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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 19.06.2013

Sexkoffer 

5.9.2012, 06:27 Uhr

Wie die Sexualisierungsgegner zu ihren Adressen kamen

5.9.2012, 06:27 Uhr (aktualisiert: 11:05)

Das Initiativkomitee der Schutzinitiative, die sich gegen die «Sexualisierung» von Kindern in der Schule und im Kindergarten wehrt, schickte Müttern von Primarschülern und Kindergärtlern Mitte August einen Brief. Die Adressen hat das Komitee wohl dank den Baby-Koffern, die Mütter nach der Entbindung im Spital als Geschenke erhalten. Dennoch bleiben offene Fragen. Von Noëmi Kern

Illustration Nils Fisch: Augenbinde, Ohrenschutz: So möchten konservative Kreise Kinder vor der Sexualisierung schützen.

Augenbinde, Ohrenschutz: So möchten konservative Kreise Kinder vor der Sexualisierung schützen. (Bild: Illustration Nils Fisch)

Die Baslerin Martina Muster*, Mutter eines Sohnes, wunderte sich vor zwei Wochen, als sie den Briefkasten leerte. Darin war ein Brief des überparteilichen, konservativen Komitees «Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» (mit dem Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner im Co-Präsidium). Musters Sohn geht seit den Sommerferien in die Schule. Im Brief wurde sie aufgefordert: «Geben Sie Ihrem Kind Ohrenstöpsel und Augenbinden mit in die Schule!» Dadurch sollte es vor der «Sexualisierung» beschützt werden.

«Woher haben die denn meine Adresse? Ich stehe ja gar nicht im Telefonbuch», fragte sich Mutter Muster. «Und woher wissen sie überhaupt, dass ich ein Kind habe, das jetzt neu zur Schule geht?»

Die Frage nach der Herkunft der Adressen stellte sich auch das Erziehungsdepartement (ED). Pierre Felder, Leiter Volksschulen, sagte auf Anfrage der TagesWoche: «Wir haben intern abgeklärt, ob diese Daten von uns kommen könnten. Dies ist aber nicht der Fall.» Das ED habe die Daten von Schulkindern und deren Eltern in einem anderen Format abgespeichert, als sie dem Komitee der Schutzinitiative zur Verfügung standen. Konkret: Das ED habe die Doppelnamen von Familien erfasst sowie jeweils beide Elternteile der Schulkinder. Die Briefe hingegen waren in der Regel an die Mütter der Kinder adressiert.

«Daher ist für uns klar, dass die Adressen sicher nicht aus dem ED stammen», sagt Felder. Er habe Verständnis dafür, wenn sich die Eltern aufregen und sich fragen, woher die Absender ihre Adressen haben.

Weshalb sich das ED an die Initianten wandte und von diesen den Namen der Adressbeschaffungsfirma erhielt, bei denen die Daten gekauft wurden. Es handle sich dabei um die Schober Group in Bachenbülach (ZH).

Datengewinn durch Eigendeklaration

Verhökert diese Adressen von Müttern, die Kinder haben? Die Schober Group wollte auf Nachfrage keine Auskunft geben. Recherchen der TagesWoche haben jedoch ergeben, dass es solche Daten gibt. Sie stammen wohl aus der Eigendeklaration der Mütter. Bei der Geburt ihres Kindes erhalten sie im Spital einen Koffer mit unterschiedlichen Baby-Produkten geschenkt. Dieser enthält auch eine Bestellkarte, mit der die Mütter die Möglichkeit haben, weitere Geschenkkoffer zu erhalten, wenn sie Angaben zum Kind und, wenn sie wollen, zu dessen Vater machen.

In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zu dieser Karte steht, dass die auf der Bestellkarte angegebenen Informationen weiterverwendet werden können. Indem sie die Karte ausgefüllt zurückschickt, willigt die Mutter auch in diese AGB ein.

