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TagesWoche

Tages Woche

Do, 20.06.2013

Verbrechen 

6.9.2012, 16:47 Uhr

Acht Stunden unter der toten Mutter

6.9.2012, 16:47 Uhr

Ein Vierfachmord in den französischen Alpen gibt der Polizei Rätsel auf. Ein Kleinkind wurde unter den Leichen stundenlang übersehen. Von Stefan Brändle

Keystone: Polizisten untersuchen den Ort, an dem das Verbrechen passierte.

Polizisten untersuchen den Ort, an dem das Verbrechen passierte. (Bild: Keystone)

Das vierjährige Mädchen, das bei dem Blutbad beide Eltern verlor, muss die Hölle durchgemacht haben – doch als eine Polizistin es um Mitternacht in die Arme nahm, begann es zu lächeln. Es brabbelte etwas auf Englisch, dann wurde es rasch «an einen sicheren Ort» gebracht, wie Staatsanwalt Eric Maillaud erklärte.

Zurück blieben vier Leichen und noch viel mehr Fragen. Um 16 Uhr, also acht Stunden zuvor, hatte die lokale Polizei, von einem Briten alarmiert, auf einem Waldweg beim See von Annecy (Savoyen) einen BMW mit laufendem Motor gefunden. Darin lagen drei Erwachsene, daneben ein Radfahrer – alle erschossen. Unweit des Wagen fand sich ein siebenjähriges Mädchen, schwer verletzt, möglicherweise mit einem Schädelbruch. «Sie wurde brutal geschlagen», berichtete der Staatsanwalt.

Die drei Opfer im Auto wurden als Briten identifiziert, die auf einem nahen Zeltplatz campiert hatten. Am Steuer sass Saad al-Hilli, ein offenbar 50-jähriger Brite irakischer Herkunft, der in Wiltshire bei London eine Firma für Luftfotographie leitete. Auf dem Hintersitz lagen seine Frau und seine Mutter im Blut. Der Radfahrer stammte aus der Umgebung.
 
Die Gendarmen sicherten den Schauplatz ab und warteten protokollgemäss auf die Spezialisten der französischen Spurensicherung (Ircgn). Diese musste aus dem 600 Kilometer entfernten Paris anreisen. Als sie gegen Mitternacht endlich die Wagentüren öffneten, entdeckten sie zwischen den Beinen der beiden Frauenleichen ein zweites Mädchen – lebend und unverletzt.

Vierjährige unter Beinen der toten Mutter

Dutzende von Feuerwehrleuten, Polizisten, Ärzten hatten sich um den Wagen zu schaffen gemacht; ein Helikopter überflog mit einer thermischen Kamera den Wald, um nach weiteren Körpern zu suchen – denn mittlerweile hatten Zeltplatznachbarn berichtet, dass bei der Familie zwei kleine Töchter gewesen seien. Die jüngste blieb aber unauffindbar – obwohl sie am Tatort nur ein par Armlängen von der Polizei entfernt war. Stumm, unbeweglich, im Verborgenen.

«Wir hatten Order, nicht in den Wagen zu steigen und die Lage der Leichen nicht zu verändern», rechtfertigte sich der lokale Einsatzleiter Benoît Vinnemann. «Die Kleine, völlig erschreckt, bewegte sich überhaupt nicht. Sie blieb unter den Beinen der Mutter.»

Eine französische Polizeigewerkschaft kritisierte, die Ermittlungsprozedur grenze ans «Lächerliche»: In einem grossen Land wie Frankreich vergehe oft viel zuviel Zeit, bis die Spurenvorsicherung vor Ort eintreffe. Noch reger diskutiert wurde gestern die Frage, wie und warum ein Kleinkind stundenlang bei seiner toten Mutter ausharren kann, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Der Katastrophenspezialist Christian Navarre erklärt sich dies mit einer neurobiologischen Schutzfunktion: Ein vierjähriges Kind könne «nicht zwischen Netten und Bösen unterscheiden» und halte sich auch vor der Polizei versteckt. Körper und Geist seien nach einem tödlichen Schrecken mit dem Verlust der Eltern wie «versteinert», auch wenn das Kind bei vollem Bewusstsein bleibe. «Das erlaubt es, das Unerträgliche zu ertragen», meint der Psychiater. Das Opfer wieder zum Leben zu «erwecken», nehme nachher viel Zeit in Anspruch.

Erste Aussagen

Nach französischen Presseberichten machte die kleine Tochter erste Aussagen. Zuerst sprach es gemäss Staatsanwalt nur von «Schreien und Lärm». Seine ältere Schwester wurde gestern in einem Spital von Grenoble im Koma gehalten; sein Leben soll aber nicht in Gefahr sein.

Das Tatmotiv bleibt unklar. Drei der vier Toten wurden durch je einen Kopfschuss niedergestreckt. Vor Ort wurden 15 Patronenhülsen einer automatischen Pistole gefunden. Le Monde zitierte eine Polizeiquelle, laut der die Familie Kriminelle oder «Islamisten beim Training» überrascht haben könnte. Britische Medien berichteten, in der Nähe sei es zuvor zu zwei Fällen von «Carjacking» gekommen; vier maskierte Täter hätten versucht, Fahrer aus Autos zu zerren um diese zu entwenden. Doch warum blieben die Mädchen am Leben? Ein Familiendrama wird nicht ausgeschlossen. Allerdings fand sich am Tatort keine Waffe.

Vor allem in England war die Trauer am Donnerstag gross. Aussenminister William Hague meinte über Twitter: «Unsere Gedanken sind bei den zwei überlebenden Mädchen und ihren Angehörigen.»

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Informationen zum Artikel

6.9.2012, 16:47 Uhr

Acht Stunden unter der toten Mutter

Text

Text: Stefan Brändle

  • 29.01.2013 um 08:12
    Islamisten fliehen, Tuareg attackieren

    Französische Truppen haben am Montag die symbolträchtige malische Wüstenstadt Timbuktu eingenommen. Andersorts beteiligen sich neuerdings die Tuareg an der Vertreibung der Islamisten. Das dürfte die politische Befriedung zusätzlich erschweren.

  • 28.01.2013 um 07:00
    Franzosen lassen Freund und Feind stehen

    Französische Truppen sind im Norden Malis auf dem Vormarsch. Die Alliierten kommen kaum mehr mit. Namentlich die USA bleiben auf Distanz.

  • 21.01.2013 um 11:33
    Das Pulverfass ist explodiert

    Warum dieser abrupte Gewaltausbruch in Westafrika? Am Ursprung liegt nicht der französische Militäreinsatz, sondern der schleichende Vormarsch von Islamisten, die auch den Religionsfrieden der Sahelzone bedrohen.

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