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TagesWoche

Tages Woche

Di, 21.05.2013

Fall Tinner 

24.9.2012, 19:08 Uhr

Bundesstrafgericht deckt US-Agenten

24.9.2012, 19:08 Uhr

Im Agenten-Fall Tinner der jetzt vors Bundesstrafgericht kommt, ortete das Bundesgericht 2007 «schwere Verbrechen» durch die Hauptbeschuldigten. Zu einer richtigen Gerichtsverhandlung kommt es dennoch nicht. Denn: Die Schweiz kuscht vor den USA, deren Geheimdienste in den Fall verstrickt sind. Ein Kommentar von Niklaus Ramseyer

Keystone/Karl Mathis: Einer der beiden Tinner-Söhne verlaesst das Bundesgerichtsgebäude von Bellinzona.

Einer der beiden Tinner-Söhne verlaesst das Bundesgerichtsgebäude von Bellinzona. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

Niklaus Ramseyer Niklaus Ramseyer

Friedrich Tinner (75) und seine Söhne Urs (46) und Marco (43) waren internationale Atom-Technologie-Schmuggler. Das ist inzwischen bekannt. Das Bundesgericht schätzte 2007, die Ingenieursfamilie habe mit ihrer illegalen Tätigkeit «ca. 20 Millionen Franken» verdient. Das sei «ein schweres Verbrechen», hielten die obersten Schweizer Richter in Lausanne fest: Es würden «Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren» drohen.

Kuhhandel auf Druck der USA

«Wir verteidigen die rechtsstaatliche Gewaltentrennung», beteuerten Bundesrichter damals gegenüber der «Basler Zeitung». Das ist nicht passiert: Unter dem weiterhin anhaltenden Druck der USA hat die Bundesanwaltschaft jetzt mit den drei Angeklagten einen Kuhhandel nach Vorgabe der US-Justiz abgeschlossen: Die Tinners geben einiges zu. Der Hauptverdächtige, Vater Friedrich Tinner, soll im Gegenzug mit lediglich 24 Monaten bedingt davon kommen. Seine Söhne Urs und Marco mit 50 und 41 Monaten unbedingt.

Damit haben die drei ihre Strafen in der Untersuchungshaft schon abgesessen. Zu einer detaillierten, öffentlichen Gerichtsverhandlung wird es nicht kommen und damit bleiben auch viele Elemente des dubiosen Falles im Dunkeln: Ein veritabler Staatsskandal wird nie aufgeklärt.

Bundesgericht: «Ein schwerer Fall»

Der Grund für diese Vertuschungsaktion: Die Tinners waren nebenbei auch aktive Agenten im Dienste der USA. Am 21. Juni 2003 etwa hatten US-Agenten der CIA (Central Intelligence Agency) mit den Tinners im bündnerischen Jenins ein entsprechendes «Agreement» vereinbart, ihnen eine Million Dollar in bar in einem Koffer übergeben – und ihnen Straffreiheit im Notfall zugesichert.

Doch im Herbst 2004 wurde das Trio in Deutschland gefasst und im Frühjahr 2005 an die Schweiz ausgeliefert. Die Ermittlungen wegen Verdachts auf Widerhandlung gegen die Güterkontroll- und Kriegsmaterialgesetzgebung «in einem schweren Fall», wie das Bundesgericht festhielt, kamen gut voran. «Verbotener Nachrichtendienst» und «verbotene Handlungen für einen fremden Staat» hätten auch noch verfolgt werden können. Und bald waren gut 200 Aktenordner voller Beweisstücke beisammen. Dem Bundesgericht schien der Fall so gravierend, dass es am 9. Oktober 2007 die Entlassung der Tinners aus der Untersuchungshaft ablehnte.

