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TagesWoche

Tages Woche

Do, 17.05.2012

Konzert 

1.12.2011, 17:09 Uhr

Hundert Punkte

1.12.2011, 17:09 Uhr

Das schwer angesagte Hamburger Elektropop-Duo Hundreds spielte gratis in der Kleinbasler Bar Grenzwert. Bereits nach wenigen Takten war an Einlass nicht mehr zu denken. Von Tara Hill

Hundreds aus Hamburg. Philipp und Eva Milner sprengten den Rahmen der Basler Bar Grenzwert.

Hundreds aus Hamburg. Philipp und Eva Milner sprengten den Rahmen der Basler Bar Grenzwert.

«Früh kommen lohnt sich»: Für einmal erwies sich dieser oft gehörte Slogan als wahr, denn wer am Mittwochabend um halb zehn Uhr nicht im Grenzwert Spalier stand, sah buchstäblich in die Röhre. Bereits nach wenigen Takten war an Einlass nicht mehr zu denken – und auch von draussen her einen Blick ins Innere des überfüllten Lokals zu erhaschen, wurde für viele enttäuschte Zuspätgekommene zur Illusion, war die Glasfront an der Rheingasse doch komplett abgedeckt worden, um die Band dahinter ins rechte Licht zu rücken.

 

Drinnen drängten sich weit über hundert stilvoll zurechtgemachte Hipster und Musikaficionados. Kein Wunder: Nicht jeden Tag gastiert eine Hypeband wie Hundreds in der Stadt, und schon gar nicht gratis. Grenzwertig waren daher nicht nur die Platzverhältnisse, sondern auch Temperatur und Luftqualität: Man wähnte sich fast in einem guten alten, stickigen und zugequalmten Kellerschuppen, nicht in der hippen Basler Bar.

Sparsame Samples, schmachtende Synthies

Der intime Rahmen bot ein perfektes Setting für Philipp und Eva Milner, die mit ihrem schwer angesagten Duo Hundreds den Geschwisterpaar-Boom im Electro-Pop-Bereich fortsetzen. Und ähnlich ihren Vorreitern wie The Knife verstehen es die Milners bestens, aus sparsamen Samples von Haushaltsgegenständen, schmachtenden Synthieflächen und dem glasklaren Gesang Evas kleine Oden an die Schwermut zu basteln, die trotz aller Melancholie immer auch luftigleicht daher kommen.

Getaucht in rauchig blaugraues Licht steht Madame Milner nur eine Handbreit vom Publikum entfernt und singt herzzerreissend vom heimatlichen Hamburger Hafen, vom davonsegelnden «Sailor» und kleinen, gebrochenen Herzen, während ihr Bruder mit effektvoll eingesetzten Beats und Breaks den tanzbaren Boden bereitet. Das ist eingängig, das ist bezaubernd, das erinnert mal an die schnarrende Schönheit von Portishead, mal an die märchenhaften Kinderlieder von Rebecca & Pupkulies.

Wertvolle Begrenzung

Passend dazu gibt die selbsternannte «Storchenprinzessin» Eva in filigranen Ballerina-Tänzen den sterbenden Schwan so lieblich, dass sich das Publikum trotz des Platzmangels gerne mitbewegt. Dass «Hundreds» trotz einiger Perlen im Repertoir musikalisch noch nicht hundertprozentig eigenständig klingen, verzeiht man den Newcomern gerne, und bleibt nach dem selbstbetitelten Debüt und dem soeben erschienenen Themenmixtape «Variations» gespannt auf die weiteren Taten von Hänsel und Gretel Hundred.

Heimlicher Star des Abends ist aber das Lokal selbst, welches das perfekte Ambiente für diesen Auftritt bietet. Spektakuläres Licht, toller Ton und aussergewöhnliche Atmosphäre: Hundert Punkte, denn hier stimmte trotz, oder gerade wegen der räumlichen Begrenzung einfach alles. Da langte man bei der nachfolgenden Kollekte gerne etwas tiefer in die Tasche, und hofft, dass diesem Coup von Booker Sebastian Bolli nach hunderte weitere Streiche folgen mögen. Denn der Kulturstadt Basel würde es keinesfalls schaden, noch mehr solch kleine, aber feine Locations für Newcomerbands im Köcher zu haben.

