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«Viva con Agua»-Festival 

11.8.2012, 15:16 Uhr

Ein Auftakt nach Mass – trotz weniger Bass

11.8.2012, 15:16 Uhr

Für die dritte Ausgabe des «Viva con Agua»-Festivals mussten die Veranstalter notgedrungen den Fuss vom Bass-Pedal nehmen – was Stimmung und Spass rund ums kühle Nass auf dem Kasernenareal aber keineswegs bremste. Von und Alexander Preobrajenski

Fast könnte man die Feierlichkeiten auf dem Kasernenareal an diesem frühen Freitagabend für ein Quartierfest halten: Stolze Eltern, die mit ihrer Jungmannschaft im Buggy zwischen Kinder-Wasser-Werkstatt und Imbissbuden umher flanieren. Ältere südländische Ehepaare, die unter der warmen Augustsonne mit Karodecken auf der Kasernenwiese picknicken. Und schliesslich jugendliche Hipsters, welche die ebenso junge Foto-Kunst der Hamburger Street-Art-Gruppe «Strassenköter» wohlwollend mustern.

Tausende Schaulustige beim feuchtfröhlichen Treiben

Einzig die verspielte Electro-Pop-Folklore der Erfurter Newcomer Lilabungalow fällt etwas aus dem Rahmen, perlt zwischen feinsinniger Ironie und Indie-Appeal aus dem Äther und erinnert leise daran, dass hier eigentlich ein Festival im Gange ist. Erstaunlich lange wirkt die Musik bei der diesjährigen, dritten «Viva con Agua»-Ausgabe fast wie eine Art sachtes Hintergrundrauschen, verteilen sich viele hundert Besucher auf dem gesamten Areal, statt sich vor der Bühne für die Gratis-Konzerte zu versammeln. Speis und Trank, Spiel und Spass konkurrieren sogar einen versierten Routinier wie den Zürcher Reggae-Mundartrapper Phenomden, der alle Register ziehen muss, um die zunächst lichten Reihen vor sich zu füllen.

Erst nach Einbruch der Dämmerung lassen sich nun wohl mehrere tausend Schaulustige von den druckvollen Bässen und knackigen Rhythmen von Phenomdens Basler Begleitkapelle The Scrucialists mitreissen. Die virtuosen vier hier versammelten Instrumentalisten beweisen mit satt groovendem Funk, Dub und Reggae, Hip-Hop, Dancehall und Ska, ein weiteres Mal warum sie in ihrem Bereich seit Jahren zur europäischen Spitze gehören. Der satte Sound wiederum passt bestens zum feuchtfröhlichen Treiben des Trinkwasser-Festivals, wie auch zur multikulturellen Kleinbasler Kasernen-Kulisse.

Abstriche beim Schall-Pegel als Auflage

Doch kaum scheint die Party richtig lanciert, nehmen die Veranwortlichen um Kaserne-Musikchef Sandro Bernasconi und Festivalleiterin Danielle Bürgin notgedrungen bereits wieder den Fuss vom Bass-Pedal. Nach einer Umbaupause startet Dub Asante, die Band von Reggae-Legende Horace Andy, zunächst ohne den Leader – und dies nicht nur einiges gemächlicher als ihre Vorgänger, sondern auch deutlich leiser. Die strikte 96-Dezibel-Schallgrenze: Ein Kompromiss zwischen Veranstalter, Allmendverwaltung und lärmgeplagten Anwohnern, von denen einige in den letzten beiden Jahren heftig gegen den Lautstärke-Pegel des Festivals protestierten.

Als um halb elf unter grossem Jubel erstmals Horace Andys berühmtes Vibrato über der Kaserne erklingt, scheinen zeitgleich plötzlich auch auffällig viele Festival-Skeptiker aus dem Halbschatten der angrenzenden Strassen zu treten. Markus, 44, bestreitet, Teil einer orchestrierten Aktion zu sein – er habe sich nur mit seinen Nachbarn verabredet: «An Schlaf war bei den letzten beiden Ausgaben bis Mitternacht eh nicht zu denken», meint er und prostet der Runde zu: «Dieses Jahr haben wir aus der Not eine Tugend gemacht, und treffen uns nun alle hier zum Schlummertrunk.»

