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Berlin 

13.7.2012, 00:01 Uhr

Der sexy Arm der Freiheit

13.7.2012, 00:01 Uhr

Berlin gilt als neues Kreativmekka. Doch wie lebt es sich «arm, aber sexy»? Die TagesWoche hat Schweizer Künstler im Exil besucht. Von und Henning Bock

Ein wolkenverhangener Montagnachmittag Ende Juni: Während das kulturelle Leben in diesem Moment wohl schweizweit gerade den Jahrestiefpunkt erreicht, vermischen sich 1000 Kilometer nördlich an der Skalitzerstrasse Feierabend- und Ferienverkehr zum Rush-Hour-Stau. Nix los also?

Im Gegenteil: Berlin-Kreuzberg brummt. Am Ufer der Spree sprühen die Funken, der Bezirk rund um die Oberbaumbrücke platzt aus allen Nähten. Alle paar Meter geben Strassenmusiker Konzerte, verteilen Promoter Flyer, machen Schmuckverkäufer, Gaukler und Strassenkünstler auf sich aufmerksam. Gleichzeitig bahnen sich Rucksacktouristen und nimmermüde Clubber den Weg durch die Menge, um zur nächsten, letzten After-Hour eines durchgefeierten Wochenendes zu gelangen. Zum Beispiel im «Kater Holzig», wo die Partyreihe schlicht «SaSoMo» heisst, weil die Sause hier jeweils von Samstag- bis Montagnacht dauert.

Die Leichtigkeit des Seins

Berlin im Sommer gleicht heuer einem grossen Feriencamp. Derweil die Einwohner ihrem Arbeitsalltag nachgehen, fallen zeitgleich Horden erlebnishungriger Touristen aus aller Welt über ihren Kiez her und frönen im Feier­mekka der Leichtigkeit des Seins.

Inmitten des globalisierten Geschnatters, wenige Schritte vom weltberühmten Club Watergate entfernt, sitzen Sandro Simon, Fabian Trümpy und Ben Kuster von der aufstrebenden Basler Band We Loyal auf einem abgewetzten Sofa und warten geduldig auf ihren Soundcheck.
In wenigen Stunden wird das Trio hier im Live-Club Magnet den Abend als Vorgruppe eröffnen. Von der ausschweifenden Ausgelassenheit draus­sen ist bei den drei Männern Mitte 20 wenig zu spüren. We Loyal spielen nicht das erste Mal hier, aber die Anfrage kam kurzfristig, man suchte einen Ersatz für eine abgesprungene Band, jemand empfahl die Basler.

Die Gage: Nicht der Rede wert – doch um Geld zu verdienen, sind die Lokalmatadoren nicht nach Berlin gezogen. Vor einem Dreivierteljahr wagten We Loyal den Sprung ins kalte Wasser der Spree-Metropole. «Es hätte auch New York oder London sein können», erklärt Sänger Sandro Simon: «Wichtig war, dass wir weg aus unserer geschützten Werkstatt, raus in die Welt wollten.»

Für das ambitionierte Trio ein folgerichtiger Entschluss: Denn bereits von Beginn war klar, dass ihr Traum nicht an den Stadtgrenzen enden sollte. Kein Zufall, dass die Wahl dabei auf Berlin fiel: «Berlin liegt im Zentrum Europas. Hier passiert unglaublich viel, unzählige grosse Firmen und Agenturen sind hier angesiedelt. Manchmal hat man den Eindruck, jeder in dieser Stadt ist Künstler, Promoter, Booker oder Clubbetreiber.»
Wer in Berlin lebe, habe Zugang zu Netzwerken, die für Schweizer Verhältnisse undenkbar seien. Zumindest theo­retisch: Denn tatsächlich ziehe die Stadt mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl Kreativer an. Dass die Konkurrenz gross sei, habe aber durchaus auch positive Effekte: «Genauso gross ist die Chance, spannende Künstler aus der ganzen Welt kennenzulernen.»

Tatsächlich: Berlin boomt. Nicht nur im Tourismus, wo man dieses Jahr mit 24 Millionen einen weiteren Besucherrekord erwartet. Auch die Stadt selbst wächst: 160 000 Neuzuzüger zählt die Statistik für 2011, beinahe so viel wie die Stadt Basel Einwohner hat. Einer der wichtigsten Wachstumsfaktoren dabei: das kulturelle Leben der Hauptstadt.

