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Kaserne Basel 

1.6.2012, 00:01 Uhr

«Wir haben die letzte Chance gepackt»

1.6.2012, 00:01 Uhr

Finanznöte, Streit um die inhaltliche Ausrichtung, Publikumsschwund: In der Vergangenheit machte die Kaserne mit Negativschlag­zeilen von sich reden. Inzwischen ist es still geworden. Geschäftsführer Thomas Keller sagt, warum. Von und

Herr Keller, um die Kaserne ­Basel ist es verdächtig ­ruhig ­geworden. Ein gutes ­Zeichen – oder müssen wir uns ­Sorgen ­machen?

Wenn ich mir das Publikumsaufkommen anschaue, dann ist es überhaupt nicht ruhig bei uns.

Was bedeutet das in Zahlen?

Im letzten Jahr besuchten rund 65'000 Zuschauerinnen und Zuschauer un­sere Veranstaltungen – das ­«Viva con Agua & Kaserne Basel»-Festival ein­geschlossen. Als wir 2008 mit dem neuen Team anfingen, waren es 35'000 pro Jahr.

In den vergangenen Jahren hat die Kaserne Basel vor allem wegen chronischer Finanzierungsprobleme und Richtungsstreitigkeiten Schlagzeilen gemacht. Sind diese Probleme gelöst?

Finanziell geht es uns heute wirklich besser. Und die inhaltlichen Querelen, in welche Richtung sich die Kaserne Basel entwickeln soll, haben sich in den vier Jahren, seit Carena Schlewitt, die künstlerische Leiterin, und ich hier tätig sind, auch gelegt.

Was machen Sie besser als Ihre Vorgänger?

Die Vorgeschichte der Kaserne Basel mit ihren Finanzkrisen hat uns von Beginn weg vorsichtig agieren lassen. Wir gehen sehr sorgfältig mit dem Geld um, das wir als Subvention erhalten. Und wir haben alle Kraft investiert, um aus der Kaserne Basel ein interdisziplinäres Haus für Performing Arts, Musik und Kooperationen zu machen.

Und Sie haben auch eine Subven­tionserhöhung erhalten …

Das stimmt. Insgesamt erhalten wir von den beiden Basler Kantonen ­2,2 Millionen Franken pro Jahr. Das ist erst mal eine gute Ausgangssitua­tion. Diese Summe macht aber nur ­zirka 65 Prozent des Gesamtbudgets aus, den Rest müssen wir selber erwirtschaften – via Ticketing, über Sponsoren und Stiftungen. Dieser Rest ist ganz entscheidend: Wenn man hier zu wenig einnimmt und trotzdem Programm macht, dann gerät man in ein Defizit. Bei der Kaserne Basel ­wurden Subventionserhöhungen in der Vergangenheit immer benutzt, um ­Löcher zu stopfen. Damit schafft man keinen Mehrwert.

Und das ist heute anders?

Ja. Auch weil die letzte Subventions­erhöhung an strikte Auflagen gebunden wurde. Wir bekamen den Auftrag, Strukturen zu schaffen, die sicherstellen, dass das Geld nicht mehr versickert.

Regierungspräsident Guy Morin hat Sie bei der Ankündigung der Subventionserhöhung vor gut drei Jahren gewarnt, dass dies nun «die letzte Chance» für die Kaserne Basel sei, dass künftig keine Löcher mehr gestopft würden – klare Worte.

Ich würde sagen, wir haben die ­letzte Chance gepackt. Eine der Bedingungen, an die die Subventionserhöhung geknüpft war, lautete, dass das Control­ling verbessert wird und der Betrieb reibungslos funktioniert. ­Carena Schlewitt und ich haben entsprechend die Betriebsstrukturen modernisiert, mit der Zeit ein neues Team zusammengestellt, und wir haben in den vergangenen Monaten ein Strategiepapier ausgearbeitet, das die Betriebsentwicklung bis 2016 aufzeigt.

Der Kaserne Basel wurde auch vorgeworfen, ihre basisdemo­kratischen Führungsstrukturen im Vorstand und in der Leitung seien schwerfällig und veraltet. Haben Sie diese alten Zöpfe ab­geschnitten?

Das Basisdemokratische ist geblieben – das ergibt sich automatisch aus der Vereinsstruktur heraus. Aber wir haben die Betriebsführung professiona­lisiert. Und wir haben einen Beirat mit Kulturschaffenden aus allen Sparten geschaffen, mit dem wir über Wünsche und Entwicklungen diskutieren. Wir sind aber auch kontinuierlich im Gespräch mit Szenenvertretern – die Leute müssen also nicht mehr zur ­Generalversammlung kommen und den Aufstand ausrufen wie noch vor einigen Jahren.

Dann kann man also sagen: Der operative Betrieb der Kaserne Basel wurde auf Kurs gebracht – beim strategischen Gremium aber, dem Vereinsvorstand, ist ­alles beim Alten geblieben?

Nein gar nicht. Auch bei Non-Profit-­Organisationen funktionieren die ­Vorstände heute ja immer mehr wie qualifizierte Verwaltungsräte in ­Firmen. Das gilt auch für die Kaserne ­Basel. Der Vereinsvorstand hat sich in den vergangenen vier Jahren ­markant verändert.

