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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 19.06.2013

Fessenheim 

14.9.2012, 00:19 Uhr

Die Ideologen rüsten zum letzten Gefecht

14.9.2012, 00:19 Uhr

Fukushima? Das ist schon lange her. Die Schweizer Atomlobby sammelt ihre Kräfte: Verloren, da sind sich die Atomfreunde sicher, verloren ist noch gar nichts. Von Philipp Loser

: Die Concorde? Aus dem Verkehr. Die Energiewende? Noch ziemlich weit entfernt.

Die Concorde? Aus dem Verkehr. Die Energiewende? Noch ziemlich weit entfernt.

Die Schamfrist dauerte etwas länger als ein Jahr. Im März 2011 explodierte Fukushima, im Mai 2011 verkündete Umweltministerin Doris Leuthard die Energiewende, und dann war es erst einmal still. Die Risse im Atomkraftwerk Mühleberg, die ewigen Pannen im benachbarten Fessenheim, die Katastrophe in Japan mit seiner weit entwickelten «Sicherheitskultur» und die damit mitgedachte Möglichkeit einer Katastrophe gleich hier bei uns: Die Befürworter von Atomstrom hatten im Jahr nach Fukushima kaum ­Argumente. Oder, genauer: Sie hatten zwar Argumente, aber sie behielten sie lieber für sich.

Aus dem Versteck gewagt

Es war ein alter Haudegen, einer der nicht mehr viel zu verlieren hat, der sich als Erster aus der Deckung wagte. In einem bemerkenswert offenen Interview mit der «Basler Zeitung» vom Mai dieses Jahres forderte Rolf Schweiger, alt Ständerat der FDP für den Kanton Zug und Präsident der atomfreundlichen Aktion für eine vernünftige Energiepolitik (Aves), einen «Nukleareinstieg». Er glaube an die Kernenergie und habe zwar Verständnis für die ­Sicherheitsbedenken, «aber in meiner Abwägung sind die Risiken nicht grös­ser als in anderen Bereichen». Er gab sich ziemlich überzeugt, dass er mit seiner Haltung nicht alleine dastehe. Sobald einer breiten Öffentlichkeit bewusst werde, was dieser Ausstieg tatsächlich bedeute, werde es auch wieder Mehrheiten für den Bau neuer Atomkraftwerke geben.

Ein Ereignis mittlerer Bedeutung

Das Interview mit Rolf Schweiger war das Signal für die alten Freunde der Atomenergie, aus ihren Verstecken zu kommen.
Und wie sie kamen. Die «Weltwoche» schrieb Fukushima zum «Ereignis mittlerer Bedeutung» herab und versicherte ihren Lesern diesen August, dass das «Ereignis» in Japan das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die Atomenergie nur oberflächlich b­eschädigt habe: «Die AKW-Frage ist noch lange nicht entschieden. Die Debatte hat erst angefangen.»

Es folgte die SVP selber, die in ihrem neuen Energiepapier von Ende August den Bau von mehreren neuen Atomkraftwerken vorsieht und vor einem «planlosen, überstürzten» Atomausstieg warnt: «Das wäre ein fatales Experiment.»

Und schliesslich machte sich der Verein «Kettenreaktion» mit einem ganzseitigen Inserat gegen die «Energiewende» (konsequent in Anführungszeichen geschrieben) stark. Das Mantra der Manifest-Unterzeichner: «Wir sind überzeugt vom Nutzen der Kernenergie für Gesellschaft und Umwelt. Unsere Kernkraftwerke sind umweltfreundlich, sicher und wirtschaftlich.»

Kampf gegen die Atomlobby

Die zwei Männer am Kopfende des langen Tisches im Vorzimmer des Nationalrats, die sehr angeregt über eine ziemlich unübersichtliche Powerpoint-Tabelle diskutieren, kennen ihre Gegner und deren neu entfachten Mut. Die beiden SP-Nationalräte Roger Nordmann und Beat Jans gehören in der SP und auch innerhalb jener Parteien, die sich immer noch für die Energiewende aussprechen, zu den führenden Köpfen. Gemeinsam mit ihrem Parteikol­legen Eric Nussbaumer kämpfen sie dafür, dass die Koalition für einen Atomausstieg nicht zu bröckeln beginnt. Auch dann nicht, wenn Bundesrätin Leuthard Ende September zum ersten Mal konkrete Zahlen präsentiert, wenn klar wird, wie teuer die Schweiz der Ausstieg aus der Atomenergie tatsächlich zu stehen kommt.

