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TagesWoche

Tages Woche

Mi, 19.06.2013

Prostitution 

20.1.2012, 00:01 Uhr

Eine Arbeit wie jede andere auch

20.1.2012, 00:01 Uhr

Zwei Professorinnen der Hochschule für Soziale Arbeit in Olten haben die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen im Basler Rotlichtmilieu erforscht. Von Monika Zech

Je mehr Alkohol eine Sexarbeiterin mit ihrem Freier trinkt, desto weniger bezahlt sie für ihr Zimmer.

Je mehr Alkohol eine Sexarbeiterin mit ihrem Freier trinkt, desto weniger bezahlt sie für ihr Zimmer.(Bild: Fred Merz/Rezo)

Das Anliegen, die Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen zu verbessern, ist zwar noch nicht so alt wie das Gewerbe selbst, aber auch schon ziemlich alt. Seit Jahren fordern Fachorganisationen, die Prostituierte beraten und betreuen, mehr Schutz vor Gewalt und Ausbeutung für ihre Klientel. Das Gros der Gesellschaft kümmert es jedoch wenig, wie es den Frauen (und Männern), die Sex gegen Geld anbieten, geht. Ausser, wenn wieder einmal eine Gewalttat im Rotlichtmilieu für Schlagzeilen sorgt – dann flammt das öffentliche Interesse kurz auf, schwindet aber schnell wieder. So ist es kein Wunder, dass sich dort im Gegensatz etwa zur häuslichen Gewalt, wo inzwischen diverse Schutzmassnahmen getroffen wurden, wenig verbessert hat.

«Die Sexarbeiterinnen haben keine Lobby», sagt Maritza Le Breton, Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten, «man erachtet sie als selber schuld, wenn ihnen etwas passiert». Le Breton weiss, wovon sie spricht. Sie und ihre Kollegin Eva Büschi haben die letzten Jahre im Basler Sexgewerbe zum Thema Gewalt geforscht und unlängst die Ergebnisse publiziert. Während Le Breton die Sexarbeiterinnen befragte, tat Büschi dasselbe bei den Geschäftsführern von Salons und Kontaktbars.

Zwang zum Trinken

Den Auftrag erhielten sie vom Basler runden Tisch zur Prostitution, an dem Strafverfolger und Migrationsbeamte gemeinsam mit Fachleuten aus den Beratungsstellen die Probleme im Sexgewerbe besprechen. Anlass für die Studie waren mehrere brutale Überfälle in Thai-Salons im Kleinbasel, bei denen die dort arbeitenden Frauen beraubt und vergewaltigt worden waren. Gewalt, so fanden die Forscherinnen heraus, erleben die Sexarbeiterinnen in vielen Dimensionen. Körperlich und verbal. «Beschimpfungen und Erniedrigungen», sagt Le Breton, «sind alltäglich bei der Arbeit im Sexgewerbe».

Als sehr stos­send finden die befragten Frauen den Zwang zum Alkoholtrinken. Sicher, einige würden auch trinken, um die Arbeit zu ertragen, sagt Le Breton, «aber in erster Linie trinken sie, weil sie so die Miete für ihr Zimmer niedriger halten können». Animierbars sind in Basel zwar offi­ziell verboten, jedoch als ausgeklügeltes System im Sexgewerbe ein offenes Geheimnis. Und das funktioniert so: Der Barbetreiber ist häufig auch Zimmervermieter. Die Mieten sind horrend, 100 Franken pro Tag keine Seltenheit.

Je mehr Umsatz aber eine Frau dem Barbetreiber mit Getränken, die ihr der Freier spendiert, liefert, desto weniger bezahlt sie für das Zimmer. Also: Möglichst viel trinken – was nicht nur die Gesundheit der Frauen ruiniert, sondern auch für manche ihrer Freier Grund genug ist, jeglichen Respekt fallen zu lassen. Besonders prekär ist die Situation für die Frauen, die illegal hier arbeiten. «Sie trauen sich nicht, sich an die Polizei zu wenden, wenn sie Gewalt erfahren.»

