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Theaterfestival Basel 

4.9.2012, 13:59 Uhr

Blick zurück auf die merkwürdige Gegenwart

4.9.2012, 13:59 Uhr

Die Theatergruppe Far A Day Cage gewährt am Theaterfestival Basel mit «Urwald» einen aufschlussreichen Blick aus der fernen Zukunft auf unsere merkwürdige Gegenwart. Von

Far A Day Cage: Der «Transformer» ist netter als er aussieht: «Urwald» von Far A Day Cage»

Der «Transformer» ist netter als er aussieht: «Urwald» von Far A Day Cage» (Bild: Far A Day Cage)

Wenn man sich für einige Wochen in die verschneite Abgeschiedenheit des Muotataler Urwalds zurückzieht, erhält man offensichtlich einen neuen Blick auf die städtische Gegenwart: Man sieht Wasser, abgepackt in «Plustik», das gegen buntes Papier eingetauscht wird. Man sieht sich «Bicyclern» und Vierradboxen gegenüber, letztere zwar mit fünf Plätzen ausgestattet, meist aber nur mit einer Person besetzt. Wenn man als Zuschauer oder Zuschauerin in diese Welt geführt wird, beobachtet man mit ironischer Distanz das «Fortpflanzungspech» der Menschen – der inszwischen ausgestorbenen «Spätmenschen», denn der Blick auf die städtische Gegenwart ist nur eine Simulation, die von unseren Nachkommen aus ferner Zukunft erschaffen wurde. Und man entdeckt wild aussehende Gestalten, «Transformer» genannt: ein pelziges Zottelwesen mit Hirschgeweih, ein voluminöses Biest mit klitzekleinem Hasenkopf, ein wandelnder Tannenbaum oder ein kleingewachses Monsterchen mit einem enormen fangzahnbesetzten Maul. Und man sieht, aufgereiht vor einer Hütte vor der Klingentalturnhalle bei der Kaserne, die normalen Passanten, die aus dieser Perspektive betrachtet allzu normal nicht wirken.

«Urwald» heisst der jüngste Streich der Zürcher Theatertruppe Far A Day Cage rund um Tomas Schweigen – eine der interessantesten Positionen in der freien Theaterszene der Schweiz. Es ist zugleich ihr vorerst letzter Auftritt in der freien Theaterwildbahn, denn die Theaterleute lassen sich als Group in Residence ins Theater Basel einverleiben – mit Tomas Schweigen als Co-Direktor des Schauspiels. Das mag wohl auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sich Far A Day Cage noch einmal einen wahrhaftig freien Auftritt gegönnt hat: frei von jeglichen Theaterkonventionen und Vorlagen aus der Theaterliteratur.

Auf Abenteuerreise

Herausgekommen ist eine Art Erfahrungsbericht bzw. eine angereicherte Dokumentation einer abenteuerlichen Reise, auf die sich die Theaterleute tatsächlich begeben hatten. Die Reise hatte in eine einsame Berghütte im verschneiten Schwyzer Muotatal geführt. Im Gepäck mit dabei hatte die Reisegruppe neben warmen Kleidern, Schneeschuhen und viel Schnaps eine Auswahl von Sagenbüchern und das Werk «Survival total», das in der Wildnis natürlich nicht fehlen darf. Diese Hütte haben die Theaterleute nun nachgebaut und auf das Kasernenareal gestellt. An der Festivalkasse wird das Publikum in zwei Gruppen aufgeteilt. Die mit dem grünen Kärtchen nehmen zuerst im oben beschriebenen Aussenbereich Platz, die mit den roten werden in die Hütte geführt.

In dieser Hütte ist zu erleben, was passiert, wenn in der Abgeschiedenheit, angereichert durch regen Schnapskonsum und die Lektüre von Sagenbüchern, Realität und Fiktion zu verschwimmen beginnen. Aus dem anfänglichen Hüttenkoller erwachsen langsam Ängste vor nicht definierbaren Geräuschen, die von draussen in die Hütte dringen. Zuerst ist ein Klopfen an der Tür, dann gibt der Stromgenerator den Geist auf und das Licht geht aus. Panik greift um sich, die Hütteninsassen ergreifen die Flucht und – so die einleitende Erklärung zu Beginn – verschwinden für immer. Das realistische Spiel der fünf Schauspielerinnen und Schauspieler lehnt sich ganz offensichtliche an die bekannte filmische Dokufiktion «Blair Witch Project» an. Nur dass in diesem Fall die unheimlichen Wesen aus der unheimlichen Umgebung – es handelt sich um die oben beschriebenen Gestalten – am Schluss tatsächlich auftauchen – und wir erfahren, dass diese zwar gruselig aussehen, in ihrem wirklichen Wesen aber sehr putzig und lieb sind. Das zeigt sich spätestens dann, wenn sie wundervoll mehrstimmig das liebliche Jodelchörli «Mis liebschte Huus schtoht ganz ellei» anstimmen.

