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TagesWoche

Tages Woche

Do, 20.06.2013

Stimmenfestival 

29.7.2012, 14:16 Uhr

Körperklänge im Donnergrollen

29.7.2012, 14:16 Uhr

Mit den Barbatuques wurde das Stimmenfestival für einen nassen Abend lang zum kultigen Körper-Event, und begeisterte die Zuhörer zudem mit Yemen Blues, einer neuen Supergruppe der Weltmusik. Von Stefan Franzen

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques (Bild: Juri Junkov)

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques (Bild: Juri Junkov)

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques (Bild: Juri Junkov)

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques (Bild: Juri Junkov)

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques

Stimmen Festival 2012: Yemen Blues / Barbatuques (Bild: Juri Junkov)

Nein, wirkliche Schönheiten sind sie nicht. Die vier Frauen wirken eher burschikos denn feminin, und unter dem Männerquartett befindet sich auch kein ausgesprochener Adonis. Doch die Barbatuques aus São Paulo sind ja auch nicht zu einem Beauty Contest angetreten. Sie erzeugen mit ihren Bodies vielmehr Klang - und zwar vom Scheitel bis zur Sohle.

Scha-kum-dum-tschiki-dum!

An diesem Abend im Rosenfelspark wird das Stimmen- zu einem Körperfestival. Schon beim Einzug der wilden Acht geht es eher zu wie bei einem indianischen Powwow, da wird mit den Füßen gestampft, werden Kriegsschreie ausgestoßen und anschließend alle Zutaten dieser Körpermusik höchst unterhaltsam durchexerziert: Die Künstler schlagen sich auf den Brustkorb, klatschen variationsreich in die Hände und Fäuste, schnalzen mit den Fingern, ploppen saftig mit Lippen und Mündern, steppen Bassdrum-Rhythmen wie im HipHop in den Bühnenboden.

Das alles wird stupend zu einem Netzwerk von Rhythmen verzahnt, und auch das melodische Element kommt nie zu kurz: Es wird gejauchzt, gemaunzt, gebellt, chromatische Chorlinien wechseln mit fantasievollen Silben, die mit dem vollmundigen Portugiesisch Brasiliens spielen, wo es so viele Lehnwörter der Indios und Afrikaner gibt: Scha-kum-dum-tschiki-dum! Zusammen mit einer einfallsreichen Choreographie, die mal nach Tanztheater, mal nach Streetdance-Musical ausschaut, wirkt das außerdem sehr sportiv: Warum ist Körpermusik eigentlich nicht olympisch?

Dampflok und Schlammspringer

Immer wieder machen die Barbatuques Station im traditionsreichsten Teil Brasiliens, dem Nordeste. Mit einer indianischen Flöte findet sich da Helô Ribeiro zum Duell ein mit dem Bud Spencer-gleichen Star der Truppe, Marcelo Pretto, der ihr mit einer Art Nasenflöte begegnet. Kehlköpfig grunzend und furzend tritt Pretto dann mit Maultrommel ins Spotlight, die Frauen entgegen ihm mit einem lichten Chor, zu dem er schließlich eine Rap-Explosion liefert im harten, synkopischen Maracatú-Rhythmus.

Aber es geht auch ganz ohne traditionelle Bezüge: Da fügt sich das Oktett plötzlich zu einer Dampflok zusammen, tutend, zischend, ratternd und mit flitschenden Pleuelstangen. Auch das Publikum wird zum ganzen Körpereinsatz aufgefordert: Mauricio Maas lehrt die Zuhörer die Grundtechniken, kreiert mit ihnen ad hoc ein Stück Ganzkörpermusik. Da viele mittlerweile ihren Regenponcho anhaben, erzeugt das noch einmal ganz neue Sounds.

Ach ja, das Wetter. Es macht aus dem Barbatuques-Konzert schließlich eine glitschige Angelegenheit. Die Gewittergüsse von oben interagieren mit dem Schmatzen und Ploppen auf der Bühne, so dass man sich schließlich mitten im Mangrovensumpf wähnt, umgeben von lustigen Wasserfröschen und Schlammspringern. Als just am Ende eines Stücks der Donnergott gewaltig überm Park grollt, bekreuzigt sich Marcelo Pretto. Und der Wolkenbruch sorgt leider für ein vorzeitiges Ende der großartigen Barbatuques-Performance.

Pelvisschwung, Reibeisenorgan

Nach dem Gewitter eine weitere dicke Überraschung: Die israelische Band Yemen Blues, mit vielen Vorschusslorbeeren als neue Supergroup der momentan dahinkränkelnden Weltmusikszene bezeichnet, entert die Bühne. Da geht's gleich ungeheuer druckvoll zur Sache: Sänger Ravid Kahalani schnitzt mit rauem Ton markerschütternde Melismen ins Mikro und bricht dann mit viel Funk und Sexappeal in eine nasale Urgewalt aus, von der sich gar eine Janis Joplin noch eine Scheibe abschneiden könnte. Dabei hat er auch noch den Pelvisschwung und die drängenden Trippelschritte eines Otis Redding verinnerlicht.

