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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 22.05.2013

Ein kleiner Nachruf 

20.6.2012, 15:33 Uhr

«Und wenn die Welt auch untergeht, das Twist wird für immer bleiben»

20.6.2012, 15:33 Uhr

In der Nacht auf diesen Mittwoch ist in Sissach nicht irgendein Pub abgebrannt. Mit dem «Twist» an der Bahnhofsstrasse verschwindet eine der letzten Gewissheiten. Ein kleiner Nachruf für einen verachteten Ort. Von Philipp Loser

Polizei BL (ausgerechnet!): Da geht es hin, das «Twist».

Da geht es hin, das «Twist». (Bild: Polizei BL (ausgerechnet!))

Sie haben uns erzählt von früher, von Säcken voller Drogen, von gescheiterten Existenzen und Randfiguren. Sie haben uns gewarnt vor zwielichtigen Gestalten und unklaren Absichten.

Und genau darum drückten wir die schwere, dunkle Türe immer wieder auf und betraten einen Ort, den es eigentlich gar nicht mehr geben konnte. Nicht geben durfte. Wir tranken Bügelbier (denn wir trauten der Zapfanlage nicht), wir tranken mehr Bügelbier, wir rauchten tausend Zigaretten und gingen manchmal mit den Kiffern nach draussen. Wir wählten Hotel California auf der Jukebox (2201), alles von Pink Floyd und Black Sabbath und Herbert Grönemeyer und manchmal auch den einen Song von Stiller Has (kam aber nicht so gut an).

Wir wussten viele Dinge über diesen Ort und wir wiederholten sie gerne. Wir sagten: «Hier kannst du hin, und du weisst, es gibt immer jemanden, dem es noch schlechter geht als dir.» Wir schauten die stehengebliebene Pendule an, die abgeschliffenen Tische, die dunklen Balken, den verschmierten Töggelikasten und wir sagten: «Wenn die Welt auch untergeht, das Twist wird für immer bleiben.» Und manchmal schrieben wir unseren Kummer zu all den anderen Botschaften auf dem Fensterrahmen neben dem Pissoir und sagten nichts mehr.

Alle brauchen ein «Twist»

Wer das alles nun für die unreifen Schwärmereien eines heranwachsenden Mannes hält, der hat natürlich recht. Aber eben nicht ganz. Das in der Nacht auf Mittwoch abgebrannte «Twist» an der Bahnhofsstrasse in Sissach (die Brandursache wird noch ermittelt) war nicht nur der Ort der eigenen verlorenen Jugend und der durchzechten Nächte. Das «Twist» war ein Ort, wie ihn jedes mittelgrosse, mittelspiessige, mittelmässige Dorf braucht: Es war ein Platz für alle Anderen. Für die Durchgefallenen, für die verlorenen Seelen, die sonst niemanden hatten. Im Dorf selber (und über das Dorf hinaus, wenn ich mir vergegenwärtige, was für böse Dinge die Kollegen am Tag nach dem Brand über das Pub von sich gaben!) war das «Twist» ein schlechter und schändlicher Ort. Die Behörden wollten es schon lange schliessen, wollten eine Garage oder einen Parkplatz oder ein Einkaufscenter oder was auch immer an die Stelle des Hauses an der Bahnhofsstrasse bauen. Dabei verkannten sie den tieferen Sinn, den das «Twist» für die Dorfgemeinschaft hatte. Das «Twist» war ein Korrektiv für das durchorganisierte Leben auf dem Land. Ein Sehnsuchtsort für kleine Fluchten. Eine der letzten Gewissheiten.

Ohne sozialen Kodex

Dass im Pub nur «niedrige soziale Schichten» und «Schüler» verkehrt haben sollen, wie «Onlinereports» heute geschrieben hat, ist Ausdruck vom verqueren Bild der Aussenwelt auf dieses Pub. Und es ist falsch. Das wirklich schöne am «Twist» war eben gerade die soziale Durchmischung. Regierungsräte, Geschäftsleute, Journalisten (viele!), Arbeiter, Alkoholiker, Kiffer – niemand wurde beim Eintreten ins «Twist» schräg von der Seite angeblickt oder komisch angemacht. Der soziale Kodex, wie es ihn an so vielen anderen Orten gibt, der fehlte im «Twist».

Und nun fehlt es selber. Die Welt dreht sich weiter, das «Twist» gibt es nicht mehr. Dabei waren wir uns so sicher.