Einige Meter weiter fragt ein bereits etwas angeheitert wirkender Anzugsträger gar die Passanten, wie sie diesen Musikstil denn nun genau betiteln würden – ihn erinnere das Gebotene «schon an diesen jamaikanischen Märtyrer Bobby Marley – wissen Sie, der mit den verfilzten Haaren, dieser Cannabis-Heilige.»

Wenig Biss, aber viel Würze

Tatsächlich hat er nicht Unrecht: Horace Andy setzt bei seinem Auftritt nämlich ganz auf Tradition, und interpretiert seine Hits wie «Spying Glass» oder «Man Next Door», die ihn Anfangs der 90er Jahre als Sänger der Trip-Hop-Pioniere Massive Attack weltberühmt machten, allesamt im gemütlich vor sich hin tuckernden Roots-Reggae-Gewand. Diese Verwandlung gelingt zwar problemlos, der reizvolle Kontrast aus seiner warmen Falsettstimme und dem bedrohlich wabernden Electronica-Fundament geht dabei aber genauso verloren wie die zartbittere Grundstimmung. Statt der heiter-souveränen Altersmilde, die der 61-jährige Andy nach viereinhalb Karriere-Jahrzehnten hier an den Tag legt, hätte sich manch alter Trip-Hop-Fan wohl bisweilen einen Tick mehr Kühle und Schärfe, Biss und Würze gewünscht.

Ob der mehr als entspannten Atmosphäre dennoch milde gestimmt, verlegen viele Besucher ihren Fokus stattdessen auf den Genuss eines kühlen Blonden, eines scharfen Curry-Imbisses oder gar gemütlich im Gras fläzend auf die Inhalation würziger Rauchwolken. Dem sich langsam abzeichnenden Zapfenstreich ist die Laid-back-Beschallung sogar alles andere als abträglich: Pünktlich um halb 12 werden Andy und Band würdig verabschiedet, und die Party ins Kasernen-Innere verlegt, wo die «Turbo Audio Posse» der DJs Supa Arrow, Belly Ranking und S. Lechmann die Halle noch bis spät nachts zum Tanz animieren.

Draussen trudelt ein sichtlich zufriedenes Publikum von dannen – inklusive der beiden zuvor noch festivalkritisch eingestellten Anwohner, von denen der eine erfreut die Vermutung äussert, zu solch friedlicher Musik sogar noch vor Konzertende einschlafen zu können, und der andere zuletzt ohne Krawatte, dafür aber mit imposanter Spendenbechersammlung gesichtet wurde, wie er aus vollem Hals in den von anderen Festivalheimkehrern zum besten gegebenen «Redemption Song» miteinstimmte.

Endlich: die Erwärmung fürs Quartierklima?

Ein Auftakt nach Mass also – und allerbeste Voraussetzungen für den zweiten Akt von heute Samstag. Nach dem aufstrebenden Basler Pop-Nachwuchs von The Drops (16.30 Uhr) und We Loyal (18 Uhr) werden um 20 Uhr die Lokalmatadoren Lovebugs als mittlerweile gelüfteter «Surprise Guest» die Stimmung auf ihrem Stammplatz Kaserne zum Kochen bringen.

Ob sich die (Lärm-)Sensibilisierung der Festivalfans und die neuerworbene Toleranz der Kaserne-Anwohner auch während des abschliessenden Auftritts des Londoner Post-Punk-Trios We Have Band noch das Wasser reichen können, wird sich zeigen. Wenn ja, hätte sich das Festival als ehemaliger Stein des Anstossens in eine Win-Win-Situation verwandelt: für die geplanten Trinkwasserprojekte von «Viva con Agua» genauso wie für die vorsichtige Erwärmung des unlängst etwas frostigen Quartierklimas.    

Kasernenareal, Basel. Klybeckstrasse 1B. Sa, 11.08., ab 16.30 Uhr: «Viva con Agua»-Festival. Infos: www.kaserne-basel.ch

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11.8.2012, 15:16 Uhr

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