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TagesWoche

Tages Woche

So, 19.05.2013

Euro 2012 

29.6.2012, 01:00 Uhr

Ein Getwitter hat sich entladen

29.6.2012, 01:00 Uhr

Die Euro 2012 ist die erste, an der die Fussballfans auf Twitter nicht zu überhören sind. Im Kollektiv bieten sie sich als Alternative zu den Fernsehkommentatoren an. Von David Bauer

Keystone: Donbass-Arena in Donezk am 15.6.: Wegen eines Gewitters musste 
das Spiel Ukraine–Frankreich unterbrochen werden.

Donbass-Arena in Donezk am 15.6.: Wegen eines Gewitters musste das Spiel Ukraine–Frankreich unterbrochen werden. (Bild: Keystone)

Noch ist die Geschichte dieser Europameisterschaft nicht zu Ende geschrieben. So manches erinnerungswürdige Kapitel hingegen steht fest. Die Euro 2012 war jene, in der es die Spanier schafften, mit ihrem perfekten Spiel zu langweilen. Jene Euro, an der die Engländer so schlecht waren wie nie, die Holländer noch schlechter, die Deutschen dagegen eine Wucht. Es war die Euro, an der die Torrichter ihre Überflüssigkeit eindrucksvoll bewiesen. Wir erinnern uns, wie der Himmel über Donezk die Schleusen öffnete. Wie die Uefa uns mit Löw einen Bären aufband. Und natürlich: Bendtners 100 000-Euro-Unterhose, Blaszczykowskis Hammer, Ibrahimovics Kunstschuss, Pirlos Geniestreich.

Das Finale auf Twitter
Wenn am Sonntag um 20.45 Uhr in Kiew der Final der Europameisterschaft angepfiffen wird, dann sind auch mehrere Redaktoren der TagesWoche wieder twitternd mit von der Partie. Florian Raz ­alias @razinger, Christoph Kieslich alias @cokiesel, David Bauer alias @ersatzinger und Philipp Loser alias @philipploser. Alle Tweets zum Final können Sie (auch ohne ­eigenes Konto bei Twitter) mitlesen unter: www.twitter.com/hashtag/euro2012

All diese Episoden, die das Turnier prägten, wurden nicht nur wie gewohnt in Pubs und Public Viewings bestaunt und durchlitten, auf Fernsehschirmen und in Zeitungen kommentiert, sondern in Echtzeit von Abertausenden Menschen auf den Kurznachrichtendienst Twitter mitgeschrieben und verbreitet.

Die Euro 2012 wird auch als das gros­se Fussballturnier in Erinnerung bleiben, an dem das Gezwitscher im Netz unüberhörbar wurde.

Bisher stand Twitter vor allem als dezentaler Nachrichtenkanal im Fokus, etwa nach dem schweren Erdbeben in Japan im März 2011 und vor allem während des «Arabischen Frühlings». Doch der Dienst hat sich inzwischen auch als fester Bestandteil von sportlichen Gross­ereignissen etabliert. Während des ­Finals des diesjährigen Super Bowls wurden zu Spitzenzeiten 12 000 Tweets pro Sekunde publiziert. Der aktuelle Rekord steht bei 13 684 Tweets pro ­Sekunde – aufgezeichnet während des Champions-League-Halbfinals Chelsea gegen Barcelona. Das Finalspiel der EM dürfte am Sonntag diesen Wert locker toppen.

Dass Twitter nun auch bei Fussballfans in ganz Europa einschlägt, erstaunt wenig. Der Dienst befriedigt zwei zentrale Bedürfnisse des Fans: Er möchte Fussball gemeinsam mit anderen schauen. Und er weiss alles besser. Twitter schafft einen virtuellen Raum, in dem die Spiele gemeinsam erlebt und kommentiert werden können. Ein Public Viewing, aber mit der ganzen Welt. Sprüche klopfen, aber so, dass es die ganze Welt lesen kann.

