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TagesWoche

Tages Woche

Di, 21.05.2013

Ausstellung 

16.9.2012, 17:33 Uhr

Sprachlosigkeit angesichts epischer Redegewalt

16.9.2012, 17:33 Uhr

Im Kunsthaus Baselland setzt sich eine Ausstellung mit dem Thema Sprache auseinander und wirft damit einen interessanten Blick auf etwas, was uns alltäglich erscheint. Von Karen N. Gerig

Yto Barradas Grossmutter, eine Analphabetin, schrieb Telefonnummern in Strichen auf.

Yto Barradas Grossmutter, eine Analphabetin, schrieb Telefonnummern in Strichen auf.

Fiona Banner ist fasziniert von Kampfflugzeugen, die sie als Metapher für Gewalt und Terror einsetzt. Ihr Alphabet aus Flugzeugteilen verweist darauf, dass Sprache auch immer das Potenzial von Zerstörung besitzt.

Fiona Banner ist fasziniert von Kampfflugzeugen, die sie als Metapher für Gewalt und Terror einsetzt. Ihr Alphabet aus Flugzeugteilen verweist darauf, dass Sprache auch immer das Potenzial von Zerstörung besitzt. (Bild: zVg)

Trotz Mikrofon ist es sinnlos, gegen Tania Burgueras Audioinstallation anbrüllen zu wollen. Sie ist zu laut.

Trotz Mikrofon ist es sinnlos, gegen Tania Burgueras Audioinstallation anbrüllen zu wollen. Sie ist zu laut.

Wurden die Offiziere erschossen oder haben sie geschossen? Dani Gals Installation lässt beide Varianten zu.

Wurden die Offiziere erschossen oder haben sie geschossen? Dani Gals Installation lässt beide Varianten zu.

Politische Reden und andere wichtige Sprachdokumente wurden früher auf Schallplatten verewigt. Dani Gal sammelt sie.

Politische Reden und andere wichtige Sprachdokumente wurden früher auf Schallplatten verewigt. Dani Gal sammelt sie.

Sprache ist für die Menschheit unverzichtbar. Selbst die Stummen haben ihren eigenen Weg, sich mitzuteilen. Wer in einem fremden Land die Sprache der Einheimischen nicht spricht, fühlt sich schnell hilf- und machtlos. Umgekehrt sagt der Volksmund: Die Mächtigen haben das Sagen.

Ausgehend von solchen Gedanken hat Nadia Schneider Willen fürs Kunsthaus Baselland eine Ausstellung konzipiert, die sich mit der Beziehung von Sprache und Macht auseinandersetzt. Gleich hinter der Eingangstür verdeutlicht uns eine Arbeit von José Restrepo diesen Ansatz: ein Video zeigt einen kolumbianischen Politiker, der offensichtlich agitiert eine Rede vor Publikum vorträgt. Den Ton der Rede enthält uns der Künstler vor. Stattdessen hat er die Gestik vertont, die Schläge der Hand auf das Rednerpult hörbar gemacht.

Auch wenn man nicht weiss, was der Redner Wichtiges vorträgt, so sieht man ihm an, dass er versucht, sein Anliegen klarzumachen, die Opposition zu überzeugen. Zu vertraut sind uns Mimik und Gestik der Politiker. Dass sie einstudiert sein wollen, zeigt Julika Rudelius in ihrer Doppelprojektion «Rites of Passage». Einflussreiche Politiker bringen hier ihren Praktikanten das Einmaleins der Rhetorik bei. Gleichzeitig kann es sein, dass in den Ohren noch die Töne von Tania Brugueras Audioinstallation tönen. Aus riesigen Lautsprechern dröhnen Schlagwörter aus Fidel Castros epischen Reden. Der Wortschwall ist derart mächtig, dass ein Besucher, der es wagen sollte, die eingerichtete Bühne mit Mikrofon zu erklimmen und selbst eine Rede zu versuchen, nicht dagegen ankommen würde.

Selbstinszenierung

Selbstinszenierung ist ein wichtiger Teil für ein politisches Image. Im Wahlkampf lassen sich Präsidentschaftskandidaten deshalb gerne von populären Songs unterstützen. Lena Maria Thüring hat solche Lieder ausgewählt und deren Texte von Schauspielern nachsprechen lassen. Nicht selten, so merkt man, hat einer tüchtig daneben gegriffen bei seiner Wahl – weil er offenbar nicht genau genug auf die Texte hörte. Weshalb hätte sonst Ronald Reagan 1984 ausgerechnet Bruce Springsteens Antikriegssong «Born in the USA» aussuchen sollen?

