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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 19.06.2013

Energiewende 

16.9.2012, 17:29 Uhr

Der Solarstrom wird vom Fördersystem blockiert

16.9.2012, 17:29 Uhr

Nicht der Mangel an Geld begrenzt die Förderung von Solarstrom in der Schweiz. Schuld ist vielmehr der Vollzug des Fördermittels namens KEV. Wenige Photovoltaik-Anlagen werden damit vergoldet, viele bleiben blockiert. Von Hanspeter Guggenbühl

Keystone: Techniker installieren eine Solarstromanlage

Techniker installieren eine Solarstromanlage (Bild: Keystone)

Die Nachfrage ist riesengross: Seit Mai 2008 wurden beim Bund 24'000 Photovoltaik-Projekte eingereicht mit dem Begehren, in den Genuss der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) zu kommen. Die ersten hatten Glück:  Rund 5000 Anlagen erhielten bis heute eine KEV-Zusage. 4000 davon sind bisher realisiert worden und speisen pro Jahr rund 90 Millionen Kilowattstunden Solarstrom ins Elektrizitätsnetz ein. Das entspricht einem Anteil von 0,15 Prozent am nationalen Stromverbrauch. 

Fürstlich subventionierte Rendite

Die begünstigten Solarstrom-Produzenten erhalten während 25 Jahren eine kostendeckende Vergütung. Diese bewegt sich bei den ersten, 2009 in Betrieb gesetzten Anlagen  (je nach Typ und Grösse) zwischen 50 und 90 Rappen pro eingespeiste Kilowattstunde (kWh). Mittlerweile hat der Bundesrat die Ansätze  – dem Preiszerfall der Solarmodule folgend  - zwar deutlich gesenkt.

Trotzdem bleibt die Subvention fürstlich. Sie reicht aus, um das investierte Kapital mit fünf Prozent zu verzinsen, in 25 Jahren zu amortisieren und obendrein sechs Rappen pro kWh für den Unterhalt einzusetzen. Zum Vergleich: Andere sichere Kapitalanlagen wie Sparhefte oder zehnjährige Bundesobligationen erzielen heute eine Rendite von weniger als einem Prozent.  Und selbst diejenigen, die für die Finanzierung ihrer  Photovoltaik-Anlage eine Hypothek aufnehmen müssen, zahlen dafür nur halb soviel Zins, wie sie als KEV-Vergütung erhalten.

Hohe Subvention begrenzt Menge

Der Nachteil dieser goldenen Subvention: Das Kontingent an KEV-Geld, das für die Photovoltaik zur Verfügung steht, war schnell ausgeschöpft. 19'000 der 24'000 Photovoltaik-Projekte, die zusammen immerhin 800 Millionen kWh Strom pro Jahr produzieren und damit 1,3 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs decken könnten, sind heute auf der KEV-Warteliste blockiert. Nahe läge darum, die Subvention pro kWh Strom deutlich zu senken, um mit dem vorhandenen Geld mehr Solarstrom fördern zu können. Damit liesse sich die Warteliste abbauen.

Die Solarlobby hingegen will nicht die Rendite senken, sondern die Subvention erhöhen. Mit dem Schlachtruf «Bremse lösen, Deckel weg» forderte die Agentur für erneuerbare Energien, der Bund solle generell mehr Geld für die KEV zur Verfügung stellen. Diese Forderung fand Gehör, nachdem die Landesregierung beschlossen hatte, den Bau von neuen Atomkraftwerken zu verbieten und eine Energiewende einzuleiten. So überwies das Parlament letzten Herbst eine Motion, welche die Regierung auffordert, den KEV-Plafond aufzuheben. Die dazu notwendige Gesetzesänderung kann der Bundesrat in seiner Vorlage zur «Energiestrategie 2050» beantragen, die er voraussichtlich am 28. September in die Vernehmlassung schicken wird. Damit stünde ab 2015 oder 2016 mehr Geld für die Förderung von Strom aus neuer erneuerbarer Energie zur Verfügung.

Windprojekte blockieren KEV-Gelder

Die heutige KEV, mit der die Schweiz Strom aus neuer erneuerbarer Energie quersubventioniert, hat bislang zwei Schranken: Begrenzt wird erstens die Abgabe auf konventioneller Elektrizität, deren Ertrag den KEV-Fonds speist, nämlich auf 0,6 Rappen pro kWh bis 2012 und auf 0,9 Rappen ab 2013. Das ergibt einen Gesamtplafond. Dieser wird ergänzt durch "Deckel" für die einzelnen Technologien:  Für die Photovoltaik als teuerste Technik standen anfänglich nur fünf Prozent der Gelder aus dem KEV-Topf zur Verfügung; dieser Anteil ist mittlerweile auf 30 Prozent gestiegen. Diese sektorielle Plafonierung beschloss das Parlament, weil es pro Subventionsfranken möglichst viel Alternativstrom fördern wollte. Darum hat es den Grossteil des KEV-Fonds für die billigeren Wind-, Biomasse- und Wasserkraftwerke reserviert.