Seit die Euro am 8. Juni in Warschau angepfiffen wurde, reisst das Gezwitscher nicht mehr ab. Vor den Spielen, während der Spiele, nach den Spielen – Grund zu twittern gibt es immer. Twitter ist Fankurve, Stammtisch und Kommentatorenbox in einem. Doch während das Fernsehen gezwungen ist, genormtes Mittelmass bei ­Moderatoren und Kommentatoren aufzustellen, gibt es bei Twitter die komplette Spannbreite zwischen Weltklasse und verbalem Bolzplatz. Während das Fernsehen Emotionen und Humor für ein in der Summe konservatives Millionenpublikum dosieren muss, bietet Twitter rohe und unverblümte Meinungsäusserungen.

Das hat sein Gutes und sein Schlechtes. Man bekommt zu den Spielen auf Twitter messerscharfe Kommentare zu sehen («England have turned into the world’s biggest bus, parked at the very back of the depot. Ridiculous.») genauso wie Menschen, die meinen, den ­Totomat spielen zu müssen. Man bekommt gewitzte Analysen («Russland ist tschechisch klar überlegen.») wie abgeschmackte Witze («Deutschland wirft Griechenland aus Euro.»), nüchterne Statistiken («In den letzten 15 Minuten gegen Italien hat England nur 15 Pässe zustande gebracht.») und bierseeliges Gelalle. Freudentaumel vermischt sich mit ins Nationalistische kippendem Patriotismus. Alles in Portionen zu jeweils maximal 140 Zeichen.

Weil alle mitmachen können, ergibt sich ein wildes und fröhliches Neben- und Miteinander von etablierten Me­dien, echten und selbsternannten Fussballexperten, Fussballfans und Fussballprofis, die gemeinsam dem Sportereignis Euro 2012 eine zusätzliche Dimension verleihen.

Als Andrea Pirlo im Viertelfinal ­seinen Elfmeter nonchalant wie einst Panenka versenkte, gab es im Netz kein Halten mehr. Spaniens Verteidiger Gerard Pique tippte: «Pirlo is just class!» Der daheim gebliebene englische Stürmer Michael Owen: «Wow. Pirlo is a joke.» Aber auch weniger ­Bekannte verschafften sich Gehör, etwa jener Fussballfan, der twitterte: «Chuck Norris kauft sich heute ein ­Trikot von Pirlo.»

Dass Twitter mitten im Mainstream angekommen ist, zeigt sich auch daran, dass die grossen Fernsehstationen sich bemühen, einen Hauch dieser digitalen Hipness ins Programm zu integrieren. Das Schweizer Fernsehen zum Beispiel blendet in der Halbzeitpause einige handverlesene Tweets ein – wobei sich hier jemand offentlichtlich sehr grosse Mühe gibt, aus der Flut von Tweets die jeweils banalsten herauszupflücken («So ist Fussball. Wenn auch nicht fair, aber manchmal gewinnt der Bessere.»).

Das ZDF lässt Fussballexperte Oliver Kahn live in der Sendung seinen ersten Tweet absenden und inszeniert es, als wäre es eine Mondlandung. Den gewagtesten Brückenschlag zwischen alt und neu macht die ARD: Tweets zum Spiel kann man sich dort auf der Teletextseite 777 ansehen.

Ganz anders die Briten von der BBC. Deren Fussballexperte Gary Lineker, Torschützenkönig an der Weltmeisterschaft 1986, tippt sich während der Spiele auf Twitter jeweils selber die Finger wund und sorgt für beste Unterhaltung. Als die Deutschen ihr Startspiel eher glücklich gegen Portugal gewannen, konnte er gar sein legendäres Bonmot recyclieren: «Yeah yeah, 22 men kick a ball about for 90 mins and …» Und am Ende gewinnt immer Deutschland.

Könnten die Hüppis dieser Welt durch den Fernsehschirm hindurch in Wohnzimmer und Beizen blicken, so könnten sie sehen, dass kaum jemand Tweets im TV lesen will.

