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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 22.05.2013

Lesung 

24.8.2012, 12:10 Uhr

«Die Klischees sind kompletter Bullshit»

24.8.2012, 12:10 Uhr

Am «22. Literatur-Openair grenzenlos» der Stadtbibliothek Basel heute Abend lesen Endo Anaconda, Constantin Seibt und Michèle Roten. Die TagesWoche hat die Kolumnistin getroffen und mit ihr über Frauen und Männer, über Klischees und Missverständnisse gesprochen. Von Monika Zech

Tom Haller/Echtzeit Verlag:

(Bild: Tom Haller/Echtzeit Verlag)

Sie sitzt auf der Treppe vor dem Eingang zum Tamedia-Haus in Zürich und raucht. Es ist Mittagzeit und Michèle Roten hat Hunger. Sie möchte etwas essen, am liebsten irgendwo draussen, wo man rauchen kann. Was mir sehr gelegen kommt. In ihrem Lieblingscafé am Stauffacher – «so ein richtiges, gemütliches Altwiiber-Kafi» – sind alle Tische besetzt. Wir gehen ins ehemalige «Coopi», damals tradi­tioneller Treffpunkt der Zürcher Linken, das jetzt «Certo» heisst.

Frau Roten, Sie haben viele Fans, haben Sie auch viele Neider?

Oft, wenn du kritisiert wirst und das Leuten erzählst, sagen die, diese Kritiker sind doch nur neidisch. Ich bin damit aber sehr vorsichtig, ich nehme Kritik immer ernst und versuche, sie nicht als Neid abzutun. Das wäre eingebildet und – ja, wie sich selber auf die Schulternklopfen. Es kann schon sein, dass es Neider gibt, aber ich versuche, sie nicht als solche wahrzunehmen.

Leiden Sie beim Schreiben? Wenn ich Sie lese, habe ich immer das Gefühl, das ist so locker hingerotzt.

Nein, ich leide extrem, das heisst, vor allem in der Phase, bevor ich schreibe. Wenn ich dann schreibe – in den guten Fällen –, dann läuft es. Aber vorher ist es oft schrecklich. Du musst ja einen Plan haben, wissen, was werden soll. Bis der Plan steht, Horror.

Ich habe auch ein bisschen rumgefragt, wer was von Michèle Roten wissen möchte. Zwei Reaktionen: Eine junge Frau zog eine Schnute und meinte: «Ach, mich interessiert deren Vagina nicht.» Ein Kollege aber bekam leuchtende Äuglein, und zwei Stunden später schickte er mir etwa zehn Fragen. Kommen Sie bei den Männern besser an als bei den Frauen?

Früher ja, das war glaub ich so. Aber damals passierte das, was Frauen oft widerfährt, wenn sie über Sex schreiben: Sie werden für manche Männer zum Sexobjekt. Je länger, je mehr sprechen meine Texte jedoch auch Frauen an. Ich würde sagen, jetzt ist es etwa ausgeglichen.

Mir ist aufgefallen, dass viele ältere Frauen Freude an Ihnen haben.

Ja? Wenn diese Frauen Spass haben, an dem, was ich mache, dann ehrt mich das besonders. Das sind ja Frauen, die schon einen langen Weg gemacht haben, und dass sie mich nicht total schlecht finden, beweist, sie können neue feministische Ideen akzeptieren. Deshalb ist auch der Preis der Somazzi-Stiftung so wichtig für mich. Dass die Auszeichnung genau aus der Ecke der gestandenen Feministinnen kommt, finde ich – uuschön! Ich hatte nämlich, als ich das Buch geschrieben habe, eine Riesenangst davor, dass die sagen würden: Du gehörst im Fall nicht zu uns. Dass sogar das Gegenteil eintraf und sie sagten: Das ist gut, was du machst, das freut mich wahnsinnig.

Diese Reaktion widerspricht jedoch dem Klischee, das Sie immer wieder hervorholen – von den schmallippigen Feministinnen in Caritas-Säcken, mit unrasierten Beinen. Die gibt es doch kaum.