Inwiefern denn?

Es wurden verschiedene Ressorts geschaffen. Wir haben zum Beispiel Vorstandsmitglieder, die sich im Vertragswesen auskennen, die in der Politik verankert sind, es gibt einen Finanzverantwortlichen, einen Gebäude­spezialisten und zwei Vorstände, die uns bei der Initiierung des Freundeskreises der Kaserne Basel unterstützt haben oder bei der Suche nach Sponsoren und Geldgebern helfen. Sie alle übernehmen Aufgaben, die wir aus dem operativen Team allein gar nicht leisten könnten.

Verstummt sind auch die Stimmen, die die Kaserne ­Basel zu ­einem regionalen Musikzentrum machen wollten – auf Kosten der Theater- und Tanzsparte. Haben diese Leute resigniert?

Ganz und gar nicht. Richtig ist: Die Rockszene hatte noch vor vier Jahren das Gefühl, von der Kaserne Basel nicht richtig berücksichtigt zu werden. Wir haben das rasch korrigiert und auch den Kontakt mit dem Basler Rockförderverein (RFV) intensiviert. Im Bereich Musik setzen wir nicht nur auf internationale Acts und Partys – auch die regionale Musikszene erhält bei uns ihren Raum für Auftritte. Wir entwickelten gemeinsam mit dem RFV neue Formate für regionale Bands, und wir sind ein wichtiger BScene-Partner – da ist in den letzten vier Jahren einiges passiert. Sandro Bernasconi, der Musikleiter der ­Kaserne, hat auch neue Formate der Koopera­tion mit der Basler Musik­szene entwickelt, zum Beispiel «The Dessert Session».

Ist es noch immer so, dass Theater und Tanz von der Musiksparte quersubventioniert werden?

Das war nie so – zumindest, was den Konzertbetrieb betrifft.

Und die Partys?

Ja klar, die Umsätze der Partys und des Gastrobetriebs finanzieren den Gesamtbetrieb zu einem Teil mit. Aber generell sind wir eher ein Konzert- als ein Partybetrieb.

Macht dieses Mehrspartenmodell für die Kaserne Basel überhaupt noch Sinn? Das Theater Basel öffnet sich immer mehr hin zur freien Szene. Mit dem neuen Schauspieldirektoren-Trio, das aus der freien Szene kommt, wird sich das noch verschärfen. Haben Sie nicht Angst, dass das Stadttheater Ihnen das Wasser abgräbt?

Sie können das Stadttheater nicht mit der Kaserne vergleichen. Die beiden Häuser haben ganz unterschiedliche Produktions- und Publikumsstrukturen. Das neue Schauspiel-Leitungstrio des Theaters Basel verspricht einen spannenden Kurs – und ein gut besuchtes Schauspiel des Theaters Basel kann auch die Szene befruchten. Wir haben weiterhin spannende Künstler und Gruppen, mit denen wir regional, national und international zusammenarbeiten werden.

Trotzdem: Braucht es in Basel zwei subventionierte Häuser, die auf das Dreispartenmodell ­setzen?

Wir sind ein Haus der Performing Arts, und die Produktionsstrukturen, mit denen wir es zu tun haben, sind nicht mit denen eines Stadttheaters vergleichbar. Wir verstehen unser Haus als zeitgemäss im Sinne eines inter­disziplinären Ansatzes: Die künstlerischen Formen vermischen sich doch immer mehr. Auch Bands wie zum Beispiel The bianca Story aus Basel machen schon längst nicht mehr nur Musik, sondern auch Theater. Das Theater öffnet sich hin zur Musik und zur bildenden Kunst und umgekehrt, und hier möchten wir den Künstlern eine Plattform bieten.

Derzeit kochen die Emotionen um die Zukunft des Kasernenareals hoch. Wie stellt sich die Kaserne Basel zur Forderung nach einem Abbruch des Kopfbaus?

Ich bin ganz klar gegen den Abriss des Kopfbaus.

Warum?

In diesem Gebäude gibt es tolle Räume, die sich kulturell und gastronomisch nutzen lassen. Aber es braucht eine Öffnung und Anbindung zum Rhein, damit das Areal auch im hinteren Teil endlich belebt wird. Schauen Sie sich das Kasernenareal doch mal an: Wir haben eine schöne Wiese, wo sich die Leute gerne erholen – prima. Dann eine Reihe Bäume, auch schön. Und dann? Nur noch Asphalt! Eine graue, unbelebte Zone.

Die Nutzer des Areals sind im ­Verein Pro Kasernenareal zusammengeschlossen. Als Aussen­stehender hat man manchmal das Gefühl, dass jeder Betrieb etwas anderes will.

Die Ansprüche sind tatsächlich sehr divergent, und die Lösungsfindung ist nicht immer einfach. Auch die Anwohner sind uns natürlich nicht immer grün. Aber das sind normale Prozesse der Verständigung von verschiedenen Interessensgruppen.

Im Spätsommer veranstalten Sie – viele Jahre nach «Welt in Basel» – wieder ein grosses ­Theaterfestival. Warum eigentlich? Gibt es nicht schon genug Festivals?

