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TagesWoche

Tages Woche

Sa, 18.05.2013

Ab in die Quartiere 

14.9.2012, 00:01 Uhr

Alles – nur kein Boulevard

14.9.2012, 00:01 Uhr

Die Quartier-Aktion der TagesWoche hat ergeben: Das Gundeli zählt zu den beliebtesten Vierteln Basels – wenn da bloss die Güterstrasse nicht wäre. Von Martina Rutschmann und Yen Duong

Michael Würtenberg: In der Güterstrasse kommen die verschiedenen Verkehrsteilnehmer kaum aneinander vorbei.

In der Güterstrasse kommen die verschiedenen Verkehrsteilnehmer kaum aneinander vorbei. (Bild: Michael Würtenberg)

Die Güterstrasse steht den typischen Pariser Boulevards in nichts nach: Sie lädt zum Flanieren ein, denn sie ist so geschmackvoll gestaltet, dass man am liebsten jeden Winkel fotografieren würde. Alle, die sich dort aufhalten, kommen problemlos aneinander vorbei. Die Ladenbetreiber verstehen sich prächtig mit den Autofahrern, die vor ihren Geschäften parkieren, obwohl es dort kaum Parkfelder gibt.

Die Velofahrer geniessen es, zwischen den Tramgeleisen zu jonglieren und von vorbeifahrenden Autos gestreichelt zu werden. Die Tramfahrer tuckern liebend gern im Schritttempo hinter Velofahrern her, weil sie nur dann Zeit finden, die zahlreichen Bäume und Pflanzen auf den Trottoirs zu bestaunen. Das ganze Quartier strömt zur Lebensader des Gundeli – zur Güterstrasse.

Eine blanke Enttäuschung

Sie sind nicht einverstanden mit dieser Schilderung? Hier steht nur ausgedeutscht, was vor Jahren im Projekt­beschrieb des Bau- und Verkehrs­departements (siehe Hintergrund zum Artikel) zu lesen war: Von einer «hohen gestalterischen Qualität» war die Rede, von einer «grösstmög­lichen ­Koexistenz der verschiedenen Verkehrsarten» und von einem «hohen Identifikationsgrad für die Bevölkerung». Diese Vision einer zum Boulevard auf­gewerteten Güterstrasse samt Tellplatz gefiel auch dem Parlament – zwölf Millionen Franken sprach es damals für die Neugestaltung.

Dann kam er, der Umbau, und dauerte vier Jahre. Die Aufregung war gross im Quartier, als es im Frühling 2008 auf die Eröffnung zuging. Und dann, ziemlich genau vor vier Jahren, war er fertig, der 1,2 Kilometer lange «Boulevard Güterstrasse» – die Aufregung wandelte sich in blanke Enttäuschung. Seither hat sich nichts geändert. Die oben beschriebene Szenerie bleibt nichts als blosses Wunschdenken.

Bei ihrer «Wo drückt der Schuh?»-Aktion im Gundeli vergangenen Samstag merkte die TagesWoche-Redaktion rasch, was den Bewohnerinnen und ­Bewohnern des bevölkerungsreichsten Basler Quartiers am meisten unter den Nägeln brennt: die gescheiterte Aufwertung der Güterstrasse.
Zu wenig grün sei sie, zu wenige Ver­anstaltungen gäbe es, zu viel Verkehr. Schön sei sie auch nicht, die Stras­se – und schon gar kein Boulevard. Ein bauliches Verbrechen sei diese Strasse, eine Fehlkonstruktion. Vor allem Velofahrer folgten dem Aufruf der Tages­Woche und besuchten den Stand am Tellplatz. Die Botschaft: «Velofahren auf der Güterstrasse ist lebensgefährlich.»

Bis zu 150 Parkbussen pro Tag

Viele Unfälle mit Velofahrern gäbe es dort trotz der engen Verhältnisse nicht, sagt Polizeisprecher Klaus Mannhart. Die Güterstrasse sei dennoch ein Dauerthema bei der Polizei. «Das wilde Parkieren der Autofahrer ist ein Ärgernis.» An manchen Tagen würden die Polizisten bis zu 150 Parkbussen ausstellen. «Es ändert aber nichts an der Situation, die Falschparkierer kommen immer wieder.» Dem Problem Herr werden könnte man einzig mit baulichen Massnahmen, doch dafür sei nicht die Polizei, sondern das Baudepartement zuständig. Insofern gehe das Bussenschreiben wohl weiter, «jedenfalls so lange, bis die Autofahrer vernünftig parkieren», sagt Mannhart.

