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Durness Sizilien 

21.5.2012, 06:00 Uhr

«That's an idiot!» 21. Mai 2002

21.5.2012, 06:00 Uhr

Weder Karte noch Wegweiser sind in diesem Teil von Wales eine grosse Hilfe – aber immerhin: Wir treffen in Llandrindod ein. Von

zVg: Der Kirchtum in Abbey-chwm-hir sieht aus, als ob er etwas Dickes verschlungen habe.

Der Kirchtum in Abbey-chwm-hir sieht aus, als ob er etwas Dickes verschlungen habe. (Bild: zVg)

Vor zwei Jahren, auf einer Wanderung in Italien, von Piacenza nach La Spezia, zum Teil auf einem alten Pilgerweg, fragte ich unterwegs einen älteren Mann nach dem genauen Weg ins nächste Dorf. Er gab mir einige Tipps und fragte, was denn mein Ziel sei. «La Spezia.» «La Spezia?» fragte er. «Wirklich nach La Spezia?» Er schwieg eine Weile, sagte dann, dass La Spezia ohnehin keine Reise wert sei, er sei in seinem ganzen Leben erst zwei Mal dort gewesen - aber zu Fuss! «Weisst Du, was Du bist. Tu sei pazzo, pazzo, pazzo!»

Ist mir heute beim Wandern ein paar Mal in den Sinn gekommen, dieser Spruch. Ich weiss nicht warum. Pazzo – verrückt! Bin bei niesligem Wetter aufgebrochen in Llanidloes, einfach mal einer Strasse entlang, die in einer Farm endete. Dann über einen Hag gekletert, durch Schafweiden hoch und dann hörte ich ein Auto. Ging in dieser Richtung, fand die Teerstrasse, wanderte ihr entlang, bis ich einen Bauern traf, der – eben aus einem zerbeulten Ford gestiegen – einen Zaun flickte. Ich hielt ihm die Karte unter die Nase und gemeinsam fanden wir heraus, wo wir standen. Es war schwierig ihn zu verstehen, da er mein Ansinnen eigentlich überhaupt nicht begreifen wollte. Irgendwann erinnerte er sich, dass der Glyndwr´s Way hier vorbeiginge. Und er hielt mich an, immer geradeaus weiter zu gehen.

Ein toter Dachs am Wegrand. Verirrte Schafe auf der Strasse, ein SMS von Rino, der mir mitteilt, dass es in der Schweiz sommerlich warm sei, er zudem am gestrigen arbeitsfreien Pfingstmontag den ganzen Tag im Büro gehockt und Pläne gezeichnet habe – wie weit weg diese Welt ist!

Auf der Karte sehe ich eine Abkürzung ins nächste Dorf. Ich klettere wiederum über verschiedene Zäune, bis mir ein kleiner Traktor mit breiten Pneus, die das Absaufen im Moor verhindern – bis mir also so ein Moortraktor auf einer Weide entgegenfährt und der Bauer mir mitteilt, dass ich die Richtung wechseln solle. Freundlich und verwundert über den seltsamen Weidengänger zugleich. Sonst könnte ich verloren gehen.

Durch abgeholzte Wälder zu wandern, ist etwas sehr Betrübliches. Endzeitstimmung. Und immer schneller ziehe ich los, an einer einladend schönen Telefonkabine vorbei, in der sich wunderbare Gespräche vorstellen liessen. Doch es fällt mir jetzt grad niemand ein, mit dem ich telefonieren könnte. Zudem habe ich mein Handy. Und im weiteren windet es so stark in Bwylch-y-Sarnau, dass ich weiterschreite, vor drohendem Regen fliehe und, früher als mit Moni abgemacht, nach schliesslich lauschigem Spaziergang durch einen Nadelwald in Abbey-chwm-hir ankomme.

Uralte Grabsteine

Abbey-chwm-hir, ein Nest inmitten von alten Tannen mit trutziger Kirche und einem Turm der sich in halber Höhe wölbt, als hätte er etwas Dickes verschlungen. Uralte Grabsteine, zum Teil umgekippt, die ältesten beherbergen Tote, die vor meines Grossvaters Geburt die Welt verlassen haben. Das «Happy Union Inn» ist wie die Kirche geschlossen, die Häuser ringsum ohne Lichter. Eine Frau fährt heran, parkiert und sagt, das Gasthaus öffne erst abends um halb neun.

Moni holt mich ab, hat einige Kilometer weiter eine Unterkunft gefunden. Dem Gastgeber hat sie erklärt, dass ihr Begleiter nachkomme, zur Zeit noch auf Wanderung sei. Sie gab Start und Ziel an, erzählte auch, dass ich Mitte Woche mit ihr nach London fahre und dann wieder zurück, um die Strecke an die Küste zu Fuss zu gehen. Der Gastgeber fragt nach, fragt, ob ich wirklich wieder zurück gehe. Und dann: «That´s an idiot.» Und irgendwie gruselt mich – habe ich nicht den halben Tag lang an jenen Alten in Italien gedacht: «Pazzo, pazzo, pazzo.» 

(Llandrindod, 21. Mai 2002)

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Informationen zum Artikel

21.5.2012, 06:00 Uhr

«That's an idiot!» 21. Mai 2002

Text

Text:

  • 10.10.2013 um 15:12
    Eine Welt mit anderen Regeln

    Verstreut über ganz Europa leben 300 Menschen die Utopie, dass es weder Hierarchien noch Lohnarbeit braucht. Und zwar in der Kooperative Longo maï. Sie feiert nun ihr 40-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung in Basel. Eröffnet werden die Jubiläumsfeierlichkeiten heute Abend. Andreas Schwab stellt sein neues Buch «Longo maï – Pioniere einer gelebten Utopie» vor.

  • 26.09.2013 um 14:56
    Ein politisch frühreifes Mädchen

    Schon als Teenager wollte Maya Graf wissen, wie Politik funktioniert.

  • 12.09.2013 um 12:00
    «Ich musste mir die Schweiz erarbeiten»

    Peer Teuwsen, Leiter des Schweizer Büros der «Zeit», versucht zu ergründen, was das Land in seinem Innersten zusammenhält.

  • 28.07.2013 um 22:55
    Herr Buess
    Zum Artikel: Machts doch selber!

    Lieber Herr Holzapfel, Reden wir doch einfach bei einem Kaffee über Ihre Probleme. Es bleibz absolut anonym und meine Adresse ist: urs.buess@tageswoche.ch Mit freundlichem Gruss Urs Buess

  • 28.07.2013 um 21:11
    Souverän ist anders …
    Zum Artikel: Machts doch selber!

    @Holzapfel Ich würde Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch treffen. Melden Sie sich bitte unter urs.buess@tageswoche.ch Mit freundlichem Gruss Urs Buess Pubizistischer Leiter, TagesWoche

  • 27.09.2012 um 21:26
    Fonzi trainiert
    Zum Artikel: Fonzi trainiert

    Heute Abend ist der Helikopter schon sehr zielgerichtet geflogen.

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