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TagesWoche

Tages Woche

So, 26.05.2013

Drogen 

27.7.2012, 00:01 Uhr

Das Vorbild von damals ist träge geworden

27.7.2012, 00:01 Uhr

Basel spielte bei der Etablierung der liberalen Schweizer Drogenpolitik einst eine Pionierrolle. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Von Dani Winter

Keystone: Die ersten Basler Gassenzimmer wurden auf private Initiative eingerichtet: das vom Verein Virus betriebene Fixerstübli am Lindenberg (Dezember 1990).

Die ersten Basler Gassenzimmer wurden auf private Initiative eingerichtet: das vom Verein Virus betriebene Fixerstübli am Lindenberg (Dezember 1990). (Bild: Keystone)

So stark das Interesse der internationalen Medien an der offenen Drogenszene auf dem Platzspitz war, so gross war die Beachtung für die neue Politik, mit der die Schweiz sich aus dem Sumpf des Drogenelends befreite: Statt die vertriebenen Junkys wegzusperren oder einfach ihrem Schicksal zu überlassen, erklärte man die Schadensminderung zu einer der vier Säulen, auf denen die Schweizer Drogenpolitik bis heute fusst.

Bedenken wegen Fixerstübli

Gerne geht vergessen, dass es private Initiativen waren, die für die ersten Gassenzimmer und Tagesstrukturen sorgten. Die ersten Fixerräume gab es in den Autonomonen Jugendzentren in den 1980er-Jahren. Später betrieb in Basel der Verein Virus das ­Fixerstübli am Lindenberg – gegen den Widerstand der Behörden. Noch im Dezember 1991, unmittelbar vor der Räumung des Platzspitzes in Zürich, verfügte die Basler Regierung die Schliessung des Fixerstüblis – weil, so der damalige Polizeidirektor Karl Schnyder in einem Schreiben an die Betreiber, «in Anbetracht der Störungen und Gefahren, welche vom Betrieb des Fixerstübli ausgehen, das gedeih­liche menschliche Zusammenleben unmittelbar und schwer beeinträchtigt» werde.

Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repres­sion

Trotzdem war Basel die erste Stadt der Schweiz, die eine kohärente Drogenpolitik einführte. Verkörpert wurde sie durch Schnyders Nachfolger Jörg Schild, den heutigen Präsidenten von Swiss Olympic. Massgeblich mitgestaltet wurde sie von Thomas Kessler, der 1991 zum ersten Basler Drogendelegierten ernannt wurde. Zwischen 1991 und 1993 wurde das Vier-Säulen-­Modell aus Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repres­sion im Stadtkanton mit einer zentral koordinierten Politik umgesetzt. Drei Gassenzimmer wurden eingerichtet und die offenen Szenen wurden aufgelöst.

Die neue Drogenpolitik wurde von einer Mehrheit der Basler Bevölkerung getragen, wie sich 1994 zeigte: 66 Prozent der Stimmberechtigten sagten Ja zu einem Kredit von 1,24 Millionen Franken für ein Pilotprojekt zur Heroinverschreibung. Schild, der sich als Leiter des baselstädtischen Betäubungsmitteldezernats und dann als Chef der Bundespolizei den Ruf eines «scharfen Hundes» erworben hatte, entwickelte sich als Polizeidirektor zum Pragmatiker. 1994 wurde er vom Bundesrat mit dem Vorsitz der Kommission zur Revision des Betäubungsmittelgesetzes («Kommission Schild») betraut.

EKDF schlägt Entkriminalisierung vor

Thomas Kessler, von Haus aus Agronom, hatte lange vor seiner Zeit als Chefbeamter ein Konzept für die Selbstversorgung der Schweiz mit Hanf erstellt. Diese würde Erwachsenen den Anbau zur Selbstversorgung erlauben und den Mehrbedarf durch streng kontrollierte inländische Produktion durch Bergbauern decken. So liesse sich die Qualität der verkauften Ware kontrollieren, der Wirkstoffgehalt deklarieren – und statt Kosten für die Repression entstünden dem Staat sogar Einnahmen. Voraussetzung dafür wäre natürlich die Legalisierung des Konsums. «Ich würde bis heute kein Komma ändern an diesem Konzept», sagt Kessler. Und: «Den Anbau des für die Heroinabgabe benötigten Mohns würde ich genauso regeln.»

Kesslers Wirken als Drogendelegierter war von den gleichen Überzeugungen geprägt, die er heute noch in die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen (EKDF) einbringt. Die EKDF schlug schon in ihrem Cannabis-Bericht 1999 eine Entkriminalisierung des Konsums und einen regulierten legalen Zugang zu Cannabis vor. So könnte nicht nur die Glaubwürdigkeit der Drogenpolitik erhöht, sondern auch wirksamer Jugendschutz betrieben werden. Der Bericht wurde von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen, wofür Kessler politische Gründe verantwortlich macht.