Blick zurück aus der fernen Zukunft

Im zweiten bzw. anderen Teil des Abends begegnet man den Figuren aus der Hütte wieder. Dieses mal nicht mehr als definierte Individuen, sondern als Prototypen der Spätmenschen in einer Simulation des Stadtlebens aus dem Jahre 2012. Diese Simulation, so erklärt ein Sprecher den Zuschauerinnen und Zuschauern, die nun mit Kopfhörern bestückt draussen Platz genommen haben, stammt aus einer fernen Zukunft, 700 Jahre nach unserer Zeit. In einem wissenschaftlichen Ton vorgetragen ist zu erfahren, wie die Archäologen und Historiker aus der fernen Zukunft zu ergründen versuchen, wie die Menschen vor 700 Jahren gelebt haben und wie sie ihrem Untergang entgegensteuerten. Hinreissend komisch wirkt es, wenn in dieser Beschreibung kleine Fehldeutungen und im Rückblick nicht deutbare Details auftauchen – was wahrscheinlich auch den Geschichtsforschern von heute unterläuft. Einen besonderen Reiz erhält das Ganze, weil der reale Alltag, der Auto-, Velo- und Tramverkehr, die Passantinnen und Passanten, die dunkelhäutigen Asylbewerber auf den Bänken sowie ein zufällig vorfahrendes Polizeifahrzeug, zum Teil der Szenerie werden. Auch hier verschwimmen Fiktion und Realität.

Dieser rührend-komische Rückblick auf unser Leben in der Stadt hat ganz aufschlussreiche Momente, vom ganz grossen Erkenntnisgewinn kann aber kaum die Rede sein. Zumindest inhaltlich. Denn von der Form her und in ihrer hinreissend verspielten Fantasie zeigt die Truppe, was im Theater auch jenseits der literarischen Bühnenkonvention alles möglich ist. Und wie vergnüglich Abstecher an und über die hergebrachten Spartengrenzen sein können. «Urwald» ist ein äusserst gelungenes Projekt, das ausserhalb des institutionellen Theaters entstanden ist. Man darf nun sehr gespannt darauf sein, wie sich Far A Day Cage künftig innerhalb des Stadtheaterbetriebs schlagen wird.

 

  • Theaterfestival Basel: Far A Day Cage – «Urwald»
  • Regie: Tomas Schweigen, Raum: Stephan Weber, Demian Wohler, Bühnenbild: Doia Mataré, Kostüme: Anne Buffetrille
  • Mit: Philippe Graff, Vera von Gunten, Silvester von Hösslin, Jesse Inman, Tomas Schweigen, Mareike Sedl
  • Weitere Vorstellungen: 04./05.09.12, Kasernenareal.
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4.9.2012, 13:59 Uhr

Blick zurück auf die merkwürdige Gegenwart

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    Zum Artikel: Freie Velofahrt über den Marktplatz

    Liebes Echo v.H. Da findet sich tatsächlich eine etwas unklare Formulierung, was denn nun zukünftig unter «Fussgängerzohne» zu verstehen ist. Wenn Sie den Spalenberg oder die Freie Strasse etc. meinen, dann haben Sie recht (allerdings sind da Velos eh ...

  • 17.12.2014 um 19:03
    Zum Artikel: Budgetdebatte: Knappes Ja für den bürgerlichen Rückweisungsantrag

    @ Uhlmann: Warum Ausgaben kürzen? Reichen die mittlerweile eh schon zu erwartenden Mehreinnahmen nicht aus, um ein "eine schwarze Null" zu budgetieren, wie die bürgerliche Mehrheit dies eingefordert hat? Oder geht es um etwas ganz anderes, wa...

  • 22.11.2014 um 14:09
    Zum Artikel: Aufstrebende Gastromeile im unteren Kleinbasel

    Liebe Michèle Meyer, Sie haben natürlich recht mit der geografischen Verortung der Klybeckstrasse. Gemeint ist im Bericht der Abschnitt im Matthäusquartier zwischen Feldbergstrasse und der Dreirosenbrücke.

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