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Olympische Spiele 

1.8.2012, 18:37 Uhr

Ein 1. August zum Vergessen

1.8.2012, 18:37 Uhr

Fabian Cancellara? Von seinem Sturz gezeichnet. Mike Kurt? Am Tor vorbeigefahren. Max Heinzer, Fabian Kauter? Im Achtelfinal ausgestochen. Statt eines Medaillenregens hagelte es am Nationalfeiertag nur Schweizer Enttäuschungen. Von

Naja, ist der Beobachter geneigt zu sagen: Immerhin gibt es da noch diesen Mann Namens Roger Federer. Der Baselbieter hat getan, was getan werden musste, nämlich den Usbeken Denis Istomin zu schlagen. Er steht wie geplant im Viertelfinal des olympischen Tennisturniers.

Und damit hätten wir dann die guten Neuigkeiten aus Schweizer Sicht bereits hinter uns gebracht. Ausgerechnet am 1. August, am Nationalfeiertag, regnete es für die Schweiz nicht Medaillen, nein es hagelte Enttäuschungen. Sogar Federer wartete am Ende noch mit einer Enttäuschung auf, als er mit seinem Partner Stanislas Wawrinka im Doppel verlor. Das Aus für die Titelverteidiger kam gegen die Israelis Andy Ram und Jonatahn Erlich. Ganz ehrlich, wer kannte die beiden vorher nicht?

Ein bitterer Auftakt im Degenfechten

Das Unheil aber hatte bereits kurz nach dem Mittagessen seinen Lauf genommen. Innerhalb von einer halben Stunde strichen gleich zwei Medaillenkandidaten das Segel. Dabei hatte Degenfechter Max Heinzer sein Duell im Achtelfinal gegen Ruben Limardo aus Venezuela noch mit einer 3:0- und einer 4:1-Führung furios begonnen. Aber danach war Lichterlöschen.

Erst sei er nach seiner Führung «zu passiv» gewesen, gab der Mann der Fechtgesellschaft Basel selbstkritisch zu, danach «zu aggressiv». Und am Ende wohl einfach nur noch nervös. 11:15 hiess das Endresultat aus seiner Sicht.

Fabian Kauter schliesst sich dem Kollegen an

Gleich darauf schloss sich Fabian Kauter seinem Kollegen Heinzer an. War der schnell gestartet, so misslang Kauter der Einstieg in das Gefecht mit dem Franzosen Yannik Borel komplett. Am Ende verlor Kauter mit demselben Resultat wie Heinzer. Zweimal 11:15 für die Weltnummern 2 (Kauter) und 5 (Heinzer) – was für ein bitterer Auftakt in diesen Tag.

Damit war der Grundton aus Schweizer Sicht gesetzt. Als nächstes sollte sich Kajak-Paddler Mike Kurt den Fechtern resultatmässig anschliessen. Vorher aber noch (als kleine Auflockerung) Fabian Kauter als Rapper Yuri mit seinem Song «Oukey». Damit wenigstens etwas an diesem Tag okay ist.

 

Ganz und gar nicht oukey war danach die Welt von Mike Kurt. Zweimal schon war der Schweizer an Olympischen Spielen an den (eigenen?) Erwartungen zerbrochen. Und nun galt das alte Bonmot, dass aller schlechten Dinge drei seien.

Ein ganz fieses Tor gab es in diesem Halbfinal des Kajak-Slaloms. Die Nummer 19 musste nicht nur bergauf angefahren werden. Nein, auf dem Weg zu ihr mussten die Fahrer auch die heftige Strömung durchqueren. Viele hatten hier ihre lieben Probleme. Aber nicht Kurt. Der war scheinbar so sehr darauf konzentriert, dieses verflixte 19. Tor gut zu passieren, dass er bereits an Tor Nummer 18 scheiterte. Er fuhr vorbei, 50 Strafsekunden waren das Resultat – aus der Traum vom Finaleinzug.

Das zerbrochene Schweizerkreuz – ein Sinnbild für den ganzen Tag

Kurt hätte wohl in sein Paddel beissen können. Stattdessen zerstörte er es mit blossen Händen. Das zerbrochene Schweizerkreuz auf der Schaufel seines Paddels – es war das beste Sinnbild für diesen 1. August in London.

Denn natürlich war der schwarze Mittwoch damit noch nicht beendet. Es musste sich ja auch noch Fabian Cancellara auf seiner Zeitfahr-Maschine abquälen (die Wörter Fahrrad oder Velo scheinen hier komplett fehl am Platz).

Eigentlich war doch bereits seit seinem Sturz im Strassenrennen klar, dass der Titelverteidiger keine Medaille gewinnen würde. Doch der Berner setzte sich trotz der Schmerzen in seiner Schulter auf das Rad. Und brachte so wenigstens Claude Jaggi dazu, eine Spitzenleistung abzurufen. Der Kommentator des Schweizer Fernsehens baute soviele wenn, hätte, könnte und würde in einen einzigen Satz, dass ihm der Weltrekord kaum zu nehmen ist.

Cancellara erinnert sich an die Ideale von Pierre de Coubertin

Cancellara selbst wirkte nach dem Rennen gefasst. Am Samstag, beim Strassenrennen, da habe er eine Chance vergeben, die «auf dem goldenen Tablett» gelegen sei: «Heute aber habe ich etwas fürs Leben mitgenommen.» Ja, er erinnerte sich gar an die Worte des Begründers der Spiele der Moderne, Pierre de Coubertin, als er feststellte: «Das Grösste heute ist, dass ich überhaupt ins Ziel gekommen bin, dass ich an den Olympischen Spielen teilnehmen konnte.»

Und wer wollte einem Profi böse sein, der solche Dinge sagt? «Wenn ich hierhin gekommen wäre und einen auf halbe Wurst gemacht hätte, dann dürftet ihr mich auf den Mond schiessen», meinte Cancellara, «aber ich habe alles gegeben – ich bin stolz auf mich. Jetzt freue ich mich, meine Familie wieder zu sehen.»

Bleibt die Frage, wie die Schweizer Delegation mit all den Enttäuschungen der ersten Woche umgeht. Missions-Chef Gian Gilli tat es zunächst mit so etwas wie einem Witz: «Die Frage ist, ob wir den Feiertag noch auf morgen verschieben können.»

Durchhalteparolen – was sonst?

Aber dann holte Gilli die Durchhalteparolen aus dem Fundus. Das klang dann im Schweizer Fernsehen so: «Jetzt ist es wichtig, dass wir uns nicht ins Gilet weinen.» Und: «Wir müssen schauen, dass wir die Spannung aufrecht erhalten können.» Oder: «Es gibt Sportler, die erst noch anreisen. Wir haben immer noch Top-Chancen mit Top-Sportlern.» Und schliesslich der absolute Klassiker: «Wir müssen positiv bleiben.»

Aber was hätte er denn sonst anderes sagen sollen?

Morgen ist bekanntlich immer ein neuer Tag. Und an diesem ganz spezifischen neuen Tag steht zum Beispiel Ruderer Simon Niepmann aus Grenzach mit dem Schweizer Leichtgewichtsvierer im Final der besten sechs Boote (11 Uhr Schweizer Zeit).

P.S. Die Schweiz ist an Olympischen Spielen bislang erst zweimal ohne Medaillen geblieben: 1912 in Stockholm. Und 1908 in ... London.

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