Die Familie als Zuhälter

Bessere Arbeitsbedingungen, so das Fazit der beiden Professorinnen nach ihrer Studie, liessen sich nur durch rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung der Prostitution erreichen. «Aus einer nüchternen und sachlichen Perspektive heraus ist es schliesslich eine Arbeit wie jede andere», sagt Le Breton, «eine Dienstleistung mit dem Produkt Sex als Angebot».
Die meisten ihrer Interviewpartnerinnen seien auch durchaus selbstbewusste Frauen, die sich – aus unterschiedlichen Gründen – für die Sexarbeit entschieden hätten. Viele unterstützen so ihre Familie in ihrer Ursprungsheimat. «Eine aus Afrika stammende Frau sagte mir, die Familie sei der grösste Zuhälter», erzählt Le Breton. Nebst für die vier eigenen, inzwischen erwachsenen Kinder in Frankreich habe die Frau noch für weitere Verwandte in Afrika gesorgt.

Doch wie sähe die Anerkennung der Sexarbeiterinnen konkret aus? Als Angestellte in Salons, sagt Le Breton, sollten sie Arbeitsverträge haben wie andere Angestellte auch, mit Sozialleistungen und sämtlichen Rechten und Pflichten. Auch Aus- und Weiterbildung – «sie sollten sich die Kompetenzen aneignen können, die sie für die Sexarbeit brauchen». Nach dem Motto: qualifizieren statt stigmatisieren.

Ob die Erkenntnisse der Studie den altbekannten Forderungen Auftrieb geben können? Viky Eberhard, Leiterin der Beratungsstelle «Aliena» für Frauen im Sexgewerbe, glaubt daran. Man sei seit einiger Zeit auf gutem Weg – die Zusammenarbeit mit den Behörden sei eindeutig besser als früher, «und es wird weiter vorwärts gehen, wenn auch nur im Schneckentempo».

Bisher wurden keine Kommentare zu diesem Artikel von der Redaktion hervorgehoben.

  1. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

    von rejeanne um 23.01.2012 um 10:27Uhr

    Es macht mich immer wieder traurig, wie mit den Frauen und Männern umgegangen wird, welche häufig aus Not sich und ihren Körper verkaufen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, nicht umsonst hat ihr Gewerbe Jahrhunderte überlebt. Sie sind das Ventil, durch das sich ungelebte Bedürfnisse und Frustrationen vieler Generationen von Männern und neuerdings auch von Frauen entladen können, bevor sie sich so angestaut haben, dass es zu einer Explosion mit ungeahnten Folgen kommt.

    Statt diese Funktion zu würdigen und anzuerkennen, werden sie stigmatisiert, verachtet und von der Gesellschaft verstossen. Sie sind ein Spiegel unserer verlogenen Moralvorstellungen und der lebensfremden Idealen, auf denen unsere Welt teilweise aufgebaut ist. Der Blick in diesen Spiegel tut weh, also schaut man nicht hin und überlässt die Frauen und Männer ihrem Schicksal. Und lässt die Berichte über Ausbeutung und Gewalt an sich herunterrieseln, hinhören würde bedeuten, dass man sich damit auseinandersetzen müsste.

    Und weil man nicht hinschaut und nicht hinhört, sagt man auch nichts. Dabei würde es diese Lobby brauchen. Hoffen wir, dass diese Studie tatsächlich ein weiterer Schritt hin zu einer Anerkennung des Sexgewerbes als wichtiger und nützlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist und auch die Frauen und Männer, die darin arbeiten, ihre Rechte bekommen und ohne Angst arbeiten können.
    Direktlink zum Kommentar

  2. Lassen wir doch mal die Moral beiseite

    von Chriss Graf um 23.01.2012 um 16:04Uhr

    Man nennt es das älteste Gewerbe der Welt, falls dem so ist, wäre es an der Zeit, dass die Berufsgattung ‚Sexworker‘ endlich staatlich anerkannt wird, mit allen Rechten und Pflichten. Das Recht diesen Beruf aus freien Willen im gesetzlich geschützten Rahmen auszuüben, die Pflicht Steuern, Mehrwertsteuern AHV, Krankenkasse/Suva, etc. als Angestellter oder selbständig Erwerbende/r zu entrichten.
    Dies hätte für alle Beteiligten, ausser den Menschenhändlern, nur Vorteile. Der Staat und die Kantone würden jährlich hunderte Millionen an bereits oben erwähnten Steuern einnehmen, die/der Sexworker könnten als Angestellte/r einen Gesamtarbeitsvertrag mit staatlich oder Gewerkschaftlich anerkannten Betrieben aushandeln, die Freier/in könnten in ‚zertifizierten‘ Betrieben oder bei selbständigen ‚Sexworker‘ diese Dienstleistung auf einer legalen fairen Basis erhalten.
    Das auch immer mehr Frauen diese Dienstleistung als Kundin in Anspruch nehmen wird hoffentlich ein baldiges Umdenken beim Staat und Kanton geben.

