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TagesWoche

Tages Woche

Fr, 24.05.2013

Staatsvertrag zum Fluglärm 

4.9.2012, 16:07 Uhr

So sieht es aus, wenn sich Deutsche und Schweizer wieder gern haben

4.9.2012, 16:07 Uhr

Für einen kurzen Moment hatten sich alle wieder lieb. Bei der Unterzeichnung des Staatsvertrags zum Flugverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz sprühten Peter Ramsauer und Doris Leuthard vor Glück und Harmonie und Partnerschaft. Von Philipp Loser

Peter Schneider: Peter Ramsauer und Doris Leuthard, strahlend. Dahinter die Dekorationstapete ohne Flugzeuge.

Peter Ramsauer und Doris Leuthard, strahlend. Dahinter die Dekorationstapete ohne Flugzeuge. (Bild: Peter Schneider)

Eben noch war er bei Günther Jauch und jetzt steht er leibhaftig vor einem, Tim Guldimann, die letzte Hoffnung der Schweiz im Steuerstreit mit Deutschland, «Unser Mann in Deutschland», einer der Besten und Wägsten im Heer der Schweizer Diplomaten. Und es ist schon eindrücklich, wie dieser Guldimann im Gewusel der Diplomatenmänner mit ihren Diplomatenfrisuren und Diplomatenanzügen im Bernerhof heraussticht. Nicht durch Lautstärke und übertriebene Gestik (das konnte Botschafter Borer besser), eher durch seine feine, beinahe rhythmische Art, während Gesprächen seinen Oberkörper von hinten nach vorne zu wiegen. Kaum zu sehen, und doch genug anders, um den Raum zu beherrschen.

Alles lacht

Wenigstens so lange, bis die Türe im hinteren Teil des Bernerhofs geöffnet wird und das lächelnde Gesicht von Guldimann aus der Wahrnehmung verschwindet und durch die lächelnden Gesichter von Bundesrätin Doris Leuthard und Verkehrsminister Peter Ramsauer ersetzt wird. Die beiden Minister stehen zuerst etwas unsicher vor ihren Flaggen, setzen sich endlich und beginnen mit ihren Ansprachen.

Wenn man ihnen so zuhört, man kann nicht mehr verstehen, warum es je zu Problemen in der Beziehung zwischen den beiden Ländern kommen konnte. Warum plötzlich überall Steuer-CDs auftauchen (es sind CDs und keine USB-Sticks, warum auch immer), der Steuerstreit bei Günther Jauch diskutiert wird und zu einem der wichtigsten Themen in der deutschen Innenpolitik avancierte.

Integrative Partizipation

Denn beim Flughafen, da ging es – zwar erst nach 22 Jahren Streit und Klagen und Bürgeraktionen und Flugblättern, aber es ging. Ein Geben und Nehmen sei dieser Vertrag, sagte Ramsauer, die bestmögliche Variante, in grosser Einvernehmlichkeit und Partnerschaft beschlossen. «Anders sind solche nachbarschaftliche Situationen nicht zu lösen.» Doris Leuthard, über deren Auftritt an einer Arthur-Cohn-Gala der Kollege Bahnert von der BaZ kürzlich schrieb, sie sei in einem Kleid erschienen, das so elegant wie ihr Geist gewesen sein soll (online leider nicht verfügbar), sagte den etwas komplizierten Satz: «Integrative Partizipation ist besser als Konflikt» – und sonst das gleiche wie der Kollege Ramsauer.

Alle glücklich, alle zufrieden, alles bestens. Gerne hätte man noch gefragt, ob die neue Harmonie zwischen den Ländern auch auf andere Themengebiete ausstrahlen könnte, sollte, müsste (zum Beispiel Steuern), aber der Kollege vom Tessiner Fernsehen wollte wissen, warum auf der Dekorationstapete hinter Ramsauer und Leuthard kein Flugzeug zu sehen sei. Da mussten sie lachen. Der Minister und die Ministerin vorne am Pult und auch der Botschafter Guldimann, der sich zuhause in Berlin bald wieder ganz andere Fragen anhören muss.

Der Staatsvertrag
Der neue Staatsvertrag sieht vor, dass Anflüge auf den Flughafen Zürich drei Stunden früher (neu ab 18 Uhr) über Schweizer Gebiet stattfinden als heute. Deutschland verzichtet im Gegenzug auf eine zahlenmässige Begrenzung der Anflüge über deutsches Gebiet. An Werktagen dürfen Flugzeuge bereits eine halbe Stunde früher (neu ab 6.30 Uhr) über Süddeutschland anfliegen. Nach der Unterzeichnung durch die Minister muss der Vertrag nun noch von den Parlamenten ratifiziert werden, im zweiten Halbjahr 2013 soll das geschehen sein.

