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TagesWoche

Tages Woche

Di, 21.05.2013

Kunst 

27.1.2012, 00:01 Uhr

Sehnsüchtige Seufzer

27.1.2012, 00:01 Uhr

Der zweite «Pornographical Remix» aus dem Hause Glory Hazel ist mehr als ein Pornofilm – er ist ein Dokument grosser Gefühle. Von Tara Hill und Basile Bornand

Drei Engel für Glory: Basil Kneubühler alias Emil Teiger, Sabine Fischer und Sandra Lichtenstern machen als «Glory Hazel» Kunstpornos.

Drei Engel für Glory: Basil Kneubühler alias Emil Teiger, Sabine Fischer und Sandra Lichtenstern machen als «Glory Hazel» Kunstpornos.(Bild: Basile Bornand)

Es gibt diesen einen Augenblick in Glory Hazels «Pornographical Remix Vol. 5», wo eine blonde Schönheit, ganz in rosa Licht getaucht, auf ihrem Partner reitet, während ihre Wangen immer stärker erröten, schliesslich zu glitzern beginnen. Ob Schweiss oder Tränen, es ist ein intensiver Moment voller Emotion, ein Schmelzen und Verschmelzen, das in ein letztes Aufbäumen und Zucken mündet: gleichzeitig verfilmte Sexfantasie wie auf Film gebannter, fantastischer Sex, unglaublich klassisch und doch unmittelbar berührend. Und plötzlich versteht man, warum der weibliche Höhepunkt auf Französich «la petite mort» genannt wird: der kleine Tod, jener melancholische Moment der Transzendenz, wo die ganze Anspannung zum eruptiven Erlebnis mutiert, zu einer Erlösung, die zu Tränen rührt.

«Sie lieben sich» heisst diese Szene – und mit dem keineswegs zufälligen Titel lassen Sabine Fischer (33) und Sandra Lichtenstern (28), die zwei Schweizerinnen, die hinter dem Sexkunstprojekt Glory Hazel stecken, schon ganz spielerisch anklingen, dass die Gefühle in diesem 15-minütigen Kurzfilm über die rein körperliche Lust hinauswachsen. Liebe im Porno? Ein Wagnis, das nur so gut funktioniert, weil die klischeehaften Bilder aus einem Porno der 1970er-Jahre unterlegt werden: von sanften, sehnsuchtsvollen Seufzern, von anschwellenden Streichern, bis kurz vor dem Klimax wieder ein langsamer Beat einsetzt.

Vor Liebesglück funkelnd

Der Künstler, der die Kunstfigur Glory Hazel hier zum Stöhnen und deren «Porno-Remixes» zum Klingen bringt, nennt sich Emil Teiger und muss ein glücklicher Mann sein: Nicht nur hat er als Sex-Soundtrack-Komponist wohl einen eher angenehmen Job, er hat auch eine Partnerin, die ihn dabei nach Kräften unterstützt. Denn Basil Kneubühler – so Teigers bürgerlicher Name – und Sabine Fischer sind seit vielen Jahren ein Paar, und dass sie sich lieben, wird gerade in diesem audiovisuellen Zusammenspiel von Bild und Ton spürbar: Selten, vielleicht sogar nie zuvor, hat man einen derart fröhlichen, vor Lebensfreude sprühenden und vor Liebesglück funkelnden Porno gesehen; hier springt der viel beschworene, zündende Funke tatsächlich über.

Selbstredend, dass hinter der Kunst, Sex so spielerisch-schön und romantisch zu zeigen, harte Arbeit steckt. Denn trotz dem riesigen Echo, den die erste Ausgabe von Glory Hazels «Porno-Remix» 2009 auslöste: Ganz zufrieden waren Sabine Fischer und ­Sandra Lichtenstern damit noch nicht. «Zu künstlich und schnipselig» fanden sie ihren ersten Versuch. Statt aufzuhören, entschieden die beiden Künstlerinnen aber, «aus den Erfahrungen zu lernen, und es im zweiten Anlauf besser zu machen».

