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TagesWoche

Tages Woche

Do, 23.05.2013

Ab in die Quartiere 

28.8.2012, 12:10 Uhr

Arbeit viel, Arbeit schwer

28.8.2012, 12:10 Uhr

Aydin Sen arbeitet 14 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Die Geschichte des Besitzers des Kiosks beim St. Johanns-Tor ist nur eine von vielen Geschichten vom Wandel des Quartiers. Und eine vernachlässigte. Von Philipp Loser

Philipp Loser: Aydin Sen in seinem Kiosk am St. Johanns-Tor.

Aydin Sen in seinem Kiosk am St. Johanns-Tor. (Bild: Philipp Loser)

Aydin Sen hat Schwielen an den Ellenbogen, vom Aufstützen in seinem kleinen Kiosk. Er hat einen bösen Rücken, vom vielen Stehen. Aber er mag nicht klagen. Alles gut, alles gut, sagt er meistens und lächelt dazu.

Besonders gut geht es ihm, wenn im späten Sommer die einzigen zwei freien Wochen des Jahres immer näher scheinen. Zwei Wochen Antalya mit der Familie, seiner Frau und den beiden Kindern.

Gute und andere Tage

Der Rest des Jahres: Um 5 Uhr in der Früh aufstehen. Den Kiosk bereit machen. Den Dreck der Nacht zusammenkehren (anscheinend schifft es sich noch gut im kleinen Warteräumchen neben seinem Kiosk), die Rolladen hoch, die Ellenbogen aufgestützt. Pause macht er keine. An guten Tagen bringt ein Taxifahrer einen Döner vorbei, an schlechten Tagen nicht. Um 19 Uhr das gleiche Prozedere umgekehrt. Die Zeitungen versorgen, die Ständer abräumen, den Rollladen runter und dann nur noch heim. Schlafen.

Sein Kiosk ist an sieben Tagen die Woche geöffnet, Angestellte hat Sen keine. Seine Frau arbeitet auch 90 Prozent, woanders, anders ginge es nicht, sagt Sen.

Alles gratis

Vor zwanzig Jahren kam er aus Istanbul in die Schweiz. Eine schöne Stadt sei das, aber nicht mehr auszuhalten. Der Verkehr, der Lärm, die Abgase. «Abends macht der Kopf weh.» Nach seiner Ankunft aus der Türkei arbeitete er bei McDonald’s, in der Nachtschicht beim Coop, dann, vor sechs Jahren, der Kiosk.

Und es lief schon besser für den Kiosk am St. Johanns-Tor. An einem guten Sonntag verkaufte Sen früher 200 Zeitungen. Heute werden noch 50 Stück geliefert, und die meisten bleiben liegen. Auf etwa 60 Prozent schätzt der Kioskinhaber den Rückgang bei den Printtiteln. «Die Leute lesen heute alles gratis. Auf ihrem iPhone, auf ihrem iPad.» Er überlegt sich, auf Zeitungen ganz zu verzichten. Der Kiosk weiter vorne, bei der Johanniterbrücke, verkaufe schon länger keine Zeitungen mehr und scheine nicht schlecht zu laufen.

Nur noch in den Randzeiten

Aydin Sen ist nur einer von vielen kleinen Gewerbetreibenden, die versuchen, im St. Johann zu überleben und es je länger je schwerer haben. Die indische Familie mit ihrem Laden an der Ecke Jungstrasse, Thiyahu Thamboo mit seiner Familie im Denner-Satelliten vorne an der Elsässerstrasse, die Kurden hinten an der Mülhauserstrasse – sie alle arbeiten Stunden, die den meisten Schweizern nicht zuzumuten wären. Die Randzeiten funktionieren noch einigermassen für diese kleinen Läden, wenn die Parkbesucher Bier und Zigaretten und Chips brauchen.

Für den normalen Einkauf gehen die Bewohner des St. Johanns in die grossen Zwei. Und beide, Migros und Coop, haben das Potenzial des aufgewerteten Quartiers erkannt. Coop hat kürzlich eine grosse Filiale an der Elsässerstrasse aufgemacht, die Migros baut noch an ihrem neuen Laden. Das Geschäft wird zwei Eingänge haben: einen zur Mülhauserstrasse, einen zur Elsässerstrasse. Dort, wo früher die kurdische Familie Saridas ihren Laden hatte.

Aber sie wollen nicht klagen. Sie reiben sich die Ellenbogen, halten sich den Rücken. Und machen weiter, Tag für Tag. 

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Reportage Aydin Sen

    von Stefan Holenstein um 28.08.2012 um 21:49Uhr

    Schöner Bericht, miserables Foto. Vielleicht sollte die Tageswoche doch ab und zu einen Fotografen mit auf Reportage nehmen.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Junkfood anstatt Gesundes

    von Wahrsager um 29.08.2012 um 04:51Uhr

    Anstatt Gesundes verkaufen alle Kioske Junkfood. Auch die meisten Fotografen wissen Nichts über einfache Sklavenblitzaufnahmen.
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

28.8.2012, 12:10 Uhr

Arbeit viel, Arbeit schwer

Text

Text:

  • 23.05.2013 um 12:00
    Grüne und Linke im falschen Film

    Immer wieder landen linke Exekutivpolitiker in atypischen Departementen. Dort müssen sie Überzeugungen vertreten, die ihnen oft zuwider sind.

  • 22.05.2013 um 15:57
    Die Stunde der Populisten

    Wie zynisch Politik manchmal sein kann, lässt sich an den Reaktionen nach den Ausschreitungen am Cupfinal schön aufzeigen. Gross ist die heimliche Freude der Konkordats-Befürworter, dass es endlich wieder einmal geknallt hat.

  • 20.05.2013 um 21:12
    Mit Hängen und Würgen bis zum bitteren Ende

    Fabian Frei ist der beste Basler – und schiesst an die Latte. Ziemlich symptomatisch für diesen verlorenen Cupfinal. Die Spieler in der Einzelkritik.

  • 13.05.2013 um 08:39
    Grenzgänger
    Zum Artikel: Milliarden aus der Fremde

    Sehr geehrter Herr Wilhelm, Sie weisen auf einen richtigen Punkt hin: In den Daten der Weltbank sind die Geldsendungen der Grenzgänger nicht erfasst. Im Fall der Schweiz machen die Summen der Grenzgänger, die ins Ausland fliessen, einen beträchtlichen ...

  • 29.04.2013 um 18:52
    Treffer...
    Zum Artikel: Fängt das wieder an!

    ... versenkt. Und natürlich korrigiert. Es grüsst aus dem Glashaus: Philipp Loser

  • 24.04.2013 um 11:59
    Speicherplatz
    Zum Artikel: Der Kalte Krieg ist nie vorbei

    Lieber Herr Meyer, Sie haben schon Recht: man soll nicht über jeden Hetzkommentar berichten. Das spezielle in diesem Fall ist der Umgang mit dem Kommentar durch die Gruppe Giardino. Das kann man durchaus aufzeigen, finden wir und opfern dafür gerne etw...

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