Liberalisierung bleibt das Ziel

Im 2008 erschienenen Update hielt die EKDF an ihren ursprünglichen Aus­sagen fest. Die Politik aber war längst vom Legalisierungszug abgesprungen. «Statt den Rahmen abzustecken und die zu regelnden Details der Verordnung zu überlassen, ergab man sich darin, die Konsumbestrafung bis ins letzte Detail regeln zu wollen», resümiert Kessler. Für ihn «ein Beleg dafür, dass die Kohärenz erst teilweise in der Realpolitik angekommen ist und immer wieder Rückschlägen ausgesetzt ist».

Heute ist von der Vorreiterrolle Basels nicht mehr viel zu spüren. Das Drogenproblem wird verwaltet, ein Drug-Checking-Angebot wie in Zürich fehlt völlig. Auf internationaler Ebene haben andere Länder der Schweiz den Rang abgelaufen. Portugal etwa verzichtet seit Jahren auf die strafrechtliche Verfolgung von Konsum und Besitz kleiner Mengen auch harter Drogen.
An der Liberalisierung, so Kesslers Überzeugung, führt aber auch bei uns kein Weg vorbei: «Nur so lassen sich die Produktion und die Märkte unter Kontrolle bringen.»

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Politische Gruende?

    von Heinz Müller um 21.11.2012 um 18:25Uhr

    'Politische Gruende' fuer die fehlende oeffentliche Beachtung des Cannabis-Berichts der EKDF -- was koennte damit gemeint sein? Stillschweigende Abkommen unter den Parteien vielleicht, die Sache totzuschweigen, da die Schlussfolgerungen und Empfehlungen des Berichts den von vorherein fixierten Repressionsabsichten zuwiderlaufen?

    Mir scheint, spaetestens seit der 2008 abgelehnten Volksinitiative «für eine vernünftige Hanf-Politik mit wirksamem Jugendschutz» muss man sich das fehlende oeffentliche Interesse fuer jegliche Information, welche einer Legalisierung insgesamt positive gesellschaftliche Auswirkungen attestiert, auf eine viel simplere Art erklaeren: Wenn der ueberwiegende Teil der Bevoelkerung selber kein Interesse an Cannabis hat, dann wird dieser ueberwiegende Teil der Bevoelkerung jegliche pro-Hanf-Leglisierungs-Information schlicht ignorieren -- und mag sie noch so breit abgestuetzt und/oder wissenschaftlich fundiert sein. Nach dem Motto: Wenn ich es selber nicht brauche, warum sollte ich es dann einem Anderen zugestehen?

    Umso erstaunlicher, dass sich in Colorado vor kurzem eine Mehrheit der Bevoelkerung fuer die Legalisierung entschieden hat, wo doch auch dort weit weniger als die Haelfte der Bevoelkerung Hanf konsumieren mag.
    Direktlink zum Kommentar

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Informationen zum Artikel

27.7.2012, 00:01 Uhr

Das Vorbild von damals ist träge geworden

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Text:

  • 26.04.2013 um 21:29
    Seitenblicke zur Baselworld

    High Heels, enge Jupes, feinster Zwirn und mondäne Frisuren: Die Baselworld versprüht für einige Tage im Jahr das Parfüm der Edlen und Reichen in der sonst so bescheidenen Bebbistadt. Oberhofknipser Hans-Jörg Walter hat sich auf Fotosafari begeben. 

  • 08.03.2013 um 14:23
    Polizei nimmt elf Zenit-Fans fest

    Nach dem Europa-League-Spiel FC Basel gegen Zenit St. Petersburg waren gemäss Kantonspolizei Fans der beiden Clubs unterwegs zur Mittleren Brücke. Die Polizei verhinderte das Aufeinandertreffen der Gruppierungen und nahm elf Personen fest.

  • 28.02.2013 um 15:57
    Schluss mit lustig

    Ein Drämmli-Chauffeur kündete die Haltestelle St. Jakob mit einem träfen Novartis-Spruch an. Jetzt drohen ihm Konsequenzen.

  • 20.05.2013 um 15:40
    Vielen Dank ...
    Zum Artikel: Die TagesWoche baut ihr digitales Angebot aus

    ... für Ihr Lob und Ihre Anregungen. Der bevorstehende Umbau und die geplanten Neuerungen sollen so transparent wie möglich erfolgen. Geben Sie uns bitte ein bisschen Zeit, um das alles sorgfältig aufzugleisen, wer regelmässig vorbeischaut, kriegt alle...

  • 14.04.2013 um 09:09
    Na schön!
    Zum Artikel: Gewonnen!

    Sie haben es so gewollt. Vielen Dank an dieser Stelle für die lieben Worte. Da wird der Sonntagsdienst am ersten Sommertag gleich viel erträglicher.

  • 28.03.2013 um 15:45
    Mit Verlaub …
    Zum Artikel: Mal nicht im Stau stehen

    … und bei aller Liebe zu meiner alten Heimat: Für ein Osterwochenende ist Büsingen eine denkbar schlechte Wahl. Erstens trifft man kaum jemanden an, denn die Büsinger sind es recht eigentlich, die den Stau vor dem Gotthard jeweils verursachen. Zweitens...

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