Mittlerweile 300 000 Erwerbstätige umfasst die «Kreativwirtschaft» laut offizieller Standortbroschüre: Damit arbeiten zehn Prozent der Einwohner der zweitgrössten Stadt Europas im «kreativen Sektor», der Film, Musik, Kunst genauso beinhaltet wie Mode, Design, Clubs – und mit 27 Milliarden Euro bereits über einen Fünftel des städtischen Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Einem Zukunftsszenario der Forschungsagentur Prognos zufolge könnte der kreative Sektor bis 2030 gar zum grössten Wirtschaftsmotor werden – und Berlin damit zur «Welthauptstadt der Kreativen».

Die flächengrösste Stadt Mitteleuropas punktet mit verschwenderisch viel Freiraum sowie tiefen Lebenshaltungskosten und zieht damit Scharen von Künstlern an, die sich in diesem hippen Ambiente zu entfalten hoffen. «Arm, aber sexy» eben, wie Bürgermeister Wowereit den Reiz Berlins bereits vor einem Jahrzehnt auf den Punkt brachte. Kein Wunder, dass auch eine ganze Generation junger Schweizer die Spree-Metropole entdeckt hat, und mittlerweile bereits 4500 Eidgenossen– fast zwei Drittel davon zwischen 15 und 45 Jahre jung – täglich Berliner Luft schnuppern.

Mit nur einem Koffer – völlig naiv

Dem war nicht immer so. Ursula Andermatt kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als ihre Wahlheimat auf Skepsis stiess. «Nicht nur in der Schweiz hielt man mich für verrückt. Auch in Berlin hörte ich ständig: Was, Sie sind Schweizerin? Warum leben Sie dann ausgerechnet hier?!», resümiert die 48-jährige Schauspielerin, die wegen eines Engagements von Zürich nach Berlin zog, zarte zwanzig damals, «mit nur einem Koffer, völlig naiv» – und blieb.

Damals erfuhr sie die Macht der Mauer, die jede Reise in der geteilten Stadt zum Spiessrutenlauf machte, ganz unmittelbar. Am Anfang habe sie nachts oft geweint. Doch dann wuchs angesichts der «harten Stadt» auch die eigene Stärke, und Andermatt begann sich dem rauen Charme der «Berliner Schnauze» gegenüber zu behaupten. Heute liebt sie den Puls ihrer Metropole, «die stets in Bewegung ist und ihr Gesicht verändert»: «Fünf Jahre hat es gedauert, bis ich richtig ankam. Heute habe ich mein Berlin gefunden – und möchte es nicht missen.»

Wie sehr Andermatt den Berliner Pioniergeist verinnerlicht hat, zeigt das zweite Standbein der Theater- und Filmschauspielerin. Aus Freude am Nähen und dem Unwillen, Geld für teure Mode auszugeben, entstand «AndermattBerlin» – ein Modelabel, «das mittlerweile mehr Prominenz geniesst als ich selbst», wie Andermatt augenzwinkernd konstatiert. Dass ihre Taschen, allesamt handgefertigte Unikate, von Stars wie Oscar-Preisträger Christoph Waltz getragen werden und kürzlich an der Art Basel zum Verkaufsschlager mutierten, scheint beste Werbung zu sein für die unkonventionell-postmodernen Karrieren, die den Mythos Berlin prägen.

Denn im überbordenden Kreativkosmos rechnet heute kaum einer mehr mit einer linearen «Tellerwäscher-Karriere». Hört man den Tausenden Latte-Macchiato-trinkenden, auf ihre Macbook-Tastatur einhämmernden «Kreativen» in den Szene-Kneipen zu, lautet das Paradigma längst «Projekt». Man hangelt sich vom einen zum anderen, arbeitet meist an mehreren gleichzeitig, damit eines zum nächsten führt und sich ein neues Türchen auftut.

Bloss niemals liegen bleiben

Dass die Hoffnung jener oft beklagten «Generation Praktikum» nicht vergebens ist, beweist Raphael Grischa. Bereits als Kind entwickelte der in einem Ostschweizer Dorf aufgewachsene Künstler eine enge Beziehung zur Heimatstadt seiner Mutter, erinnert sich etwa, wie er «als Bub kurz nach der Wende ein Stück Stein aus der Mauer schlug». Nachdem er mehrere Ausbildungen abgebrochen hatte, verschlug es den heute 25-Jährigen 2007 erstmals alleine nach Berlin, wo der Hip-Hop-Fan ein Praktikum beim Label seines Idols Prinz Pi ergattert hatte.