Eben, es ist ein Klischee, das sage ich aber auch immer wieder. Zugegeben, es ist wahrscheinlich nicht gut, dass ich dieses Klischee so oft benutze. Aber eben, ich bin in einem Lernprozess. Doch das Normative, das der Feminismus haben kann, das ist etwas, was mich enorm abschreckt. Wie die Vorschriften eines Clubs, da musst du die und die Haltung haben. Alles, was du machst, auch das Privateste, wird sofort politisiert. Deshalb plädiere ich für eine modernere Variante des Feminismus.

Und wie sieht die aus?

Wo dieses Normative nicht mehr so stark ist. Ich finde, man sollte die Frauen zum Nachdenken anregen, zum Beispiel: Hast du dir schon mal überlegt, warum du dich in High Heels so gut fühlst? Aber man soll eine solche Frau nicht grad auf die Wiibli-Schiene abschieben und sagen, so eine kann keine Feministin sein. Damit habe ich Mühe. Mein Anliegen ist darum, dieses Normative genauso abzuschaffen wie das Klischee der unrasierten Caritas-Säcke.

Sie stellen dem Klischee Ihre Generation gegenüber: pro Sex, pro Mann, pro Spass. Als ich das las, dachte ich: Hallo! Wir hatten wohl mindestens so viel Spass wie die Jungen von heute. Wir sind einfach älter geworden, und alt zu werden ist verdammt schwierig. Du merkst plötzlich, dass Frauen eben doch auf ihr Aussehen reduziert werden.

Absolut. Das tun sie aber gern auch selber. Aber ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich jetzt, wo ich über dreissig bin, mich mit dem Thema Feminismus auseinandersetze. In den Zwanzigern war ich Verfechterin von Das-Leben-ist-geil-und-ich-kann-machen-was-ich-will. Es ist jetzt nicht gerade so, dass ich konkret merke, jetzt bist du älter geworden und erlebst Benachteiligungen ... aber ich glaube, dass mein Bewusstein langsam geschärft ist für solche Sachen. Und je mehr ich mit diesen gestandenen Feministinnen von damals Kontakt habe, desto mehr merke ich, was für ein kompletter Bullshit die Klischees sind. Und ich glaube, die sind bewusst und absichtlich von den Feminismus-Gegnern geschürt worden: Verpassen wir denen ein blödes Image, damit sie in die Ecke gedrängt werden und Ruhe geben.

Das ganze Interview ist in der aktuellen Printausgabe nachzulesen.

PS: Bei schlechtem Wetter findet das «22. Literatur-Openair grenzenlos» im Zunftsaal Schmiedenhof statt.

 

An den Kolumnen der 33-jährigen Frau, die seit ein paar Jahren regelmässig im «Magazin» der Tamedia AG erscheinen, scheiden sich die Geister: Einige verehren Michèle Roten wie einen Popstar, andere schnöden über sie. Und viele lesen sie ganz einfach gerne, weil sie – was nur wenige können – lustig auch über ernste Dinge schreiben kann. Zum Beispiel über Feminismus. Für ihr Buch «Wie Frau sein. ­Pro­tokoll einer Verwirrung», erschienen im Echtzeit Verlag, erhielt sie letzten Herbst den Somazzi-Preis, der besondere Verdienste in der Frauen­förderung auszeichnet. Roten ist verheiratet und Mutter eines 16-monatigen Buben. TagesWoche-Leser erhalten das Buch statt für 29 für 26 Franken, inkl. Porto und Spesen. Bestellung über die Website des Verlags.

 

  1. Quotentaubenschwänzchenforscherinnen

    von Regina Rahmen am 24.08.2012 um 14:00Uhr

    Liebe Frau Rothen
    Als Ihr Fan habe ich das Interview in der TaWo grad sofort gelesen. Nun bin ich ganz irritiert. Wäre Ihr Quotenvorschlag etwa anders herausgekommen, wenn Sie sich frisch der Entomologie oder dem Wasserfahren zugewandt hätten? Nun flehe ich Sie an, dass Sie durch Ihre Mutterschaft nicht ganz klischeemässig Ihren einzigartigen Humor verlieren. Also so als Betroffenheits-Kolumnistin in einem weiteren todlangweiligen Mamablog sollten sie nicht enden. Dann werde ich nämlich nicht mehr für Sie fänden - imfall ;-)))!
    Direktlink zum Kommentar

