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TagesWoche

Tages Woche

So, 19.05.2013

Ausstellung 

19.9.2012, 07:39 Uhr

Ein Richtspruch für einen Hahn

19.9.2012, 07:39 Uhr

Die Ausstellung «Schuldig» veranschaulicht in der Barfüsserkirche anhand Dutzender historischer Fälle unterschiedliche Formen von Delikten und Bestrafungen und stellt dabei Fragen zur Entwicklung der Rechtssysteme. Von Karen N. Gerig

Die Ausstellung ist teils chronologisch, aber vor allem auch thematisch angelegt.

Die Ausstellung ist teils chronologisch, aber vor allem auch thematisch angelegt. (Bild: Karen N. Gerig)

Eine Gefängniszelle aus dem Schellenmätteli in Originalgrösse.

Eine Gefängniszelle aus dem Schellenmätteli in Originalgrösse. (Bild: Karen N. Gerig)

Die Guillotine: Ein nie gebrauchtes Modell, aber doch respekteinflössend.

Die Guillotine: Ein nie gebrauchtes Modell, aber doch respekteinflössend. (Bild: Karen N. Gerig)

Nicht zur Verwendung empfohlen...

Nicht zur Verwendung empfohlen... (Bild: Karen N. Gerig)

Eine Trülle: Ein runder Pranger, zum Ausprobieren für die Museumsbesucher.

Eine Trülle: Ein runder Pranger, zum Ausprobieren für die Museumsbesucher. (Bild: Karen N. Gerig)

Foltersteine: Sie wurden den Verdächtigen an Beine und Arme gebunden.

Foltersteine: Sie wurden den Verdächtigen an Beine und Arme gebunden. (Bild: Karen N. Gerig)

Detail auf der Rückseite der Bank aus dem Ehegericht. Auf ihr hat wohl schon manch zänkisches Paar Platz genommen.

Detail auf der Rückseite der Bank aus dem Ehegericht. Auf ihr hat wohl schon manch zänkisches Paar Platz genommen. (Bild: Karen N. Gerig)

Eine von vielen Bestrafungsmöglichkeiten.

Eine von vielen Bestrafungsmöglichkeiten. (Bild: Karen N. Gerig)

Im Jahr 1482 verkündete der Slawe Andrea Zamometic, seines Zeichens Erzbischof von Krain und Kardinal von San Sisto, in Basel ein Konzil gegen Papst Sixtus IV. Der Kaiser nötigte die Basler, Zamometic festzunehmen. Zwei Jahre lang blieb er im Spalenschwibbogen eingekerkert. Am 13. November 1484 fand man ihn erhängt in seinem Verlies auf – er hatte wohl Selbstmord begangen.

Selbstmörder wurden in Basel im 15. Jahrhundert in ein Fass geschlagen und in den Rhein geworfen. Ein kirchliches Begräbnis wurde ihnen verweigert, denn Selbstmord galt über Jahrhunderte hin als Verbrechen.

Der Fall von Andrea Zamometic ist nur einer von rund 30 Fällen, anhand derer das Historische Museum Basel Strafmethoden vergangener Jahrhunderte thematisiert. Der Fall verdeutlicht zudem, wie sehr sich manche Anschauungen über die Zeit verändert haben. Jede Epoche und jede Kultur definiert ein Delikt anders. Selbsttötung ist nur ein Beispiel dafür.

Und so erzählt uns die Ausstellung «Schuldig» manch eine Geschichte, die wir aus heutiger Sicht als absurd einschätzen würden. 1474 beispielsweise wurde in Basel ein Hahn geköpft, weil er ein Ei gelegt hatte. Man hatte Angst, dass aus den Eiern Basilisken schlüpfen würden. Überhaupt waren im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit Tiere Rechtssubjekte. Gegen sie wurden Prozesse gefüht, sie trugen moralische Verantwortung und waren schuldfähig.

Auch die sogenannten Gottesurteile – eine überirdische Macht sollte über Schuld oder Unschuld eines Menschen entscheiden – entlocken uns heute nur noch Kopfschütteln. Berühmtester Basler Fall ist hier wohl die Kaiserin Kunigunde, die, weil ihr Mann Heinrich II. sie der Untreue bezichtigte, über glühende Pflugscharen schreiten musste. Weil sie dies heil überstand, galt ihre Unschuld als bewiesen.

Kulturelle Prägung

Die Ausstellung ist aber nicht nur eine historische Kuriositätensammlung. Sie will uns vor allem zeigen, wie schnell Einschätzungen und Urteile ändern können, wie sehr die Rechtssprechung kulturell und gesellschaftlich geprägt ist. Ausgehend davon bleibt nur die Definition des Wortes «kriminell» gleich: Kriminell sind Menschen, welche die gesellschaftliche Ordnung stören. Diese wiederum ist starken Veränderungen unterworfen.

