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Interview mit Peter Bodenmann 

7.8.2012, 15:18 Uhr

«Wer ein Kuschel-Hotel sucht, ist andernorts besser aufgehoben»

7.8.2012, 15:18 Uhr

Wirtschaftliche Unsicherheit, der starke Franken und das wechselhafte Wetter machen dem Schweizer Tourismus zu schaffen. Im Interview mit der TagesWoche sagt der ehemalige SP-Präsident und Hotelier Peter Bodenmann, weshalb sein Hotel im Sommer trotzdem eine Auslastung von 91 bis 94 Prozent hat.   Von und

Mara Truog: Peter Bodenmann und seine Waschmaschinen. Seit 1999 ist der ehemalige Präsident der SP vollamtlicher Hotelier. Die Politik verfolgt er als engagierter Kolumnist.

Peter Bodenmann und seine Waschmaschinen. Seit 1999 ist der ehemalige Präsident der SP vollamtlicher Hotelier. Die Politik verfolgt er als engagierter Kolumnist. (Bild: Mara Truog)

Im Juni gingen die die Logiernächte gemäss der Beherbergungstatistik des Bundesamts für Statistik um 5,5 Prozent auf 3,1 Millionen zurück. Vor allem die ausländischen Gäste fehlten den Schweizer Hoteliers: Sie buchten 3,6 Prozent weniger Nächte, während die Zahl bei den Schweizer Touristen um 1,8 Prozent zurückging. Etwas weniger von der Krise betroffen ist der Hotelier Peter Bodenmann. Sein Hotel «Good Night Inn in Brig würde auch etwas andere Gäste ansprechen, die weniger Chichi suchen, sagt er.

Der Tourismus leidet unter dem starken Franken. Und nun dieses Wetter!

Über das Wetter schimpfen bringt nichts.

Wie stark leiden Sie darunter? Und auf welches Gästesegment hat das Wetter den grössten Einfluss?

Plus/minus 20 Zimmer pro Nacht hängen vom Wetter ab. Wir sind ja schwergewichtig Tour-Operator und Hotel-Gastgeber in einem. Für ausländische Busgruppen machen wir Komplettpakete für mehrere Tage mit allen möglichen Leistungen. Da spielt das Wetter keine Rolle. Weil der Gast bucht, bevor die Wetterprognose steht. Aber für den Schweizer Individualgast ist das Wetter wichtig. Wenn der Bucheli sagt: «Morgen schiffts», dann bleibt er daheim auf dem Balkon.

Die Preise in Ihrem Hotel sind vergleichsweise tief …

… in etwa europäische Konkurrenzpreise.

Bitte?

Bei einem Frankenkurs von 1.40 waren wir sehr konkurrenzfähig. Jetzt hat sich das etwas verschoben. Die zentrale Frage ist ja immer: Welchen Preis ist ein Gast bereit zu zahlen? Und da liegen wir trotzdem noch knapp im Bereich, der auch für EU-Gäste akzeptabel ist.

Für ein Einzelzimmer zahlt man bei Ihnen 84 Franken. Ihre Konkurrenz verlangt deutlich mehr. Gibt das nicht Ärger wegen Ihrer Dumping-Preise?

Brig zählte vor gut 10 Jahren nicht einmal 50'000 Übernachtungen im Jahr. Heute sind es 150'000. Davon machen wir die Hälfte. Auch die anderen Hotels profitieren von der Dynamik unseres 300-Betten-Hotels. Wir sprechen auch etwas andere Gäste an, die weniger Chichi suchen. Deshalb haben wir im Sommer eine Auslastung von 91 bis 94 Prozent.

Wieso machen das denn die anderen nicht?

Wir haben den Vorteil der Grösse. Und einen durchrationalisierten Betrieb. Die Kosten pro Zimmer und Tag sind tiefer als in anderen Hotels, wo der Gast dafür mehr familiären Flair und individuelle Betreuung geniesst.

Sie verzichten bewusst auf Gemütlichkeit, Romantik?

Wer ein Kuschel-Hotel sucht, ist andernorts besser aufgehoben.

Wie spüren Sie die gegenwärtige Frankenstärke?

Wir sind im gleichen Gefängnis zuhause wie die Exportindustrie: Ent-weder verkauft man die Waren und Zimmer zu europäischen Preisen oder man verkauft weniger. Besser geht es der Basler Pharma-Industrie. Bundesrat Alain Berset garantiert den Milliardären des Basler Daig über erhöhte, staatliche Medikamentenpreise einen Kurs von über 1.50 Franken pro Euro. Auf Kosten der zu hohen Krankenkassenprämien. Im Gegensatz zur Basler Pharma hat das Gastgewerbe in Bern keine Lobby, die funktioniert.