«Second Screen» heisst das Zauberwort. Die Hälfte aller Fernsehzuschauer, so fand das Marktforschungs­institut Nielsen unlängst heraus, hat während des Fernsehschauens einen «zweiten Schirm» zur Hand, ein Smartphone oder ein Tablet. Sie lesen und schreiben Tweets parallel zum Fernsehprogramm, die Interaktion findet direkt bei Twitter statt. Für immer mehr Fussballfans ist dies die bevorzugte Spielstrategie: Aus dem Fernsehen die Bilder, den Kommentar aus dem Netz. Der Schnurri und der Ruefer stehen im Abseits. 

Twitter ist ein personalisierter Nachrichtendienst. Wer ein kostenloses Konto bei Twitter anlegt, kann auf seinem Profil Kurznachrichten, sogenannte Tweets, von maximal 140 Zeichen Länge veröffentlichen und die Kurznachrichten von anderen Nutzern abonnieren. Bei Gross­ereig­nissen wie der Fussball-Europameisterschaft etabliert sich in der Regel ein Schlagwort, ein sogenannter Hashtag, mit dem alle Tweets zum Thema versehen werden. So können derzeit alle Tweets zur Europameisterschaft mit einer einfachen Suche nach #euro2012 gefunden werden. Twitter hat weltweit über 200 Millionen Nutzer, darunter neben Privatpersonen auch zahlreiche Prominente, Journalisten und praktisch alle grossen Medien. Der belieb­teste Fussballer auf Twitter ist der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Über 10 Millionen Menschen haben seine Tweets abonniert.

Update 2. Juli 2012: Der Rekord an Tweets pro Sekunde wurde während des Finalsspiels wie erwartet gebrochen. Zu Spitzenzeiten (nach dem 4. Tor für Spanien) wurden 15'358 Tweets gezählt, wie Twitter in seinem Blog schreibt. Total wurden 16.5 Millionen Tweets zur Europameisterschaft veröffentlicht.

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Informationen zum Artikel

29.6.2012, 01:00 Uhr

Ein Getwitter hat sich entladen

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Text:

  • 09.05.2013 um 21:42
    The incredible rise of migrants' remittances

    Migrants send more than 500 billion dollars to their home countries. After 2000, those remittances have rapidly overtaken official development aid. For the first time, a visualisation shows the evolution of migrants' remittances since 1970. Explore TagesWoche's interactive map.

  • 09.05.2013 um 17:46
    Der FCB und seine Finanzen: Rekord, Rekord, Rekord

    80 Millionen Franken Umsatz, über 27 Millionen Franken Transfereinnahmen – bisher unerreichte Werte hat der FC Basel im Geschäftsjahr 2012 erreicht. Fast 15 Millionen weist er als Gewinn aus, von denen 14 Millionen an die FC Basel Holding AG fliessen.

  • 09.05.2013 um 12:20
    Die Arbeit in der Schweiz, das Geld in der Heimat

    Bulgarische Migranten schickten 2011 eine Milliarde Dollar in die Heimat. Ohne die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland wäre ein Leben für viele Bulgaren kaum finanzierbar, sagt Sophie Dimitrova. Sie hilft mit ihrem Schweizer Lohn den Eltern in Bulgarien.

  • 13.04.2013 um 18:58
    Datenlage
    Zum Artikel: Die Nähe macht es aus

    Lieber Herr Wilhelm, Danke für die Ergänzung. Es ist in der Tat so, dass wir uns auf die von der Stadt publizierten Daten verlassen müssen. Andere Echtzeit-Daten gibt es nicht. Wir nehmen Ihren Input zum Anlass, nachzuprüfen, ob sich in dem von uns ...

  • 18.03.2013 um 10:52
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    Zum Artikel: «Halt das Wasser, Baby!»

    Lieber Herr Wilhelm Sie fragen sich, warum so viele Skripte von Drittanbietern auf unserer Seite laufen. Dazu muss ich etwas ausholen. Zunächst aber dies: Wir nehmen Ihre Anfrage zum Anlass, die ganze Seite nochmals durchzuchecken auf Skriptaufru...

  • 12.03.2013 um 17:50
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