Die präsentierten Fälle fungieren dabei wie Schlagworte, die unterschiedliche Delikte veranschaulichen – von der Homosexualität über Hexerei und Verkehrsdelikte bis zum heutigen Phänomen des Hooliganismus. Manche Fälle sind bekannt, wie jener der Bankräuber Sandweg und Velte, von vielen aber hat man noch nie gehört.

Neben den Straffälligen beleuchtet die Ausstellung auch das System der Sträfer, von der Folter bis zur Todesstrafe und zur heutigen Polizei. Dass die Auffassungen bezüglich Bestrafung immer auch variierten, zeigen unterschiedliche Publikationen aus mehreren Jahrhunderten.

Und nicht fehlen dürfen schliesslich auch einige Exponate, die uns manchen Schrecken greifbar vor Augen führen. So dünkt uns die in Originalgrösse nachgebaute Zelle aus dem Basler Gefängnis «Schällemätteli» doch ziemlich eng, und auch in der Einzelhaftzelle möchten wir lieber nicht stehenbleiben müssen. Die Guillotine flösst uns Respekt ein, und in einer nachgebauten Trülle, einem runden Pranger, dürfen wir für kurze Zeit selbst die Schande spüren, wenn wir das wollen.

Aktuelle Diskussion

Genau betrachtet liefert «Schuldig» ein reichhaltiges historisches Fundament für heute aktuelle Diskussionen. Wer Zeitungsberichte zum Thema Kriminalität sammle, verfüge bald über einen ziemlich hohen Stapel, bemerkte Vizedirektorin Gudrun Piller. Ein reiches Begleitprogramm habe sich deshalb angeboten. Und so werden während der sechsmonatigen Ausstellungsdauer verschiedenste Leute über die unterschiedlichsten Aspekte von Justiz und Straflehre diskutieren.

In der Tat könnte man anmerken, dass der Ausstellung ohne diese Veranstaltungen die Verankerung in der Aktualität fehlt. Wobei dieser natürlich auch immer über die Besucher hergestellt wird, die ihre subjektiven Erfahrungen mitbringen. Damit liegt «Schuldig» genau auf der Linie, die die neue Direktorin Marie-Paule Jungblut für das Museum einschlagen möchte – obwohl sie selber bei der Planung und Umsetzung der Ausstellung noch nicht mitgetan hat.

  • Historisches Museum Basel, Barfüsserkirche. 20. September bis 7. April 2013. Begleitprogramm unter www.hmb.ch. Vernissage Mittwoch, 19.9., 18 Uhr.

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Informationen zum Artikel

19.9.2012, 07:39 Uhr

Ein Richtspruch für einen Hahn

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Text:

  • 17.05.2013 um 14:06
    Bilder gehen wohl doch auf Wanderschaft

    Teile der Sammlung sollen während der Schliessung des Kunstmuseums nun eventuell doch im Ausland zu sehen sein. An einer Medienkonferenz wurde am Freitag sonst vor allem erklärt, aber wenig Neues bekannt gegeben.

  • 08.05.2013 um 16:57
    Immer noch voller Pläne

    Seit 20 Jahren führt Tony Wuethrich seine Galerie an der Vogesenstrasse. Ein Grund zum Feiern.

  • 08.05.2013 um 10:44
    Das Kunstmuseum macht ein Jahr Pause

    Das Kunstmuseum Basel muss wegen Sanierungsarbeiten ab Februar 2015 für ein Jahr seine Türen schliessen. Gemeinsam mit dem Erweiterungsbau soll der aufgefrischte Altbau im März 2016 wiedereröffnet werden.

  • 07.05.2013 um 16:08
    Comixshop
    Zum Artikel: Basler Kult.kino Atelier will expandieren

    Liebe Frau Suess, wie mir gerade offiziell bestätigt wurde: Der Comixshop wird sicher in der Thaterpassage verbleiben – dies auf ausdrücklichen Wunsch der kult.kino-Leute, die dessen Nachbarschaft sehr schätzen, wie Suzanne Schweizer mir soeben versich...

  • 26.01.2013 um 20:14
    Fotostrecke
    Zum Artikel: Ein Auftakt nach Mass

    Lieber Kulturbetrachter, tatsächlich haben wir ansonsten noch keine Klagen erhalten, und bei uns funktionieren die Fotostrecken auch von ausserhalb. Ich leite das Problem aber gerne trotzdem mal an unsere Techniker weiter. Schönen Wochenendrest, Karen ...

  • 23.12.2012 um 14:06
    Heieiei....
    Zum Artikel: 7 Weihnachtsfilme für Stubenhocker

    Lieber Herr Wilhelm, Sie haben recht. Zwar haben wir Edward gefunden, als wir anfingen, die Liste zu erstellen - doch jetzt kommt der Film im Programm tatsächlich nicht mehr vor. Äusserst schade, finde ich. Wir haben den Tipp nun ausgetauscht gegen ein...

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