Blochers heimlicher Kniefall vor der US-Regierung

Zu spät: Schon am 26. und 27. Juni des selben Jahres nämlich hatte die US-Regierung den damaligen Schweizer Justiz- und Polizeiminister, SVP-Bundesrat Christoph Blocher, nach Washington zitiert und ihn im Falle Tinner klammheimlich klar instruiert. Kaum wieder in Bern, setzte Blocher in einer geheimen Sitzung im Bundesrat eine geheime Arbeitsgruppe durch, welche in Verletzung aller rechtsstattlichen Grundsätze die gesamten Tinner-Akten nach Begriffen wie «US-Regierung» oder «US-Agenten» durchforsten musste.

Danach fütterte die Beamten-Gruppe unter Aufsicht zweier US-Vertreter einen ganzen Kleinlaster voller aussortierter Tinner-Akten in den Reisswolf. Von über 200 Aktenordnern blieben in dem Verfahren gerade noch 93 übrig. Mehr als die Hälfte war der illegalen Aktion zum Opfer gefallen. Das Verfahren gegen die drei Atomschmuggler, die eng mit dem «Vater der pakistanischen Atombombe», Abdul Quadir Khan, zusammengearbeitet hatten, war nachhaltig sabotiert. Namhafte Juristen attestierten dem Gesamtbundesrat für diesen Geheimcoup später «hohe kriminelle Energie». Ermittlungen wegen «verbotener Handlungen» oder «verbotenem Nachrichtendienst» zu Gunsten der USA hatte die Landesregierung der Bundesanwaltschaft von vornherein kurzerhand verboten.

Verrat am Rechtsstaat

Doch dieser heimliche Verrat des Schweizer Rechtsstaates wurde schon Mitte 2008 ruchbar und in den Medien bekannt. «Blick», die «SonntagsZeitung» und die «Basler Zeitung» berichteten darüber. Das Parlament leitete eine Untersuchung ein. Und am 23. Mai 2008 sah sich der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin (FDP) zu einer öffentlichen Erklärung (ohne jegliche Nachfragen!) veranlasst. Der Bundesrat habe im Fall Tinner gefährliche Baupläne für Atomwaffen vernichten müssen, behauptete Couchepin. Dies in Absprache mit und auf Wunsch der Internationalen Atom Energie Behörde (IAEA).

Eine glatte Unwahrheit, wie «Le Temps» jetzt enthüllt hat: «Niemals» habe die IAEA die Schweiz ermuntert, den Tinner-Prozess zu sabotieren, zitiert das Westschweizer Blatt Bruno Pellaud, der damals stellvertretender Generaldirektor der Atomenergiebehörde war: «Couchepin hat da wirklich irgendetwas (n' importe quoi) erzählt.» Die IAEA wäre im Gegenteil an einer restlosen Aufklärung des Falles sehr interessiert gewesen, versichert Pellaud jetzt. Und er beklagt: «Der Bundesrat hätte nicht vor den USA kuschen dürfen.»

Missbrauchter Atom-Sperrvertrag

Damit steht fest, worum es im Fall Tinner immer gegangen ist: um die Vertuschung der Rolle, welche die US-Regierung und ihre Geheimdienste in der ganzen Sache spielten. Jahrelang nämlich hatten die Tinners mit Khan mehr oder weniger unbehelligt zusammengearbeitet, wie Schweizer Fachleute jetzt verwundert feststellen. Erst, als sie mit dem Diktator Ghaddafi ins Geschäft kommen wollten, gerieten sie in Schwierigkeiten. Möglich ist auch, dass sie als «agents provocateurs» zu Geschäften mit dem Libyschen Machthaber angestiftet wurden, um diesen in eine Falle zu locken.

Doch das wird nun nie aufgeklärt werden können. Und auch nicht, wie willkürlich die fünf Atommächte im UNO-Sicherheitsrat – und vorab die USA – den Atomsperrvertrag für ihre Zwecke missbrauchen. Unter dem Titel «Nonproliferation» sichern China, die USA, Russland, Frankreich und Grossbritannien ihr nordwestliches Monopol auf Atomwaffen. Aber nicht nur das: Wenn es ihren Interessen dient, tolerieren sie nämlich durchaus die Weiterverbreitung von Atomwaffen – oder fördern diese heimlich gar. So sind inzwischen auch die Staaten Indien, Pakistan und Israel mehr oder weniger heimliche Atommächte – mit dem Segen der USA oder Chinas.