  1. Der verbrannte Twist

    von Henri Ginther am 20.06.2012 um 16:00Uhr

    Sehr gut dieser kleine Nachruf. Ich wünsche der trauernden Kundschaft alles Gute für die Zukunft.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Nachruf.

    von Fränzi Reist am 20.06.2012 um 20:31Uhr

    Man kann's nicht anders nennen als einen Nachruf, denn nachgerufen wird verstorbenen Lebenden: "Leben" passt so gut zum Twist. Versuchen nicht die viele stylische Bars eigentlich so zu sein wie das Twist, machen auf abgenutzt und Brockenstuben-Interieur mit verschriebenen Pissoirs und Jukeboxen - und zum Schluss sitzen nur Hipster drin, gar nicht der wahre lebendige Querschnitt? So ein schöner Artikel Philipp, vielen Dank!
    Direktlink zum Kommentar

  3. Ein Hauch Bohème im Baselbiet ist verbrannt

    von Danny Exnar am 21.06.2012 um 01:46Uhr

    Schön gerufen, Philipp!
    Ein Freund von mir hat das Twist mal so beschrieben: "Stell Dir vor, Du wärest auf Interrail und würdest in irgend einem zufälligen Kaff aussteigen, aus dem Bahnhof torkeln und in einer Kneipe wie dem Twist landen - Du wärest ein Leben lang stolz auf Deine Entdeckung und würdest zu Hause Deinen Freunden von diesem unverfälschten Geheimtipp in the middle of nowhere vorschwärmen."
    So sehr ich dem Twist eine Wiedereröffnung wünsche, es wird nicht mehr das Gleiche sein. Adieu!
    Direktlink zum Kommentar

  1. Der verbrannte Twist

    von Henri Ginther um 20.06.2012 um 16:00Uhr

    Sehr gut dieser kleine Nachruf. Ich wünsche der trauernden Kundschaft alles Gute für die Zukunft.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Nachruf.

    von Fränzi Reist um 20.06.2012 um 20:31Uhr

    Man kann's nicht anders nennen als einen Nachruf, denn nachgerufen wird verstorbenen Lebenden: "Leben" passt so gut zum Twist. Versuchen nicht die viele stylische Bars eigentlich so zu sein wie das Twist, machen auf abgenutzt und Brockenstuben-Interieur mit verschriebenen Pissoirs und Jukeboxen - und zum Schluss sitzen nur Hipster drin, gar nicht der wahre lebendige Querschnitt? So ein schöner Artikel Philipp, vielen Dank!
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  3. adieu

    von Burkhard Jörg um 20.06.2012 um 20:48Uhr

    einfach nur danke!
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  4. Letzte Runde

    von Andreas Steiner um 20.06.2012 um 22:33Uhr

    Wenn so ein Ort verschwindet, hinterlässt er ein Vakuum und es kann lange dauern, bis etwas Neues entsteht, das auf diese Art Leben in die Kleinstadt bringt. Ein Nachruf ist deshalb sehr angebracht und dieser hier spricht mir direkt aus dem Herzen, auch wenn "meine" Beiz woanders war und schon länger nicht mehr ist.
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  5. Ein Hauch Bohème im Baselbiet ist verbrannt

    von Danny Exnar um 21.06.2012 um 01:46Uhr

    Schön gerufen, Philipp!
    Ein Freund von mir hat das Twist mal so beschrieben: "Stell Dir vor, Du wärest auf Interrail und würdest in irgend einem zufälligen Kaff aussteigen, aus dem Bahnhof torkeln und in einer Kneipe wie dem Twist landen - Du wärest ein Leben lang stolz auf Deine Entdeckung und würdest zu Hause Deinen Freunden von diesem unverfälschten Geheimtipp in the middle of nowhere vorschwärmen."
    So sehr ich dem Twist eine Wiedereröffnung wünsche, es wird nicht mehr das Gleiche sein. Adieu!
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Informationen zum Artikel

20.6.2012, 15:33 Uhr

«Und wenn die Welt auch untergeht, das Twist wird für immer bleiben»

Text

Text:

  • 22.05.2013 um 15:57
    Die Stunde der Populisten

    Wie zynisch Politik manchmal sein kann, lässt sich an den Reaktionen nach den Ausschreitungen am Cupfinal schön aufzeigen. Gross ist die heimliche Freude der Konkordats-Befürworter, dass es endlich wieder einmal geknallt hat.

  • 20.05.2013 um 21:12
    Mit Hängen und Würgen bis zum bitteren Ende

    Fabian Frei ist der beste Basler – und schiesst an die Latte. Ziemlich symptomatisch für diesen verlorenen Cupfinal. Die Spieler in der Einzelkritik.

  • 20.05.2013 um 20:30
    Gegen die Latte

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  • 13.05.2013 um 08:39
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    Zum Artikel: Milliarden aus der Fremde

    Sehr geehrter Herr Wilhelm, Sie weisen auf einen richtigen Punkt hin: In den Daten der Weltbank sind die Geldsendungen der Grenzgänger nicht erfasst. Im Fall der Schweiz machen die Summen der Grenzgänger, die ins Ausland fliessen, einen beträchtlichen ...

  • 29.04.2013 um 18:52
    Treffer...
    Zum Artikel: Fängt das wieder an!

    ... versenkt. Und natürlich korrigiert. Es grüsst aus dem Glashaus: Philipp Loser

  • 24.04.2013 um 11:59
    Speicherplatz
    Zum Artikel: Der Kalte Krieg ist nie vorbei

    Lieber Herr Meyer, Sie haben schon Recht: man soll nicht über jeden Hetzkommentar berichten. Das spezielle in diesem Fall ist der Umgang mit dem Kommentar durch die Gruppe Giardino. Das kann man durchaus aufzeigen, finden wir und opfern dafür gerne etw...

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