Es gibt tatsächlich viele Festivals in der Schweiz. Wir glauben aber, dass es in Basel durchaus wieder Platz für das internationale Theaterfestival hat. Noch heute reden ja viele Leute begeistert vom einstigen «Welt in Basel». Wir haben in der Kaserne in den letzten Jahren erfahren, dass es wieder ein zahlreiches, interessiertes Publikum an zeitgenössischen Theater- und Tanzformen gibt. Da wir in der normalen Saison verstärkt die Basler und Schweizer Szene präsentieren, ist es eine besondere Situation, alle zwei Jahre internationale Compagnien nach Basel zu holen und zu zeigen, was in der Welt auf den Bühnen los ist. Wir sind überzeugt, ein tolles Programm zu präsentieren, bei dem die Basler viel Neues entdecken werden. Bereits die Eröffnung mit der französischen Gruppe Cie 111 wird ein Highlight nach den Sommerferien.

Wie stellen Sie sich zum Seil­ziehen rund um das Basel Tattoo – ebenfalls eine grosse Outdoor-Veranstaltung?

Wir arbeiten mit dem Tattoo zusammen, da wir unsere Räume in der Spielzeitpause an das Tattoo vermieten und wir bieten auch logistische Unterstützung. Aber das Ganze ist ­natürlich eine grosse Kiste, die nicht allen passt.

Hören wir da eine leise Kritik? Ist das Tattoo zu gross geworden für das Kasernenareal?

Es passt gerade noch so – grösser dürfte es nicht werden.

Die Kunstmesse Scope im Juni, das Tattoo im Juli, das Festival «Viva con Agua» im August, dann Ende August, Anfang September das Theaterfestival und zum Schluss noch die Herbstmesse – das Kasernenareal wird dauer­bespielt. Wann ist genug?

Es findet viel statt und es braucht ­sicher auch mal Pausen. Da kann ich die Anwohner gut verstehen. Ich glaube aber nicht, dass das Areal überbespielt wird. Entscheidend ist, dass man die Veranstaltungen gut plant und koordiniert. Das klappt heute nicht immer ideal, es fehlt eine Koordinationsstelle.

Sie sind Wahlbasler. Wie lebt es sich als Ostschweizer in der Nordwestschweiz?

Sehr gut. Ich wohne seit zehn Jahren hier und fühle mich wohl. Als Ostschweizer hat man hier ja nur Vorteile.

Wie meinen Sie das?

Man wird von allen bemitleidet, weil der FC St. Gallen dem FC Basel die Meisterschaft nicht streitig macht.

Ein Geschäftsführer, der Fussballfan ist und in Finanzfragen eine strenge Hand führt – das ist neu für die Kaserne. Wie arrangieren sich Ihre Mitarbeiter und das Umfeld mit dem nicht mehr sehr alternativen Kurs?

Unter Carena Schlewitt und mir hat sich das Team ja auch stark verändert. Ich glaube, die Leute, die heute bei der Kaserne arbeiten, fühlen sich wohl hier. Und jeder einzelne erbringt eine sehr hohe Leistung. Bei rund 270 Veranstaltungen pro Jahr muss jeder und jede ganz genau wissen, welcher Knopf gedrückt werden muss. Vielleicht trifft das Wort «alternativ» nicht so zu wie früher, dennoch ist die ­Kaserne ein besonderer Ort, immer noch fast familiär, und wir versuchen das auch atmosphärisch im Team herzustellen.

Wenn Sie einen Wunsch für die Kaserne Basel hätten?

Ach wissen Sie, ein Wunsch reicht gar nicht, ich habe zahlreiche … Auf jeden Fall wünsche ich mir weiterhin das gute Zusammenspiel von Team, Künstlern und Publikum. Und nachdem wir in der letzten Zeit sehr viel Publikumszuspruch hatten, freue ich mich auf noch mehr Neugier – vor ­allem auch auf künstlerisch noch unbekannte Namen. Kurzfristig gesehen wünsche ich mir Neugier auf das neue Stück von Alexandra Bachzetsis und auf den diesjährigen Performance­marathon «ZAP!». Und auf das Stück «Sand» von Sebastian Nübling und Ives ­Thuwis, das im Juni auf die Bühne kommt.

 

Thomas Keller

Nach seinem Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik in Bern arbeitete der heute 39-Jährige über zehn Jahre lang selbstständig als Produzent in der freien Schweizer Theater- und Tanzszene und organisierte zahlreiche Tourneen – unter anderem in der Gessnerallee und der Roten Fabrik in Zürich, der Dampfzentrale in Bern und im Ausland. Auch bei den Berner Tanztagen und dem Zürcher Theaterspektakel waren Thomas Kellers Produktionen zu sehen. Gelegentlich begegnet man dem Amateurmusiker in Basel mit dem Alphorn auf dem Rücken. 2008 schloss er sich als Geschäftsführer dem Team der Kaserne Basel an, um bei ­deren Neustart mitzuwirken.

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1.6.2012, 00:01 Uhr

«Wir haben die letzte Chance gepackt»

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