Streng genommen könnten an der Güterstrasse auch Velofahrer gebüsst werden. Im Strassenverkehrsgesetz heisst es: «Der Strassenbahn ist das Geleise freizugeben und der Vortritt zu lassen.» Würden sich alle Velofahrer an dieses Gesetz halten, müsste kein Tramfahrer mehr durch die Güter­strasse tuckern. Doch die wenigsten Velofahrer wissen überhaupt, dass es ein solches Gesetz gibt – und kein Tramfahrer denkt daran, Polizist zu spielen und die Velofahrer unter Drohungen von den Geleisen zu vertreiben.

Dennoch, untätig wollen sie nicht mehr sein bei den Basler Verkehrs­betrieben (BVB). «Das Problem Güterstrasse ist erkannt», sagt BVB-Sprecherin Dagmar Jenny. Erkannt – und im wahrsten Sinne des Wortes aufgegleist: Mit einer Präventionskampagne wollen die BVB die Bevölkerung ab Oktober für das Thema Tram und Velo sensibiliseren.

Es ist kein Zufall, dass die Kampagne am Tellplatz-Markt am 20. Oktober beginnt: «Wir richten den Fokus auf diese Strasse, weil die Situation dort besonders schwierig ist», sagt Jenny. «Tram und Velo kommen dort nicht aneinander vorbei, es geht nur hintereinander.» Ziel der Aktion sei es, Velo­fahrer dazu zu bringen, wenn möglich hinter den Trams zu fahren oder zu warten, bis diese vorbeigefahren sind.

Unzufrieden mit der neuen Güterstrasse ist ebenfalls Claude Wyler, ­Vizepräsident des Neutralen Quartiervereins Gundeldingen: «Es gibt zu viele Verkehrsteilnehmer auf dieser Strasse. Der Begriff Boulevard hat falsche Erwartungen geweckt – Erwartungen, die eine 17 Meter breite Strasse nun mal nicht erfüllen kann.»

Mehr Beizen aufs Trottoir!

Mittlerweile sieht dies auch Marc Keller: «Nachträglich würden wir wahrscheinlich nicht mehr vom ‹Boulevard Güterstrasse› sprechen», sagt der Mediensprecher des Baudepartements. «Das hat zu viele Erwartungen geweckt. Unterschätzt haben wir die Rücksichtslosigkeit, mit der an den unmöglichsten und verbotenen Stellen parkiert wird.» Aus Sicht der Verwaltung sei das Projekt Güterstrasse dennoch klar positiv zu bewerten, weil den Fussgängern, Ladengeschäften und Boulevard-Lokalen heute mehr Platz zur Verfügung stehe. Die Güter­strasse sei als Haupteinkaufsstrasse mit beengten Verhältnissen attraktiver als vorher, sagt Keller.

Von einer Fehlkonstruktion will auch Andrea Tarnutzer-Münch, Prä­sident der Interessensgemeinschaft Gundeldingen Bruderholz Dreispitz, nicht reden: «Die Güterstrasse ist noch nicht optimal belebt, aber auf gutem Weg dorthin.» Das Problem sei, dass viele Beizen die Strasse nicht richtig nutzen würden. «Wenn man mehr Stühle und Tische auf den Boulevard stellen würde, könnten die Wildparkierer ferngehalten werden», sagt er. Aufgegeben hat Tarnutzer-Münch die Vision offensichtlich nicht, dass die Güterstrasse eines Tages doch noch zu einem Boulevard nach ­Pariser Vordbild werden kann.

  1. Rücksichtslosigkeit

    von Beatrice Isler am 25.09.2012 um 16:42Uhr

    Guter Artikel und gut recherchiert. Aber es geht letztlich nicht nur um die Rücksichtslosigkeit der Automobilisten, sondern auch um die Rücksichtslosigkeit der Velofahrenden, welche das Trottoir immer mehr für sich beanspruchen und die schwächsten Verkehrsteilnehmenden (Alte, Kinder, Behinderte - kurz Fussgänger) an die Wand drücken.
    Direktlink zum Kommentar