  1. hundreds

    von fusnist um 1.12.2011 um 18:20Uhr

    super artikel. super band. toller abend.
    Direktlink zum Kommentar

  2. TagesWoche Redaktion

    Wunderbar

    von florian raz um 3.12.2011 um 11:20Uhr

    Da juble ich ein kleines bisschen innerlich, dass ich 2010 an ein feenhaftes Gratiskonzert im Hof des Kunstmuseums gegangen bin. Damals waren die Zuschauerreihen noch ziemlich locker. Die zerbrechliche Musik von Hundreds hat aber auch wunderbar in die Stimmung livingroom.fm gepasst. Kauft diese Musik!
    Direktlink zum Kommentar

  1. hundreds

    von fusnist um 1.12.2011 um 18:20Uhr

    super artikel. super band. toller abend.
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  2. TagesWoche Redaktion

    Wunderbar

    von florian raz um 3.12.2011 um 11:20Uhr

    Da juble ich ein kleines bisschen innerlich, dass ich 2010 an ein feenhaftes Gratiskonzert im Hof des Kunstmuseums gegangen bin. Damals waren die Zuschauerreihen noch ziemlich locker. Die zerbrechliche Musik von Hundreds hat aber auch wunderbar in die Stimmung livingroom.fm gepasst. Kauft diese Musik!
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Informationen zum Artikel

1.12.2011, 17:09 Uhr

Hundert Punkte

Text

Text: Tara Hill

  • 11.05.2012 um 13:45
    Ein Kän-Guru gerät ins Schwitzen

    Marc-Uwe Kling kämpft sich bei tropischen Temperaturen im ausverkauften Parterre tapfer durch sein «Känguru Manifest-3D»-Soloprogramm – und gleicht vorzeitige Ermattungserscheinungen mit entwaffnender Ehrlichkeit aus.

  • 09.05.2012 um 07:00
    «Man hielt mich für eine Terroristin»

    Farnaz Seifi war eine der ersten Bloggerinnen im Iran und eine führende Stimme der Feministinnen in ihrer Heimat. Ihr Aktivismus führte sie zuerst ins Foltergefängnis und dann ins Exil. Jetzt kommt mit «Forbidden Voices» ein Film über sie ins Kino. Im Interview mit der TagesWoche erklärt sie, warum sie es wieder tun würde.

  • 06.05.2012 um 22:10
    Auf leichten, nackten Füssen

    Zum Weltrotkreuztag spielte das kultverdächtige Berliner Electropop-Trio Pupkulies & Rebecca im Sud auf – und liess mit seiner unvergleichlichen Leichtigkeit des Seins für einen Moment alles Elend der Welt vergessen.

  • 31.01.2012 um 20:32
    @Zensor
    Zum Artikel: Abgesang auf eine Totgeburt

    Danke für diesen hellsichtigen Kommentar: gut möglich, dass Du Recht behältst. Nur rasch zur Präzisierung: Ob die Viral-Kampagne von langer Hand geplant war oder nicht, ist für mich gar nicht matchentscheidend. Bei einer spannenden "Kampagne"...

  • 22.01.2012 um 07:47
    O%?
    Zum Artikel: Wherlock light: Ein Wintermärchen

    Lieber Herr B., das "light" bezog sich in der Kritik auf die Leichtigkeit des Stücks und war in dieser Hinsicht genausowenig abwertend gemeint, wie die Tatsache, dass sich Wherlock hier sowohl bei der Musik wie auch beim Stück einige Freiheit...

  • 27.12.2011 um 20:43
    @Christian Mueller
    Zum Artikel: 7 Lieder für den Soundtrack zum Jahr

    Ich bin neugierig: Was wären denn Ihre Songs des Jahres? Und wozu wetzen Sie das Tanzparkett ab? Meine Wenigkeit zumindest hält nämlich das Gros der hier versammelten Songs für ausserordentlich tanzbar. Sollten wir aber den ultimativen Sohlenschleifer ...

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