Hier, in der blühenden Berliner Rapszene, habe er gelernt, «was Biss, Ehrgeiz und Hartnäckigkeit bedeuten». Er organisierte erste Ausstellungen, hielt sich mit Grafikaufträgen über Wasser, musste aber schliesslich in die Schweiz zurückkehren, weil seine Mutter schwer erkrankte. Später schlug sich der Stadtnomade in Basel, London, Rotterdam und den Favelas von Rio durch, bis er 2010 definitiv nach Berlin zog. Monatelang hauste er zunächst im Atelier, einer alten Neuköllner Fabrikhalle. Um ungestört zu schlafen, baute er sich eine kleine Holzkammer. «Der alltägliche Überlebenskampf im Grossstadtdschungel setzt ganz andere Energien frei», bilanziert er rückblickend: «Man darf nie nachlassen, denn es gibt immer jemanden, der härter arbeitet.»

Mittlerweile hat sich Grischa vom Praktikanten zum Art Director hochgearbeitet, designt Cover und Logos von Rapstars wie RAF 3.0. Zwar liegt seine WG nur wenige Strassen vom «Watergate» entfernt – Zeit zum Feiern bleibe aber kaum noch, lacht Grischa und verzieht das Gesicht: Gerade arbeitet er Tag und Nacht an einem Stop-Motion-Videoclip, baut gleichzeitig im Tempelhofer Heim der Grosseltern sein neues Atelier. Hier bereitet er auch seine erste grosse Solo-Ausstellung vor, die ab Oktober in der Basler Galerie Daeppen gezeigt wird.

Die Zeichen stehen gut für Grischa. Dennoch bleibt der Nachwuchskünstler nüchtern: «Sicherheit gibt es hier keine. Sobald man liegen bleibt, ist man weg vom Fenster. Ohne Anker fällt man dann ins Bodenlose.» Eine Rückkehr sei für ihn trotzdem keine Option mehr. «Früher kam ich mir hier sehr klein vor. Heute bin ich überzeugt, dass ich meinen Platz finde. Die Dynamik dieser Stadt ist ein Traum. Wer es hier schafft, schafft es überall.»

Bereits auf dem besten Weg zum Durchbruch befindet sich der 30-jährige Laend Phuengkit. 2009 schloss der Zürcher mit thailändischen Wurzeln in Basel sein Modedesign-Studiums ab. Drei Jahre später präsentiert Phuengkit seine neuen Entwürfe an der Berlin Fashion Week – jener aufstrebenden Modemesse also, die letzte Woche eine Viertelmillion Besucher verzeichnete. Während der Show, einer kühnen Kombination von Streetwear und Couture für urbane Fashionistas, drängen sich mondäne Jetset-Ladys, US-Hipster und kritzelnde Fashionblogger ins Scheinwerferlicht des Catwalks – und lassen den Designer trotz des Rummels sympathisch zurückhaltend wirken.

«Ich wusste, dass ich die Schweiz nach meinem Abschluss verlassen musste», sagt Phuengkit tags darauf in seinem Kreuzberger Showroom. Dass er Berlin den Vorzug gab, hatte – wie so oft – auch finanzielle Gründe: «Hier kann ich mir ein eigenes Atelier, eine Wohnung und eine Dépendance in Zürich leisten, das heisst: ohne Stress an zwei Orten präsent sein.»

Lässigkeit als Lebensgefühl

Auch wenn Berlin noch nicht über dieselbe Tradition wie Paris oder Mailand verfügt, ist Phuengkit überzeugt, dass sich die Stadt an der internationalen Modespitze etablieren wird: «Berlin ist bereits jetzt ein starker Brand. Die Szene hier ist sehr facettenreich und experimentierfreudig.» Der typische Kreuzberger Look, eine Mixtur aus alternativ-trashiger Lässigkeit und gewagten Outfits, inspiriere ihn: «Die Mode spiegelt das Lebensgefühl der Stadt: entspannt und doch stets spannend.» Keine Schattenseiten? Der Jungdesigner denkt lange nach. «Vom Lebensstandard her ist Berlin natürlich nicht mit der Schweiz vergleichbar. Aber Berlin, das bedeutet für mich: Freiheit.»