Was müsste der Bundesrat denn tun, um dem Tourismus ähnlich gute Bedingungen zu schaffen wie der Pharma?

Wir wollen keine Extrawürste. Bekommen sie auch nicht. Stattdessen braucht die Hotellerie schwergewichtig drei Dinge: erstens europäische Lebensmittelpreise. Zweitens eine kostenlose nationale Buchungsplattform. Und drittens effizienteren Einsatz vorhandener Mittel, damit alle Schweizer Hotels Null-Energie-Hotels werden.

Spüren Sie eigentlich bereits, dass der Dollar wieder anzieht?

Wir nicht, andere schon. Brig ist kein Ort für Amerikaner und ist auch im asiatischen Raum nicht von Bedeutung. Für Zermatt sieht dies anders aus.

Woher kommen denn Ihre ausländischen Gäste?

Schwergewichtig übernachten bei uns Rentner aus dem Euro-Raum, vorab deutsche. Sie leiden immer noch nachhaltig unter der unsozialen Politik der Herren Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Sie kommen mit dem Bus, weil die Eisenbahn zu teuer und zu ineffizient ist. Was haben Sie für das Ticket von Basel nach Brig bezahlt?

78 Franken.

Ja, aber Halbtax. Für deutsche Touristen ist die Anreise mit der Bahn zu teuer. Wir bieten ihnen hier ein Vier-Tages-Programm: Zermatt, Chamonix, Stresa, im Glacier-Express-Panoramawagen nach Disentis und zurück. Brig liegt sehr zentral, ist ein guter Ausgangspunkt, um die schönsten Orte in den Alpen zu erleben. Ich weiss nicht, ob Sie schon mal auf dem Aiguille du Midi gewesen sind. – Eben nicht. – Es gibt nicht nur die Toskana, sondern auch die Berge der Heimat, dieseits und jenseits der Grenzen.

Wieso ein Vier-Tages-Programm?

Nach vier Tagen muss man so oder so die Wäsche wechseln. Fünf Tage mit vier Übernachtungen liegen auch finanziell noch drin. Die Gäste haben die alpinen Highlights gesehen. Fahren zufrieden zurück und können der Familie und den Freunden etwas erzählen.

Schweizern bieten Sie dieses Paket auch an?

Anbieten schon, aber sie buchen es nicht. Für Schweizer ist unser Hotel der ideale Ausgangspunkt für Wanderungen im Wallis. Viele arbeiten in Brig und Umgebung. Oder besuchen Verwandte oder Freunde.

Auch wenn es hier in Brig ein günstiges Bodenmann-Hotel gibt, können sich normal verdienende Schweizer Familien Ferien im eigenen Land kaum mehr leisten.

Im Sommer bekommt man günstige Angebote. Skifahren im Winter ist zu teuer. Hier braucht es neue Ideen, damit die Preise für Skiferien dank höherer Auslastung endlich sinken. Der entscheidende Hebel wären übertragbare Generalabonnemente, die alle Besitzer von Zweitwohnungen kaufen müssten – als flankierende Massnahme zur angenommenen Initiative von Franz Weber. Aber wir müssen auch beweglicher werden. Heute Morgen stieg mir ein Induktionsherd aus. Neupreis in der Schweiz 25'000 Franken. Ich war bereits eineinhalb Stunden im Internet und am Telefon. Vielleicht bekomme ich ihn für weniger als den halben Preis aus Deutschland. Aber das ist nicht ganz einfach.

Warum?

Ein Händler schreibt, er dürfe nicht in die Schweiz liefern. Weil der Hersteller gleichzeitig Generalimporteur sei. Er schlägt den Umweg über eine Adresse in Lörrach vor. Das ist alles etwas kompliziert, weil die Wettbewerbskommission zu wenig aktiv ist. Finanziell zentraler sind europäische Lebensmittelpreise, die ja auch alle Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen überproportional und deshalb unsozial belasten. In Bern hat es zu viele Bauern, die als Nationalräte ihre Branche schützen. Sie sitzen wie Fliegen auf dem Miststock. Auf Kosten der kleinen und mittleren Einkommen und auf Kosten des Gastgewerbes, das 1,1 Milliarden Franken zu viel bezahlt für die Lebensmittel.

Ihr Problem sind nicht nur die Kälbermäster. Schweizer gehen nach Österreich in die Skiferien, weil es billiger ist. Und weil sie dort freundlicher behandelt werden.