Vergessene Abrüstungspflicht

Vergessen und möglichst verheimlichen möchten die Atomwaffenmonopolisten zudem, dass der Atomsperrvertrag nicht nur die Weiterverbreitung (Proliferation) dieser Massenvernichtungswaffen verbietet, sondern auch deren weltweite Abrüstung auf Null verlangt. Das sind die Hintergründe des Falles Tinner. Die Landesregierung der neutralen Schweiz hat sich dabei in erschreckender Weise vor den Karren der Atommacht USA spannen lassen. Es gibt Politiker, welche die jetzigen Erpressungsversuche der USA gegen den Finanzplatz Schweiz mitunter als Folge der Schwäche und Willfährigkeit des Bundesrates im Fall Tinner sehen.

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Blochers heimlicher Kniefall vor der US-Regierung

    von Roland Stucki um 24.09.2012 um 19:32Uhr

    Dazu gibt es eigentlich nichts weiter zu sagen. Derjenige der EWS und auch dem Gesamtbundesrat täglch Vorwürfe macht, dass sie im Steteuerstreit mit den USA kuschen weiss das natürlich am besten wie es geht. Vermutlich will er damir sein schlechtes Gewissen kaschieren.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Das ist bedenklich!

    von Maya Eldorado um 25.09.2012 um 18:49Uhr

    Die USA strebt die Weltherrschaft an! Das kann man bemerken, wenn man genau hinschaut, hinhört und hinliest.
    Ich meine damit nicht, dass sie andere Länder erobern will. Das geschieht viel subtilier.
    Schauen wir doch nur auf den Nahen Osten. Ein bisschen herumstacheln und herumwühlen und wenn alles schön vorbereitet ist zuschlagen. Da geht es nicht in erster Linie darum, Demokratie einzuführen (das ist nur das Mäntelchen), sondern um mehr Einfluss zu haben.
    Der versuchte Zwang für all dieses unsägliche Gentech à la Monsanto ist gewollt. Das macht abhängig.
    Die anglisierung aller anderen Sprachen ist auch so ein Ding.
    Man könnte die Liste fast endlos fortsetzten.

    Dass Blocher auf sowas hereinfällt, kann ich schwer begreifen. Da hat er der Liberaliesierung ein Eigengoal verpasst.
    Wenn Liberaliesierung nicht mit Eigenverantwortung und Verantwortung gegenüber denen, für die er wirkt, gekoppelt ist, ist das nur ein Schritt Richtung Diktatur. In einer Diktatur wird von den Starken der eigene Wille den Schwächeren aufgezwungen, der alles andere als förderlich für die Allgemeinheit ist.
    Halten wir die Augen offen. Gibt man einmal den kleinen Finger, packen die schnell die ganze Hand und dann ist kaum mehr ein Halten.
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Informationen zum Artikel

24.9.2012, 19:08 Uhr

Bundesstrafgericht deckt US-Agenten

Text

Text: Niklaus Ramseyer

  • 21.05.2013 um 10:32
    Burkhalter in der Bredouille

    Der freisinnige Schweizer Aussenminister Didier Burkhalter entpuppt sich immer mehr als zwar williger aber konfliktscheuer und schwacher Bundesrat. In Sachen EU drohen ihm weitere böse Schlappen.

  • 08.05.2013 um 16:57
    Maurer weiss, was er will – und macht es

    Ueli Maurer (SVP) will seine Armee nicht für die ganze Welt – sondern für eine neutrale Schweiz. Damit unterscheidet er sich von seinen Vorgängern.

  • 26.04.2013 um 15:12
    Maurers Milizarmee wird flexibler

    Wieder eine kürzere RS und insgesamt weniger Diensttage: Das ist die zentrale Botschaft im Bericht über die «Weiterentwicklung der Schweizer Armee (WEA)».

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