  1. Quotentaubenschwänzchenforscherinnen

    von Regina Rahmen um 24.08.2012 um 14:00Uhr

    Liebe Frau Rothen
    Als Ihr Fan habe ich das Interview in der TaWo grad sofort gelesen. Nun bin ich ganz irritiert. Wäre Ihr Quotenvorschlag etwa anders herausgekommen, wenn Sie sich frisch der Entomologie oder dem Wasserfahren zugewandt hätten? Nun flehe ich Sie an, dass Sie durch Ihre Mutterschaft nicht ganz klischeemässig Ihren einzigartigen Humor verlieren. Also so als Betroffenheits-Kolumnistin in einem weiteren todlangweiligen Mamablog sollten sie nicht enden. Dann werde ich nämlich nicht mehr für Sie fänden - imfall ;-)))!
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  2. lohnfreier Tag

    von Myriam Ziegler Biedermann um 25.08.2012 um 12:03Uhr

    Ich habe mich gefreut über das Interview mit Michèle Roten. Wichtig ist, dass unbezahlte Arbeit endlich die gleiche Wertschätzung erfährt wie bezahlte Arbeit. Michèle Roten und alle anderen Teilzeitarbeitenden haben keineswegs "arbeitsfreie Tage". Sie kümmern sich an den "lohnfreien Tagen" um Kinder, Haushalt und manch andere(s) und arbeiten richtig! Dies ist besonders für viele Männer, die nebst ihren Teilzeit-Partnerinnen zu 100% arbeiten, wichtig zu verstehen. Er 100%, sie Teilzeit ist nämlich das am wenigsten gleichberechtigte Partnerschaftsmodell überhaupt.
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

24.8.2012, 12:10 Uhr

«Die Klischees sind kompletter Bullshit»

Text

Text:

  • 21.05.2013 um 14:10
    Unsere Ente des Tages

    Das ist garantiert keine Zeitungsente: Eine Ente hat den Brunnen am Rümelinsplatz zu ihrem persönlichen Swimmingpool umfunktioniert.

  • 16.05.2013 um 15:34
    Jeder Franken zählt

    In der Regel äussern sich Politiker und Experten in endlosen Debatten zum Thema Mindestlohn. Hier erzählen drei Frauen über ihr Leben mit einem Lohn, der nirgends hinreicht.

  • 08.05.2013 um 19:53
    Kein Stress, alles online!

    Ein Online-Programm soll schwangere Frauen, wenn sie vorzeitige Wehen bekommen, beruhigen. Damit will das Unispital Basel das Risiko von Frühgeburten mindern.

  • 16.05.2013 um 22:59
    Absolut
    Zum Artikel: Schweiz nach Sieg gegen Tschechien im Halbfinal

    Lieber Fritz Hochhuth Nach 14 Stunden am Computer sitzen schaffe ich es kaum mehr, so viele Buchstaben zu lesen. Aber ich habe es doch getan, weil uns doch die Chefs und andere kompetente Leute immer sagen, wie wichtig die Hege und Pflege unserer Comm...

  • 15.04.2013 um 23:11
    merkwürdiges Rechtsverständnis
    Zum Artikel: Keine freie Betten für die englischen Fussballfans

    @fm70: Ich glaube nicht, dass ich ein merkwürdiges Rechtsverständnis habe. Aber aufgrund seltsamer Artikel wie des Wegweisugsartikels kann es durchaus vorkommen, dass in der Öffentlichkeit schlafende Personen von Polizeipatrouillen mehr oder weniger un...

  • 15.04.2013 um 17:41
    Zürich hilft…
    Zum Artikel: Keine freie Betten für die englischen Fussballfans

    @othmar.buchs Zürich würde vielleicht schon helfen, wenn es könnte. Aber offenbar ist auch Zürich ziemlich ausgebucht, weil viele Gäste und Angestellte der Baselworld in Zürich übernachten. Ist ja für die weitgereisten Menschen auch nur ein Vorort von ...

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