  1. Rücksichtslosigkeit

    von Beatrice Isler um 25.09.2012 um 16:42Uhr

    Guter Artikel und gut recherchiert. Aber es geht letztlich nicht nur um die Rücksichtslosigkeit der Automobilisten, sondern auch um die Rücksichtslosigkeit der Velofahrenden, welche das Trottoir immer mehr für sich beanspruchen und die schwächsten Verkehrsteilnehmenden (Alte, Kinder, Behinderte - kurz Fussgänger) an die Wand drücken.
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Informationen zum Artikel

14.9.2012, 00:01 Uhr

Alles – nur kein Boulevard

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Text:

  • 11.05.2013 um 12:32
    Blut an unseren Kleidern

    Gewissheit gibt es nie, dass die Kleider, die man kauft, fair hergestellt wurden. Manchmal wissen nicht einmal die Modeläden, dass sie die Ausbeutung unterstützen – oder sie wollen es nicht wissen. Ein Problem, offensichtlicher denn je.

  • 08.05.2013 um 16:57
    «Die Liberalen müssen pointierter werden»

    Die Präsidentin der Basler LDP, Patricia von Falkenstein, will ihrer Partei in der Öffentlichkeit wieder mehr Gehör verschaffen. Allenfalls auch mit «Polteri»-Methoden – solange es anständig zugeht.

  • 08.05.2013 um 16:15
    Einfamilienhäuser für die Erlenmatt

    Zuerst waren es Mietwohnungen, dann Eigentumswohnungen – nun sollen auf der Erlenmatt Einfamilienhäuser dazu kommen.

  • 10.10.2012 um 22:13
    Bilder
    Zum Artikel: Kein Schiff wird kommen

    Guten Abend Zugegeben, die Bilder sind nicht besonders gut – und das ist mein Verschulden. Mit Sparen hatte es allerdings nichts zu tun, dass ich ohne Fotograf (bei uns arbeiten sehr gute Fotografen, wie man sonst sehen kann) unterwegs war. Sondern mi...

  • 15.08.2012 um 09:01
    Nun ist es Schokolade
    Zum Artikel: «Beschle» verärgert «Frey»-Stammgäste

    Lieber Herr Schmidt Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich auf diesen peinlichen Flüchtigkeitsfehler aufmerksam gemacht haben. Selbstverständlich habe ich den Fehler umgehend behoben und aus der Schoggi eine Schokolade gemacht. Gruss, Martina Rutsch...

  • 29.02.2012 um 13:37
    Gundeli-Clique-Vertreter
    Zum Artikel: «E Schwob» im Trommel-Taumel

    Flip567 hat natürlich recht, wenn er darauf hinweist, dass es sich bei der Gundeli-Clique um eine grosse Clique mit Tambouren UND Pfeifern handelt (was tatsächlich jeder Basler wissen sollte). Die Formulierung im Text war daher vielleicht nicht präzise...

Text

Text:

  • 16.05.2013 um 14:57
    Gefährlicher Schulweg

    Die Primarschüler des Bläsischulhauses müssen provisorisch ins Erlenmattquartier. Weil der Schulweg über den Riehenring gefährlich ist, haben Eltern jetzt eine ­Petition lanciert.

  • 08.05.2013 um 17:17
    Aufstand im Schulhaus

    Ein Konflikt zwischen Lehrern und Schulleitung im Gundeli nimmt absurde Formen an.

  • 02.05.2013 um 16:30
    Die perfekte Show

    Der Basler Sicherheitsdirektor bricht nach 100 Tagen im Amt sein Schweigen. Handlungsbedarf sieht er bei den Einbrüchen und Haftplätzen. Den Polizeikorps will Dürr nicht weiter ausbauen, dafür mehr Frauen und Migranten im Korps.

  • 02.05.2013 um 19:58
    Wäsche
    Zum Artikel: Die perfekte Show

    Liebe Frau Isler Das wird künftig der Fall sein. Heute spielte diese Frage an der Pressekonferenz aber eine Rolle, weshalb wir es auch nicht verschweigen. Liebe Grüsse

  • 06.02.2013 um 18:37
    ...
    Zum Artikel: Ein mühsamer Start

    Danke, haben es nun korrigiert.

  • 27.11.2012 um 10:53
    ...
    Zum Artikel: Gestrandete Busse verärgern FCB-Fans

    Lieber Herr Mathys Es geht nicht um den kaputten Scheibenwischer, sondern darum, wie die Busse der BVB nach einem FCB-Spiel fahren. Die BVB möchten dies ja immerhin ändern, so belanglos ist die Sache für sie also doch nicht. Eine Top-Story ist es v...

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