    Direktlink zum Kommentar

  3. Ein Job wie jeder andere? Wohl kaum.

    von Julia Grütter um 24.01.2012 um 12:44Uhr

    Danke für den Artikel, ein wichtiges Thema, wie ich finde. Überrascht und befremdet hat mich jedoch das Fazit und der Kommentar beider verfassender Professorinnen zu ihrer besagten Studie. Dass das Geschäft mit dem käuflichen Sex ein Job wie jeder andere sein soll erscheint mir wie purer Hohn. Auch nüchtern und sachlich betrachtet. Nüchtern betrachtet gibt es nicht, wie im Artikel oben bereits erwähnt wird. Alkohol Trinken ist Pflicht und erwünscht (warum wohl?), verbale und körperliche Erniedrigung Alltag. Ich bin Pflegefachfrau von Beruf und erachte diese Eigenschaften des "Berufes" Prostuierte als schlichtweg unzumutbar, oder anders gefragt, wieviele Frauen liessen sich für diesen Job finden, die einen anderen machen könnten? Vergessen werden darf nicht, dass die Frauen "beim Geschäft" auf dem Zimmer völlig schutzlos sind, und dies wohl nicht zufällig. Den eigenen Körper zu verkaufen, behaupte ich, macht niemand freiwillig, sondern nur aus grosser finanzieller Not heraus. Was spielt der Menschenhandel, weltweit ein Mulitmilliardengeschäft, für eine Rolle? Wieviele Frauen arbeiten illegal? Dies würde mich interessieren. Wie stellen sich die beiden Verfasserinnen dieser besagten Studie eine rechtliche Anerkennung vor? Das Geschäft lebt doch von der Rechtlosigkeit und Ausgeliefertheit der Frauen. Wenn, dann müssten die Freier sich registrieren lassen und ein Rechte- und Pflichtenheft unterschreiben, um die Frauen zu ihren "Rechten" kommen zu lassen. Dies jedoch zeigt die Pervertiertheit des ganzen Geschäfts. Es wird von Männern geführt und lebt von den Männern. Grösstenteils wenigstens. Es ist illusorisch zu denken, man könne die Frauen schützen, ohne die Freier und die Etablissements- Betreiber in die
    Pflicht zu nehmen.
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20.1.2012, 00:01 Uhr

Eine Arbeit wie jede andere auch

Text

Text:

  • 19.06.2013 um 06:00
    «Schuld ist das gewalttätige Eingreifen der Polizei»

    Der Chefkorrespondent der türkischen Zeitung «Hürriyet» zu der Protestbewegung in der Türkei und weshalb die Situation derart eskaliert ist.

  • 18.06.2013 um 08:01
    Zwischen Polemik und Schönfärberei

    Eine Fachtagung thematisiert die Integrationsdebatte. Als Referent und Podiumsteilnehmer geladen ist unter anderem der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der bekannt ist dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt.

  • 23.05.2013 um 15:50
    In Gottes Namen gegen Grundrechte

    Der religiöse Fanatismus macht auch vor der Schule nicht halt. Und beschäftigt immer wieder Behörden und Justiz.

  • 16.05.2013 um 22:59
    Absolut
    Zum Artikel: Schweiz nach Sieg gegen Tschechien im Halbfinal

    Lieber Fritz Hochhuth Nach 14 Stunden am Computer sitzen schaffe ich es kaum mehr, so viele Buchstaben zu lesen. Aber ich habe es doch getan, weil uns doch die Chefs und andere kompetente Leute immer sagen, wie wichtig die Hege und Pflege unserer Comm...

  • 15.04.2013 um 23:11
    merkwürdiges Rechtsverständnis
    Zum Artikel: Keine freie Betten für die englischen Fussballfans

    @fm70: Ich glaube nicht, dass ich ein merkwürdiges Rechtsverständnis habe. Aber aufgrund seltsamer Artikel wie des Wegweisugsartikels kann es durchaus vorkommen, dass in der Öffentlichkeit schlafende Personen von Polizeipatrouillen mehr oder weniger un...

  • 15.04.2013 um 17:41
    Zürich hilft…
    Zum Artikel: Keine freie Betten für die englischen Fussballfans

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