Die Vorgaben, die sie sich dafür ­selber setzten, waren streng: Noch positiver, erregender, ästhetischer sollte der zweite Remix ausfallen, weg vom indoktrinierenden Gedanken, Sex als Kunst zu zeigen, hin zur eigenen Lust, zum Bauchgefühl. «Und dieses Gefühl sagte uns, dass man die einzelnen Sexszenen länger laufen lassen muss, damit sich die Zuschauer richtig fallen lassen können», so Fischers Fazit.

Für ihre «Schatzsuche», die Sichtung des Materials in Form Dutzender Filme aus den 70er- und frühen 80er-Jahren, fuhren Fischer und Lichtenstern im Sommer zunächst auf die Kanarischen Inseln. Bereits beim Rohschnitt kam dann Emil Teigers Soundtrack ins Spiel: «Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe», wie alle drei betonen. Schliesslich würden die Bilder für sich schnell alt und verstaubt wirken: «Die Kunst ist, das von uns ausgewählte Material durch das Zusammenspiel von Schnitt und Sound ins Zeitgenössische zu übersetzen: so, dass es nicht nur nostalgisch und retro wirkt, sondern in unsere Zeit passt», erklärt Fischer. Was das konkret bedeutet? «Darüber haben wir nächtelang diskutiert», lacht Lichtenstern.

Über drei Monate hinweg fertigte Emil Teiger deshalb stetig neue Soundskizzen an, spielte unzählige Instrumente ein, liess den Rhythmus dabei ganz von den Bildern bestimmen, komponierte dazu möglichst einfache Melodien – so lange, bis die Musik als «Klammer, welche die Geschichte der Körper erzählt», funktionierte, so lange, bis das Ergebnis «organisch und natürlich» klang. «Für mich eine sehr wertvolle Erfahrung», wie der Musiker betont. Ende letzten Jahres trafen sich dann ein Dutzend befreundeter Künstler aus der Basler Musik- und Theaterszene in Teigers Tonstudio zu veri­tablen «Stöhnorgien», wo sie unter der Regie des Trios die Filmszenen nachvertonten. «Spielt keine Stereotypen, sondern seid euch selbst. Stöhnen kann schliesslich jeder», habe man die ungewöhnlichen Synchronsprecher angewiesen, damit die Tonspuren möglichst authentisch klingen. Mit Erfolg: «Der erste Durchgang war stets verhalten, der zweite besser, nach dem dritten wollte keiner mehr aufhören.»

Zu Tränen gerührt

Wie aber halten es die Damen von Glory Hazel nun selber mit dem Aufhören – wird der zweite «Porno-Remix» der letzte sein? Die Gretchenfrage will das Duo noch nicht beantworten: Erst warte man die Premiere im Basler «Hinterhof» ab. Nach der Taufe ihres filmischen «Babys» folgt für Glory Hazel und Emil Teiger dann ein Reales: denn Sabine Fischer, so die charmante Pointe nach monatelangem Fokus auf den lustvollen Akt, ist schwanger.

Doch nicht nur deshalb steht Glory Hazels Zukunft noch in den Sternen. Das Ziel, es im zweiten Anlauf besser zu machen, hat das Duo bereits mehr als erfüllt. Die neuen drei Kurzfilme, die Ende Januar als «Volume 4–6» auf DVD erscheinen, dürften gar schwer zu übertreffen sein. Mit diesem Sequel gelingt Glory Hazel nämlich eine Art «Reset» oder gar Renaissance: eine Wiedergeburt des abgelutscht ge­glaubten Genres als filmische Auseinandersetzung mit Liebe, Lust und Leidenschaft.
«Als wir das Endprodukt zum ersten Mal sahen und die Musik über grosse Boxen hörten, mussten wir ein ­wenig weinen», erzählt Sandra Lich­tenstern. Man glaubt ihr sofort. Wunderbar kitschig und naiv, voller zärtlicher Gefühle, ist der zweite «Pornographical Remix» selbst zum «petite mort», zum Glücksmoment geworden.

Premiere: «Hinterhof», Basel. Fr, 27.1., 21.30 Uhr. DVD Pornographical Remix Vol 5

 

Der Soundtrack der neuen Glory-Hazel-Produktion:

 

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27.1.2012, 00:01 Uhr

Sehnsüchtige Seufzer

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  • 16.05.2013 um 16:55
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