Der charismatische Kahalani kokettiert mit Retro-Hemd und Absatzschuhen mit Siebzigerjahre-Ästhetik, auch der nickelbrillige Oudspieler Shanir Blumenkranz sowie der rotmähnige Perkussionist Rony Iwryn lassen die Tage der Hippies hochleben. Zusammen mit dem Bechertrommler Itamar Doari, dessen Instrument wie der heilige Gral leuchtet, sowie einer Minibläsersektion mit Rafi Malkiel (tb) und Matan Chapnizka, wird der kompakte Sound einer Bigband aufgetürmt.

Groove der Wüstenlaute

Das ist tatsächlich innovativ und wirkt nicht - wie so oft in der Worldmusic - zusammengestückelt. Die Musiker aus Tel Aviv, New York und Uruguay paaren den Groove der bassigen Wüstenlaute Gimbri mit hitzigen Salsa-Interludien, unternehmen imaginäre Reisen von Nubien nach Memphis und steigern Tempo und Intensität in jedem Stück über ein und dem selben Riff. Das ist keine akkordisch ausgefeilte Musik, das ist purer Drang, und auch eine Ballade endet zwangsläufig in ekstatischem Posaunenfeuer.

Der globale Clou: Kahalani holt Pretto nebst zwei weiteren Barbatuques zurück, und gemeinsam feiern sie einen fantastisch gegrummelten und gekrähten Blues. Große Begeisterung im tanzenden Park. Für alle, die das Genre totsagen wollten, gibt es am Ende schlechte Nachrichten: Die Weltmusik ist quicklebendig und hat neue Helden.

  1. laut. lauter, am lautesten

    von Brigitte Sahin am 29.07.2012 um 22:40Uhr

    Ich stimme mit der Berichterstattung weitgehend überein: es war supertoll, mitreissend und absolut originell original! Die Yemen Blues aber von Beginn weg schlicht zu laut, sodass ich mehrere ZuhörerInnen in meinem Alter getroffen habe, die dann nicht wegen des Regens (dem sie noch tapfer standgehalten hatten) sondern ihren Ohren zuliebe vorzeitig weggegangen sind. Das ist schade! Aber gerade bei Leuten wie mir, die schon vor 40 Jahren an Konzerten rumgelümmelt sind, liegen so viele Phons schlicht nicht mehr drin. Openair noch eher, aber wenn wie gestern sogar die WC-Schüsseln mit den Bässen mitwummern, dann ist das schlicht unnötig. Trotzdem: ich komme wieder, es lebe das Stimmenfestival :-)
    Direktlink zum Kommentar

  1. laut. lauter, am lautesten

    von Brigitte Sahin um 29.07.2012 um 22:40Uhr

    Ich stimme mit der Berichterstattung weitgehend überein: es war supertoll, mitreissend und absolut originell original! Die Yemen Blues aber von Beginn weg schlicht zu laut, sodass ich mehrere ZuhörerInnen in meinem Alter getroffen habe, die dann nicht wegen des Regens (dem sie noch tapfer standgehalten hatten) sondern ihren Ohren zuliebe vorzeitig weggegangen sind. Das ist schade! Aber gerade bei Leuten wie mir, die schon vor 40 Jahren an Konzerten rumgelümmelt sind, liegen so viele Phons schlicht nicht mehr drin. Openair noch eher, aber wenn wie gestern sogar die WC-Schüsseln mit den Bässen mitwummern, dann ist das schlicht unnötig. Trotzdem: ich komme wieder, es lebe das Stimmenfestival :-)
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Informationen zum Artikel

29.7.2012, 14:16 Uhr

Körperklänge im Donnergrollen

Text

Text: Stefan Franzen

  • 30.05.2013 um 12:12
    Sinfonien mit Swing

    «Miles, Duke and Nick»: Das Sinfonieorchester Basel und der Trompeter Nicholas Payton rollen in glühenden Farben und sinnlicher Tongebung die Geschichte afro-amerikanischer Orchesterwerke auf.

  • 24.05.2013 um 11:43
    Grosse Soulkunst in kleinem Rahmen

    Nur mit Stimme, Posaune und Gitarre begeisterten Chamber Soul aus Zürich im Bird's Eye mit intensiver Intimität und der Voice-of-Switzerland-Sängerin Brandy Butler.

  • 04.05.2013 um 18:26
    Zwei Brüder gesponsert vom Schöpfer

    Habib Koité und Eric Bibb zeigten als «Brothers In Bamako» in der Kaserne Basel, dass Westafrika und die USA musikalisch noch mehr verbindet als der Blues.

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