mit Bioprodukten, und zwar zu zunehmend günstigeren Preisen.

Jene der Pionier-Bioläden dagegen verharrten im Hochpreissegment: 230 Gramm Brombeerkonfi kosten bei Höheners 8.40  Franken. Sie wird in einem Familienbetrieb im Elsass hergestellt, aus wild gesammelten Brombeeren, in kleinen Mengen. Bei Coop kostet die teuerste Bio-Konfi aus der Grossproduktion (210 Gramm Holunderblütengelee) 3.85 Franken. Weil Bio bei den Grossverteilern so günstig ist, vernachlässigen die Leute Fachgeschäfte wie Höheners.

Bittbrief an die Kunden

Im August 2012 wagte Andreas Höhener den Schritt an die Öffentlichkeit. In einem «Bio-Brief» informierte er seine Kundschaft über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und rief sie auf, wieder vermehrt bei ihm einzukaufen oder Ideen zu bringen, wie man die Situa­tion des Betriebs verbessern könnte. Die unkonventionelle Strategie gab ihm recht. «Schon in den ersten drei Wochen nach der Lancierung stieg der Umsatz um fünf Prozent», vermeldete Höhener im September. Doch das reicht noch nicht, um langfristig überleben zu können.

Die Evolution frisst also ihre Kinder. Ist die Zeit der Bioläden vorbei? «Nein», sagt Höhener trotz sinkenden Umsätzen. Noch immer könnten die kleinen Läden etwas leisten, was man bei den Grossen nicht bekommen könne: Authentizität. «Brot ist bei uns ein Brot, ohne technologische Ergänzungsstoffe wie bei den Grossverteilern.» Auch Werte wie Regionalität und Fairtrade seien «für viele mess- und spürbar», deshalb brauche es Läden wie Höheners.

Der Biopionier hat nichts gegen die Grossverteiler: «Jeder Quadratmeter Biofläche mehr ist ein Gewinn für uns alle.» Höhener sieht aber auch eine Gefahr: «Wir müssen aufpassen, dass nicht eine ähnliche Industrialisierung der Produktion Einzug hält wie bei der herkömmlichen Landwirtschaft.» Das Argument, Bioprodukte seien zu teuer, lässt Höhener nicht gelten.
«Bio könnten sich alle leisten», sagt Höhener, «gefragt sind aber andere Werte, äussere.» Ein Computer oder Handy dürfe alles auf der Welt kosten, sagt er. «Beim Essen dagegen sparen die Leute.»

Dass Biobetriebe auch neben den Grossverteilern florieren können, zeigt das Beispiel Birsmattehof in Therwil, der seit über dreissig Jahren auf Ökologie setzt. Der Hofbetreiberin Agrico gelang es, durch neue Ideen das Geschäft anzukurbeln und sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Der Birsmattehof produziert Gemüse, Obst, Quark und Fleisch. Das Hauptgeschäft sind die Gemüsekörbe, die man abonnieren und einmal pro Woche an einer der 40 Verteilstellen abholen kann. Der Verzicht auf Hauslieferungen spart Energie und ist so ökologischer.

Die Gemüsekörbe sind gefragt wie noch nie: Waren es 2006 noch 730 Abos, sind es heute über 1500. Koordinator des Gemüse-Abos, Bernhard Adamo, erklärt den Erfolg damit, dass es die Leute schätzten, regionale Produkte zu bekommen. «Und das zu fairen Preisen.» Auch der allgemeine Bioboom habe zum Erfolg beigetragen. Eine Zunahme in Zeiten der Krise also, wie ist das zu erklären? «Die Leute wollen sich das leisten», sagt Adamo. Ist denn Bio gesünder oder ist es einfach nur Gewissensberuhigung? «Ich bin überzeugt davon, dass Bio gesünder ist, zumal im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft das Biogemüse nicht mit Spritzmitteln wie Pestiziden belastet ist.» Ausserdem gebe es ein gutes Gefühl, wenn man Bioprodukte konsumiere, auch im Hinblick auf den sorgsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur.

Die Kunden wollen zwar Bio, doch offensichtlich muss es günstig sein. Höhener hat als kleiner Zwischenhändler im Preiskampf kaum Chancen: Er hat weniger Verhandlungsspielraum als die Grosskonzerne, gleichzeitig höhere Kosten für Löhne und Ladenfläche als das beispielsweise beim Direktvermarkter Agrico der Fall ist. Biopionier Höhener bleibt angesichts dessen nur das Schreiben weiterer «Bio-Briefe» und das Hoffen – auf bessere Zeiten, eine zündende Idee und die Unterstützung seiner Kunden.