Die Folgen dieser Politik zeigt die KEV-Statistik: Viele Wasser- und Windkraft-Projekte erhielten die Zusage für die kostendeckende Vergütung. Darum ist der Gesamtplafond der KEV heute ausgeschöpft.  Doch der Grossteil dieser Projekte liess sich bisher nicht realisieren, sei es, weil Investoren fehlen, oder weil die Projekte Gewässer- oder Landschaftsschutz-Gesetze verletzen. Diese Phantomprojekte blockieren nun die Ausschüttung der zugesagten KEV-Gelder. Darum kann der Bund die mögliche Strom-Abgabe von heute 0,6 Rappen/kWh Strom, die den KEV-Fonds speist, gar nicht voll nutzen.  

Fazit: Die lange Warteliste, die vor allem die Realisierung von Photovoltaik-Anlagen hemmt, ist nicht auf den Mangel an Geld zurück zu führen. Sondern auf die hohen spezifischen KEV-Ansätze, die wenige Produzenten fürstlich belohnen, sowie auf die Vielzahl an nicht realisierbaren Wind- und Wasserkraftwerken, welche die KEV verstopfen.

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Was mich ärgert an dieser Geschichte:

    von H J Martens um 16.09.2012 um 18:03Uhr

    Als Ingenieur und Staatsbürger will es mir seit Jahren nicht gelingen, die Sinnhaftigkeit solcher Anlagen und der zugehörigen Politik einigermassen neutral zu beurteilen. Bevor ich die ökonomische Rentabilität beurteile (Ja, die Subventionen scheinen wirklich fürstlich zu sein!), will ich glaubhafte Produktionszahlen und die energiemässige Amortisation einer Anlage (graue Energie) sehen, dazu auch den tatsächlichen Aufwand für den Unterhalt. Bisher vernahm ich nur die forschen Verkaufsargumente von eifrigen Produzenten, Verkäufern und Beratern – leider meist nur auf Biertischniveau, im Stile von: Solar ist grün, daher gehören wir, die Gläubigen, natürlich zu den Guten, und rentabel ist die Chose sowieso auch.
    Mir ist schon klar, dass je nach System (inkl. Verbundsysteme) völlig andere Parameter berücksichtigt werden müssen. Die kennt aber jeder Produzent bestens. Und die lokalen Verhältnisse (mittlere Sonneneinstrahlung, mögliche Ausrichtung und Fläche der Kollektoren am Standort) sind leicht zu ermitteln. Also ist die Effizienz als Mittelwert sehr genau berechenbar, genau wie das zugehörige Amortisationsmodell. Erst dann ist nach meiner Vorstellung der Moment da, um eine vernünftige Lenkungspolitik anzuleiern.
    Wie der Bericht zeigt, lief die Sache umgekehrt. Als Steuerzahler frage ich mich daher, ob uns die einschlägigen Lobbys eine Cash-Cow untergejubelt haben, fern von den höchst lobenswerten Absichten der naiven Umweltschützer.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Detail- und globale Sicht

    von Cornelis Bockemühl um 17.09.2012 um 08:11Uhr

    Mit dem Kommentar von Herrn Martens stimme ich völlig überein was die konkrete technische Realisierung der Solarenergienutzung anbelangt: Das Problem mit all den schönen Förder-Mechanismen (KEV & Co.) ist eben schon dass ihnen leicht eine gewisse Willkür anhaftet!

    Auf der anderen Seite muss man ja auch sehen dass man den Blick auf unsere "Energie-Landschaft" auch einmal ein wenig aufweiten sollte! Dann wird sehr deutlich: Seit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren und sind immer noch die fossilen Energieträger die absolut dominierenden! Eine Verschiebung hat zwar ein wenig von der Kohle hin zu Öl und neuerdings Gas stattgefunden, aber alles andere - Wasser, Kernenergie, Geothermie, Wind, Solar usw. - ist dagegen völlig marginal!

    Nur wenn man den Blick auf die Schweiz und allein auf die Stromproduktion beschränkt kann man einen anderen Eindruck bekommen.

    Unter all diesen "marginalen Alternativen" gibt es eigentlich nur eine einzige Energiequelle die das Zeug hat, mittel- bis langfristig den fossilen Energieträgern wirklich Konkurrenz zu machen - und das ist die Solarenergie! Technisch fängt das bei "Low-Tech"-Lösungen an (Wäsche an die Leine statt in den Tumbler, Heizen mit Sonnenwärme...) und reicht bis zu "Hi-Tech" (z.B. Stromgewinnung, direkt oder indirekt). Wind und Wasser sind dann sowieso nur quantitativ begrenzte Methoden, indirekt Solarenergie zu nutzen.

    Die Richtung sollte damit also klar sein - und was die technische Umsetzung anbelangt: siehe oben und den Kommentar von Herrn Martens!
    Direktlink zum Kommentar

  3. Was passiert, wenn veraltete Technologien subventioniert werden?

    von Daniel Seiler um 17.09.2012 um 12:12Uhr

    Anreiz für Innovation fällt weg - Sprich, keine qualifizierten Arbeitsplätze in der Schweiz. Billige und wenig effiziente Solarpanels aus Asien werden verbaut. Westeuropäische Hersteller gehen in Konkurs (vgl. Deutsche Solar-Industrie). Ergo - es profitieren ein paar Schlaumeier durch künstlich hoch gehaltene Renditen.
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Informationen zum Artikel

16.9.2012, 17:29 Uhr

Der Solarstrom wird vom Fördersystem blockiert

Text

Text: Hanspeter Guggenbühl

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