Gelingt einem Staatsoberhaupt aber einmal eine besonders mitreissende Rede, so erhält er diese gerne für die Nachwelt. Während heute mal schnell ein Video auf YouTube hochgeladen wird, setzte man früher auf Schallplatten. Dani Gal hat solche zusammengetragen und präsentiert sie nun – ohne spezielle Ordnung – auf mehreren Wandregalen.

Die Politik ist aber nur ein Feld, in dem die Sprache wichtig ist. Die Gesellschaft ist die andere. Fast täglich verschwindet eine Sprache von der Erdoberfläche. Susan Hiller geht solchen aussterbenden Sprachen nach und überträgt diese meist nur gesprochenen Sprachen in eine gezeichnete Tonspur.

Analphabetismus

Einen sehr persönlichen Zugang zum Verhältnis von Sprache und Schriftlichkeit hat Yto Barrada gewählt. Sie hat Fotografien des Telefonbuches ihrer Grossmutter gemacht, einer Analphabetin. Zahlen werden hier in Strichen geschrieben, nur die Null ist eine Null.

Der «Code», den Barradas Grossmutter nutzte, ist schnell nachvollziehbar. Nicht immer ist das so, und selbst eigentlich klare Sprache kann zu Missverständnissen mit gravierenden Folgen führen. Was etwa passiert, wenn der Pilot eines Kampfflugzeugs schiessende Offiziere mit erschossenen Offizieren verwechselt? Dani Gal zeigt uns mittels einer Wortfolge aus Leuchtstoffbuchstaben, wie der Sinn eines Satzes einfach abgewandelt werden kann.

Es gibt noch einige Werke mehr im Kunsthaus Baselland. Jorge Macchi etwa verwandelt Buchstaben in Musik. Doch auch ohne alle aufgezählt zu haben, wird schnell klar, dass Sprache eine komplexe Angelegenheit ist – auch wenn sie den meisten von uns doch so einfach und geläufig scheint.

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Informationen zum Artikel

16.9.2012, 17:33 Uhr

Sprachlosigkeit angesichts epischer Redegewalt

Text

Text:

  • 17.05.2013 um 14:06
    Bilder gehen wohl doch auf Wanderschaft

    Teile der Sammlung sollen während der Schliessung des Kunstmuseums nun eventuell doch im Ausland zu sehen sein. An einer Medienkonferenz wurde am Freitag sonst vor allem erklärt, aber wenig Neues bekannt gegeben.

  • 08.05.2013 um 16:57
    Immer noch voller Pläne

    Seit 20 Jahren führt Tony Wuethrich seine Galerie an der Vogesenstrasse. Ein Grund zum Feiern.

  • 08.05.2013 um 10:44
    Das Kunstmuseum macht ein Jahr Pause

    Das Kunstmuseum Basel muss wegen Sanierungsarbeiten ab Februar 2015 für ein Jahr seine Türen schliessen. Gemeinsam mit dem Erweiterungsbau soll der aufgefrischte Altbau im März 2016 wiedereröffnet werden.

  • 07.05.2013 um 16:08
    Comixshop
    Zum Artikel: Basler Kult.kino Atelier will expandieren

    Liebe Frau Suess, wie mir gerade offiziell bestätigt wurde: Der Comixshop wird sicher in der Thaterpassage verbleiben – dies auf ausdrücklichen Wunsch der kult.kino-Leute, die dessen Nachbarschaft sehr schätzen, wie Suzanne Schweizer mir soeben versich...

  • 26.01.2013 um 20:14
    Fotostrecke
    Zum Artikel: Ein Auftakt nach Mass

    Lieber Kulturbetrachter, tatsächlich haben wir ansonsten noch keine Klagen erhalten, und bei uns funktionieren die Fotostrecken auch von ausserhalb. Ich leite das Problem aber gerne trotzdem mal an unsere Techniker weiter. Schönen Wochenendrest, Karen ...

  • 23.12.2012 um 14:06
    Heieiei....
    Zum Artikel: 7 Weihnachtsfilme für Stubenhocker

    Lieber Herr Wilhelm, Sie haben recht. Zwar haben wir Edward gefunden, als wir anfingen, die Liste zu erstellen - doch jetzt kommt der Film im Programm tatsächlich nicht mehr vor. Äusserst schade, finde ich. Wir haben den Tipp nun ausgetauscht gegen ein...

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