Ist Bio Pflicht oder Kür? In der Wochendebatte diskutieren Coop-Chefeinkäufer Philipp Wyss und Bioladen-Besitzer Thomas Müller, ob Bio-Produkte massenfähig sind. Ihre Stimme ist dabei genau so gefragt wie Ihre Meinung – mischen Sie sich ein!

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Man sollte eben auch nicht Bananen mit Aepfeln vergleichen

    von Maya Eldorado um 12.10.2012 um 14:47Uhr

    Da steht im Artikel, dass die Brombeerkonfi bei Höheners à 230g Fr. 8.40 kostet, Im Coop 210g Holderblütenkonfi nur 3.85.
    Das lässt sich so nicht, aus verschiedenen Gründen vergleichen.
    Die wilden Brombeeren haben viel mehr Aroma als die Hochzuchtformen. Also hat man schon deshalb viel mehr wertvolle Inhalte. Die Hochzuchtformen sind viel wässeriger. Das sieht man schon daran, dass die Brombeeren aus dem Laden viel schneller grau werden, als die aus dem Wald.
    Brombeeren (vor allem die aus dem Wald, die viel kleiner sind) gibt viel mehr Arbeit, als die Holderblüten zu sammeln.
    Dann sollte man auf den Gläsern auch schauen, wie das Verhältnis Früchte Zucker ist. Ich mache meine Konfi selber.
    Man kann die Konfi im Verhältnis 1 zu 1 herstellen. Da besteht die Konfi zur Hälfte aus Zucker. Man kann aber auch einem Kilo Früchten nur 500 g Zucker beigeben. So eine Konfi ist viel wertvoller. Auf dem Markt kann man auch Konfi finden wo der Früchteanteil weniger als 50% ist. Berücksichtigt man all das, so sieht das Preis/Leistungsverhältnis schon viel anders aus.

    Ich habe das schon bei verschiedenen Produkten verglichen. Wenn man damit anfängt, kann da ganz erstaunliches zutage treten.
    Ein gutes Beispiel ist da der Cranberrysaft vom Coop und den Bioläden. Wenn man das Wasser und den Zucker abzieht, der im Cranberrysirup von Coop beigemengt ist, ist da kaum mehr ein Preisunterschied vorhanden.
    Coop und Migros haben ein gutes PR-Management und wissen genau, wie sie es machen müssen, dass die Menschen immer mehr zu Ihnen kommen und die sehr seriös arbeitenden Bioläden austricksen können.
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

28.9.2012, 00:01 Uhr

Die Pioniere kämpfen ums Überleben

Text

Text:

  • 31.12.2012 um 15:56
    «Ein bisschen klöpfen muss es schon»

    «The same procedure as every year» fordert nicht nur die alte Miss Sopie von ihrem Butler James im Sketch «Dinner for one». Auch wir haben alle unsere jahrelangen Silvesterbräuche und -rituale. Das zeigt ein Besuch im Zauberlädeli.

  • 24.12.2012 um 15:00
    Machs doch selber!

    Die Kreativ-Abteilung der TagesWoche ist auch am Heiligabend aktiv. Hans-Jörg «Fonzi» Walter hat Geschenkpapier designt. Verwenden kann es jeder, der einen Drucker zur Verfügung hat.

  • 21.12.2012 um 20:19
    O du fröhliche Heilsarmee

    Die Heilsarmee ist wieder unterwegs. Anders als ihre Berner ESC-Kollegen haben die Basler weniger Hürden zu überwinden, damit sie singen dürfen.

  • 16.08.2012 um 09:26
    Korrektur
    Zum Artikel: Andere Uni, andere Sitten

    Liebe Frau Bockemühl, ihr Kommentar hat mich auf einen Fehler im Text aufmerksam gemacht: Es handelt sich um eine Zunahme der Möbilität um durchschnttlich 1,4 Prozent pro Jahr seit 2005. Viel ist das freilich auch dann nicht... Selbstverständli...

  • 03.08.2012 um 09:49
    Kein Velofahrerbashing
    Zum Artikel: Ein Schild für die Katz

    Guten Tag Herr Boesiger, um Velofahrerbashing geht es der TagesWoche keineswegs. (Ich bin selber Velofahrerin und finde solche Verkehrssituationen lästig.) Es ging uns vor allem darum, einen Augenschein von der Siuation am Blumenrain zu nehmen und die...

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