Sowohl in Österreich als auch in der Schweiz gibt es ja sehr viele Ostdeutsche, die im Service arbeiten. Die sind wahrscheinlich in der Schweiz so freundlich oder unfreundlich wie in Österreich. Wenn wir die Verschiebungen im Tourismus während der letzten zwei, drei Jahre anschauen, so haben die nichts mit Freundlichkeit zu tun, sondern nur mit dem Wechselkurs. Wenn der Preis nicht mehr stimmt, wandert der Gast weiter. So einfach ist das.

Warum hat der Tourismus denn so eine schwache Lobby?

Das hat damit zu tun, dass sich der Hotelier oder der Wirt tendenziell politisch nicht exponieren will. Er hat Angst, einen Teil der Kundschaft zu verlieren. Es gibt auch andere, schmeichelhaftere Erklärungen: Wir müssen arbeiten, und die Bauern sind unterbeschäftigt. Darum haben sie Zeit, in Bern herumzu-rutschen.

Sind denn die Bauern Ihre hauptsächlichen Gegenspieler?

Waren Sie schon in Österreich? Sind die Landschaften weniger gepflegt? Sind die Bäuerinnen und Bauern unglücklicher? Das Gegenteil ist richtig. Die Schweiz soll ihre Bauern weiterhin mit vier Milliarden Direktzahlungen unterstützen. Und parallel dazu nach dem Prinzip handeln: Fördern und fordern. Wir brauchen mehr rurale Beweglichkeit.
Noch wichtiger als die Bauern sind in der Schweiz die Banken und die Pharma. Die bürgerlichen Parteien hängen an der Nadel des Finanzplatzes und der Chemie. Und tanzen nach deren Vorgaben.

Aber wenn es in Bern um Tourismusförderung geht, stimmen die Bauern doch zu?

Wie viel gibt die Schweiz pro Jahr für die Bauern aus? Vier Milliarden direkt und vier Milliarden indirekt. Acht Milliarden. Was gibts für den Tourismus? Mal 10 oder 20 Millionen, um unsere Tourismus-Bürokraten ein bisschen zu ölen. Und dann geht in den Medien erst noch das Theater los. Das zeigt, wie unfähig wir als Branche waren, sind und vorerst bleiben.

Das ganze Interview in der TagesWoche vom 3. August 2012 – am Kiosk oder im Abo.

 

Peter Bodenmann
Er war eine der prägenden Figuren seiner Zeit, ein schillernder Politiker, ein brillanter Rhetoriker. Peter Bodenmann (60), in den 90er-Jahren Präsident der SP, lieferte sich mit Franz Steinegger oder Christoph Blocher Duelle, die für die Verhältnisse der Schweizer Innenpolitik nichts weniger als episch waren. 1997 wurde er als erster Sozialdemokrat in den Walliser Staatsrat gewählt. 1999 trat er bereits wieder zurück. Nach seinem Ausstieg aus der Politik eröffnete Bodenmann mit seiner Frau das «Good Night Inn» in Brig und verlegte sich auf die Rolle des Beobachters. In unzähligen Kolumnen für die «Weltwoche», «L’Hebdo» oder den «Blick» kommentiert er seither das politische Geschehen in der Schweiz.

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7.8.2012, 15:18 Uhr

«Wer ein Kuschel-Hotel sucht, ist andernorts besser aufgehoben»

Text

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  • 10.10.2013 um 15:12
    Eine Welt mit anderen Regeln

    Verstreut über ganz Europa leben 300 Menschen die Utopie, dass es weder Hierarchien noch Lohnarbeit braucht. Und zwar in der Kooperative Longo maï. Sie feiert nun ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung in Basel. Eröffnet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten heute Abend. Andreas Schwab stellt sein neues Buch «Longo maï – Pioniere einer gelebten Utopie» vor.

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    Ein politisch frühreifes Mädchen

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  • 28.07.2013 um 22:55
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    Zum Artikel: Machts doch selber!

    Lieber Herr Holzapfel, Reden wir doch einfach bei einem Kaffee über Ihre Probleme. Es bleibz absolut anonym und meine Adresse ist: urs.buess@tageswoche.ch Mit freundlichem Gruss Urs Buess

  • 28.07.2013 um 21:11
    Souverän ist anders …
    Zum Artikel: Machts doch selber!

    @Holzapfel Ich würde Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch treffen. Melden Sie sich bitte unter urs.buess@tageswoche.ch Mit freundlichem Gruss Urs Buess Pubizistischer Leiter, TagesWoche

  • 27.09.2012 um 21:26
    Fonzi trainiert
    Zum Artikel: Fonzi trainiert

    Heute Abend ist der Helikopter schon sehr zielgerichtet geflogen.

Text

Text:

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