Das grosse Geschäft mit den Adressen

Derartige Baby-Koffer kommen von der Firma Present-Service in Zug. Geschäftsführer André Bühler bestätigt, dass eine solche Bestellkarte in diesen Koffern vorhanden ist. Und: «40 bis 50 Prozent der Frauen retournieren diese Karte.» Davon kreuzten über 90 Prozent der Mütter an, dass sie sie an weiteren Baby-Produkten und Informationen interessiert seien.

«Wir arbeiten vor allem mit den klassischen Firmen aus dem Baby- und Kinderbereich zusammen», sagt Bühler. Die Adressen würden für einen einmaligen Gebrauch «vermietet, nicht verkauft», wie Bühler betont. «Auch die Firma Schober hat schon Daten von Present-Service bezogen, um sie weiterzuvermieten», bestätigt er. «Wir wollen aber wissen, wofür die Daten eingesetzt werden», sagt Bühler. «Die Daten, die die Absender jener Briefe verwendet haben, stammen aber wissentlich nicht von uns», so Bühler. Auf welchem Weg genau die Initianten an die Adressen gekommen sind, lässt sich also nicht ergründen.

Die Erklärung mit den Bestellkarten leuchtet auch der erstaunten Martina Muster ein: «Gut möglich, dass ich damals eine solche Karte zurückgeschickt habe», sagt sie. Auch andere frischgebackene Eltern retournierten die Karte in der Vorfreude auf weitere Geschenke und Informationen rund um ihren Nachwuchs. Jetzt, Jahre später, flattert politische Propaganda ins Haus, mit der sie damals nicht gerechnet haben.

* Name der Redaktion bekannt

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. there is no such thing as a free lunch!!!!!

    von Kulturbetrachter Basel um 5.09.2012 um 11:36Uhr

    Auch nicht bei Babykoffern!

    Zig Jahre beteilige ich mich nicht mehr an Preisausschreiben, Gratisproben gegen Abgabe der Adressse etc. etc.
    Niemand verschenkt etwas ohne das eine Absicht dahinter steckt.


    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

5.9.2012, 06:27 Uhr

Wie die Sexualisierungsgegner zu ihren Adressen kamen

Text

Text:

  • 31.12.2012 um 15:56
    «Ein bisschen klöpfen muss es schon»

    «The same procedure as every year» fordert nicht nur die alte Miss Sopie von ihrem Butler James im Sketch «Dinner for one». Auch wir haben alle unsere jahrelangen Silvesterbräuche und -rituale. Das zeigt ein Besuch im Zauberlädeli.

  • 24.12.2012 um 15:00
    Machs doch selber!

    Die Kreativ-Abteilung der TagesWoche ist auch am Heiligabend aktiv. Hans-Jörg «Fonzi» Walter hat Geschenkpapier designt. Verwenden kann es jeder, der einen Drucker zur Verfügung hat.

  • 21.12.2012 um 20:19
    O du fröhliche Heilsarmee

    Die Heilsarmee ist wieder unterwegs. Anders als ihre Berner ESC-Kollegen haben die Basler weniger Hürden zu überwinden, damit sie singen dürfen.

  • 16.08.2012 um 09:26
    Korrektur
    Zum Artikel: Andere Uni, andere Sitten

    Liebe Frau Bockemühl, ihr Kommentar hat mich auf einen Fehler im Text aufmerksam gemacht: Es handelt sich um eine Zunahme der Möbilität um durchschnttlich 1,4 Prozent pro Jahr seit 2005. Viel ist das freilich auch dann nicht... Selbstverständli...

  • 03.08.2012 um 09:49
    Kein Velofahrerbashing
    Zum Artikel: Ein Schild für die Katz

    Guten Tag Herr Boesiger, um Velofahrerbashing geht es der TagesWoche keineswegs. (Ich bin selber Velofahrerin und finde solche Verkehrssituationen lästig.) Es ging uns vor allem darum, einen Augenschein von der Siuation am Blumenrain zu nehmen und die...

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