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Nett und schön. Und dann ?

    von Alois Karl Hürlimann um 4.09.2012 um 21:13Uhr

    Es ist also alles in Butter in Sachen Fluglärm - solange in der Schweiz die SVP und die diversen Goldküsten und sonstigen Villengegenden den Mund halten.
    Und solange in Deutschland keine Wahlen bevorstehen.

    Beides bleibt allerdings vermutlich von sehr kurzer Dauer derart harmonisch.

    Wie man allenthalben in schweizerischen online-Nachrichtenmedien nachlesen konnte, wird sich die SVP keineswegs ruhig halten (wenn es die zürcherische tun würde, was nicht gerade realistisch sein dürfte, dann wird die aargauische SVP umso lauter die gekippten Anflüge bekämpfen). Dabei ist die SVP diesbezüglich sehr nahe beim "Volk".

    In Deutschland wiederum wird in einem Jahr ein neuer Bundestag gewählt. Wenn man sich ein wenig in innerdeutschen Flughafen- und Fluglärmdiskussionen auskennt, weiss man, dass in mindestens fünf Bundesländern der Fluglärm eine gewichtige Wahlkampfrolle Rolle spielen wird: In Hessen (Frankfurts neue Piste!), in Bayern (Pistenneubau am Flughafen München), Berlin und Brandenburg mit dem unseligmachenden BER! Und eben auch in Baden-Württemberg (mit dem An- und Abflug zu einem "ausländischen" Flughafen) - wo es in einem Jahr gerade für die CDU durchaus um die Wurst gehen wird.

    Da bin ich mal gespannt, wie dieser Staatsvertrag 2013 ratifiziert werden soll!
    Direktlink zum Kommentar

  2. Flugverkehr

    von Cornelis Bockemühl um 5.09.2012 um 07:52Uhr

    Ich möchte wetten dass die Herren Guldimann und Ramsauer von Berlin in die Schweiz geflogen sind - anstatt den gut ausgebauten ICE auf dieser Strecke zu nehmen!

    Womit ich nur sagen will: Selbst europäische Kurzstrecken, etwa nach Berlin, Amsterdam, Rom etc., oder gar noch kürzere Strecken nach Wien, Milano oder Paris fliegt "man" heute - und zwar selbstverständlich direkt und am liebsten mit Verbindungen zu jeder beliebigen Tageszeit.

    Dass all die Fluglärm-Streitereien jeweils so völlig unabhängig von der Tatsache dieser geradezu irrwitzigen Zunahme des Flugverkehrs geführt werden ist schon ein wenig surreal...
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Informationen zum Artikel

4.9.2012, 16:07 Uhr

So sieht es aus, wenn sich Deutsche und Schweizer wieder gern haben

Text

Text:

  • 23.05.2013 um 16:49
    «Dass es keine Gewalt mehr gibt vor dem Stadion ist ein Ziel – wie der Weltfrieden auch»

    Der Basler Sicherheitsdirektor Baschi Dürr (FDP) steht dem verschärften Hooligan-Konkordat weiterhin skeptisch gegenüber. Man müsse Realist bleiben: Ständige Verschärfungen des Gesetzes würden das Problem nicht lösen.

  • 23.05.2013 um 12:00
    Grüne und Linke im falschen Film

    Immer wieder landen linke Exekutivpolitiker in atypischen Departementen. Dort müssen sie Überzeugungen vertreten, die ihnen oft zuwider sind.

  • 22.05.2013 um 15:57
    Die Stunde der Populisten

    Wie zynisch Politik manchmal sein kann, lässt sich an den Reaktionen nach den Ausschreitungen am Cupfinal schön aufzeigen. Gross ist die heimliche Freude der Konkordats-Befürworter, dass es endlich wieder einmal geknallt hat.

  • 13.05.2013 um 08:39
    Grenzgänger
    Zum Artikel: Milliarden aus der Fremde

    Sehr geehrter Herr Wilhelm, Sie weisen auf einen richtigen Punkt hin: In den Daten der Weltbank sind die Geldsendungen der Grenzgänger nicht erfasst. Im Fall der Schweiz machen die Summen der Grenzgänger, die ins Ausland fliessen, einen beträchtlichen ...

  • 29.04.2013 um 18:52
    Treffer...
    Zum Artikel: Fängt das wieder an!

    ... versenkt. Und natürlich korrigiert. Es grüsst aus dem Glashaus: Philipp Loser

  • 24.04.2013 um 11:59
    Speicherplatz
    Zum Artikel: Der Kalte Krieg ist nie vorbei

    Lieber Herr Meyer, Sie haben schon Recht: man soll nicht über jeden Hetzkommentar berichten. Das spezielle in diesem Fall ist der Umgang mit dem Kommentar durch die Gruppe Giardino. Das kann man durchaus aufzeigen, finden wir und opfern dafür gerne etw...

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