Freiheit: Ein grosser Begriff. Das Wort fällt auffallend oft, wenn es um den Reiz der Spree-Stadt geht. Woran aber lässt sich die Freiheit festmachen? An der tolerant-liberalen Grundhaltung? Am Umgang mit Raum, der hier tatsächlich oft Freiraum ist? An der Aufbruchstimmung, der Energie, dem Eindruck, dass alles möglich ist?

Till Schneider hat sich viel Zeit gelassen: Sechseinhalb Jahre pendelte er zwischen Basel und Berlin, bevor er sich 2010 für die Freiheit entschied. «Im Kern ist es eine Liebesgeschichte», lautet sein Fazit. Zunächst eine ganz klassische: Nach jahrelanger Fernbeziehung zog er zu seiner grossen Liebe Anya. Die beiden verbindet die Liebe zum Spiel mit dem Feuer. Buchstäblich: Denn beide sind Feuerkünstler und leiten mit «In Love with Fire» eine Kompanie für Feuershows und -artistik. «In der Schweiz ist es natürlich kaum möglich, ein bezahlbares Atelier dafür zu finden», konstatiert der ehemalige Lehrer trocken. Anders in Ost-Berlin, wo den beiden gleich um die Ecke ihrer Lichtenberger Wohnung ein grosses Areal zur Verfügung steht, das Übungsraum, Manufaktur für ihre Jonglierartikel-Linie «Fairy Wings» und Kostümschneiderei vereint.

Doch trotz aller Freiräume: Genauso niedrig wie die Kosten sind auch die Löhne, die einen Grossteil der «Kreativen» zum Prekariat machen. «Vom Netzwerk her ist Berlin das Paradies auf Erden. Die Gagen sind dagegen eine Katastrophe», konstatiert Schneider. Wie viele Feuerkünstler erwirtschaftet «In Love with Fire» einen Grossteil des Einkommens im Ausland – kürzlich etwa mit einer Tour durch Oman, oder mit regelmässigen Schweizer Gastspielen. «Ohne Billigflieger würde diese Rechnung niemals aufgehen», betont Schneider.

Wie aber überleben all die «Kreativen», die mit Berliner Löhnen vorliebnehmen müssen, während ihre Stadt zunehmend vom Easy-Jetset bevölkert wird? Vielen ist die Freude am Berlin-Hype vergangen. In Kreuzberg sind ganze Strassenzüge mit Plakaten tapeziert, die gegen die Verdrängung der «echten» Berliner an den Stadtrand, gegen die Gentrifizierung des Kiezes durch zugezogene «Kreative» mobil machen. Manche seiner Freunde seien richtig wütend über die Hipster-Welle, welche weiter an der Preisspirale drehe, erzählt Grischa. Dass in vielen Bars und Clubs Englisch als Standardsprache die «Berliner Schnauze» abgelöst hat, heitert die entnervten Bewohner kaum auf.

Und bereits droht neues Ungemach: Die auf 2013 angekündigte Tarifreform der Musikverwertungsgesellschaft Gema könnte mit der geplanten Erhöhung der Abgaben um bis zu tausend Prozent auch die letzte Sicherheit, das florierende Nachtleben, zum Erliegen bringen. Während We Loyal im fast ausverkauften «Magnet» vor vollen Reihen spielen, demonstrieren zeitgleich 5000 Berliner lautstark gegen die düsteren Zukunftsaussichten. Hinter einem der DJs, die den Protest musikalisch begleiten, hängt ein Transparent: «Suche Job ab 1. 1. 2013»

Uneingeschränkt: Ja

Doch auch We Loyal nahmen für ihren Aufenthalt Abstriche in Kauf: Bevor sie ihre jetzige WG fanden, lebten sie zu dritt in einer Einzimmerwohnung. Die grösste Illusion, so alle drei unisono, sei, «dass Berlin so wahnsinnig billig ist». Als Tourist scheine Berlin günstig: «Aber nicht, wenn man hier lebt. Keiner verdient viel Geld.» Zurzeit ist die Berliner Zukunft der Band noch in der Schwebe, in den nächsten Monaten soll der Entscheid fallen.

Würden sie jungen Künstlern dennoch empfehlen, nach Berlin zu ziehen? «Uneingeschränkt: Ja!» antwortet Sandro und seine Kollegen nicken. Man müsse sich nur über eines im Klaren sein: «Wer nach Berlin zieht, verzichtet auf vieles.» Und gewinne dafür eines: Freiheit. Für Freigeister, die der engen Schweiz entfliehen wollen, bedeutet dies nach wie vor: alles.

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