Nordmann und Jans reden an diesem Morgen in der Herbstsession wild durcheinander, sie scheinen etwas aufgeregt. Eine neue Studie von Finanz­experte Kaspar Müller hat kürzlich aufgezeigt, dass der Strom aus AKW heute schon mehr kosten müsste, die Preise für Solarstrom entwickeln sich sehr gut (das war die Powerpoint-Präsentation), die Koalition hat bis jetzt gehalten. «Es läuft gut für uns», sagt der Nationalrat aus der Waadt. Die BDP sei immer noch gut dabei, die CVP ebenso. Doris Leuthard mache einen nüchternen und guten Job, die Entwicklungen seien nicht mehr aufzuhalten. «Es wird nie mehr ein neues AKW in der Schweiz gebaut, dafür wird es keine Mehrheiten geben», sagt Nordmann. «Die einzige Gefahr ist, dass die Atomlobby die Energiewende verzögert, sie lähmt.»

Widerstand bis zum Letzten

Jans hört seinem Kollegen zu, nickt, und sagt: «Nur noch Ideologen halten an Atomkraftwerken fest.» Und es gehe heute eben nicht mehr um Ideo­logie, sondern um die möglichst lebensnahe, möglichst realistische Umsetzung der Ziele des Bundesrats. Um die Eliminierung des Deckels bei der kostendeckenden Einspeisevergütung, um mehr Effizienz beispielsweise. Darum haben Jans, Nordmann und auch Nussbaumer keine Angst vor einer Volksabstimmung, die in einem Jahr, in zwei Jahren die gefühlte Mehrheit zu einer Tatsache werden lassen soll.

Es ist dies das Horrorszenario von Hans Rudolf Lutz. 79 Jahre alt, Präsident des Vereins «Kettenreaktion», erster Direktor des AKW Mühleberg und bitterlich entschlossen, die «Energiewende» zu verhindern. Er freut sich auf die Abstimmung. «Die Schweizer sind nicht so blöd, wie das manche denken. Schauen Sie sich doch auf der Welt um, ausser Deutschland ist niemand ausgestiegen!», sagt er am Telefon und kündet Widerstand an, bis zum Letzten, wenn es sein muss:

Herr Lutz, warum tun Sie sich das an? In Ihrem Alter?

Aha, auch Sie zeichen das Bild vom wohlverdienten Ruhestand. Aber so bin ich nicht.

Wie denn?

Ich bin eher die Kategorie Adrian von Bubenberg. Kennen Sie Adrian von Bubenberg?

In der Primarschule mussten wir den «Ring i der Chetti» lesen.

Dann wissen Sie auch, was Adrian von Bubenberg bei der Verteidigung von Murten gesagt hat. Solange er noch einen Tropfen Blut in den Adern habe, hat er gesagt, solange werde er nicht nachgeben. Das ist mal ein Motto! Und es ist auch mein Motto.

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Informationen zum Artikel

14.9.2012, 00:19 Uhr

Die Ideologen rüsten zum letzten Gefecht

Text

Text:

  • 13.06.2013 um 14:52
    Böse USA, gute Schweiz

    Die nationale Politik empört sich über den amerikanischen Überwachungsskandal. Und begrüsst ähnliche Schweizer Pläne.

  • 13.06.2013 um 12:00
    «Unsere Demokratien werden das nicht überleben»

    Vor zwei Jahren gab uns der Ökonom Heiner Flassbeck ein ernüchterndes Interview zur Zukunft Europas. Heute ist alles noch viel schlimmer.

  • 11.06.2013 um 09:22
    Schweizer Staatsschützer wehren sich gegen den Amerika-Vergleich

    Die USA werden von einem Überwachungsskandal erschüttert. Gleichzeitig befinden sich in der Schweiz zwei Gesetze in der Revision, die in eine ähnliche Richtung wie «Prism» zielen. Aber doch ganz anders seien, wie es bei den Behörden beschwichtigend heisst.

  • 11.06.2013 um 14:57
    No Erdnüssli for me
    Zum Artikel: Lange Nacht im Bundeshaus

    Das nächste Mal: ein Federbett! Dieses Mal: der erste Zug Richtung Heimat. Unser Glück um halb 3 in der Früh war der gut gefüllte Kühlschrank der Kollegen aus der Romandie. Danke an dieser Stelle!

  • 27.05.2013 um 21:00
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    Zum Artikel: Diktatur der Idioten

    Lieber Herr Hage, die beiden Wörter, die Sie in meinem Text stören, waren nicht wertend gemeint. Es sind lediglich zwei Feststellungen: Wir leben in einer Gesellschaft mit einer bürgerlichen Mehrheit. Und diese Gesellschaft wird dennoch immer staatsglä...

  • 13.05.2013 um 08:39
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